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Der Israelit · 1938-10-21 · Heft 42 (21.10.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 42 (21.10.1938)
Date
1938-10-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton- Beilage jli ^9 Der Israelit NufM^;4t Was ein Esrog wer t ist. (Fortsetzung.) Direkt nach den Feiertagen ging er zu dem Esrbghändler seines Ortes und machte ihm den Vorschlag, er wolle ihm Jahr ein, Jahr aus jede Woche sechs Kreuzer zahlen, er müsse ihm aber dafür jedes Jahr auf Sukkoth einen schönen Esrog liefern, und sich mit dem Preis zufrieden geben, ohne Rücksicht darauf, ob die Esrogim gerade billig oder teuer seien. Das Geschäft wurde abgeschlossen. Reb Itzig lieferte jeden Freitag seine sechs Kreuzer ab und erhielt dafür einen . schonen Esrog auf Sukkoth. Das ging so mehrere Jahre fort, bis eines schönen Freitags, es war noch nicht einmal Ellul, der Händler dem Hausierer einen Esrog zeigte. den er soeben als Probesendung aus Triest erhalten hatte. Der Esrog war sehr schön, wie es bei einem zur Probe geschickten Exemplar nicht anders zu erwarten war, und der Hausierer war gerne bereit, den Esrog als sein Eigentum mit nach Hause zu nehmen. Er knüpfte nur die Be dingung daran, den Esrog gegen , einen anderen umtauschen zu dürfen, falls gegen alles Erwarten sich unter den später eintreffenden etwas Schöneres finden sollte. Niemand war glücklicher als der arme Handelsmann, als er so früh seinen Esrog in Sicherheit wußte, seine Freude wurde nur durch das Bedenken getrübt, welches seine kluge Lebensgefährtin zu Hause geltend machte, daß der Händler den Esroj* gewiß nicht ohne Absicht so frühzeitig verkauft habe, weil er sich vielleicht gar nicht bis Sukkoth in seiner gegenwärtigen Frische halte. Aber der Händler lachte seinen vorsichtigen Kunden aus und versicherte ihn, er gebe ihm jeden anderen beliebigen Esrog, wenn diese Befürchtung wirklich eintreffen sollte. Da traten während der ersten Tage des neuen Jahres ungewöhnlich heftige Regengüsse ein, die in wenigen Tagen Hochwasser zur Folge hatten. Die Flüsse traten aus den Ufern, so daß Bahn und Post den Verkehr einstellen mußten. Die Esrogim waren von Triest rechtzeitig abgeschickt worden, aber sie konnten wegen der aUgemei- nen Wassernot nicht weiterbefördert werden und blieben mit den zahllosen anderen Frachtstücken in den von dem Wasser verschonten Stationen aufgestapelt liegen. Jörn Kippur kam und ging, aber ,von den Esrogim war keine Spur zu sehen und. d,\e Aussicht schwand von Stunde zu Stunde, r aü|-" Sukkoth einen Esrog zu bekommen.; i (J ,. .! Der Esra£h,ändler, von allen Seiten umdrängt zuckte schwermütig die Achseln, weil sein Ge* schäft, von dem er den großen Teil des Jahres lebte, wört^ch zu Wasser zu werden drohte. Er suchte noch am Ausgang von Jörn Kippur Reb Itzig auf und sagte, er hätte ihm ein gutes Geschäft vorzuschlagen. Er kaufe den Esrog wieder zurück " und zahle dafür 25, 30, 40 Gulden. Aber der 'arme, reiche Hausierer - lächelte und meinte: so reich seid, Ihr nicht, um mir einen Esrog'abzukaufen, und wenn Ihr mir die Schul mitsamt dem Älmemor anbieten würdet, er ist nicht feil. : Als der Händler fort war, schloß Reb Itzig Vorsichtig seine ärmliche Stube ab, öffnete die Kommöde, in welcher er den Esrog verschlossen hatte, um5' s'ich zu überzeugen, daß« sein Schatz" auch noch unversehrt da war. Er war womöglich hoch schöner geworden in seinem Verließ, goldgelb, flecken- und makellos lächelte er seinen glücklichen Besitzer an und dieser strahlte vor Freude über das Glück, das ihm auf so wunderbare Weise geworden war. Dieses Glück wurde noch erhöht, als er sich überzeugte, wie die würdige Gefährtin seines Lebens, welche alle Sorge und Entbehrung mit ihm teilte, in dein Punkt ganz so wie er dachte und auch nicht einen Augenblick im Zweifel war, daß man eine solche Mizwoh nicht für bloßes Geld preisgeben dürfe und wenn auch 40 Gulden" auf dem Spiele ständen, eine Summe, welche die armen Leute vielleicht niemals beisammen im Besitze gehabt hatten. Am andern Morgen stand man in „G'ttes Namen" auf, ging früher als sonst zum Morgengebet, früher als sonst suchte Reb Itzig seine Dörfer auf, um noch für die bevorstehenden Feiertage vielleicht etwas zu verdienen. Seine Frau und die Kinder hätten so nötig neue Kleider auf Jomtof gebrauchen können und wenn sie jetzt wegen der kurzen Zeit auch nicht mehr zu beschaffen gewesen wären, er hätte ihnen wenigstens gern die Versicherung auf Jomtof gegeben, daß sie nach Verlauf derselben mit warmer Winterkleidung bedacht würden. Während Reb Itzig draußen von einem Bauernhause ins andere ging, waren zu Hause drei angesehene Männer von der großen Nachbargemeinde P. eingetroffen. Auch in der großen Gemeinde war nicht ein einziger Esrog aufzutreiben und man hatte Boten in die umliegenden Orte geschickt, um dort das Gesuchte .vielleicht zu finden. Die Boten hatten unbeschränkte Vollmacht, für einen Esrog jede Summe zu zahlen, nur sollten sie nicht zurückkommen, ohne wenigstens einen einzigen Esrog für die Gemeinde mitzubringen, Ihr erster Weg war zu dem Esroghändler und dieser erklärte ihnen*. Einen Esrog haben wir hier und zwar einen ganz fehlerlosen, schönen, ob er aber zu kaufen ist, das bezweifle ich. Ich habe gestern Abend 40 Gulden dafür geboten und wurde 'zurückgewiesen. „Wer hat den Esrog?" fragte der . Wortführer der Deputation. „Der Esrog ist im Besitze eines blutarmen Mannes, eines gequälten Handelsmannes, aber ich glaube nicht, daß er zu haben sein wird." „Pah", meinte schmunzelnd einer der Deputierten, „mit Geld kann man viel ausrichten, besonders bei einem armen Mann und noch mehr, wenn es auf Jomtof geht. Jedenfalls wollen wir unser Glück versuchen." Von dem Händler geführt,-suchten die Herren das armselige Häuschen auf, sie trafen aber, wie wir bereits wissen, nur die Frau des Hauses an. „Die Herren," sagte der Händler, „kommen direkt von P. und wollen um jeden Preis Euren Esrog kaufen. Ihr wißt vielleicht nicht, daß ich Eurem Manne gestern Abend 40 Gulden gebotet', habe. Die Herren geben wahrscheinlich sogar 50 Gulden. Aber sie haben große Eile, deshalb entschließt Euch schnell und laßt Euch ein so gu-; tes Geschäft nicht aus der Hand gehen, wie man es kaum alle Jöbeljahr einmal machen kann.". „Wie kann ich den Esrog meines Mannes in seiner Abwesenheit verkaufen, wo ich doch ganz, sicher weiß, daß er ihm nicht feil ist?" „Verzeihen Sie," entgegnete einer der Deputierten, „wenn ich Ihnen hier widersprechen muß. Sie wissen , nur, daß Ihr Mann auf ein Angebot von 40 Gülden den Esrog nicht verkaufen wollte. Wie aber Ihr. Mann gedacht hätte, wenn man ihm nicht 40 offeriert, sondern sogleich 80, gezahlt hätte, das können Sie nicht wissen. Nun,; ich lege Ihnen hier die 80 Gulden auf den Tisch Und dann ist das Geschäft, denke ich, abge-f schlössen." Bei diesen Worten.öffnete der Sprecher seine Geldtasche, die er vorn über der Brust hängen, hatte und zählte in Banknoten . 80 Gulden hin. Als die arme Frau das viele,'Geld sah, drehte sich ihr alles im Kopfe herum. Achtzig Gulden auf ihrem Tisch auf einmal, wer hätte so etwas für möglich gehalten! Sprachlos starrtesie bald auf das Geld, bald auf die Tasche und dann wieder auf die Kommode, in welcher ihr Schate geborgen war. Es war ein harter Kampf, wäre nur ihr Mann zu Hause gewesen! Die Unterhändler gewahrten den seelischen Kampf zwischen dem Ideal in der Kommode und dem Materiellen hier auf dem Tisch, zwischen dem Esrog und dem Gelde, und sie glaubten, den Kampf zu ihren Gunsten beeinflussen zu können, wenn sie noch zwanzig Gulden der Summe hinzufügten, „Da habt Ihr hundert Gulden, damit seid Ihr für die Mizwoh reichlich entschädigt, und nun gebt uns den Esrog," - „Den Esrog kann ich Euch nicht geben, er gehört nicht mir," sagte das biedere Weib und starrte dabei unverwandten Blickes auf das viele Geld, das vor ihr ausgebreitet lag. Darauf zogen sich die Herren zu einer kurzen, leisen Beratung in einen Winkel der Stube zurück. Der eine meinte, sie müßten das Geschäft abschließen, bevor der Mann nach Hause käme, denn wenn die Frau schon so fest an dem Esrog hänge, so sei es dem Manne noch viel weniger feil. Der. andere erklärte sich entschieden dagegen, denn er glaube nicht, daß man mit einem solchen Esrog überhaupt seiner Pflicht genügen könne, das von dem unrechtmäßigen Eigentümer auf diese Weise erstanden sei. Dem Dritten, einem würdigen Greise, standen ein paar Tränen in den milden Augen, er flüsterte: Israel Kedauschim hem! Was ist das für ein Kiddusch haschem, der sich hier in dieser, armseligen Stube vollzieht.' Wif werden den Esrog nie bekommen, aber es wäre doch der Mühe wert, einmal zu sehen, wie hoch dieser armen Frau die Liebe zur Mizwoh steht. Er nahm seinem Begleiter die Geldtasche ab, griff eine Hand von Banknoten heraus und" zählte sie auf den Tisch, indem er eine neben die andere legte, zweihundert, dreihundert, vierhundert, vierhundert und vierzig Gulden) Jetzt war der ganze Tisch mit Kassenscheinen derart bedeckt, daß keiner mehr darauf Platz hatte. „So, liebe Frau, das Geld gehört Euch, wie Euch der Tisch gehört, auf dem es liegt, und gebt uns den Esrog heraus, denn ohne Esrog dürfen wir nicht heim kommen zum Rosch Hakohol von P." Schon langte die Frau mit der Hand nach der Tasche, um den Schlüssel zum Esrog herauszuholen, so verwirrt hatte sie einen Augenblick der Anblick des vielen Geldes gemacht, aber es war nur ein Augenblick; dann gewann sie wieder die Fassung. „Was sagt Ihr?" begann sie/ tiefätmend imit zitternder Stimme, „Ihr ,kommetvom Rosc^. Hakohol in P.? das glaube ich nicht, sondern Ihr kommt direkt aus dem Gehinnöm, Ihrlseid Schedim in Menschengestalt und wollt pmp ärme Frau berücken, «m ihr denFriedfett •'WS-j. ihrem 'Manne und mit G'tt zu stören!• Seid:; Väi\ aber wirklich ehrbare'Männer"/'so verlaßf mein';armes Heim und kommt heute Abend wieder, wenn mein Mann zu Hause ist. Will er Euch seinen Esrog verkaufen, so ist es mir recht, will er ihn ,Euch nicht verkaufen, so ist es mir ^uch^recht. Das ist mein letz-tesWort!" rC ,!^' j?:^>V; ' Als die Herreh sahen, daß alle;Künste an. dem Biedersinn des wackeren Weibes >"^u Sjchänden wurden, machten sie aus der^-r^öt^einfes-Ttig^d. „Ihr redet und handelt - wie eine Eseljes Cnajil reden und handeln muß. Wir werben a\so heute Abend wiederkommen, wenn. Euer, Mann zu Hause ist. Aber daß. Geld lassen Hf^ir^ bei Euch auf dem, Tische liegen;,,, damit ,#ir 'esi nicht den ganzen Tag bei -uns bl^umtrageri müssen; wann ist Euer Mann zurück?", i< (Schluß folgt.) .,

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