Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 1 (1858)
- Issue
- 4 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 180 — Aber ein vielseitigeres und ebenso anziehendes Fest fand in der Stunde des Sonnenunterganges statt, zu welcher Zeit unsere Seele, mit dem Scheiden des Sternes, der die ganze Schöpfung beleuchtet, sich zum Schöpfer hingedrängt fühlt und das Bedürfniß des Gebetes lebhafter empfindet. — In dem Prachtvollen, festlich geschmückten und überall reich beleuchteten Tempel versammelten sich die meisten unserer Glaubensgenossen, und viele den geachtetesten Ständen der Gesellschaft und Magistratur ungehörige Personen anderen Glaubens, die zur Theilnahme an dem Feste geladen waren. Es bedürfte großer Kunst, die so schön angeordnete, so einfache und doch so erhebende Feierlichkeit, die lieblichen Melodien der Chöre, die harmonischen Töne der sanftesten Instrumente, die heißen Gebete und Segnungen der Rabbinen gebührend zu schildern. Jene mächtigen Eindrücke und Bewegungen, die die Religion mit ihrem göttlichen Nimbus, mit Hülfe der Künste und besonders der erhabendsten unter ihnen, der Musik, hervorzubringen weiß, werden mehr oder weniger in dem Maße gefühlt, als unsere Seele mehr oder weniger dafür empfänglich ist. Das wirksamste, das-einstußreichste Mittel aber, dessen die Religion sich erfreut, um zu ergreifen, zurechtzuweisen, zu begeistern und auf den Weg des Guten zurückzuführen, — es ist das Wort, dieses wohlthätige Geschenk, das Gott, dem erhabensten seiner Geschöpfe verliehen. Die Gabe der Beredsamkeit ist eine der hervorragensten Fähigkeiten unseres Seelenhirten, der berufen ist, das weise Wort bei jedem, sei es freudigem oder traurigem Ereignisse, zu verkünden. Herr Lattes sprach zum erstenmale zu seiner Gemeinde und hat mit seiner trefflichen Predigt jedes Herz freudig beben gemacht, jedem Auge Thränen erpreßt. Wir folgen hier für's erste der Darlegung und Entwickelung seines Glaubensbekenntnisses und seiner Richtung als Seelenhirt. Er wolle — so sprach er — den Unterricht, als Quelle aller Bildung, als Hauptziel, vor Allem in's Auge fassen, er bereite sich vor, den Unglauben zu bekämpfen, aber auch gegen den Fanatismus zu streiten; er sei entschlossen, den Urglauben unserer Väter um jeden Preis aufrecht zu erhalten, werde aber stets dahin wirken, daß in den äußern Formen des Kultus dem zivilisirten Zeitgeiste und den! altgemeinen Fortschritte Rechnung getragen werde. Er werde dem Armen ein zärtlicher, ein besorgter Vater sein, die Witwe unterstützen lassen, die Waise beschützen, den Müßiggänger zur Arbeit aufmnntern, so lange es dessen Kräfte gestatten, er werde den Geiz tadeln, und den Reichen die Mildthätigkeit an'S Herz legen, er werde aber auch den Mißbrauch von Beiträgen nicht dulden, die zu weisen und gerechten Institutionen sollten angewendet werden; so sezte er seine Pflichten klar auseinander, und machte^ dadurch die Hoffnung in uns rege, daß er das Muster eines Seelenhirten sein werde. — Zum Thema übergehend, das ihn heute auf die Kanzel ries, sprach er vom Tempel, und erklärte uns vor Altem die Notwendigkeit Gott geweiheter Andachtstätten. Er entwickelte dieses Thema mit Hülfe der Geschichte, aber ohne unnützen Aufwand von Gelehrsamkeit, und zeigte uns, wie alte Völker zu allen Zeiten und alter Orten, die Notwendigkeit der Gotteshäuser anerkennend, zu deren Errichtung mit ungeheueren Opfern