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Der Israelit · 1938-09-22 · Heft 38 (22.9.1938) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 38 Der Israelit 22. September- 1938 'Nil (Gewißheit) aufheben? Dagegen war nichts zu sagen. Die strikte Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit Rabbi Chajims war von allen Schichten der Bevölkerung so sehr anerkannt, daß er irn Jahre 1905 bei einem allgemeinen Streik sowohl von den Arbeitgebern wie von den Arbeitnehmern zur Schlichtung angerufen wurde und die Arbeiter sich willig seiner Entscheidung unterordneten. Auf seine Liebe zur absoluten unabdingbaren Wahrheit war es auch zurückzuführen, daß Rabbi Chajim, diese anerkannte Thoraautorität, nur ungern an halachische Entscheidung und die Ausarbeitung von religiösen Gutachten heranging. Er fürchtete, daß er mit seiner blitzartigen Fassungsgabe die Dinge vielleicht anders sehen könnte und in diesem Falle sich in Gegensatz stellen müßte zu anderen Thoragrößen. So überließ er die grundlegenden Entscheidungen Anderen. In einem strittigen Falle wandte er sich einmal an Rabbi Jizchok Elchonon, den „Kownoer Raw", bat ihn aber um kurze Entscheidung ohne theoretische Grundangabe. Er fürchtete, gegen die Begründung vielleicht in eine polemische Diskussion eingehen zu müssen, dagegen war für ihn die glatte Entscheidung einer so anerkannten Kapazität ohne weiteres maßgebend. Ein Wort noch über die Stellung Rabbi Chajims zum Chassidismus. Er war, wie sein Vater, ausgesprochener „Misnaged", Misnaged aus der Weltanschauung heraus, wie er sie von Vätersvätern seit dem Wilnaer Gaon übernommen hatte. Das Achtungsverhältnis zwischen ihm und den chassidischen Führern seiner Zeit konnte aber gleichwohl kaum übertroffen werden» Besonders der Führer der Ladyer Chassidim, der Y'M' Rabbi Schneiersohn, wandte sich sehr oft mit halachischen Anfragen nach Brisk Rabbi Abramski, jetzt in London, erzählt, wie er einmal dabei war, als im Brisker Rabbihaus eine telegraphische Anfrage von Rabbi Schneiersohn eintraf. Rabbi Ghajim beantwortete die Frage sogleich telegraphisch, und da die Rückantwort bezahlt war, fügte er noch einige Freundschaftsworte auf eigene Kosten hinzu, um dem Chassidimrabbi seine Verehrung zu zeigen. Rabbi Chajim sah im Chassidismus einen aufbauenden Faktor im Judentum, über den man nicht hinweggehen durfte. In Brisk gab es ein Chassidimstübel der „Karlin er", die sich durch die Andacht und Inbrunst ihrer Gebete besonders auszeichneten. Rabbi Chajim selbst hatte mit dieser Gemeinde nichts zu tun, aber er schickte seine Kinder und Enkel oft dahin damit sie „richtig beten lernten,"- Von der Beliebtheit und Anerkennung, die er selbst In den linken Kreisen, denen er oii genug den Wahrheitsspiegel vor Augen hielt genoß, zeigte deren Verhalten bei seinem Ableben. Als die Kunde vom Tode Rabbi Chajims nach Minsk gelangte, wünschte die A g u d a s J i s r o e 1, daß die Gemeindeverwaltung im Plenum zu einer Trauersitzung zusammentrete. Die Vorsteher fürchteten aber aus Erfahrung, daß Mitglieder des „Bund" vielleicht Protest erheben, wodurch das Andenken des Großen entweiht werden könnte. So nahm man erst Rücksprache mit seinem damaligen Fraktionsvor sitzenden L i w a k. Liwak sagte: „Trauerfeier für den Brisker Raw? Wir alle von der linken Partei werden in corpore uns daran beteiligen. Fürchtete ich nicht meine Fraktionskollegen, so würde ich selber eine Gedenkrede halten auf den Mann, den ich als den gerechtesten Menschen und den größten Menschenfreund unserer Zeit kennengelernt habe." Zwanzig Jahre sind seitdem in die Lande gegangen. In den Tagen, da wir klagen: nrrrcyn rm d^ki ms nnoa ■»was denkt manch einer im Osten, und nicht nur dort, auch an Rabbi Chajim Brisker y'">i> Betrachtungen zum Aerzteproblem. Von Dr. Curt Bamberger in Köln. I. Das Problem der jüdischen Aerzte in Deutschland, die baldmöglichst auswandern sollen, braucht kein besonders schwieriges zu sein. Zu dieser optimistischen Auffassung berechtigen folgende beiden Faktoren: Die jüdischen Aerzte in Deutschland leisten etwas in ihrem Beruf. Besondere Neigung und Eignung einerseits und andrerseits nicht zum Wenigsten die gute Ausbildung auf den vorbildlichen deutschen Universitäten haben sie zu Vertretern ihres Faches gemacht, die den Vergleich mit den Aerzten anderer Länder jederzeit aushalten. Es ist nicht wahr, daß der Arztberuf in der Welt — in ihrer Ganzheit betrachtet — überfüllt sei. Gerade der Beruf des Arztes ist einer der wenigen, die überall in der Welt wertvoll sind. Wir dürfen uns den Blick für diese erfreuliche Tatsache keineswegs durch die augenblickliche Notlage trüben lassen. Zweifellos ist die Zahl der Aerzte in vielen Zentren, besonders den Hauptstädten vieler Länder im Vergleich zur Bevölkerungszahl zu groß. Andrerseits gibt es selbst in vielen bedeutenden Staaten in den kleinen Städten und insbesondere auf dem flachen Lande einen ausgesprochenen Aerztemangel. In den weniger zivilisierten Gegenden der Erde schließlich muß m&n vielfach gefade^U von einer katastrophalen Aerztekalamität sprechen. Hier hätten besonders junge Aerzte mit Pioniergeist, gewillt, sich der Lebensform, von Kolonisten anzupassen, ein zukunftsreiches und dankbares Feld. Diese beiden Faktoren sind die entscheidenden Voraussetzungen für die Lösung des Problems .Alles weitere ist lediglich eine Frage der. richtigen Führung und Organisation. Die Frage der richtigen Führung und Organi, sation allerdings ist leider eine Angelegenheit, die zu weniger Optimismus berechtigt. Man sollte endlich einmal, eingedenk der vielen Mißerfolge bei anderen Aufgaben der jüdischen Selbsthilfe, bei der Lösung dieses Aerzteproblems neue Mittel und Wege versuchen. Man sollte von vornherein Uneinigkeit und Durcheinander, ja Gegeneinander vermeiden. Man sollte unter einheitlicher Führung den Gegebenheiten klar ins Auge sehen, kühne, weitschauende und umfassende Pläne ausarbeiten und sie . schnell aber ohne Hast und mit unbeirrbarer Zielstrebigkeit verfolgen. Werden diese Voraussetzungen erfüllt, so ist die Aufgabe schon zur Hälfte gelöst. II. Was ist zu tun? Etwa 3000 jüdische Aerzte aus dem Altreich und etwa ebensoviele aus Oesterreich sollen Deutschland verlassen und möglichst reibungslos in anderen Ländern in ihren Beruf wieder eingegliedert werden. Die erste Aufgabe wäre, mit Einverständnis der maßgebenden Reichsstellen eine Gesamtorganisation aller dieser jüdischen Aerzte, die für die Auswanderung in Frage kommen, zu schaffen. Ihr anzugehören wäre zur Pflicht dieser Aerzte zu machen. Ihr wäre die ausschließliche Aufgabe zu stellen, eine geregelte Auswanderung ihrer Mitglieder zu organisieren. Die Aufgaben dieser Wanderungsorganisation der jüdischen Aerzte wären rnannigfache. Die vielleicht wichtigste Aufgabe wäre die Klärung des Transferproblems. Die Juden in Deutschland sollten sich mehr als bisher bemühen, die Transf erfrage auch vom Standpunkt der deutschen Wirtschaft aus zu sehen. Dann wird man die gegenwärtige Sachlage eher verstehen und vielleicht auch hoffen können, daß man uns einige Erleichterungen gewährt. Man sollte aber keineswegs abwarten, bis entschieden ist, ob und wann eine solche Anfrage opportun ist, ob sie überhaupt ein Ergebnis hat und welches, sondern man sollte ganz unabhängig davon alles das tun, was in den eigenen Kräften steht. Und da wäre die zweite wichtige Aufgabe die schnelle und umfassende Ermittlung der bestehenden Nachfrage. Es wäre ein ungefährer Plan aufzustellen, auf welche Länder die ca. 6000 Aerzte möglicherweise verteilt werden könnten. Dann müßten die Regierungen der in Betracht kommenden Zielländer — möglicherweise durch das intergouvernementale Komitee in London, das hier alsbald eine Probe seiner Möglichkeiten ablegen könnte — gebeten werden, ihren Beitrag zur Lösung des Problems zunächst nur in folgender Form zu leisten: Durch Rundfunk und Presse — und auch auf dem weniger aussichtsreichen Instanzenwege — soll sie sich an die Mittel- und Kleingemeinden und besonders an die Verwaltungsstellen des flachen Landes wenden: „Wo fehlt ein Arzt? Wo besteht Bedarf nach einem Spezialisten? Tüchtige jüdische Aerzte aus Deutschland sind bereit, zu Euch zu kommen! Seid Ihr bereit, ihnen für ein Jahr Darlehen zu gewähren, die es ihnen ermöglichen sollen, über die Anfangsschwierigkeiten hinwegzukommen?" Ich könnte mir vorstellen, daß das Echo einer solchen großzügig durchgeführten Aktion ein unerwartetes ist, daß nämlich die Nachfrage größer ist als das Angebot. Wer dies als unberechtigten Optimismus ansieht, möge erst den Gegenbeweis führen. Allerdings müßten sich viele Aerzte von der falschen und verderblichen Vorstellung freimachen, daß nur in der größten Großstadt das Leben lebenswert sei. Die dritte Aufgabe, die Verteilung der angebotenen Stellen auf die Bewerber dürfte zwar nicht ganz einfach sein, ist aber bei gutem Willen zu lösen. Daß die einzelnen Regierungen, sofern sie erst einmal der Werbeaktion zugestimmt haben, von den von ihrer Bevölkerung gewünschten Bewerbern übertriebene Examina verlangen werden oder daß sie gar für diese die Einwanderungserlaubnisse verweigern werden, ist nicht anzunehmen. Weitere Aufgaben wie Sprachkurse, Studium der Kultur, Sitten und Lebensverhältnisse der Zielländer sind von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, bedeuten aber keine Schwierigkeit- III. Daß ein Mißerfolg erzielt werden wird, wenn erst wieder die verschiedenen Organisationen und Parteien im Judentum mit ihren verschiedenen Unterorganisationen und Spezialreferaten die Aufgabe an sich zu ziehen versuchen werden, ist so gut wie sicher. Man wird vor vielen Beratungen, Konferenzen, Beschlüssen, vor Meinungsverschiedenheiten, Kompetenzstreitigkeiten, Gutachten, Speziälgutachten und Obergutachten usw. keinen Schritt weiter kommen. Was nottut, ist klare Erkenntnis der Gegjelenheiten, schnelle Durchführung konstruktiver Ideen und Entschlüsse und ein gesunder und bei dem vorliegenden Problem durchaus berechtigter Optimismus.

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