Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 40-41 (7.10.1938)
- Date
- 1938-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451051--83997-2542038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
7. Oktober 1938 Der I s r a e I i t Nr. 40/41 Seite 3 Die Gemeinschaft und der Nachwuchs. /Fortsetzung von Seite 1.) dem auch der König nur als erster Diener G'ttes figuriert, erster Hüter des Gesetzes für sein Haus und für sein Volk. Was war das Neue an dieser Veranstaltung? Kaum ein Wort drang an das Ohr der Versammlung, das sie nicht schon in den abgelaufenen sieben Jahren gehört und gekannt hätte. Aber es war nötig, von Zeit zu Zeit, einmal in sieben Jahren, all diese bekannten Worte und Verpflichtungen noch einmal in der breitesten Oeffentlichkeit, in Gegenwart des gesamten Volkes, zu verkünden. In dieser gehobenen ^npn-Stunde hatte sich jeder als Glied in der Kette der Volksgesamtheit zu fühlen, und in dieser Hochstimmung wirkte doch jedes Wort anders und neu, war jeder Lehrsatz eine Offenbarung wie am ersten Tage. „Nicht ich, nicht Du, nicht der oder jener, nicht der Einzelne, sondern die Gesamtheit steht nun einig und geschlossen auf dem von G'tt auserwählten Platz!" Und Strahlen ergossen sich aus der Gesamtheit auf den Einzelnen, der am Gemeinschaftsgefühl .seine Kraft und seinen Willen stählte. Und zu" dieser Volksgemeinschaft gehörten nicht allein die Männer und Frauen, sondern auch, und vielleicht sogar in erster Reihe die Kinder. Der Nachwuchs ist es, der einem Volke den ewigen Fluß sichert, die jungen Blüten verheißen die Frucht. Noch halten die Alten die Fahne in fester Hand, aber sie wird, diese Hand, einmal erschlaffen und jugendliche Kräfte, jugendliche Hände werden sie ergreifen müssen. Vergesset nicht, die Kinder mitzubringen." In ihnen erblüht der Lohn den Alten! ],TK*:ia^ IDE? Was will das bedeuten, daß die Kinder zunächst vom Vorgange noch nichts verstehen? Das achttägige Kind weiß nichts von der an ihm vollzogenen Millah. Aber es bleibt doch sein Lebenlang als D"»öfi von Abrahams Bunde gezeichnet und ausgezeichnet. Was weiß der dreißigtägige Erstgeborene vom Akte der Auslösung? Aber er bleibt sein Lebtag ein G'tterlöster und als solcher zum Dienste G'ttes, zum Dienste an seinem Volke verpflichtet. Verständnislos steht vielleicht das Kind in der Mitte seiner Volksgemeinde am Tage der btlZTl-Versammlung, aber das Gemeinschaftsgefühl wird ihm für sein ganzes Leben eingeprägt, des Klallgedankens ein Hauch zieht in seine Seele ein, der wächst und wächst mit dem Körper und dem Geiste des jungen jüdischen Menschen, Dies als Grund der Beteiligung der Kinder am ^apn-Akte rief bei R. Josua, dem Meister und treuen Hüter der ewigen heiligen jüdischen Substanz, höchste Begeisterung hervor. Der Lohn derer, die ihre Kinder an die jüdischen Quellen hinanführen, war für ihn von höherer Art, bestand in der Garantie für die unentwegte Fortpflanzung der jüdischen Lehre und jüdischen Treue. Eine kostbare Perle nannte er diese Erklärung, für deren Richtigkeit R. Elasar b. Asarja, der Autor selbst, als „Nachkomme von Vater Abraham'.' (die ununterbrochene Kette von den Stammvätern bis zünden Lehrern der Mischna) lebendiger und leuchtender Beweis war. Ein Schmittajahr ist zu Ende gegangen, ein Fest wird verklingen. Es ist uns leider nicht beschieden, in einer ^npfl-Versammlung die geistige Ernte der erhabenen Tage, wie dazumal, tu sammeln und unter Dach für den nächsten Zyklus zu bringen. Aber, was noch tragischer für uns ist, es fehlt das Kind. Unsere reifere Jugend mußten wir in die Welt hinausschicken, daß sie sich und vielleicht auch uns neuen Lebensraum schaffe, und die noch an unserer Seite weilenden Kinder werden für die Fremde erzogen und vorbereitet. Gerade diese aber, unsere Lieben im jüngsten Alter, ruft das Fest, ruft die fhora, ruft die jüdische Gemeinschaft, ruft G'tt. doli Lohn ihren Betreuern erblühen, so haben diese zeitig etwas dafür zu tun, so haben sie zu säen, die goldene Ernte wird uns dann, wer weiß auf welchem Boden, erblühen. Statten wir unsere Kinder mit Gemeinschaftsgefühl aus, durchdringen wir sie, die schon nach den Feiertagen vielleicht dahin und dorthin, mit oder ohtie uns, ausschwärmen, mit dem bTSpfl' Gedanken, und sie werden uns als Pioniere neuen Wochenrundschau, Jüdische Massensiedlung keine Utopie - Der gleiche Schabbat im Galut wie in Erez Jisrael - Sanbalat - Inneres Marranentnm -Religiöse Betreuung im Sicherheitsschutz Das Problem der jüdischen Auswanderung und Siedlung spitzt sich mit jedem Tage mehr zu und drängt auf sofortige Lösung. Aus dem noch vor der Evian-Konferenz erschienenen Buche Maximilian Landaus „Wanderung und Siedlung" (Jüdischer Buchverlag Hermon Frankfurt ä. M.), das durch die inzwischen eingetretenen Ereignisse erhöhte aktuelle Bedeutung erhält, weiß man, daß die Errichtung kompakter jüdischer Massensiedlungen auf geeigneten überseeischen Territorien keineswegs so utopisch ist, wie man glauben mag. Wenn die Fehler früherer Kolonisationsversuche, so schreibt Landau, vermieden werden, die stets zum Scheitern führen mußten, wenn die bisherigen unzulänglichen Siedlungsmethoden durch modernere und zweckmäßigere ersetzt werden, wenn das Prinzip der philantropischen, planlosen, privatwirtschaftlichen Individualsiedlung vertauscht wird mit dem einer nach planwirtschaftlichen Gesichtspunkten geleiteten, genossenschaftlich aufgezogenen agro-industriellen Massenkolonisation auf der Grundlage wirtschaftlicher Rentabilität und Selbstversorgung, ist das Gelingen eines solchen Plans in hohem Maße wahrscheinlich. Es gibt genug fruchtbare und klimatisch günstige Territorien in der ganzen Welt, in denen die Voraussetzungen für eine solche Kolonisation, nämlich menschenleere Räume und unentgeltlicher oder ganz billiger Boden auf der Basis einer Konzession, vorliegen. Alle Siedlungspläne haben aber eine planmäßig durchgeführte Immigration zur Voraussetzung, und man darf hoffen, daß die in Genf zustandegekommenfe einheitliche Fl fichtlingskommission sich dem Problem unter diesen Gesichtspunkten zuwendet. * * * In einer Besprechung des in Tel Awiw erschienenen „Sefer Haschabbat", herausgegeben von Dr. J. L. Baruch (das Buch wird, sobald wir im Besitze eines Rezensionsexemplars sind, von uns eingehend gewürdigt werden) ist in der Monatsschrift „Der Morgen" von September, nach einer Darlegung, daß der Sabbat in Erez Israel nicht so gehalten werden könne wie in der Gola, zu lesen: „Keine Lösung kann hier gegeben, nicht einmal die Fragestellung in ihrem ganzen Umfange und in ihrer Tiefe aufgezeigt werden, nur eines soll deutlich sein: die. Frage der Sabbatgestaltung ist nicht literarischer Art und ergibt sich nicht aus theoretischen Auseinandersetzungen, sondern aus dem täglichen Leben des Volkes." Eine ernste Zeitschrift vom Range des „Morgen" sollte wissen, daß der Sabbat sich nie aus dem Leben des Volkes ergab und ergeben kann, sondern daß der Sabbat gestaltend in das tägliche Leben des Volkes eingreift — als wirksamster Protest gegen die Arbeit und den Erwerb an sich. Er kam, der Sabbat,- im Galut, gewiß nicht aus dem düsteren Leben heraus, sondern stand als höheres Licht über ihm. Warum sollte es in Palästina anders sein? Das „Hüte" und „Gedenke" wurde am Sinai auf dem Wege .zur"'"Heimat verkündet. Das „Lied der Sabbatbraut" wurde in Safed in Palästina zum erstenmal gesungen. Nach der Inhaltsangabe scheint das Baruch sehe Buch den Sabbat in diesen alten Lichtkreis — und nicht ins .Morgen"-Licht von Fritz Aronstein zu stellen. geistigen Boden in der Welt schaffen und sichern. Die jüdische Gemeinscahft muß, wohin auch ihre Einzelteile verschlagen werden, bleiben, sie wird durch ihren Nachwuchs* zur neuen Blüte kommen . apsp ansp D'xnn Das ist die bleibende Lehre und auch der Trost des Sukkothfestes am Ausgange der Schmitta. (Einige Gedanken dieses Aufsatzes sind dem eben im L. J.-Verlage Lodz in jiddischer Volkssprache erschienenen vortrefflichen Buche oinn täwnn von Rabbiner Wolf Jacobson entlehnt.) Der hier gemachte Versuch, eine Scheidegrenze zwischen dem Sabbat im Galut und dem Sabbat in Erez Israel zu ziehen, ist ebenso unlogisch wie unhistorisch. Sanbalat war der Name des Anführers der Samaritaner, die, als Mischvolk mit jüdischem Bluteinschlag, nach Zerstörung des ersten Tempels auf dem verlassenen Boden Palästinas wohnten. Sie verstanden es vortrefflich, sich von den Juden zu distanzieren, wenn Gefahren für die" letzteren drohten, sich aber zu den Juden zu zählen, sobald sich das Blättchen zu deren Gunsten drehte. Als Esra iait der Restaurierung von Staat und Tempel begann und somit das jüdische Glück wieder ins Aufblühen kam, entdeckten die Sanbalatleute plötzlich ihr Judentum und wollten mitmachen. Sie erhielten eine scharfe Abweisung und schlössen sich den Feinden an, die mit allen Mitteln das Wiederaufbauwerk der Juden zu verhindern suchten. Sanbalats Enkel leben heute in der kleinen Samaritanergemeinde, die in Nablus seit undenklichen Zeiten beheimatet ist. Die Taktik dieser unserer Halb- oder Viertelbrüder ist die gleiche geblieben. In der Zeit des Aufbaüs und der Prosperitie fehlte es bei ihnen nicht an Anbiederungsversuchen, und ansehnliche Führer des Jischuw waren sogar der Meinung, daß man die „Marranen aus Schechem" in Liebe aufnehmen müßte. Der Kurs hat sich geändert. Nablus wurde Zentrum und Herz der Mord- und Boykotthetze, Änd die dort wie im Rachen des Löwen zitternden Samaritaner schwiegen. Das konnte man verstehen, denn was hätte schon das kleine Häuflein gegen die Welle ausrichten können, die sich gerade aus und über Nablus durch das ganze Land ergoß. Nun aber liest man in arabischen Zeitungen Proteste der Samaritaner gegen „jüdische Terrorakte". Das ist nicht mehr Marranentum, sondern Ausflüsse des altererbten Hasses. Und noch mehr: „Die Trup- . penmacht verhaftete mehrere hundert Terroristen in Nablus, unter denen sich auch zehn Samaritaner befanden." Diese Notiz gibt.zu denken. Diese zehn Samaritaner sind gewiß nicht wegen Hilfeleistung an Juden oder Engländer verhaftet worden. Man weiß also, auf welcher Seite sie stehen. Sanbalat lebt noch ... * * * Marranentum — wenn schon davon die Rede ist — erweckt Vorstellungen von Inquisition, Zwangstaufe, erinnert an dunkle Gelasse, in denen verängstigte Menschen buchstäblich „aus der Tiefe" G'tt anriefen. Daß es ein Marranentum von Juden unter Juden geben kann, ist eine der Erscheinungen des neuen Jischuw. Wir lassen einen Kronzeugen sprechen. Raw Meir Berlin, der Führer des Weltmisrachi, veröffentlicht in palästinensischen Zeitungen einen ergreifenden Artikel, der unter dem Titel D3iRn •pi'n nachweist, daß im verflossenen Jahre viele fromme Eltern geradezu gezwungen wurden, ihre Kinder in nationale areligiöse Schulen zu schicken. Der Vorgang war etwa folgendermaßen: Der jüdische Vater wandte sich an die Schulzentrale, um sein Kind für diese oder jene Klasse der M i s - rachisch ulen anzumelden und bekam den Bescheid, daß gerade diese Misrachiklasse „aus Mangel an Anmeldungen aufgehoben wurde." Nachdem auf diese Art eine große Reihe von Anmeldungen annulliert waren, hob man die Klassen wirklich auf — aus Mangel an Anmeldungen. So wurde der Misrachi-Chinuch durch Irreführung reduziert und Eltern waren gezwungen, wollten sie ihre Kinder nicht der Straße oder der Missionserziehung aussetzen, diese in Schulen zu schicken, welche sie gegen den Geist der Eltern und der Religion erziehen. Raw Berlin schüttet die ganze Schale seines Zornes über das Haupt der Männer aus, die in den zionistischen Instanzen an einem Tische mit den Misrachiführern sitzen und scheinbar auf alle ihre Wünsche eingehen. Der Aufsatz Berlins ist ein langes S ün denregister, vielleicht aber auch ein wenig „Sündenbekenntnis," wobei sich auch Misrachi selbst auf die Brust zu schlagen hätte. Nicht aber ist es der zionistische Hausstreit, der uns in diesem Zusammenhange so sehr interessiert.