Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 40-41 (7.10.1938)
- Date
- 1938-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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.f. Oktober 1938 Der Israelit Nr, 40/41 -Seite 5 gebaut werden'dürfen. Rosenbergs neue Wege verlieren sich im Dickicht, er weiß nicht aus. noch ein, Er findet es unmöglich und das religiöse Denken, das „nach absoluten Maßstäben strebt",. verletzend, daß „mittels halachiseher Exegese morgen doch erlaubt werden kann, was gestern noch verboten war". Und er selbst will, ohne jegliche halachische Exegese, auf Grund altbekannter Ideologien, die durch ihre Wiederholungen in verschiedenen Formen nicht überzeugenderwerden, alles erlauben, was gestern noch verboten war. Wo bleibt da das Von Bezirksrabbiner Dr. B. Cohen. Das Problem der Marranen hat die besten unserer Erzähler »und Dichter seit mehr als einem Jahrhundert zu Schilderungen begeistert, die wir.alle seit unserer Kindheit mit Begeisterung gelesen haben und die uns seit den Ereignissen der jüngsten Jahre wohl auch in erwachsenem Alter zu denken geben. Die geschichtliche Forschung gibt allerdings seither diesem Problem ein anderes Gesicht. Wir können nicht mehr, wie •es noch Philippson tat, einen Jacob Tirado idealisieren, daß er wie ein Volljude anmutet, der nur durch einige harte Erlebnisse aus der Gewöhnung des täglichen religiösen Lebens geraten ist und zu dieser im Lande der Freiheit schnell zurückfindet. Wir können auch nicht mehr wie .M. Lehmann uns in den spanischen Marranenpalästen des 17. Jahrhunderts geheime G'ttes- •diensträume unter Schutt verdeckt denken. Wir wissen, daß dazu die Möglichkeit nicht mehr in der genannten Zeit gegeben war. („Familie Aguillar"). Aufgrund dieser heutigen Ansicht denkt sich Hermann S i ns h e i m e r bei den Marranen in seiner „Maria Nunnez" das innere Judentum als durch — Erzählen biblischer und nachbiblischer Geschichten vererbt. Diese Lösung muß gerade aus der heutigen Zeit heraus, sowohl aus heutiger Geschichtsforschung, als aus heutiger Welt- und Lebenskenntnis jüdischen Geschehens heraus in gewissem Sinne Erstaunen wecken. Sinsheimer weiß, daß ein Ritus zur Forterbung jüdischer Art in jenem Kreise nicht mehr zur Verfügung stand. Er sucht das Mittel, das „mächtiger als jeder Ritus" im Inneren jener Menschen das Judentum fortgeerbt hat. Und dieses Mittel «oll die von frühester Kindheit auf gehegte geschichtliche Ueberlieferung gewesen sein! Eine jgute Lösung im Sinne des rationalistischen und -Sölleil. Das ist das Vermächtnis der heiligen Festzeit für die Wochen der Arbeit und Pflichterfüllung zur Sicherung dauernder Lebensfreude. Verantwortung. i. „Sie sollen-sich selber als .beladen mit der Ver«- antwortung betrachten, wenn sie die Opferspeisen des Volkes Israel genießen; denn ich, G'tt, heilige sie. (Lev. 22, 16.)" . „Am Tage, da sich die Tage seiner Enthaltsamkeit vollenden, bringe der Enthaltsame sich selber zum Eingange der Stiftshütte. (Num. 6, 13.)" „Da begrub Mose sich selber im Tale im Lande Moab. (Deut, 34, 6.)" An diesen drei Stellen der Thora erklären unsere Weisen (Rabbi Jischmael, Raschi ibd.) das Wort ETH nicht als Bezeichnung eines Akkusativs, sondern als Zeichen der Reflexivität, die buchstäblich in diesen Sätzen gar nicht angedeutet scheint. In allen drei Sätzen sind wir gewöhnt, als wirklichen Gegenstand - der Satzaussage irgend eine Person zu betrachten, die im Satze unbenannt bleibt; im ersten der Sätise vermuten wir, daß die mit Verantwortung Beladenen die1 Kinder Israels insgesamt seien; im zweiten beziehen wir das Bringen sonst auf das Opfer; im letzten meinen wir, G'tt sei der gewesen, der seinem Diener Mose selber die Stätte der letzten Ruhe bereitet habe. Dies wird ja auch von den Tannaim gelehrt,, zugleich als Vorbild für" die Liebesdienste,; die" wir den' Verstorbenen schulden. Was „nach absoluten Maßstäben strebende religiöse Denken??' Eine bestechende Formel haben Rosenberg und seine Freunde gefunden: „Die ersten Tafeln mußte Moses zerbrechen und es wird ihm dafür von G'tt selber gedankt. Er ringt um neue Tafeln und bekommt sie." Ergo darf auch das neue Erez Israel um neue Tafeln ringen. Nur wird dabei eine Kleinigkeit vergessen, nämlich, daß der Inhalt der neuen Tafeln genau der gleiche war, wie der d e r a 11 e n. in psychologischen Dingen unerfahrenen neunzehnten Jahrhunderts! Eins sei vorweggenommen: Nicht im Geringsten liegt es in der Absicht dieser Zeilen, den unermeßlich hohen Wert der geschichtlichen Kenntnis und des geschichtlichen Bewußtseins irgendwie anzweifeln zu wollen. Ganz im Gegenteil erscheint gerade uns Juden Deutschlands in den jetzigen Zeitläuften eine gute, klare und zugleich begeisternde geschichtliche Oiientierung eines Jeden als 6iii unentbehrliches Mittel der seelischen Rettung aus der heutigen Not unserer Gemeinschaft. Eben so wenig ist selbstredend irgendeine Kritik an der seelischen Wirkung Sinsheimer'scher Kunst beabsichtigt. Aber es muß festgestellt werden: Diese Wirkung beruht auf anderen Eigenschaften seines Werkes, und auch die Festigkeit des von ihm sonst meisterhaft geschilderten Marranenstammes beruhte auf anderen Voraussetzungen, als denen. . die er selber vermutet. In der Hagada ist es mit kaum zu überbietendem Tiefblick ausgesprochen; „Meinst du etwa, das Gebot des Erzählens vom Auszuge aus Aegypten könne vom Monatsbeginn des Nissan oder Erew Pessach bei Tage erfüllt werden? Nein, denn die Thora sagt: Di es et wegen hat G'tt mir bei meinem Auszuge aus Aegypten Wunder erwiesen, und „dieses" kann man nur sagen, solange Mazza und Maror dem Sprechenden vor Augen liegen." Zur Erfüllung gerade eines scheinbar so an den Verstand gerichteten Gebotes, wie es das Erzählen ist, gehört das lebende Symbol als unerläßlehe Ergänzung. Demnach müssen auch die Marranen selbst in der Zeit, in der sie einen Unterricht und eine Erziehung zum Religionsgesetze nicht mehr erhalten, sich selber irgend eine ritusähnliche Lebensregel, die sich im Geheimen durchführen ließ, geschaffen haben, und tatsächlich haben — mag also Unsere Weisen zu ihrer so eigenartigen Deutung dieser drei Verse bewogen haben? Die inneren religions g e s e t z liehen Gründe dieser Deutung mögen hier außer Betracht bleiben. Wir sehen ja, unbeschadet dieser sicher in sich zu Recht bestehenden gesetzlichen Deutung, deutlich genug aus der Zusammenstellung dieser Verse das ihnen Gemeinsame herausleuchten: Hier sollen diejenigen Lebensgebiete benannt werden, auf denen der Mensch Gegenstand seines eigenen Tuns und Schaffens sein soll, obgleich er wähnt, in diesen .Gebieten, die Verantwortung Anderen zufallen, lassen zu dürfen. Diese drei Gebiete der eigensten; und unabwendbarsten Verantwortung sind: Das Priester-tum, die , Enthaltsamkeit und der Abschied vom Erdenleben," II. Das Gebiet des Priestertums bedarf keiner weiteren Erklärung; sprechen wir von der Enthaltsamkeit. Die Thora erzieht uns. Doch auch und vor allem sind' ganz allein wir verantwortlich für. die Erziehung, die wir zusätzlich der G'ttesgebote unserer Seele angedeihen lassen!' Es ist uns weder verboten noch anempfohlen, uns Gelübde aufzuerlegen, durch die wir mehr Pflichten übernehmen, " als sie uns die Thora auferlegt.! Wer etwa das Fasten gut erträgt und durch Fasten höhere , eistige Leistungen erzielt, dem wird dies als,, ver-. ienstliches Werk angerechnet; wer dagegen* durch freiwilÜges Fasten seine eigene. Thoralern- und.LehrV t'ätigkeit herabzusetzen genötigt ist und sich schwächt* so daß er im .';täglichen Dienste G'ttes dadurch Inachläßt, — ein sölcher hat nur Sünde auf sich geladen. So haben die. Weisen auch den Namen „Sündöpfef", den die Thora dem Opfer erteilt, das der Enthalt- . ja Ehrenpreis und de Barres Basto Spuren davon noch 1928 bei heimstrebenden Marranen vorgefunden. Es sei ohne weiteres zugegeben, daß, solange die Marranen eine gesellschaftlich hochstehende Bevölkerungsschicht darstellten, die einfache Erzählung der biblisch-jüdischen Geschichte in der Kindererziehung dieser im Wohlstande lebenden Familien eine ähnliche Rolle gespielt haben mag, wie die Geschichte der Dynastie in der Erziehung der Kinder der Dynastien. Aber man. weiß wohl, wie in der Prinzenerziehung auch andere Momente hinzukommen mußten, um den Schüler dazu zu begeistern, die glorreiche , Geschichte seines Hauses durch eigene große Taten fortzusetzen. Auch hier heißt es immer: Im Anfang war die Tat... Den verarmten und gesellschaftlich gesunkenen Familien vollends, aus denen sich die Marranengemeinschaft des neueren Portugal zusammensetzt, kann man eine so an den Verstand allein gerichtete Art der geschichtlichen Rück- Yerbindung, wie es das Wissen der Geschichte ist, schon aus ganz anderen Gründen nicht unterstellen: Die arbeitende Bevölkerung der meisten Kulturstaaten der Gegenwart, sei es die städtische oder die ländliche, besitzt nicht mehr den weiten geistigen Blick, der vonnöten wäre, um so große Zeiträume zu überbrücken wie es die Zeit von 1492 bis zu unseren Tagen ist. Jeder Religionslehrer wird es bestätigen, wie ungemein schwierig es ist, unseren in echt jüdischen, teilweise selbst den in frommen Familien aufwachsenden Kindern einen Sinn für unsere große Vergangenheit auch nur annähernd beizubringen. Die Geschichtslehrer anderer Bevölkerungsgruppen und Länder werden es nicht viel leichter haben. N Und damit kommen wir zur eigentlichen Absicht dieser Zeilen: Auf die selbstverständliche, aber leider überall geringgeachtete Beobachtung hinzuweisen, daß der Weg zum Wiederaufbau unserer religiösen Werte nicht in erster Linie über die Erweckung geschichtlichen Bewußtseins führen kann. Dieser Weg wäre ein weiter und mühseliger Umweg. Er würde zuvor eine ungemein schwierige Arbeit von uns fordern, eben die der Erweckung des Geschichtsbewußtseins. Und dessen bedarf es doch nur, um das Volk aufs Neue in den Strom seiner Geschiche hineinzustellen. Wenn diese Aufgabe, die Neueingliederung der Nation in ihre Geschichte, schon durch die Ereignisse uns abgenommen worden ist, dann könnte wohl unsere Tätigkeit sich mit Recht darauf beschränken, die neue Mittätigkeit des ewisame nach Ablauf der Zeit seiner freiwilligen Enthaltung zu bringen hatte, mit diesem Gedanken erklärt: Der Enthaltsame hat gesündigt, wenn ihm die völlige Enthaltung vom Weine oder von den anderen durch sein Gelübde verbotenen Dingen Anlaß zu Schmerzen geworden ist, die ihn vielleicht in seinem Dienste G'ttes gestört oder in seiner Andacht abgelenkt haben könnten; denn manchen Menschen und Gegenden ist der Wein zur Gesundheit in mäßigen Quantitäten unentbehrlich. Nur wenn die Enthaltung ihn zu großen Leistungen vor G'tt und Menschen beflügelt und befeuert hat, — nur dann bringt er am Tage, da er sein Gelübde erfüllt und geendigt hat, dem Allgütigen nicht ein eigentliches Sündopfer, sondern — sich' selber in das Heiligtum. Dann hat er sich selber zu einem edlen und vollkommenen Menschen erhöht. Der Durchschnittsmensch soll lieber der Weisheit G'ttes vertrauen, daß diese ihm zu seiner Erziehung in der Thora genügend Wegweisung ZU glückseligen und menschlich vollkommenen Leben und zur Niederkämpfung der Leidenschaften gegeben hat. Wer diese Erziehung durch Gelübde 'auszubauen trachtet, der achte darauf, daß sein Unterfangen zweierlei verschiedenen Erfolg für seine Seelßi für seine Sündenreinheit und seine Pflichti.erfüllung haben kann; er"'wisse: Er bringt sich selber ins Heiligtum; er handelt auf eigene Verantwortung; glücklich derjenige,.der diese Verantwortung mit gutem Gewissen tragen kann und sagen1 darf: Ich habe durch meine Gelübde zum Wohle meiner Seele und in Erfüllung meiner Pflicht getan und befolgt! III. Ist es nun wahr, daß auch das Grab, das wir Menschen uns einst zu suchen haben werden, von uns , selber *und 'auf unsere eigene Verantwortung Geschichtsbewußtsein als Rettung?