Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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22. September '1938 TTTISST De r I s r a e Ii t Nr. 38 Seite 5 - - ■ - -iii KEREN HATORAH ist der Treuhänder des jüdischen Volkes für die Erhaltung seines nationalen Gutes vom Sinai. Helfet dem KEREN HATORAH! V Keren Ha t o r ah, Ha m b u r g,H e i nr i ch Bart h s t r a ß e 2 1 ,P o s t sc h e c k ko n to: Hamburg 24753 *™h» Er mußte öfters größere Wagentouren machen, und die Rebbezin gab ihm einige Kissen mit, damit er bequemer sitze und nachts besser schlafe. Als er mit dem Wagen zur Stadt hinausfuhr, kam. eine arme Frau und jammerte ihm vor, ihre Tochter stehe vor der Verheiratung, und. sie habe keine Federn, kein Bettzeug für die Ausstattung. „Hiter nehmet sie," sagte der Rä&bi, und gab ihr die Kissen hinaus, Als Rabbi Chajim nach einiger Zeit mit dem Wagen zurückkehrte, fragte seine Frau, wo die Kissen •seien. „Wahrscheinlich gestohlen," versuchte er zu scherzen. Da jammerte die Frau: „Wenn wir noch wenigstens die . guten Kissen für einen guten Zweck, etwa für die Ausstattung : der ärmen Braut gegeben hätten, s4att daß sie den Dieben in die Hand kamen." Darauf der Rabbi: „Beruhige Dich, liebe Rebbezin, die Kissen sind in die Hände der armen Braut gekommen, ganz wie Du es eben gewünscht hast ..." Diese Geschichte erzählte man sich fahrelang in Brisk und Umgegend, und sie würde auch dann das Wesen Rabbi Chajims genau zeichnen, wenn sie sich auch nicht ganz so verhalten haben sollte. Eine seiner einschneidenden Maßnahmen in Brisk nach dem großen Brand war, d?iß Verlobungen nicht deswegen aufgelöst werden durften, weil der Brautvater infolge des Brandunglückes die versprochene Mitgift nicht mehr aufbringen konnte. Rabbi Chajim, der in religiösen und halachischen Dingen kein Paktieren kannte, konnte die größten Konzessionen machen, wenn es sich, um die Rettung von Mensche nie b e n handelte, auch in Krankheitsfällen. Es geschah einmal in der Kriegszeit, daß fünf Juden unschuldigerweise vor das Kriegsgericht gestellt wurden. Mit fünftausend Rubel wäre die Sache beizulegen gewesen, einer Summe aber, die damals in der kritischen Zeit nur durch die wenigen noch Wohlhabenden hätte aufgebracht werden können, diese aber verhielten sich passiv. Rabbi Chajim griff zu einer radikalen Maßnahme. Er ließ am Jomkippurabend in allen Synagogen der Stadt nicht eher mit Kol Nidre beginnen, als bis die nötigen Gelder gezeichnet waren. Die fünf Unglücklichen, deren Leben auf dem Spiele stand, waren, bevor noch der erste Ton des Kol Nidre-G'ttesdienstes erklang, gerettet. Als Freunde einmal sehr leise und vorsichtig ihm zu verstehen gaben, daß er ihrer Meinung nach bei religiösen Konzessionen in Krankheitsfällen zu weit gehe, sagte er in seiner treffenden lakonischen Art: „Ich bin kein b^fr' (nehme es in religiösen Entscheidungen nicht leicht), sondern ein großer TSfiB (nenme es senr schwer) auf' dem Gebiete von WS} nip^S- {wo es sich um Lebensgefahr handelt). Diese unerschöpfliche Menschen- und Friedensliebe Rabbi Chajims hatte aber mit schwächlichem Nachgeben um jeden Preis nichts zu tun. Die Wahrheit mußte bei all dem zu ihrem Rechte kommen. Und seine aufrechte Hälltung auch Hochgestellten gegenüber, trug ihm größte Ächtung auch in anderen Kreisen, ja auch bei jenen hohen Herren ein, vor denen er sich nie beugte. Er war der nnKn par excellence, in der Lehre wie im Leben, Auch darin zeigte er etwas von jener klassischen ursprünglichen Art, die wir iTPJIEWl nennen. In Erinnerung ist, wie er sich weigerte, Professor Daniel Ch wo) - sokti anzuerkennen. Daniel Chwolsohn war eine populäre Figur im russischen Judentum des vorigen Jahrhunderts. Aus Jeschiwa und Beshami drasch hervorgegangen und bis zuletzt im Besitze großen Thorawissens, war er zur russischen Kirche übergegangen und brachte es bis zum Professor, ja auch bis'zum Rektor des Priester se mi n a r s in Petersburg und: Mitglied der Synode. '"' Sein Einfluß im Zarenhof war groß, und er setzte diesen Einfluß, oft auch gegen Widerstände kämpfend, für seine früheren Brüder ein. Bekannt ist sein großes, grundlegendes Werk zur Verteidigung der Juden und des Judentums gegen die Anschuldigung des Ritualmordes in russischer Sprache, das den Juden in der Tat viel genutzt hat. Chwolsohn beanspruchte die Anerkennung und die Achtung der russischen Rabbiner, spielte gerne sein Marranentum aus und wollte, ehrgeizig von Natur, glauben machen, daß er sich lediglich im Interesse der Juden bis an diese Stelle vorgewagt hätte. Von ihm ist das Wort bekannt: ■ wsu xh *6>o "»fnimw irai 'Sis 'rsäinsij nVip -tj7' wobei er - THSIÜ im Sinne von brauchte. In der jüdischen Welt, besonders unter den Rabbinen, war man geteilter. Meinung über dien Dualismus Chwolsohns. Als er sein Jubiläum feierte, gab es auch viele Rabbinen, die ihm Glückwünsche sandten. Rabbi Chajim ließ sich aber durch keine Argumente dazu bewegen, ein Glückwunschtelegramm an Chwolsohn zu unterzeichnen. „Ich verkehre nicht mit Renegaten", war sein striktes und letztes Urteil. Er hatte sich auch nie dazu bereitgefunden, ein Huldigungstelegramm an den Zaren aus Anlaß von Rabbinerkonterenzen mit zu unterschreiben. Daß er recht behielt, zeigte sich daran, daß nie eine Antwort von Petersburg, ja auch nur eine Bestätigung der Huldigungen eintraf. Die Liebe zur Wahrhaftigkeit Rabbi Chajims ging oft auf Kosten seiner eigenen Person und seiner Familie. Während des Krieges gelang es, ein Gesetz zu bewirken, wonach die jüdischen Geistacacn genau wie die anderer Konfessionen vom Militärdienst befreit wurden. Es gab viele Jeschiwäjünger, die sich damals um Rabbinatsiegitimationen bewarben und diese auf Grund ihrer Kenntnisse auch erhielten. Rabbi Chajims Sohn, Rabbi Seew, derzeitig Nachfolger seines Vaters in der Gemeinde Brisk, ebenso sein Schwiegersohn, Rabbi Hirsch Glücksmann, waren damals in militärpflichtigem Alter und hatten gewiß die rabbinische Befähigung. Aber der Vater lehnte es ab, sie zu diesem Zweck zu Rabbinern zu machen. Es widerstrebte ihm, eine Konzession, an deren Erreichung er mitgewirkt hatte, für sich und sein Haus in Anspruch zu nehmen. Rabbi Chajim konnte bei aller Friedsamkeit seiner Natur unentwegt und mit Aufbietung aller ihm eigenen Energie für die Wahrheit eintreten. Er kämpfte für die Sache, aber nie gegen'Menschen. Als einmal einer der Jüngeren unter Anklage revolutionärer Umtriebe verhaftet wurde, kam dessen Mutter weinend zum Rabbi und bat ihn um Hilfe. Rabbi Chajim wurde von vielen Seiten gewarnt, sich in diese heikle. Sache einzumischen. Er aber faßte die Sache rein halachisch auf: Daß das Leben des Angeklagten gefährdet ist, steht sicher; ob die Einmischung mir schaden könnte, ist zweifelhaft, ist nur Vermutung. Wie kann dann in nn&Q3 ,3',*T (wo es um Leben und Tod geht) ein pso (Zweifelfail) ein gesucht, heraufbeschworen, herbeigezwungen, wo er von selbst sich gar nicht eingestellt hätte! Wir haben auch gegen Jezer hora gesündigt. Zur Jahreswende, ,'■!■'" ' Von Rabbiner Dr; M.; Lewin in Hamburg. 'f»Vs "x n'iaa; npav^ „Daß du ja hinübertrittst, in den Bund des Herrn deines G'ttes.'' Das war Mosches Abschiedsgrußi an Israel, das Volk seiner Liehe, und Fürsorge. Ein Sammelruf an, alle Klassen und -Stande über alles Trennende hinweg unentwegt an dem einen und gleichen Ziele festzuhalten, das bedingt ist durch hingebende opferwillige Treue gegen den Bund, den der Herr am Sinai mit dem Volke seiner Wahl für ewige Zeiten geschlossen. Und dieses Wort unseres unsterblichen Lehrers bleibt auch uns, die wir wieder an der- Wende zweier Jähre stehen, mit all' unsern Wünschen und Hoffnungen zwischen Furcht und Zuversicht schwebend,, ein. Aufruf zu innerer Festigkeit und Sammlung, die,! Zielsrichtung für unsere Ewigkeitsaufgabe, die immer die gleiche ist und nie von der Gestaltung' unseres Erdenschicksal" abhängig ist. ' m Mehr denn je, wissen wirs, das neue Jahr bringt neue Aufgaben, .neue, Wandlungen und neue Ziele. Verschieden werden! die Wege sein, die nüser Persönliches Schicksal, unser eigenes Begehren und Wünschen uns' vorzeichne.t,—; aber :e i n Weg muß uns - allen als „ unverrückbar der gleiche sein: , den Bund mit unserm G'tte tfh'd' seiner heiligen Lehre in Treue und Reinheit zu hüten.. Hier darf es' .keinen Wandel gehen, mag auch noch so sehr sich unsere Zukunft wandeln, unsern G'U' und das, was mm an Ihn kettet,'müssen'wir uns über alles |wahren. Das ist auch die sicherste Lösung aller Zükunftsfragen, die am Feste der Jahreswende uns bewegen, wenn wir in G'tt den festen Pol in der Erscheinungen Flucht sehen und mit der frommen gläubigen Hanna aus vollem ,Herzen und mit zuversichtlicher Seele sprechen: „Er ist G'tt, der arm macht und reich, der erniedrigt und wieder., erhöht." Dieses Geborgensein beim himmlischen: Vater, der unser Sorgen und Sehnen kennt, ist jener wundersame Schatz, den uns jUnsere.; yäter aus. alter Zeit als kostbares Erbe hinterlassen' haben, daß wir uns in allen Fährnissenunseres!^echselvollen Lebens wieder aufrichten und vertrauenssicher .in;', die dunkle ungewisse Zukunft blicken. G'tt ist der Gestalter unserer Schicksale, der uns und, was uns lieb und wert ist, trägt und hält, diesen Quell der Zuversicht dürfen wir nimmer verlieren. Sehen wir nicht, wie Hagar in der Wüste am Ende doch einen Quell findet, um den nach einem Tropfen Wasser lechzenden Ismael zu laben, wo sie alle Hoffnung auf Hilfe und Errettung ihres Sohnes aufgeben. „Alle," sagen unsere Weisen, „sind blind, 'ehe G'tt ihre Augen öffnet." Wir sind nicht dem Ungefähr und Zufall . blindlings preisgegeben, sondern weise Vorsehung waltet auch über eines jeden ■ Schicksal und Ergehen, das ist und bleibt unser ' Hoffnüngsqüell, den wir nimmer aus den Augen lassen1 dürfen, daß er uns nie versiegb „G'tt sieht,'' „auf dem Berge G'ttes wird gesehen," wer sich, au deni Höhen der jüdischen G'ttesgewißheit erhebt. Und vollends wo es um Israels Gesamtheit geht, — da spricht doch' ünsefe Geschichte deutlich genüg t durch' -das-Wunder' unserer Erhaltung von Ihm, der Stammvater Abraham auf dem Berge Moria die Ueberzeügung .eingeflößt—„Der Herr prüft gerade den : Frommen," den, der zum hochragenden Glaubenshelden erhoben werden soll, als Beispiel und Vorbild allen Zeiten Und Geschlechtern. Es ist gewiß ein entsagungsreicher opfervoller Weg, den das Abrahamsvolk seinem Ahn gleich zu wandeln hat, aber doch um im Feuer der Leiden gestählt und geläutert zu werden. So verliert unser jüdisches Weh seinen Stachel —, nur müßten wir alle unsere jüdisqhe'Aufgabe in ihrer Ganzheit, erfassen und erfüllen., Die heiligen Schofarklänge, die am Sinai zuerst ertönten, wollen uns am Feste des Jahresanfangs aufrütteln und unser jüdisches Selbstbewußtsein heben, daß: wir zur Selbstbesinnung uns durchringen und unser.jganzes Leben unter das Diktat unserer heiligen Lehre stellen. ' . -i. Wir hören den Schofar und es erwacht in uns das heiße Sehnen und Verlangen nach dem Schofarklang der Welterlösung und WeHbefriedunrf wie unserer Sammlung und Heimkehr nach des verheißenen Landes gesegneten Fluren. Nicht aber dürfen wir es vergessen: Abraham hat den Weg zum Moria voll überwunden, darum hat er es vernommen; „Jetzt weiß ich es, daß du den Herrn fürchtest." Der Schofarklang muß auch uns zur Heimkehr in unser Judentum treiben; „daß allenthalben Israels •Kinder in ihr Gebiet zurückkehren." Heimkehr in unser Judentum, so wie es Lehre und Tradition uns .vorgezeichnet haben, sollen wir am Roschhaschana. erfassen und auch aus den Posaunenstößen unserer rZeit als Lösung unserer jüdischen Aufgabe und unseres jüdischen Schicksals. „Es gibt einen Löhn für dein Wirken," das bleibe die Hoffnung für unsere Zukunft. . . ■ .• ' . . inViW? n_» .. ,