Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1938)
- Date
- 1938-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 43 Der Is r a e 1i t ^7. Oktober; 1938 Judenwanderung auch im Orient. Von Dr, Maurice Laserson. Die Juden erleben heute einen der tragischsten Momente ihrer Geschichte. Ueberall in der Welt trifft man auf jüdische Flüchtlinge aus Ost- und Mittel-Europa. Jetzt werden noch die Flüchtlinge aus Italien hinzukommen. Aber auch aus asiatischen Ländern, die unter der Herrschaft des Islams stehen, kommen jüdische Flüchtlinge: aus Irak, Afghanistan, Persien und vor allen Dingen aus dem arabischen Königreich Y e m e n , in welchem etwa 30.000 Juden unter den traurigsten materiellen Verhältnissen und dazu noch in voller Rechtlosigkeit leben. Sie flüchten nach der angrenzenden englischen Kolonie Aden. In der Stadt Aden leben etwa 4000 eingeborene Juden, Es ist eine arme Gemeinde, die ihre eigenen notleidenden Mitglieder nur in sehr geringem Maße unterstützen kann. Nun kommt ein beständiger Strom von Einwanderern aus Yemen hinzu, die in Aden auf ihre Weiterbeförderung nach Palästina warten. Momentan sind etwa 800 solcher Flüchtlinge in Aden. Das Elend dieser Flüchtlinge ist geradezu unbeschreiblich. In einem großen Hause, einem früheren Warenlager, hausen 150 bis 200 Menschen, Männer, Weiber, Greise, Kinder, alles durcheinander. Keinerlei Einrichtung, nicht das -geringste Möbel, bloß hölzerne Bettgestelle stehen hie und da herum, auf denen die armseligen Habseligkeiten der Leute verstreut sind. Ich habe Knäblein, Zwillinge von fünf Monaten, gesehen — jedes in ein kleines hölzernes flaches Kistchen gebettet, welches früher zum Versand von Seife gedient hatte. „Sunlight Soap" stand mit großen schwarzen Lettern auf die kleine Kiste gedruckt. Die Mutter saß daneben, eine Frau von vielleicht 32 Jahren, ein Kind von zwei Jahren auf dem Arm, zwei andere Kinder von. 3 und 5 Jahren lugten furchtsam hinter ihrem Rücken hervor. Sie war erst vor 6 Wochen aus Yemen entflohen; ihr Mann war zwei Wochen vor ihrer Flucht gestorben. Sie floh unter den furchtbarsten Entbehrungen mit all ihren Kindern, weil im Königreich Yemen jüdische Knaben, die ihren Vater verloren haben, nach dem Tode ihres Vaters gewaltsam zum Uebertritt in den Islam gezwungen werden. Die meisten yemenitischen Flüchtlinge haben überhaupt keine Barmittel. Die Männer lungern in den Straßen des Judenviertels herum. Wenige von ihnen finden gelegentlich Arbeit als Lastträger im Hafen von Aden, aber die Mehrzahl ist vollkommen arbeitslos. Früher erhielten dißse Yemeniten schon nach 3—4 Monaten ihre Einreisebewilligung nach Palästina; jetzt aber, wo die Einreise nach Palästina so sehr beschränkt worden ist, häuft sich die Zahl der Yemeniten immer mehr und ich habe Leute gesprochen, die schon seit VA* Jahren auf ihr Einreisezertifikat nach Palästina warten und schon völlig die Hoffnung verloren haben, es jemals zu erhalten. Von einer Kleidung kann man nicht gut sprechen. Die Männer sind in schmutzige Leinen- Hemden und leinene Hosen gekleidet, vielfach barfuß. Die Frauen in lange Gewänder, die früher einmal farbig gewesen sein müssen, Hüngef und Elend schaut aus ihren Gesichtern. Manche haben durchgeistigte Gesichter mit tiefliegenden brennenden Augen. Alles schaut auf mich mit Hoffnung und Zuversicht, als ob ich Hilfe bringen könnte. Ich war tief bedrückt und beschämt, da ich wußte, daß ich völlig machtlos war, ihrem Elend zu steuern. Das Einzige, was ich ihnen versprechen konnte, war, daß ich diese grauenhaften Verhältnisse zur Kenntnis der jüdischen Oeffentlichkeit bringen würde, in der Hoffnung, daß endlich Hilfe gebracht wird. Die yemenitischen Juden — ein verstreuter Zweig der großen jüdischen Familie — haben ein Recht auf diese Hilfe, und es ist die absolute Pflicht der großen jüdischen Hilfsorganisationen, Mittel und Wege zu finden, um schnellstens eine Besserung dieser Verhältnisse herbeizuführen. Diese Flüchtlinge wünschen nichts Besseres, als ein Handwerk zu erlernen, sie wollen ZimmerleuteT Maurer, Schlosser und sonstige Handwerker werden, um ihr Brot zu verdienen- 7:,■''".._'/ Die jüdische Gemeinde in Ad e h ist völlig bereit, in der großen jüdischen Schule in Aden Räumlichkeiten zu diesem Zwecke zur Ver. fügung zu stellen. Was nottut, ist Geld und schleunigste Hilfe. Das italienische Abessinien-Angebot. In einem Augenblick höchster Spannung kommt der Beschluß Italiens, die Einwanderung europäischer Juden in Gebiete Abessiniens zuzulassen. Wir haben darin einen Vorschlag zu sehen, der es, wie bei früheren Anlässen schon gesagt, verdient, diskutiert zu werden. Aus welchen Motiven der Vorschlag gemacht wurde, soll hier unerörtert bleiben. Das jüdische Volk hat diesen Vorschlag — denn es erhält im Augenblick nicht so viele, daß es auch nur einen unbesehen abweisen dürfte — allein von seiner sachlichen Seite zu prüfen. Was daraus werden mag, liegt nicht an uns. Sein Gewicht aber kann von uns nur dann ermittelt werden, wenn wir ihn selber zuerst als Gegebenheit ansehen. Es gibt heute keine verantwortliche jüdische Stimme, die nicht nach Siedlungsgebieten rufen würde. Die Welt verschließt der Gruppensiedlung noch immer ihre Länder, und die überseeischen wie europäischten Länder zucken bedauernd mit den Achseln, indem sie auf ihre eigenen, an schweren Hemmungen der wirtschaftlichen Blutzirkulation, an Arbeitslosigkeit, leidenden Völker verweisen, Aber die zur Auswanderung gedrängten Juden können nicht war ten. So gibt es nur einen Ausweg: Gesicherte Auswanderungsgebiete, . in denen geschlossene Siedlungen unter dem Schutz einer starken Nation entstehen können. Und gerade Italien, das die Aussonderung der Juden vorgenommen hat, wird, wenn es ihnen wirklich Gebiete öffnet, diese zu geschlossenen Siedlungen mit innerlich arteigenem Charakter werden lassen. England hat die Verhältnisse weder ändern wollen noch können, die verhindern, daß in Pa lästina eine umfassende Heimstätte, geschaffen werde. Die Tore dieses Landes, auf das sich so viele Hoffnungen richten, werden, wie zu befürchten ist, mindestens zeitweilig geschlossen —- und dies gerade in dem geschichtlichen Augenblick, welcher für das jüdische Volk der Augenblick Palästinas sein müßte. Und wenn das jüdische Volk es selbst nicht wollte — notgedrungen muß es sich in der Zukunft durch zerstreut liegende, aber geschlossene Siedlungen zu konsolidieren suchen. Wir dürfen nicht leichtfertig alles aufgeben, weil uns einiges genommen wurde! Unsere Lage ist schwer. Sie erfordert Nerven und Verstand und erlaubt nicht, auch nur einen einzigen Rettungshalm von uns zu weisen; denn Schläge beleidigen ja nicht nur, sie belehren auch und zeigen die Grenzen unserer Kräfte. Einzig das Interesse der jüdischen notleidenden Massen an einem Siedlungsplatze, auf dem ihnen endlich das Recht zur selbständigen Gestaltung ihres Lebens zuerkannt würde, kann für unsere Haltung entscheidend sein.' So ist es an der Zeit, daß die großen, für die Emigration arbeitenden jüdischen Gesellschaften das Angebot Italiens mit demjenigen sachlichen Ernste prüfen, der den Worten und Beschlüssen eines - Regierungschefs gebührt, der sich als ebenso hart in der Durchsetzung seiner Entschlüsse wie zuverlässig in seinen Freundschaften und Schutzherrschaften erwiesenhat. J. P. z. Korrespondenzen. Deutsches Reich, Rabbiner-Seminar zu Berlin. Berlin, 24, Oktober, Verzeichnis der Vorlesungen im Winterhalbjahr 1938/39 (5699): Dr. Jechiel Weinberg: Talmud (Oberabt.): Pesachim, Abschn. II So bis Do 8.30—10 Uhr, Dezisoren: Trefoth Mo, Di und Do 10—11. Halachische Vorträge Fr 8,30—10 Uhr, Besprechung von Responsenliteratur für Fortgeschrittene, einmal wöchentlich, zweistündig, nach Vereinbarung. Dr. Samuel Grünberg : Talmud (Mittelabt.): Gittin So bis Do 8,30—-10, Bibelexegese: Jesaja So und Mi 10—11, Historische Bücher; Könige Di 12—13.30, Hebr. Grammatik: Das Verbum So 11—12, Pentateuch: Genesis So 12—13, Neuhebräisch: Mo 18—20. — Dr. Esriel Hildesheimer: Talmud: Sanhedrin, Abschn. VII u. VIII Mo, Di u. Do 10—11, Das Geistesleben der Juden, insbesondere Palästinas unter türkischer Herrschaft Mo 11—12, Synagogale und liturgische Bräuche: Mo 12 bis 13, Apologetische und polemische Literatur der Juden während des Mittelalters: Di 11—12. — Dr. Maximilian Landau: Geschichte der Juden während des Hochmittelalters Fr 10—11.30, Jüdische Wirtschaftsgeschichte, Teil I: Do 11—12, Uebungen zur Geschichte der jüdischen Gemeindeautonomie Do 12—13, Geistesleben der slavischen Völker (im Rahmen der allgemein-wissenschaftlichen Vorlesungen): Do 17—19. — Rabb. Abraham Wolf: Talmud (Unterabt.): Sabbat, Abschn. VII u. VIII So bis Do 8.30—10, Lektorat für jüdische Religionsphilosophie: More Newuchim, systematischer Grundriß .der jüdischen Religionsphüosophie Sonnabend 18—19, Einführung in das jüdische Geistesleben Sonnabend 19 bis 20. — Dr. Erich Loewenthal: Lektorat für allgemeine Philosophie: Einführung in die Philosophie Mi 11—13, Homiletische Uebungen (unter Leitung von Herrn Dr. Erich Loewenthal und Herrn Rabb. Abraham Wolf) Fr, 11.30—13 Uhr.- Die Aufnahmeprüfung ist auf Dienstag, den 1. November, 9 Uhr, die Eröffnung des Wintersemesters auf Dienstag, den 1. November, 17 Uhr im Hörsaal 1, angesetzt, Ueber die Rechtsstellung der den Arztberuf ausübenden Juden. Berlin, 19. Oktober. Ueber die Rechtsstellung der den Arztberuf ausübenden Juden werden an maßgeblicher Stelle Ausführungen gemacht. Mit den jüdischen Aerzten, denen die Ausübung des Aerzteberufes gemäß § 2 der 4. VO. z. RbürgG. y.^5. 7. 38 gestattet ist, ist neben den Aerzten und nichtärztlichen Krankenbehandlern eine dritte mit der Heilkunde befaßte Gruppe geschaffen worden, Sie sind nicht mehr Aerzte, da ihre Bestallung erloschen ist. Mit Rücksicht auf ihre vollwertige Vorbildung sind sie aber auch den nichtärztlichen Krankenbehandlern nicht gleichzustellen. Bis zum Erlasse besonderer Vorschriften durch den Reichsminister des Innern ist im Einzelfalle zu prüfen, welche Bestimmungen, die sich auf Aerzte beziehen, auf die bisherigen jüdischen Aerzte Anwendung finden. So werden die Vorschriften über das Berufsgeheimnis, über das Verbot, bei Ausübung des Arztberufes, keine Bezeichnungen zu führen, die auf eine früher von ihnen ausgeübte Tätigkeit Bezug haben, ferner die Bestimmung des Zeugnisverweigerungsrechts und die Strafbestimmungen der §§ 277, 278 StGB, hinsichtlich der Ausstellung ärztlicher Zeugnisse auf die zugelassenen jüdischen Aerzte ohne weiteres für anwendbar erachtet. Was die Titelführung anlangt, so wird es für zulässig erachtet, den Titel Dr. med. weiter zu-führen, und zwar auch bei denjenigen bisherigen jüdischen Aerzten, für die die auf Juden beschränkte weitere Betätigung nicht in 'Betracht kommt. j Daß die jüdischen Aerzte, die für dievBehandlung von Juden zugelassen sind, den Titel Arzt führen dürfen, ergibt sich aus der Verordnung vom 25. 7. 38 nicht. In den angeführten Ausführungen wird als denkbar bezeichnet, daß eine ministerielle Genehmigung zur Führung des Arzttitels erfolgt, und zwar mit der Auflage der Führung eines Zusatzes,