Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1938-10-07 · Heft 40-41 (7.10.1938) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 40-41 (7.10.1938)
Date
1938-10-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2451012-2451051--83998-2542039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 40/41 1 s r a e-l;i t 7. Oktober-1938' Wir meinen, daß es jetzt für den Aguda-Ch nuch an der Zeit wäre, Kindern, die soichermaßtnt geistig obdachlos gemacht werden, die Pforten weit zu öffnen. Zu diesem Zwecke muß man aber die •nötigen Mittel für neue Schulklassen, Lehrergehälter usw. haben. Möge das Finanzinstrument der Agudas J.Uroel, der Keron Hajischuw, dessen Arbeit durch die Anklage Raw Berlins ihre drastische Rechtfertigung findet, nicht umsonst an seine Freunde appellieren. Wir lesen im „Hajessod" vom 27. EIluI u. a.: „Der Jüdische Sicherheitsschutz in P a 1 a s t i n a hat schon beinahe die Form einer richtigen Schutztruppe. Alle Länder und Völker kennen aber auch die Institution von Feldgeistlichen, denen die religiöse Betreuung der Soldaten obliegi, die auf diese geistige Kost reflektieren. In einer j ü - dischen Truppe wird die Frage um so brennender, als die Religion den jüdischen Menschen überall hinbegleitet und tief in sein tägliches Leben ^eingreift und einschneidet. Die religiösen Wächter Polizisten stellen ein ganz vjiohes Kontingent innerhalb des Sicherheitsschutzes, und sie werden* täglich in Bezug auf den Sabbat wie auf die Verpflegung vor schwere Gewissensfragen gestellt. Warum sollten w;r nicht eine Art r abbinische Feldkommission besitzen, die hier die Grenzen zwischen Gebotenem, Erlaubtem und . Unerlaubtem zeigt und den religiösen Menschen bei ihrem schweren,Dienste mit ihrem Rate zur Seite steht? Dutzende Jeschiwajünger stehen unter Waffen und' sie haben Anspruch darauf, daß die religiösen Führer sie nicht einfach der Willkür von Vorgesetzten überlassen, die der Meinung sind, daß nationaler Schutz auch da h ö c hs t e s Gebot sei, wo es mit den Geboten der Thora gar nicht in Kollision kommt." Wir haben diesen Ausführungen des unabhängigen orthodoxen Blattes von Tel Awiw nichts hinzuzufügen. . „KULTUR UND RELIGION." Neue. Worte für alte Ideen. In Tel Awiw gibt es eine Vereinigung .fürKultur und Religion, die sich „Beth Jisrael" nennt und vor kurzem in einer öffentlichen Versammlung ihr Programm darlegte. Von den dort gehaltenen Referaten geben die Zeitungen als bezeichnend für den geistigen Gehalt der Vereinigung das von Dr. Rosenberg im Wortlaute wieder. Rosenberg, und mit ihm wohl seine Freunde, erblicken die historische Schuld der Alten darin, daß sie die Begriffe Gesetz und Religion auf Gedeih und Verderb miteinander verquicken, was zur Folge haben müsse, daß die Jungen in Erez Israel mit dem „veralteten Gesetze" auch die Religion abwerfen. So hätten wir die dringende Aufgabe, neue, vom Gesetze — nicht von den Gemeinschaftsformen schlechthin — unabnängige Wege zur Religion, zu finden, „neue Tafeln G'tt abzuringen," nachdem die alten zerbrochen seien. Ist diese These so neu, daß man Vereinigungen gründen, Bewegungen entfachen, alle guten Geister der Kultur und Religion bemühen muß. um sie zu vertreten und zu propagieren? Gesetz contra Religion) Von Paulus, der Abrahams „Emuna" gegen „das Gesetz Mosis" ausspielte, bis zu den Reformern vor hundert Jahren, die vom Talmud weg die Rückgliederung des Judentums ins Reich der Propheten predigten, von diesen bis zu den „Richtlinien" unseligen Angedenkens und von den „Richtlinien" bis 2um .Maximum an Religion"; des Welt v e r'bandes des rejigiös-liberalen Judentums — im Grunde immer die gleiche Sprache. Die Variationen in der Formulierung, der Begründung, der ideologischen Untermauerung fallen angesichts der Grundidee und letzten Konsequenz kaum wesentlich ins Gewicht, wennschon, nach all dem seit Jahr und Tag Gesagten, höchstens noch zu diesen ein Wort zu verlieren wäre. Rosenberg weiß, daß das, was er „Formenwelt" nennt, zwei Jahrtausende unser Dasein erhalten hat, und findet es sehr weise von unseren Rabbanim, daß sie einst die Gültigkeit dieser Form auf den g'ttlichen Willen1 stützten, um sie dem Zugriff des menschlichen Willens zu entziehen. Aber die Welt des Gesetzes sei seiner Ansicht nach geborsten, und es stehe daher den Hütern der Unwandelbarkeit dieses Gesetzes nicht mehr an, ihre Monopolstellung als Träger der jüdischen Religion geltend zu machen und alle mit ihnen nicht übereinstimmenden Elemente aüs'dem Läger der jüdischen Religion zu weisen. Stellt sich einmal einer auf den abseitigen Standpunkt, daß unsere Rabbanim nach Bedarf und Willkür künstliche^ Stützen für religiöse Formen und Vorschriften geschaffen haben und diese flicht wie: das, was Rosenberg R e Ii g i ö n nennt, aus dem gleichen Sinaiboden herausgewachsen sind; daß also die Lehrer nicht deduzierten und interpretierten, sondern neue Inhalte in die alte Schale hineingössen, so löhnt es wahrlich der Mühe nicht mehr, mit ihm zu diskutieren. Es ist hier - schon der Grenzpunkt erreicht, wo nach Ausspruch der Weisen das . ]5?n der Salomonischen; Weisheit gilt. Die "Gefahren solcher Gedankenkonstfuktiöhen, mit denen er gewiß nicht allein steht (man denke an Ben Chorin, Nußbaum, Klötzel u. .v. a., die vor kurzem in der „Jüdischen Rundschau" eine lebhafte Debatte über diese Dinge führten), liegen aber darin, daß sie Abkehr von Religion als Religion deklarieren. „Die Offenbarung am Sinai ist uns nicht ein einmaliges Erlebnis am Beginn unseres Volkstums nur, Wir wollen den jüdischen Menschen bewegen, daß er wieder zu hören lerne und das Erlebnis am Sinai nicht nur als historische Tatsache registriere." Das tut auch der altgläubige Jude nicht, der um das einfache und tiefe Wort weiß ">t\* oy> 'jdi Q^nns und Gebot wie Gebet täglich, a 1 s ,e i n. Neues erlebt. Freilich wird der gläubige Mensch sich nicht, selbst „den Weg zum Sinai bahnen". Die alten Wege, sind noch gut und führen zum Ziele, — allsolange man sich nicht bemüht, durch Verwirrung der Begriffe. sie zu umnebeln und zu verschütten. Dazu sind solche als; „Religion" getarnte antireligiöse Ausführungen^ und Formulierungen leider nur zu sehr* angetan. Gesetz und Religion in einem Atem zu nennen, sei eine unnatürliche, unangebrachte Verquikkung zweier Welten, die nicht zueinander gehörten. Und Religion und Kultur? Mag sein, daß Künstler und Poeten in jeder, Kultur mit Recht religiöse Schwingungen mithören. Jüdische Religion, die auf zwei Grundpfeilern ruht, "auf ynwi und niPJn' ist das nicht. Wo findet Rosenberg nur ein einziges formales Gesetz in der Thora, welches nicht das,, was er Religion nennt, atmet und zur Seele hat? Wo Religion aus dem Rahmen des realen Gesetzes herausgehoben ist, ist sie ->^a natPJ' ein Phantom, ein Phatos und' Phrase der Seele, ohne Verpflichtung und ohne Auswirkung im täglichen Leben. Vor lauter Vergeistigüng und Verinnerlichung des. Religionsgesetzes ging zu Beginn unserer Zeitrechnung dieses Gesetz der neuen römischen Welt ganr verloren. „Wir wollen das Leben des Volkes in Erez Isarel mit dem Geiste seiner Tradition > wieder vereinen." Will Rosenberg hier eine Trennungs^- grenze zwischen Tradition unds Träditions g. e i s t ziehen? Es entspricht aber weder" de? Tradi* tiori noch dem Traditionsgeistev wenn .Rosenberg es ferner als einen „dem religiösen Bewußtsein ins Gesicht schlagenden Anachronismus' ' empfindet,, daß auf Grund ■ jüdischer. Ge* setzesvorschriften jüdischer Böden inn Sehmittajahre an Araber verkauft wird,) daß am Sabbat gewisse Arbeiten ruhen müssen und daß gewisse Futtermischungen, also „ K i 1 a j i m " , nicht an- ~ f ^JPB^Tp y :- Festesende. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die Festzeit naht ihrem Ende. Der Reigen der heiligen Tage will sich schließen. Israel begeht sein Schlußfest. Nur noch einen Tag verweilen wir im Hause des Vaters, und dann geht das Rad des Lebens auch bei uns den gewohnten Gang, mxy schließt den Kreislauf der Feste des Monats Tischn wie überhaupt des ganzen Festjahres, und die man- . nigfachen Lichtstrahlen, wie sie die Religion zu unserer Weihe und Läuterung, zu unserer Erhebung und Beseligung ausgesaadt, finden sich in unserem Schlußfeste wie in einem Brennpunkte zusammen, Alle Töne, in denen während des 'yatrn enn während des sabbatlichen Monats die Saiten unseres1 Herzens erzitterten, hallen am wnvn ov, am achten Tage, wieder; mit der Freude paart sich der Ernst, mit der Wehmut der Trennung der Festtagsjubel. In "eineni sinnigen Gleichnis sagen unsere Lehrer: „Nach Tagen frohen Wiedersehens und glücklichen Sichwiederfindens naht der Trennung Stunde. Da läßt sich der Vater vernehmen; "1*1 asm'-iö nwp „Wie schwer wird mir, Kinder, die Trennung von euch. Verweilet nur noch einen Tag." Gerne hören sie es, die Kleinen wie die Großen, und nun folgen noch frohe, glückliche Stunden der Beseligung." Ohne Symbol ist der achte Tag, — er ist ein Festtag für. sich, ein Tag ganz besonderer Art. Vielleicht kann man die letzten beiden Festtage als die' Brücke bezeichnen, die zur festesleeren Zeit führt, von der herbstlichen Fülle zur Leere des Winters. Da sind die gemischten Gefühle^ und Empfindungen, die(.sich in unserem Herzen regen, nur natürlich und menschlich durchaus zu begreifen. Gleichwohl ist aber' gerade hier c^ie Freude insbesondere geboten, die Religion fördert nachdrucksvoll: mv "\t< 'rrvii „Da sollst dann ja-.freudig bleiben";— und dieses Gebot bezieht sich nachder Meinung unserer Lehrer eben auf das Schlußfest. " Wie die Sonne uns gerade dann am herrlichsten erstrahlt, wenn sie im Verglühen ist, so bringen auch die letzten Tage der heiligen Feierzeit besonders erhebende Anregungen. Sie zeigen uns, wie wir stets auch mitten in den Arbeiten und Pflichten des Alltags . und in den Sorgen und Kämpfen des Daseins aus dem Becher der. Heiligung schlürfen können. Das soll der Ertrag des Tischri sein, den wir für die Dauer einheimsen, die geistige Ernte, die uns G'tt nahe erhält und unseren Aufgaben als Juden stets verpflichtet. i- An dem achten Festtage verrichten'wir das Gebet um den befruchtenden Regen.; Eben. erst haben wir das Erntedankfest ■ gefeiert und die . a1:'»-, sr?is den Feststrauß aus Händen gelegt, und schon denken wir an die kommende Ernte. So will es' unser Judentum, das das Leben bejaht, und es ist auch recht so; Arbeiten und nlemäls verzweifeln;! :ist seine Losung — auch für die Not urisejr-er,;Zeiten , % Wir sind besonders begnadet, daß Simchasthora unsere heilige Festzeit abschließt. Dieser Festtag des jüdischen Geistes schart uns freudig;und in froher Lust um unser heiliges Sinaibanner, den höchsten Akkord in der Tonleiter unserer Feste schlägt dieser letzte Festtag an, mit dem wir bekennen; Alles, was wir als Juden sind, sind wir nur durch G'ttes heilige Lehre, Sie. ist der 'Labetrank unserer Seele, das stärkende.. Manna unseres Herzens, und unversiegbare Lichtquelle unseres Geistes. Sie ist es, die uns . niemals ' Verkümmern läßt, die dafür" sorgt, daß imser Er'dendasemJ ' verklärt wird und auch nie ' der Prosa;des: AlltagV die Poesie des Himmlischen fehlt, nasnr . „Laßt: uns jubeln, laßt uns .froh werden," das isf ganz aus der Volksseele Israels gesungen. Wir singen auch noch unter Tränen, wie unsere Ahnen alle gesungen, angesichts der mir>, und unsere Pflicht ist es, die höchste, die wir kennen sollen, dafür uns einzusetzen mit all unserer Kraft, daß dieser Sang auch fortklinge durch die ferneren Zeiten und Geschlechter, daß sich ein Geschlecht an das andere reiht und in der Wahrung der am Sinai geoffenbarten Lehre seine große segensreiche Verpflichtung erkennt. , - Diese hört natürlich mit dem Tage der „Xj.esetzesfreude" nicht auf. Immer von neuem müssen -wir unseren Thoraschatz erwerben, um ihn dauernd zu besitzen. Darum bleibt für uns als' Weisung für aue Zeit das an Josua . ergangene G'tteswort; „Nicht Reiche dieses Buch der Lehre'jvön deinem Munde und sinne in ihm Tag und Nacht; damit du es; wahrest, zu tun nach 'allem, was darin geschrieben steht, denn' dann wirst du zum Gelingen ^bringen'deine Wege, und' dann,wirst du weise handeln.-"' Ewiges Lernen und Au^au^ese^te^T.'Be^ctlgejä. des Thorawortes ist, und bleibt ' die" höchste Weisheit derer, die die Sinaistunde unentwegt forttragen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.