Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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22. September 1938 Der Israelit Nr. 38 Seite 3 Roschhaschana im Wandet der Zeiten. ^Fortsetzung yoh Seite 1») Und heute? Uns fehlen leider die großen G'ttessänger, die mit der Kraft des Wortes unserer Zeit Ausdruck gäben. In uns reißt sich zuweilen aus aufgewühlten Gründen einiges auf, das über die Lippen kommt und uns ein Stammeln abringt. Jede Zeit hat eben ihre Slichoth, ob gesagt und gesungen, oder auch nur innerlich empfunden. Aus dem Schicksalgebete des Rabbi A m n o n trat, je nach der Zeit und ihren Wehen, einmal dieses, einmal jenes Wort aus der Reihe in den Vordergrund unserer inneren Welt. Vier Jahre, es ist noch nicht so lange her, blitzte uns das mn2 'D drohend vor Augen. Heute lautet das Gebet unserer Gebete: jn 11 'Q1 ritt' 'Z3' Wer wird Ruhe finden, wer wird unstät bleiben? . . . Und wieder steht, wie zu Beginn der Slichoth- Aera, die Akeda im Mittelpunkte unserer heiligen Feste. Wir haben auf dem Boden unserer Heimat in den.letzten fünf Jahren dreihundert Akedahaltäre errichtet. Und es ist gewiß kein Trost für uns, daß neben Jizchak Ismael in noch weit größerer Zahl Akedoth aufzuweisen hat. W i r w e ine n auch um Ismael im heiligen Lande, denn auch er is't Opfer, Opfer einer Hetze, Opfer eines Geistes der Verwirrung, der über die Menschen gekommen ist ... Und dennoch frohe Gebete.' „Ehre Deinem Volke!", „Freude Deinem Lande!" Ueber Tag und Stunde erhebt sich der ewige Gesang, er reicht aus glorreicher Vergangenheit und weist in die weite Zukunft und schaltet unsere kleine Gegenwart in die goldene Kette von Vergangenheit und Zukunft ein. Sichronoth reichen bis zur weitesten Vergangenheit zurück, Schofaroth weisen bis in die fernste Zukunft hin. Dazwischen stehen wir, Kinder einer geschichtlich schweren und bedeutsamen Zeit, mit unseren Malchujoth, unserer G'tteshuldigung, deren Grundton ist; ■pa^ 'n nna i^ani Wochenrundschau, Sicherheitsschutz und Sabbat. — Keine voreiligen Illusionen. — Wer zieht die Grenze? — Jubiläum Petach Tikwahs. — „Am Roschhaschana wirds geschrieben". Der „Kofer Hajischuw", unter welchem Titel der neu organisierte Sicherheitsschutz in Erez Israel sich entwickelt, hat, wie schon oft mitgeteilt, auch in den orthodoxen Kreisen des neuen wie des alten Jischuw ein verständnisvolles Echo gefunden. Wie die religiösen Poalim sich aktiv in die Reihen der Verteidiger stellten, so hat auch das religiöse Bürgertum seine Beisteuer zu diesem Werke reichlich fließen lassen. Im Jerusalemer „Kol Israel" werden einige Fragen ventiliert, die die Sonderstellung, richtiger die Sonder einstellung der religiösen Mitglieder der Sicherheitsfront betreffen. Daß diese religiösen Menschen auf Initiative der Poarle Agudas Jisroel mit zuverlässig ritueller Kost versorgt werden, vernahmen wir aus den Zeitungen als Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt die Sabbatfrage. Fraglos ergeben sich bei diesem schweren gefährlichen Dienst Situationen, die unter dem Gesichtspunkte von mp'a (Lebensgefahr) anzusehen sind. Wer zieht aber hier die Grenze? Mit Recht werden im genannten Bktte die legitimen und zuständigen religiösen Föhrer aufgerufen, genaue Richtlinien zu diesem Zwecke auszuarbeiten, damit der Sabbat nicht der Willkür einiger „Befehlshaber", die die Verteidigungsarbeit verteilen und denen der Sabbat weniger bedeutet, ausgeliefert ist. Und noch eines; Es gibt lebenswichtige Stützpunkte in Erez Israel, die bis zum Letzten verteidigt werden müssen, aber auch andere, für die vielleicht das Wort R. C h a j i m Sonnenfelds h>"St gilt: „Lieber # ein paar Steine oder ein paar Dunam Erde verlieren, als nur ein jüdisches Menschenleben!" Auch hier muß eine scharfe Grenze gezogen werden, und diese Aufgabe obliegt den Leitern und Kennern des Jischuw. Da haben wir zwei Beispiele: C h a n i t a und P k i i n! Chanita, eine blutjunge Niederlassung, die ihre Lebensfähigkeit noch unter Beweis zu stellen hat, hat uns bereits ein gutes Dutzend von Menschenopfern fi'ekostet, Pkiin dagegen, ein uralter Stützpunkt, wurde ohne lange Ueberlegung aufgegeben. Wer «at hier die Direktive gegeben, zu halten und zu räumen? Die Oeffentlichkeit hätte Interesse daran, die Einheitslinie, auf der der jüdische Sicherheitsschutz in Erez Israel auf- und ausgebaut wird, kennenzulernen. Iin Zusammenhang mit der neuen Judengesetzgebung in Italien verbreiteten sich Gerüchte, daß das italienische Kolonienministerium eine große Ansiedlung von italienischen und in Italien wohnenden Juden in Abessinien plane. Die Gerüchte haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten und sind von zuständiger Stelle weder dementiert noch bestätigt worden. Sie mögen ' wohl darauf zurückzuführen sein, daß bei der Bekaiiütgebuflg des Gesetzes AböS" sinien und Ostafrika nicht mit einbezogen wurden. Da die ausländischen Juden in Italien schon spätestens am 12. März 1939 das Land verlassen müssen, so ist anzunehmen, daß, wenn an der Sache etwas ist, man schon bald Näheres darüber erfahren wird. Es war in jener Bekanntmachung angekündigt worden, daß weitere Beschlußfassung in der Judenfrage der am 1. Oktober im Palazzo Venezia stattfindenden Tagung des Faschistischen . G r o ß r a t e s' vorbehalten bleibe. Die bereits veröffentlichte Tagesordnung für diese entscheidende Sitzung weist als ersten Punkt „Probleme der Rassenpolitik" auf. Man erwartet, daß auf dieser Tagung sich auch das Schicksal der Triestiner Juden entscheiden wird, von denen die Mehrzahl erst im Juni 1919 nach Unterzeichnung des Vertrages von Saint German italienische Staatsbürger geworden sind. Aber spätestens an diesem Datum wird man auch erfahren, was an jenem angeblichen Plane der Judensiedlung in Abessinien Wahres oder Unwahres sei. Bis dahin liegt kein Grund vor, Illusionen zu wecken, die zu Enttäuschungen führen könnten. Petach Tikwah, die Mutter der jüdischen Kolonien, kann am Roschhaschana auf ihr öüjähriges Bestehen zurückblicken. Vor kurzem brachten wir auf der Seite .unseres Blattes, die den Erez Israel- Belangen gewidmet ist, eine längere, anschauliche Schilderung der Entwicklung der Kolonie, ein Kapitel schwerer Prüfungen und heldenmütigen Ausharrens. Was wir bei dem 60. Geburtstag Petach Tikwahs mit Stolz und Freude betonen möchten, ist, daß diese Niederlassung auf ihrem Entwicklungswege zur Mittelstadt sich stets treugeblieben ist. Sie war als Kolonie von Anfang an ein Zentrum jüdischen Geistes. Schon im Dorf Petach Tikwah blühte <£as orthodoxe Schulwesen unter dem Pädagogen Mosche Auerbach, und heute als Stadt beherbergt Petach Tikwah vortrefflich geleitete Jeschiwoth und Talmud Thora-Schulen, sowie einen großen Kreis von frommen thoragelehrten Bürgern und Kolonisten, die sie heute erst recht zu einem Zentrum thoratreuen Lebens machen. Möge der Geist Sorach Barnett s, der mit Einsatz seiner ganzen Kraft und Persönlichkeit vor 60 Jahren die kleine Kolonie gegründet und, Schritt für Schritt um jede Spanne Boden kämpfend, sie hoch gebracht hat, heute noch die Sechzigerin beseelen, daß von ihr Strahlen für das ganze Land ausgehen. Im „Hazofeh" vom 10. Ellul lesen wir folgende Unterhaltung zwischen Vater und Sohn: Sohn; Vater, darf man am Simchas Thora und Roschhaschana schreiben?" Vater: „Nein, wie kommst Du darauf?" Sohn: „Hier eine Ergänzung zu den Gedichten Chaim Nachman B i a 1 i k s und hier die Verse, die unten das Datum tragen: „Tel Awiw, Simchas Thora 685, und „erster- Tag Roschhaschana 685". Dazu der „Hazofeh" weiter: „Bialik fügte sich nicht dem Diktat der Thora, er dichtete, wenn der Geist über ihn kam und ließ sich vom Tage des Gerichtes nicht darin hemmen. Freilich hätten die Herausgeber es nicht nötig gehabt, das Datum dieser Lieder zu nennen, nachdem Bialik auch in Misrachischulen gelesen wird. Das Format Bialiks wird dadurch nicht im geringsten geschmälert." So weit der „Hazofeh". Wir wollen uns hier nicht mit Bialik befassen. Wir wollen uns hier auch nicht mit den Herausgebern auseinander setzen, die Wert darauf legen, die Geburtsstunde des Gedichtes am Roschhaschana 5685 den jungen jüdischen Lesern mitzuteilen. Festnageln müssen wir aber die Bemerkung des „Hazofeh", der die poetische Festentweihung durch den nationalen Dichter als selbstverständlich annimmt, sich nur über die Unvorsichtigkeit der Herausgeber, die das Datum nicht verschwiegen, ärgert, — wegen des schlechten Eindrucks auf die Misrachischüler, und im übrigen betont, daß „das Format Bialiks dadurch nicht geschmälert wird." Ob auch das geistige Format des „Hazofeh", dessen Hauptmitarbeiter R. B. vom „Hahed" ist und dessen Geist und Gehalt R. Meir Berlin mit seinem Namen an der Spitze deckt, dadurch nicht geschmälert wird? Unser Weg. Von Jacob Rosenheim in London.*} nUnser Weg" — der Weg der „Agudas Jisroel" ist der Weg des jüdischen Volkes "durch das Golusleid der Jahrtausende der Erlösung entgegen. Hätten nicht vor mehr als einem Vierteljahr - hundert die Führer der heimgegangenen Generation den Ruf zur Gründung der „Agudas Jisroel" ergehen lassen — heute würde aus allen Lagern, aus der Mitte der Jugend vor allem die Sammlung der Thoratreuen um. das Banner der Thora als einziger Rettungsanker in der Not der Zeit laut gefordert werden. Denn wer empfände es heute nicht, daß in der finsteren Golusnacht, die mit ungeahnter Schnelligkeit über die Judenheit aller Länder hereingebrochen ist, nur zwei Licht^terne uns den Weg weisen und Licht spenden können, dieselben, die schon Vater Jaakow seinen Söhnen dereinst verkündete, als Golusnacht seinen Blick in die Zukunft verschleierte. wattn - iX3j??7 Der Zusammenschluß der Einzelnen zu einem organisierten Ganzen und die Feststellung der Grundsätze für alle politische Arbeit dieses Ganzen durch iy»WV durch *) Der Artikel erschien in der ersten Nummer der in Warschau neugegründeten ägudistischen Monatsschrift „Unser Weg" in jiddischer Sprache. das Hören auf die Stimme der Thora, die Stimme der Ueberlieferung. Das ixnpn zuerst! Noch immer gibt es Tausende ehrlicher Juden, auch in Polen, die es selbst in dieser fürchterlichen Zeit übers Herz bringen, sich von der Gesamtheit, dem einzig wahren Z i b b u r der um die Thora Gescharten, abzusondern, die aus Unverständnis und Gleichgültigkeit, aus persönlicher Abneigung, manchmal sogar aus U2TI sich ihre „eigenen Anhöhen" erbauen und außerhalb der Reihen der „Agudas Jisroel" verbleiben zu dürfen glauben. Wie wollen diese Tnxn p ü'Bniö vor dem nVjTö bw p*7 bestehen, wenn der Schofarruf am Tage des Gerichtes die Frage an sie richtet, ob sie der ixnprh Aufforderung endlich jetzt, im Augenblick höchster Not für den K 1 a 11, entsprochen haben! Und es gibt andere, — vielleicht zählen sie ebenfalls nach Tausenden — die sich zwar C h awerim der „Agudas Jisroel" nennen, die aber die Konsequenzen aus diesem Bekenntnis in Geist, Gefühl und Tat noch lange nicht ehrlich gezogen haben. Dem wahren Agudisten wird heute der K 1 a 11 der nächste Anverwandte sein, wird der Trummas Chower, die Steuerleistung an die Aguda die heiligste tfK 5T3üö ipKD itw 'Feuer der tttPHj? flammende