Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Wenn man auswandern will. Amerikaauswanderer in Berlin. Die „Religiöse Auswanderer-Betreuung Agudas Jisroel, Berlin" N. 4, Johannisstraße 8, teilt uns mit: Auä Grund unserer Vorspräche hat sich das Amerikanische Generalkonsulat' Berlin bereit erklärt, daß diejenigen Auswanderer, die auf Roschhaschana oder Jomkippur vorgeladen sind, die zu leistende Unterschrift am 28. September bezw. 6. Oktober nachholen können. Auf Wunsch sind wir bereit, den Auswanderern entsprechende Bescheinigungen lür das Amerikanische Generalkonsulat auszustellen. Das erste Jahr in USA ... (Aus einem Briefe eines Arztes an den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten.) SanFrancisco, Ende Juli 1938, Wie schwer es ist, wirklich von neuem nicht nur zu beginnen, sondern vorwärtszukommen, sieht man erst, nachdem der Beginn überwunden ist und das Vorwärtskommen anfangen soll Das ist dasselbe bei denen, denen^ es gelungen ist, in einem kaufmännischen Berufe unterzukommen, wie bei denen, die einen freien Beruf gefunden haben. Man stellt dies bei jedem einzelnen fest, und speziell auch bei den Aerzten fängt die Schwierigkeit erst an, nachdem Ai& erste Schwierigkeit des gar nicht einfach zu bestehenden Examens überwunden ist. Man darf sich darüber keinen Illusionen hingeben, daß das wirkliche Eindringen und sich Anpassen an eine doch im Grunde völlig fremde Welt für Menschen in meinem Alter außerordentlich schwer ist und Zeit verlangt. Hierzu trägt auch die neue Sprache bei. Wenn ich zweifellos auch inzwischen manche Fortschritte gemacht habe, und in der normalen Unterhaltung gut vorankomme, so fängt doch die Schwierigkeit sofort da an, wo das Gespräch sich über Allgemeinheiten hinaush/swegt, und man merkt seine Unzulänglichkeit nicht nur selbst mit Verdruß, sondern ist sich auch darüber klar, daß man auch für andere ein nicht hundertprozentiger vollwertiger und interessanter Gesprächspartner ist. Im übrigen muß dankbar anerkannt werde«., daß der Amerikaner sowohl geschäftlich wie gesellschaftlich dem ungelenken Sprecher gegenüber von einer rührenden Geduld ist, und stets voll Bewunderung die sprachlichen Leistungen des „Newcomers" anerkennt. Aber andererseits darf, um ehrlich zu sein, nicht verkannt werden, daß der dauernde Zustrom doch die Begeisterung der anfänglichen Hilfsbereitschaft sehr zu dämpfen beginnt, und man vielleicht sogar anfängt, sich ein wenig dadurch bedrückt zu fühlen. Es beginnt mit den immer mehr eingeengten und einengenden Vorschriften für die Niederlassung ausländischer Aerzte, denen man es immer schwerer macht, weil man mit Recht oder Unrecht ihre Konkurrenz fürchtet, so daß möglicherweise bald überhaupt jegliche Niederlassung verhindert sein wird, weil man die Erfüllung der Vorbedingungen hierzu unmöglich macht. Es ist nur zu hoffen, daß die Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage, von der man augenblicklich wenigstens schon als von einer Möglichkeit spricht und schreibt, auch tatsächlich eintritt; damit zum mindesten die Wirtschaft wieder aufnahmefähig wird und die Voraussetzungen auch für die anderen Berufe damit geschaffen werden. Denn es xst und bleibt dasProblem, die Neuankömmlinge beruflich unterzubringen. Und solange im Hintergründe'- das Heer der Arbeitslosen'wartet, von zusätzlicher Einstellung gar nicht zu reden, kann man sich schwer dem Argument entziehen, daß die Anstellung eines Neuankommenden, belastet mit mangelnden Sprachkenntnissen, mangelnden einheimischen Geschäftskenntnissen usw. kaum oder gar nicht zugemutet werden kann. Es gehört deshalb außerordentliche Zähigkeit dazu, Sich nicht entmutigen zu lassen und immer wieder von neuem Besuche zu machen, wo einem auch immer Gelegenheit dazu geboten -wird; und so hört man dann auch von vielen, daß sie endlich nach langem Suchen etwas gefunden haben. Es ist schwer, von hier aus nach drüben zu raten, was zu tun sei, und mit was zu beginnen, denn jeder Fall liegt anders, jede Veranlagung ist anders, und. selbst, wenn man sich darauf beschränkt, zu sagen, daß das Günstigste immer noch ganz besondere und wenig allgemeine Spezialkenntnisse, sind, ist damit auch noch wenig Konkretes ausgesprochen. Erfreulicherweise ist die Grundeinstellung des Amerikaners eine durchaus optimistische, und so ist anzunehmen, daß bei "den ersten Anzeichen einer wirklichen Besserung sehr schnell voranschreitet und die Arbeitsmöglichkeiten sich schnell verbessern Verden. Aber wie dem auch sei, der Lebenskampf in all seinen Sphären und Aeußerungen wird immer hart und erbittert sein. Es ist wirklich in der Welt merkwürdig eingerichtet oder vielmehr uneingerichtet: — Kleine Länder mit viel Menschen und wenig Reichtümern haben ihre Wirtschaftsnot und große Länder mit relativ wenig Bevölkerung und unbeschränkten Hilfsmitteln haben die gleiche. Wenn man einmal durch dies blühende Kalifornien z. B. fährt und sieht Meilen und Meilen von riesigen Wäldern, von unbebauten Feldern, vergegenwärtigt sich, daß hier Oel gefunden wird und Gold, und daß anderswo alles an Rohstoffen, Metallen, Getreide, Früchten usw. vorkommt, was der Mensch überhaupt braucht, daß unbeschränkte Wasserkräfte zur Verfügung stehen, daß das Volk fleißig, arbeitsam und intelligent ist, und daß auf diesem ungeheuren Raum überhaupt nur etwa 120 Millionen leben, so wundert man sich wirklich, daß es überhaupt so etwas ähnliches wie eine Wirtschaftskrise hier gibt. Nun ist allerdings diese Krise in ihren Auswirkungen auf den Verbrauch hier wesentlich anders als anderswo, weil der Lebensstandard im Durchschnitt ein ganz anderer und die Wirtschaft eine ausgesprochene „Verbrauchs"- und keine „Vof^ats"wirtgchaft ist. Das heißte jeder lebt von der Hand in den Mund. Private Vorräte an Haus- oder Leibwäsche, wie das in Deutschland üblich ist, kennt man hier überhaupt nicht, stattdessen ist der Umsatz in allen Dingen, die das Leben vereinfachen und verschönern, ein ungeheurer. Ob' es sich da um neuartige Rasierapparate, um Waschmaschinen, Radios, Büromaschinen oder Autos handelt, ist keinerlei Unterschied, und so ist es schon ein deutliches Zeichen einer Wirtschaftskrise, oder umgekehrt, besser ge-" Sagt, eine Wirtschaftkrise drückt sich dadurch aus, daß der gutgestellte Amerikaner sich nur jedes zweite Jahr statt jedes Jahr und der weniger gutgestellte sich jedes dritte Jahr statt jedes zweite Jahr seinen „alten" Wagen gegen einen neuen umtauscht. Trotzdem aber muß man sich von der Vorstellung freimachen, daß Amerika immer noch das Land sei, das von Milch und Honig fließt. Beides ist zwar in unbeschränkten Mengen vorhanden, aber man muß sich doch sehr hart bemühen, wenn man ihres Segens teilhaftig werden will. Um noch kurz von meinem Privatleben zu spre: chen, sei noch hinzugefügt, daß wir inzwischen auch eine passende und hübsche Wohnung gefunden haben, zu deren Vorzügen es auch gehört, daß man von ihr einen Blick auf die berühmte Bay von San Francisco hat. So sehen wir von unserem Fenster aus Waser und Himmel und Berge, und alles das, verschönt von der kalifornischen Sonne — die übrigens hier in San Francisco beileibe nicht immer scheint — bietet einen' immer wieder neu bezaubernden Anblick. Neulich hatten wir sogar Gelegenheit, einen Teil der amerikanischen Flotte, in Gestalt von über 70 stolzen Kriegsschiffen zur Besichtigung durch den Präsidenten Roosevelt sozusagen an unseren Fen» stern vorbei in die Bay einfahren zu sehen. So gibt uns unsere Wohnung auch wieder Gelegenheit, dann und wann neue und alte Freunde bei uns zu sehen. Und wenn die Geselligkeit natürlich in denkbar einfachstem Rahmen stattfindet, so dient sie doch dazu, sich mehr und mehr heimisch zu fühlen und das Leben persönlicher zu gestalten. Es versteht sich von selbst, daß bei der Versorgung des Haushalts die ganze Familie mitzuwirken hat ... * * * Aus einem Brief des Lubawitscher Rebbe., Ich ersuche Sie hiermit, alle Bekannten, welche bereits ausgewandert sind oder auszuwandern gedenken, zu verständigen, daß ich gerne erfahren möchte, wie sie sich in ihren neuen Aufenthaltsorten eingeordnet haben, wie sie den Anforderungen des jüdischen Lebens, besonders aber der jüdischen Kindererziehung nachkommen konnten. Ich bin gerne bereit, ihnen nach Möglichkeit behilflich zu sein, denn gerade das Einleben in der neuen Heimat, wo man keine Bekannte hat, läßt für Kindererziehung wenig Zeit übrig, Nachdem es nun der Allmächtige so gefügt hat, daß ich in vielen Städten gute Bekannte habe, so könnte ich mit Leichtigkeit veranlassen, daß diese mit Rat und Tat den Emigranten in Fragen der jüdischen Lebensführung und jüdischen Kindererziehung zur Seite stehen. Es ist selbstverständlich, daß ich keine Garantie für eine sichere Hilfeleistung übernehmen kann, ich bin aber bereit, alles zu tun, was in meinen Kräften steht. Die Auswanderer mögen mir daher folgende Angaben machen: 1. Namen und Adressen der Eltern und ihrer Kinder. 2. Welche religiöse Einrichtungen in ihrer neuen Heimat fehlen oder ausbesserungsbedürftig sind. 3. Adresse und Namen des Bethauses, in welchem sie beten. 4. Name und Adresse des dortigen Rabbiners. Die Angaben können in jeder beliebigen Sprache gemacht werden; müssen aber genau und deutlich geschrieben sein. Der Allmächtige möge mir zur Seite stehen, den Auswanderern die nötige Hilfe angedeihen zu lassen. Rabbi I. Schneersohn, Lubawitsch Otwock, Prussa 6 (Polen). Korrespondenzen. Deutsches Reich. Das Ausscheiden der jüdischen Handelsvertreter. Berlin, 20. Sept. Am 30. September treten die Maßnahmen des Gesetzes vom 6. Juli 1938 über die Ausschaltung der jüdischen Vertreter aus der deutschen Wirtschaft in Kraft. Danach haben, wie die Zeitungen berichten, lediglich in den-großen Städten, in denen kein Stadthausierschein eingeführt ist, auch nach dem 30. September jüdische Vertreter noch die Möglichkeit der geschäftlichen Betätigung. Eine Reihe von großen Städten, so auch Berlin, hat aber als Ersatz für den Wandergewerbeschein bereits den Stadthausierschein eingeführt.' Nach einer Uebersicht des Instituts zum Studium der Judenfrage gab es in Deutschland nach der letzten Berufs- und Betriebszählung von 1933 115 000 Handelsvertreter und 150 000 Handlungsreisende als Gefolgschaftsmitglieder. Von diesen 265 000 Vertretern waren nach amtlichen Schätzungen etwa 110 000, also vierzig Prozent, Volljuden. Am stärksten war ihr Anteil im Textilhandel, im Weinhandel, im Versicherungsgewerbe, in der Schuhindustrie und dem Schuh-* handel und im Handel für gebrauchte Kleider und Haushaltungsgegenstände. Kandidaten zur Ablegung sowohl der wissenschaftlichen als auch der pädagogischen Prüfung für das Lehramt an jüdischen höheren Schulen von Fall zu Fall zugelassen werden können. Soeben hat auf Grund der erwähnten Regelung erstmalig eine pädagogische Prüfung stattgefunden. Ihr unterzogen sich ein Kandidat und drei Kandidatinnen, die sämtlich das Examen bestanden haben. Jüdische Lehrer für höhere Schulen. Berlin, 17. Sept. Die Schulabteilung der Reichs vertr etung der Juden in Deutschland teilt mit: Wie vor einiger Zeit mitgeteilt, wurde durch Erlaß des Herrn Reichserziehungsministers vom 15. Dezember 1937 die Möglichkeit geschaffen, daß jüdische Vom „Seier Sikaron". Berlin, 21. Sept. Wie bereits mitgeteilt, hat der K. K. L. ein „Sefer Sikaron" für die judischen Gemeinden Deutschlands eingerichtet (siehe Wochenrundschau in Nr. 37). Wie mitgeteilt wird, haben sich sofort nach Veröffentlichung des Aufrufes eine Reihe von Großgemeinden zur Eintragung in das Gedenkbueh gemeldet, darunter die Gemeinden Mannheim, Hamburg, Köln, Stuttgart und Beuthen. Auch der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs hat sich in einem besonderen Beschluß der Aktion angeschlossen. Die meisten dieser Gemeinden haben dem KKL namhafte Spenden für den Erwerb des Bodens für Tel Sikaron übergeben. Die Mitglieder des Hamburger und des Mannheimer Gemeindevorstandes äußerten ihre Absicht, sich bei der nächsten Vorstandssitzung geschlossen ins „Sefer Sikaron" einzuzeichnen. G'ttesdienste an den Hohen Feiertagen. Wien, 18. Sept. Die Kultusgemeinde erläßt folgende Bekanntmachung an die Gemeindemitglieder: Die Leitung der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien hat alle Vorbereitungen getroffen, um die G'ttesdienste in den einzelnen Synagogen würdig zu gestalten. Die in den vergangenen Jahren von der Kultusgemeinde sowie von sonstigen Institutionen und Tdmpelvereinen eingerichteten temporären G'ttesdienste entfallen. Auch mehrere Bethausvereine haben ihre Tätigkeit eingestellt. -_ /