Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 38 1938 ¥®> Sein Gebet/) Es hat sich nichts verändert und doch ist alles anders, muß Leibe,1 der Fuhrmann, .fortwährend denken. Ist er noch der Leibe von gestern, Leibe, der seine Stute füttert und sich mit ihr liebevoll unterhält, Leibe'; der stundenlang bei grimmiger Kälte und unerträglicher Hitze auf seinem Bretterwagen sitzt und wartet, Leibe, der sich mit den Konkurrenten täglich um den Bissen Brot balgt und sich vor jedem Polizisten tief, so tief verbeugt, damit er ihn un-' behelligt harren und kämpfen läßt ... Er ist es, dasselbe Fleisch und Blut, und doch ist er ein anderer, da er jetzt am Vorabend des Roschhaschanafestes, im hellbeleuchteten Gtteshause im Kreise der Betenden steht. Dieser heilige Raum — auch er hat sich nicht wesentlich verändert, höchstens der helle Vorhang an der heiligen Lade, der wie das feierliche Weiß auf dem Almemorpulte heute auffällt. Und doch ist auch da alles anders. Eine Weihe zieht durch den Raum, still und geheimnisvoll, ein heiliges Flüstern, überall, selbst auf der letzten Bank Leibes vernehmbar: Heilig ist; der Tag unserem Herrn! Auch die Menschen, die den Raum füllen, sind heute wie umgewandeh Er kennt sie alle, aber es sind nicht die von draußen, von gestern, sie haben sich, wie er, völlig verändert- Selbst Bär, sein schlimmster Feind, sein bitterster Kon kurrent, der ihm den Bissen geradezu vom Muhde reißt, der ihn mit Schimpfworten, Beleidigungen und Drohungen — die er allerdings nie ausführt — überhäuft, er ist heute ganz anders. So wie er heute ernst, zerknirscht und tränenden Auges dasteht, könnte er ihm alles vergeben, könne er ihn sogar lieben. „Auch, er, Bär. hat Frau und Kinder, für die er hart arbeiten und schwer sorgen muß. So erhöre Ribaune; schel aulom auch seine Gebete. Gib auch ihm! ein gut Jahr, Leben und Verdienst, denn - er kann es auch brauchen, für seine kranke Frau, seine vielen kleinen Kinderchen. Denn, siehe,, großer; G'tt, schlecht sind sie, deine Kinder, alle nicht. Und so sie, wie heute, die Sorgen, und Lasten ablegen und in. deine Näh© kommen, sind sie \ gut und seelenrein, voll Güte und Liebe . . ." Leibe kann auch in den Gebeten zunächst '\ nichts Besonderes finden, nichts, was auf die Heiligkeit des Tages hindeutet. Und ,doch welchen sonderbaren Klang haben heute die altbekannten, lieben Worte, die er in der gleichen Fassung allabendlich betet: „Lobet G'tt, der gepriesen ist immer und ewig!, Durch dessen Wort der Abend hereindämmert; der mit Weisheit die Himmelspforten öffnet und die Zeiten ändert! Aber heute lobt und preist er Ihn anders, mit anderem Munde und anderem Herzen, er ist Ihm heute ach so nahe, so nahe . Und wie ist er sich heute der „ewigen Liebe" bewußt, die G'tt auch ihm, dem unwürdigen Leibe, als Zugehörigen zum „Hause Israel" zuteil werden läßt. Wenn er auf das Leben im vergossenen Jahr zurückschaut, so scheint es' wie ein großes anhaltendes Wunder, das sich täglich erheute. Wie oft wußte er morgens noch nicht, wie das Brot für die Kinder zu-beschaffen sei, das Futter für seinen Ernährer, sein wackeres Tier, das Leid und Freud in. der Familie *) Aus einer Skizs©nsammhiagr.von S. Schwach - nowitz, erschienen im Jahre 1909. treu und geduldig miterlebte, wie oft ging er Freitag Morgen an die Arbeit, ohne der stumm fragenden Frau nur einen Groschen für die. Vorbereitung des heijigen Sabbat geben zu können. Und doch, und doch. Sie haben eigentlich nie gehungert, haben stets Sabbat und Festtage würdig gefeiert, die gerade nicht anspruchsvolle Stute hatte noch stets genügend Futter, um weiter zu ziehen und mit ihm zu kämpfen; ja, es blieb auch noch etwas übrig, um das Schulgeld für die Kinder, die fleißig im Cheder lernen, zu bezahlen. Bedarf es noch eines besseren Beweises der g'ttlichen Liebe, denen auch er, Leibe, sich erfreut, der Wunder, die G'tt täglich an ihm vollbringt? r Wie melodisch süß und zugleich feierlich ergreifend klingt doch heute das Schma. Das Schma, das er dreimal täglich, zu seiner Schande sei es gestanden, oft genug nur so oberflächlich und gedankenlos betet, welchen tiefen Sinn hat doch heute jedes Wort, jedes Zeichen dieses Bekenntnisses, das von der Gemeinde so laut und irinig im Chore vorgetragen wird. Auch das. sonst nur leise hingemurmelte „Boruch schem" — darf heute laut und offen ausgesprochen werden. Leibe kennt den Grund, er besucht nicht umsonst allabendlich die En Jaakow- Vorträge. Es ist der Engel-Segensspruch, den sich Moses, als er in G'ttessphären weilte, aneignete, um ihn dann seinem Volke zu übermitteln. Allein nur im Geheimen durften die sündenbeladenen Erdenbewohner sich dieses himmlischen Schmuckes bedieneni nur leise flüsternd das Wort, . das , der Engel heilig Vorrecht, ist, aussprechen. Heute aber sind -auch sie Engel, sünderifrei. und der Erdenlast ledig, wozu hoch fürchten und zagen und so geheimnisvolltun: wozu das große Wort, dä.s sich auf die Lippen drängt,';gewaltsam unterdrücken? Könnte er immer s o beten! Aber da sind die niederen Gedanken, die"' sich in sein Gehirn drängen, Gedanken ah dkh "Verdienst, an "Bär, seinen Rivalen und Todfeinjdr ja selbst an die grundehrliche, aber etwas altersschwache und längsame Stute . . . 1 ' *,' .' Uncl eine Erinnerung geht Leibte blitzartig durch den - Kopf. ■ ,.••; ... '•, -s Es war''ein trüber Herbstmorger^sEr war, die Nacht mitj (S.eiriem. ^itri Passagieren, yfllbeladehen Wagen durchgefahren. : Wßit und rbreit keine Herberge.- 'Die Passagiere: schinip^fedi über die Langsamkeit der Fährt "und duldeterr^Seinen Aut enthalt. Die Uhr ..rückte aber vor "fliicl es ,war höchste Zeit< So nahm er, wie imm^ in solchen Fällen, den Tallisbeutel, den er stets für alle Fälle bei sich führte, hüllte sich in Tallis und Tefiiiin, und widmete sich, da die Stute auf dem ihr wohlbejkannten Wege jeden Antriebes entbehrenkonnte, bequem auf dem > Bocke sitzend, seinem Gebete. Ein vörüberf ahrender Holzbauer, dem das sonderbare Gefährt, geführt von einer in Weiß gehüllten^ unheimlichen Gestalt, plötzlieh aus dem Nebel entgegenkam, erschrak so sehr, daß er vom' Wagen fiel, ein einsam des Weges ziehender Handwerksbursche, dessen Gewissen nicht so ganz rein gewesen sein mochte, versteckte sich hinter einem Baum, bis die grauenhafte Erscheinung vorüber war. Die Insassen des Gefährtes aber folgten dem Beispiel ihies Führers und fielen laut in die von Leibe angestimmten Gebete ein, so daß es durch Wald und Feld dröhnte und Berg und Tal an dem fahrenden G'ttesdienste sich zu beteiligen schienen ... Da liäm die erste Störung. Am Waldrande hügelan blieb die Stute stehen, schüttelte mit; philosophischer Ruhe das Haupt und ging nicht weiter. Die Räder knarrten und krächzten noch einmal;iund hielten nun bewegungslos still. . „Schmoneessre!" rief ein Spottvogel vom Wagen' heräb. '„Ei,, ei!" wies ihn Leibe entrüstet , zurecht, ohne das Gebet zu unterbrechen. „Ei. ei!" feuerte er auch die Stute an. Diese aber sah ihn stumm und doch vielsagend an. Er kannte genau ihre Sprache und er glaubte, sie, wie die Eselin Bileams, vorwurfsvoll sagen zu hören: „Bin ich nicht Deine Stute, mit der Du bis auf den heutigen Tag gefahren bist? Bin ich es etwa gewöhnt, Dir so zu machen? — Aber, Du weißt, Leibe, wo nicht geschmiert wird, da geht es, zumal bergauf, halt nicht!" Was blieb Leibe anders übrig? Er mußte sachte absteigen, den Schmiereimer abhängen und, immer noch in Tallis und Tef iiiin gehüllt, sich an die höchst profane Arbeit machen. Da kam ein leichter Einspänner des' Weges gefahren. Leibe erschrak so'sehr, daß ihm der Eimer -.us der Hand Heltes war kein anderer als der Rabbi, der große Rabbi Israel, der vorbeigefahren kam und ihn nun bei einer solchen Sünde, bei einer solchen Entweihung des Heiligtums ertappte. Er hätte in die Erde sinken können vor Scham ob dieser Handlung, für die er nicht einmal, da er mitten im Gebet war, just an einer Stelle, die keine Unterbrechung durch Unterhaltung zuläßt, ein Wort der Erklärung und Entschuldigung von sich geben konnte. Der Rabbi aber hielt einen Moment an. Dann hob er seine wunderbar blauen Augen, aus denen eine Welt von Milde und Güte ausstrahlte, gen Himmel und sprach laut und vernehmlich: „Großer G'tt, was hast Du doch für ein großes Volk! Schau, wie treu sie an dir hängen: selbst, wenn sie die Pferde lenken und die Wagenräder schmieren, tragen sie die Zeichen Deiner unendlichen Liebe an sich, beten sie zu Dir und lobpreisen sie Dich!" Es war ein Großer und Heiliger, der weise Rabbi Israel, der, wie kein zweiten, das Volk kannte und liebte und dessen Blick in die tiefsten Tiefen des Herzens drang . . . Pie geläufigen Alltagsgebete sind mittlerweile zu Ende und nun wird das erste, eigentliche Festgebet angestimmt. „Tikuh!" trällert der Vorbeter mit erhobener Stimme und man hört förmlich die Stimme der Posaune schauervoll durch den Raum in die Herzen dringen, „denn es ist — proklamiert der Vorbeter mit tiefem Baß ernst und feierlich — Gesetz in Israel; Gericht hält Jakobs G'tt!"_ Dann hebt ein Summen und Brummen, ein Murmeln und Flüstern an. Das stille Gebet. — Aber so gar still kann heute die' Zwiesprache mit G'tt nicht bleiben, da das Herz so voll und bewegt ist und nach Befreiung ringt. Ein seltsames Rauschen, das, wie das ruhige Plätsclxettl der Wogen, steigt und fällt, sich erhebt und wieder sinkt, ein ergreifender Chor gleichgestimmter Seelen .... : i „Uwchen ten pachdcho", betete Leibet „so lasse dies. Beben vor' Dir alle beseelen, daß Dich ehrfürchten alle Deine Geschöpfe ... daß, sie alle einen Bund schließen, um Deinen Willen mit ganzem Herzen zu erfüllen ..." :r Wie ein Pf eil schießt es Leibe durch den Kopf, wie es wohl wäre, wenn sie alle, alle den Namen G'ttes anbeteten, das Unrecht wie Rauch verschwinden ließen und der Herrschaft der Bosheit ein Ende machten. Alle, er meint, G'tt behüte, nicht seinen Konkurrenten Bär. E r ist ein Jude, ei« Bekenner des einzigen G'ttes, wie er selbst. Aber die anderen alle, der Natschalnik, (Oberbeamter), der Uradnik, die Polizisten, Prachorow, der Ofenheizer und Chomez-Käufer und noch viele mehr. Der Gedanke scheint ihm fast unfaßbar. Die Polizisten würden ihn dann nicht überall vom Platze drängen, wo Aussicht auf einigen Verdienst ist, der nimmersatte Uradnik würde ihm dann nicht die mit Schweiß erworbenen Kopeken durch allerlei Schikanen abzwicken, um sie in Schnaps umzusetzen. , (Schluß folgt.)