Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1938)
- Date
- 1938-10-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8 Nr. 42 Der Israelit 21. Oktober 1938 Korrespondenzen. Deutsches Reich. Eine Verordnung über Reisepässe von Juden. Berlin, 8. Oktober Im Reichsgesetzblatt vom 7. Oktober wird, eine Verordnung des Röiclismittistefs des Innern über Reisepässe von Juden veröffentlicht. Nach dieser Verordnung, die mit ihrer Verkündung in Kraft getreten ist, werden alle deutsche Reisepässe Yon Juden deutscher Staatsangehörigkeit, die sich im Inlande aufhalten, ungültig. Die Paßinhaber sind verpflichtet, die Pässe der Paßbehörde im Inland, in deren Bezirk der einzelne Paßinhaber seinen Wohnsitz, oder mangels eines Wohnsitzes seinen Aufenthalt hat, innerhalb von 2 w e i Wochen nach Inkrafttreten der Verordnung einzureichen. Für Juden deutscher Staatsangehörigkeit, die sich beim Inkrafttreten dieser Verordnung im Ausland aufhalten beginnt die Frist von zwei Wochen für die Einreichung der Pässe mit dem Tage der Einreise in das Reichsgebiet. Wer seinen Paß nicht oder nicht rechtzeitig einreicht, macht sich strafbar. Die mit Geltung für das Ausland ausgestellten Reisepässe von Juden werden wieder gültig, wenn sie von der Paßbehörde mit einem vom Reichsminister des Innern bestimmten Merkmal versehen werden. An die Stelle der ungültig gewordenen Inlandspässe von Juden treten die Kennkarten, die durch die-seit dem 1. Oktober 1938 geltende Verordnung des Reichsministers des Innern über Kennkarten vom 22. Juli 1938 eingeführt worden sind. Die Jüdische Winterhilfe im Jahre 1937/1938, B e r 1 i n , 16. Oktober, Zu Beginn der Jüdischen Winterhilfsaktion für dieses Jahr ist der Rechenschaftsbericht der Jüdischen Winterhilfe für 1937/38 im Drucke erschienen. Die Aufwendungen für die Unterstützung der Hilfsbedürftigen seitens der Jüdischen Winterhilfe betrugen insgesamt 3 316 490,48 RM. Gegenüber Ausgaben von 3 630 353,63 RMim Arbeitsjahr 1936/37 haben sich die Ausgaben um 313 863,15 RM. vermindert. Die Minderausgabe hatte ihren Grund einmal in der bereits hervorgehobenen Verringerung der Zahl der Hilfsbedürftigen und weiterhin in einer Senkung der im Reichsdurchschnitt auf den einzelnen entfallenden Unterstützungsleistungen, die durch das Minderaufkommen notwendig geworden ist. Die Leistungen wurden unter anderem auch hilfsbedürftigen jüdischen Auswanderern zugewendet, die mit den notwendigen Kleidungsstücken ausgestattet wurden. Die Art der Betreuung wies, im übrige« gegenüber den Leistungen des Vorjahres keine Veränderungen' auf. Die Mittel wurden fast ausschließlich für drei Zwecke verwendet: Nahrung, Heizung, Kleidung. Der Beschaffung ausreichender Ernährung diente die Zuteilung von Lebensmitteln aller Art, die Durchführung von Speisungen und die Gewährung von Diät- und Pflegezulagen. Die nötigen Brennstoffe wurden den Hilfsbedürftigen wie in den Vorjahren durch Kohlengutscheine vermittelt, die vom Winterhilfswerk des Deutschen Volkes erworben wurden und in allen Geschäften einlösbar -waren. Fast ein Zehntel der insgesamt aufgewendeten Mittel wurde allein für die Kohlenversorgung gebraucht. Der Bericht schließt mit folgendem Ausblick; „Es liegt im Wesen unserer Aufgabe, daß sie von Jahr zu Jahr schwerer wird, daß es immer größerer Anstrengungen bedarf, um die Kluft zwischen Not und Hilfe zu überwinden, Opferbereitschaft und Solidarität bauten die Brücke vom Helfenden 2Um Bedürftigen. - Im letzten Jahre waren wieder Tausende von Menschen auf unsere Hilfe angewiesen. Zu Beginn der künftigen Winterhilfe wissen wir. daß große Berufsgruppen — die Vertreter, die Wandergewerbetreibenden, die meisten der Aerzte — die Möglichkeit verlieren, ihren Beruf auszuüben, und daß sehr viele unter ihnen damit in das große Heer der Hilfsbedürftigen eintreten, von Helfenden zu Hilfefordernden werden. Immer stärker weitet sich der Gegensatz zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit der Hilfe; immer größer wird die Verantwortung derer, die noch helfen können. Ihre Haltung und ihr Opfer entscheiden, ob wir nur das verloren haben, was uns genommen worden ist, oder ob wir uns selbst verlieren. Wir sind aber nicht verloren, so lange der Helfende aus freiem Entschluß sein Opfer leistet und der Bedürftige im Empfangen die Kraft unserer Gemeinschaft erfährt." Waisenkinder nach IL S. A. Berlin, 11. Oktober. Die „Religiöse Auswanderer-Betreuung Agudas Jisroel", Berlin N. 4, Johannisstr. 8, schreibt uns: „Ein uns nahestehendes Waisenhaus in USA. hat in Aussicht genommen, eine gewisse Anzahl orthodoxer Waisenkinder (Halb- und Vollwaisen) aus Deutschland im Alter von 1—7 Jahren aufzunehmen. Um eine Uebersicht über die Zahl der in Frage kommenden Kinder zu erhalten, bitten wir alle Interessenten um Mitteilung." Vereinigung jüdischer Kantoren in Deutschland. Berlin, 9. Oktober. Die Vereinigung Jüdischer Kantoren in Deutschland veröffentlicht folgende Kundgebung; Wir rufen unsere Berufsgenossen in sämtlichen jüdischen Gemeinden zur eifrigen Mitarbeit am Jüdischen Winterhilfswerk 1938/39 auf. Im jüdischreligiösen und sozialen Leben stehend, ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, an diesem großen und wichtigen Hilfswerk mit dem Einsatz unserer ganzen Kraft mitzuarbeiten! Wir haben im Sinne unserer heiligen beruflichen Aufgabe die Verpflichtung, Gemillut chessed in weitestem Sinne zu üben! Für Berichte über diese Tätigkeit wären wir sehr dankbar! Unsere Geschäftsstelle, Berlin-Wilmersdorf, Prager Platz 1, steht jedem Berufsgenossen mit Rat und Tat jederzeit zur Verfügung. . Neue Eurwanderungsbestimmungen für Columbien. Berlin, 11. Oktober. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland teilt folgendes mit: Nach soeben eingegangenen Informationen hat die columbianische Regierung neue Einwanderungsbestimmungen erlassen. Ein Regierungsdekret vom 1. Oktober 1938 bestimmt, daß das zur Einwanderung erforderliche Landungsdepot verdoppelt wird; d. h. es beträgt nunmehr für Angehörige der mittel- und westeuropäischen Staaten 500.— Pesos (ca. 710 GM.), für Angehörige der osteuropäischen Staaten 2000.—■ Pesos (ca. 2840 GM.). Außerdem dürfen die columbianischen Konsuln keine Pässe visieren, deren Inhaber nicht zur Rückkehr in ihre Heimat berechtigt sind; derartige Visa können vielmehr nur ausnahmsweise auf Anordnung des columbianisehen Außenministera erteilt werden. Das neue Gesetz bedeutet zweifellos eine Erschwerung gegenüber den bis vor einigen Wochen geltenden Einwanderungsbestimmungen; doch wird sich seine Bedeutung - erst genau beurteilen lassen, wenn der vollständige Text des neuen Gesetzes vor-. Hegt. Aus Baden. Ladenburg, 14. Oktober. Die Israelitische Gemeinde Ladenburg hat zu den Feiertagen allen ehemaligen Gemeindemitgliedern, die ausgewandert sind, einen Brief zugestellt. Darin finden sich Gemeinde- und Familiennachrichten, sowie die Adressen aller ehemaligen Ladenburger. Es ist dies ein schöner Versuch, das „Familienband" unter den einstigen Ladenburger Juden, die in aller Welt zerstreut sind, aufrechtzuerhalten. Dr. Max K a p u st i n, selbst aus Ladenburg stammend, jetzt in USA. als Rabbiner tätig, schrieb zu diesem Brief ein Geleitwort. Polen. Briei aus Polen. Warschau, 14. Oktober. In Warschau kam es Anfang Oktober zu Ausschreitungen, in deren Verlauf 22 Juden so schwer verletzt wurden, daß sie sich in ärztliche Behandlung begeben mußten. Eine jüdische Abordnung führte hietübei' bei der Behörde Besehwerde. Im Verfolg der Unterhandlungen waren die jüdischen Viertel Warschaus an den hohen Feiertagen durch besondere Maßnahmen der Polizei geschützt. Versuche zu judenfeindlichen Demonstrationen wurden im Keime erstickt. Die Polizei verhaftete in diesem Zusammenhang eine größere Anzahl von Juden und Nichtjuden. — Dagegen wurden in Stanis- 1 a w o. w am Versöhnungstag sämtliche Scheiben der Synagoge zertrümmert. Ueber die Haltung, welche die Juden bei den kommenden Gemeinde- und Parlamentswahlen einnehmen werden, ist noch immer kein klares Bild zu erhalten. Die Allgemeinen Zionisten Gruppe A haben beschlossen, an den Gemeindewahlen teilzunehmen, an den Parlamentswahlen jedoch nur dann, wenn die oppositionellen Parteien, die sich bekanntlich an den letzten Wahlen nicht beteiligt hatten, die Wahlausübung empfehlen werden. Die Allgemeinen Zionisten Gruppe B hingegen vertreten die Meinung, daß man sich an den Wahlen beteiligen müsse, um überhaupt die jüdischen Interessen im Parlament vertreten zu können. Sie werden in dieser Auffassung von den zionistischen Organisationen in Ost- und Westgalizien unterstützt, welche nach wie vor eine jüdische Einheitsfront erstreben. Seym-Wahlen in Polen. Warschau, 13. Oktober. Heute wurden die Kandidatenlisten für die Seym- Wahlen am 16. November eingereicht. Die Liste der zugelassenen Kandidaten in Warschau enthält die Namen von vier Juden: Jacob Trockenheim und Scholaum Kaminer von der Agudas Jisroel, Simon Zeidemann von den allgemeinen Zionisten, Gruppe B, und M. Cohn von der Kleinhändlerorganisation. Aussicht auf Wahl hat nur ein jüdischer Kandidat. Falls eine Einigung unter den Juden also nicht erfolgt, kann möglicherweise die Judenheit ohne Vertretung leer ausgehen. In Krakau ist von den allgemeinen Zionisten lgnatz Schwarzbart aufgestellt. In Lodz von der Agudas Jisroel L. Minzberg. In Lemberg Dr. Emil Sommerstein, . Ungarn. Abschaffung des Schächtverbots? Budapest, 13. Oktober. Die Ernährungskommission des Stadtrates in Budapest hat einstimmig den Antrag angenommen, die Regierung um Abschaffung des Schächtverbotes zu ersuchen, da die Maßregel zu einer Abnahme des Fleischkonsums in der Hauptstadt um eine Million Kilo geführt hat. Tschechoslovakei. Die Juden in der Tschechoslovakei. P r a g , 12. Oktober. Die tschechischen Behörden haben eine Anordnung" erlassen, wonach alle Flüchtlinge aus den Su^- detengebieten sich innerhalb 24 Stunden bei der Polizei melden müssen. Viele Flüchtlinge müßten das Land verlassen. Man erfährt jedoch, daß die tschechoslovakische Regierung den jüdischen Flüchtlingen aus dem Sudetenlande erlauben will, zu bleiben, Die Position der Juden in der jetzt autonomen Slovakei ist durch die ausgesprochene antijüdische Haltung der slovakischen Regierung gefährdet. Die slo.vakische Partei, die die Mehrheit der neuen Regierung bildet, erklärte, daß sie sich in eine Linie stellen werde mit denjenigen Nationen, die gegen die marxistische jüdische Ideologie der Zerstörung und Gewalt ankämpfe. Der Vertreter der jüdischen Partei in der Slovakei, Herr Winternitz, hatte ein Interview mit dem slovakischen Premierminister Dr. Tiso und versicherte ihn der Loyalität der jüdischen Bevölkerung. Jugoslavien. Die ausländischen Juden in Jugoslavien. Belgrad, 12. Oktober. Die jugoslavische Regierung möchte in der nach* sten Zeit das Problem der in Jugoslavien lebenden ausländischen Juden lösen. Es handelt sich um 3 bis 4000 Personen fremder Staatsangehörigkeit, die .zur Zeit in Jugoslavien wohnen, von denen ungefähr 400 deutsche und österreichische Juden sind. Zwei antisemitische Politiker sind in die jugoslavische Regierung eingetreten: Hod/era und Prof. Majstrovic als Vorbereitung für die kommenden Parlamentswahlen im Dezember. Italien. Keine Schulbücher mit jüdischen Autoren. R o m , 8, Oktober, Der Minister für nationale Erziehung hat die Abschaffung aller Schulbücher angeordnet, deren Texte ganz oder auch nur zum Teil von jüdischen Autoren verfaßt sind. Die Bücher müssen also auch abgeschafft werden, wenn sie als Gemeinschaftsarbeit unter Mitwirkung nur eines Juden entstanden sind. Die Anordnung tritt mit dem neuen Schuljahr, das am 16. Oktober beginnt, in Kraft. Sie zählt 114 jüdisch© Autoren auf, die davon betroffen werden, und behält den Schulleitern vor, in Zweifelsfällen, notfalls unter Hinzuziehung der zuständigen Stelle im Ministerium, die Rassenzugehörigkeit von Autoren, die in der Liste nicht enthalten sind, festzustellen. Als Jude gilt auch hier jeder, dessen Vater und Mutter djer jüdischen Rasse angehören. -"— ° 1 England« Um den Siedlungsplan in Kenya. London, 14. Oktober. Der „ Nati onalk ongr eß der Inder in O s t a f r i k a " hat dem Staatssekretär für die Kolonien in London ein Memorandum unterbreitet, das