Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1938)
- Date
- 1938-10-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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21. Oktober 1938 Oer Israelit Nr. 42 Seite 5 don, dem Grandrabbin von Paris und Oberrabbiner Herzog in Palastina. Man hörte,' daß R. Chaim Oser in Wilna, ebenso der Gerer 'Rebbe dem Vorschlag zugestimmt hätten. Gerade ,das bestreitet der „Kol Israel'' und wir müssen ihm die Verantwortung für diese Skepsis überlassen. Was ihn zu diesem Zweifel veranlaßt, ist die Tatsache, daß außer Oberrabbiner Herzog keiner der Rabbinen und Geonim im alten Jischuw, weder Oberrabbiner Duschinski noch II. Alte Worte für neue Ideen. Noch weit schlimmer, wenn auch reichlich grotesk mutet die andere Taktik der Verfechter der religiösen Bewegung in Erez Israel an, wenn sie altgeheiligte Begriffe als Schema für ihre zwar auch nicht neuen, aber neuaufgeputzten Ideen nennen. Tschuwa, Mussar, jüdische Moral und Ethik, man wirft mit diesen Worten, die für uns heilige Begriffe sind, um sich, als gälte es, alle Werte zu umwerten. So lesen wir im Tel Awiwer „Dawar" eine große Artikelserie unter dem Titel partZD '137. Die Aushängemarke ist uns recht vertraut. In der Mischna „Taanith" wird angeordnet, daß in schweren. Notzeiten allgemeiner Fasttag angesetzt, die heilige Lade in den Synagogenhof hinausgetragen, und mit Asche bestreut wird, sodann der Aelteste und Angesehenste der Gemeinde an die Lade herantritt und punna in „eindringliche Worte" der Ermahnung und Ermunterung an die trauernde. Gemeinde richtet- Wie sieht aber die so deklarierte „Mussarrede" des Arbeiterblattes „Dawar" kurz vor den heiligen Tagen aus? „Chawakuk stellte die Thora auf ein einziges Postulat, wie es heißt: Und der Gerechte lebt in seiner Treue dahin," Jedes lernende Kind kennt diesen talmudischen Ausspruch, und kein Lernender hat ihn anders verstanden, als in. dem Sinne, daß die Wurzel aller religiösen Tat in der Emuna, im Glauben an den einzigeinigen G'tt, ruht. Aus dieser Wurzel erwachsen aber auch alle anderen Ge- und Verbote in all ihren Verzweigungen, die andere Propheten und Lehrer auf andere und mehr Formeln gebracht haben. Ob später Maimonides 13, oder A1 b o nur drei Glaubensartikel aufstellte, oder Abarbanel alle 613 Ge- und Verbote als Glaubensgrundsätze auffaßt, im Effekte sind sie ja alle darüber einig, daß die Thora in ihrer Totalität gehalten werden muß. Dem Schriftgelehrten des „Dawar" blieb es vorbehalten, das fitlN bV ]T»»r? hn Sinne einer Reduzierung bis auf eine Glaubensthese zu deuten. spreche ja ebenfalls davon, daß sich das Täubchen genau in der Mitte befinde. Und es kann hinzugefügt werden, daß.z. B. Erubin 52b hinsichtlich der Sabbatgrenze ein der Frage. R. Jirmejas ganz analoger Fall behandelt wird: „Wer mit einem Fuß innerhalb der Sabbatgrenze usw." Vgl. auch Gittin 78a, b hinsichtlich des Zuwerfens eines Scheidebriefs. Was sollte also in der Frage des R. Jirmeja befremdliches gelegen haben? Werden doch ähnliche kasuistische Themen auch in modernen Rechtsbüchern behandelt. Wenn z. B. jemand um Mitternacht geboren ist und es sich später einmal hinsichtlich seiner strafrechtlichen oder zivilrechtlichen Mündigkeit um die genaue Fixierung seines Geburtsdatums handelt, welche minutiösenr auf den Bruchteil einer Sekunde sich erstreckenden Feststellungen können da getroffen werden, um zu eruieren, ob der in Frage Kommende an einem bezüglichen Tage strafbezw. rechtsmündig war oder nicht. Man muß Tossafot beipflichten, daß der Grund des Ausschlusses R. Jirmejas nicht darin gelegen haben könne, daß er eine Frage gestellt habe, die in Wirklichkeit nicht vorkomme. Tossafot fügen hinzu: „Es scheint dem Rabbenu Tarn, daß man ihn deshalb ausgeschlossen habe, weil ein solches Täubchen auch nur mit einem Fuß nicht weiter als 50 Ellen hüpfen könne, denn alle Maßbestimmüngen der Weisen sind so." Man achte auf den Ausdruck nsiJi „es scheint", der von den Tossafisten dort angewendet "wird, wo keine sichere Behauptung aufgestellt, sondern nur eine Vermutung ausgesprochen wird. Wenn Rabbenu Tarn hier diese Zurückhaltung übt, so geschieht das nicht ohne Grund. Läßt sich doch einwenden, daß die Frage des R. Jirmeja nicht auf. gleicher Ebene mit seinen an an-, deren Stellen (z. B. Roschhaschana 13a) erwähnten Fragen liegt, durch die er sich „außerhalb der Hasonst jemand aus der Korona der Thorakapazitäten in Jerusalem, dabei mit zu Rate gezogen wurde. Wir sind weit davon entfernt, uns ungeprüft diese Meinung unseres gesinnungsverwandten Blattes in Jerusalem anzueignen. Die Tatsache aber, daß die legitimen Vertreter der charedisohen Gemeinschaft in Jerusalem bei einer solchen tief ins religiöse Leben einschneidenden Verordnung vollkommen außer acht gelassen wurden, bleibt immerhin sehr verwunderlich. Nach diesem „Einmaleins" erklärt der Verfasser auch die talmudische Auseinandersetzung zwischen Rabbi Jochanan und Resch Lakisch, wobei ersterer angeblich die Ansicht äußerte, eine einzige Mizwotat genüge, um den Juden zum guten Volljuden zu stempeln. K^K (nach anderer L.~A. 7»V «V) nBW üb iV'SS •nrw msa Also hat „Dawar" einen Kronzeugen. Selbstverständlich „paskent" er mit Begeisterung wie R. Jochanan und zieht daraus den Schluß, daß eine einzige Mizwatat dem Juden genüge, zumal es sich gar um eine solche Mizwa handelt, wie sie der Aufbau von Erez Israel oder die Pflege der hebräischen Sprache darstellt. Der naive Leser, sofern er nur einen blauen Dunst vom jüdischen Schrifttum und jüdischer Anschauung hat, muß sich aber doch dabei fragen: Was bedeutete denn unsere Märtyrergeschichte? Wozu und warum haben sich die Glaubenshelden für den Sabbat, für die Milla, für das Schma-Lesen zur Zeit von Hadrian geopfert, in einer Zeit also, da sie doch in Erez Israel lebten und ganz gewiß hebräisch sprachen? Und erst zur Makk a b ii e r z e i t, da sie nicht nur auf dem heiligen Boden lebten, sondern für diesen auch kämpften? Warum es mit dem mächtigen Antiochus verderben, wenn man sich doch mit einem einzigen Gebot sein Judentum retten konnte? Wußte das Besdin der Hasmonäer und das spätere von R. Jochanan ben Sakkai nichts von jenem Einmizwojudentum? Nein, sie wußten es nicht, sie kannten nur die Vorschi ift in M. V. 28. rwm rmnn -nm m rwy^ -nnvb „daß man hüten und halten muß all die Gebote dieser Thora", und das genügte ihnen. Hätte der Autor sich die Mühe genommen, einen Einblick in die Kommentare zu tun, es wäre ihm nicht entgangen, wie jener Meinungsstreit zwischen R. Jochanan und Resch Lakisch aufzufassen ist. Nach der richtigen Lesart ist dort gar nicht die Rede vom Halten, sondern vom Lernen. Die Thora kann nicht nur eine Domäne der Gelehrten sein, sie ist verbindlich lacha" stellte und überdies trotzdem nicht gemaßregelt wurde, sondern nur eine sanfte Ermahnung seines Lehrers erhielt. Hat er. doch' im vorliegenden Falle lediglich die Feststellung der Haiacha, die im ersten Teil der Mischna nicht erwähnt wird, bezweckt, ob hier analog der Bestimmung des zweiten Teils der Mischna verfahren wird, daß eine Teilung erfolgt, oder nicht. Meines Erachtens dürfte zur Lösung des Problems folgende Annahme eine plausible sein: Ohne Zweifel hat sich doch an die Frage des R. Jirmeja eine Diskussion angeschlossen. Die Gemara hat es nun aus irgend welchen Gründen nicht für notwendig erachtet, darüber zu berichten. Sie übergeht diese Dehatte mit Stillschweigen/ In dieser uns unbekannt gebliebenen Auseinandersetzung dürfte nun irgend eine Aeußerung des jugendlich temperamentvollen R. Jirmeja gefallen sein, die seine Ausschließung zur Folge hatte. „Deswegen wies man ihn aus" braucht sich nicht unmittelbar auf die Frage R. Jirmejas zu beziehen, sondern kann sich auf ein mit der Frage zusammenhängendes, mittelbar durch sie verursachtes Vorkommnis beziehen, über das die Gemara ebenso schweigt wie über die gesamte Diskussion, die an die Frage R. Jirmejas sich knüpfte. Der Ansicht Carlebachs, daß R. Jirmeja damals in jüngeren Jahren stand, ist beizupflichten. Trotz seiner Jugend und ungeachtet seiner Eigenart hatte er sich ein großes Ansehen errungen, wie solches auch von anderen Autoritäten berichtet wird, z. B. von R. Eleasar ben Asarja, der im Alter von 18 Jahren sogar zur Würde des Vorsitzenden des Synhedriums gelangte. und verpflichtend auch für den Ungelehrten. R. Jochanan nimmt diejenigen in Schutz, die nicht die geistigen Mittel besitzen oder nicht die Zeit fanden, die ganze Thora zu lernen. Wenn sie nur Einiges und das Wichtigste gelernt haben, so „steht ihnen der Eintritt ins Ganeden frei," unter der Voraussetzung freilich, daß sie alles in Treue und Liebe halten. Der Gegenstand ist zu klar, um sich darüber noch in eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem 'Arbeiterblatt einzulassen. Eine Bemerkung des „Hajessod" zu diesen Methoden, ^Jitf np">")S mit talmudischer Gelehrsamkeit zu fundieren, sei aber hier noch angefügt: „Dieser rabbmische Experte des „Dawar" kommt aus dem Westen und scheint noch in der Ideologie eines Aron Ch'oriner, Geiger und Jacobson zu wurzeln. So möge er wissen, daß hier in Erez Israel solche Geistreicheleien wenig gelten. Wir haben in Erez Israel für solche Pseudoweisheiten zu wenig talmudische Analphabeten ... In den thoraannen Westländern kann man solche Spekulationsgeschäfte machen. Erez Israel besitzt aber, G'tt sei es gedankt, -noch genügend Rabbinen und Thoragelehrte, die Weizen von Spreu zu sondern wissen und Unwissenheit nie als Wissen werten. Wenn "»liT "pWDD, so lasse sich der Autor, der sich „Rabbiner" nennt, eindringlich mahnen, von diesem Wege zu lassen, er führt hier im Lande zu keinem Ziele. Die es nach Mussar verlangt, 'pflegten vom „Dawar" keine religiöse Belehrung zu beziehen, und die Kreise des „Dawai" gehen ihre Wege auch ohne diese „eindringlichen Mussarreden". Die einzige Lösun'g der Judenfrage. Von A, in R. Die fortschreitende jüdische Zuwanderung wirft heute auch in den Ländern die Judenfräge auf, die bis vor ein bis zwei Jahren dieses Problem absolut nicht gekannt hatten. Verkehrt wäre da heute mit den alten und abgedroschenen Gegenmaßnahmen aufzuwarten und eine Abwehraktion in dem Rahmen zu unternehmen, der in Europa zu einem Fiasko geführt hat. Die Judenfrage ist zu brennend, als daß man sich darauf beschränken dürfte, die Taten auf nationalem und internationalem Gebiet aufzuzeichnen, die jüdischer Arbeit und jüdischem Erfindergeist entsprungen sind, man wird hierfür in Uebersee wenig Verständnis finden. Man muß vielmehr den Tatsachen mutig und offen ins Auge sehen und zu Mitteln greifen, die aufbauend, aktiv und nicht mehr abwehrend defensiv sind und muß die Quellen erkennen, die dem Antisemitismus den eigentlichen Nährböden schaffen. Der Jude ist von altersher Landwirt und Viehzüchter gewesen, er war seßhaft in Palästina und seinen Randstaaten in Vorderasien, jahrhundertelang war das jüdische Volk nationale Einheit gewesen und mit Land und Scholle verwachsen. Das jüdische Gesetz war nicht allein Religionsgesetz, es war vielmehr das beste damalige Staatsgesetz gewesen, das in allen Fragen des Grund und Bodens und der Viehwirtschaft auf hoher Stufe stand und einem bodenständigen Volke vollkommene Erklärung aller vorkommenden Fragen gab. Die wiederholten Tempelzerstörungen, Bruderkriege, Uebervölkerung und Abwanderung einzelner Stämme brach mit. dem Begriff der nationalen Einheit und machte dem bodenständigen Volke ein Ende. In alle Winde verstreut finden wir heute jüdische Gemeinschaften auf der ganzen Erde, teilweise sogar noch Völkerschaften im Innern Afrikas oder Asiens, die die ursprüngliche jüdische Kultur besser bewahrt haben als die europäischen Juden. Das europäische Judentum hat die Jahrhunderte seit der Völkerwanderung schlecht Kultur und Religion".