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Der Israelit · 1938-09-15 · Heft 37 (15.9.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 37 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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1928 mußte jeden Morgen das Wasser aus der Zysterne in die Wasserleitung hinaufgepumpt werden. Am Kranen in der Küche hing ein Beutel, der' die Würmer der Zysterne auffing. Ungekochtes Wasser konnte schwere Erkrankung bringen. Bad und Elektrizität gab es nicht. Ein Petroleum-Oefchen im Winter galt schon als Eruungenschaft der Neuzeit. Das Radio lieber Nachbarn störte noch nicht den Schlaf. Die Straßen hatten noch keine Namen und die Häusel' keine Nummern. Nur gemütlich. — Nur nicht eilig. — Wie lange ist es her, daß der Esel die Reise von Jerusalem nach Jaffa vollführte? Das hieß Vorbereitung auf zwei Tage und nicht auf zwei Stunden. Das hieß Gomel benschen bei der Ankunft in Jaffa. Letzteres freilich ist 1938 wieder nötig geworden. Ein Stück Entwicklung. Zu Anfang des Jahrhunderts lebten die meisten Juden Jerusalems innerhalb der Mauern der Altstadt und von der Entwicklung nach draußen zeigten sich erst Ansätze. Dr. Grünhut1) schilderte im Jahre 1906 die jüdischen Ansiedlungen außerhalb der Mauern wie folgt: Jemin Mosch eh (nach Moses Montefiore) mit einigen hundert Seelen, von der Alliance Israelite Universelle im Dorfe Siloa angesiedelte zwanzig Jemeniten-Familien, nahe dem Jaffator Nachlath-Schiwah mit dreißig Familien und dem Stiftungshaus Ohel David (zehn Familien), das durch Tore des Nachts abgesperrte Meah-Schearim mit einigen hundert Familien anlehnend die ungarischen Häuser, Beth-Israel (einige hundert Familien aus Rußland), Schaare-Henak (jemenitisch), in der Jaffastraße Ewen-Israel (sefar disch), Suckoth-Schalom, Mischkanoth, dann Maskereth Moscheh und Ohel Möschen (nach Moses Montefiore, der die Baukosten vorstreckte), Sichron Tumijah (zwanzig Häuser), Machneh Jehuda, Schaare-Zedek mit dem bekannten Spital, ein jemenitisches und persisches Quartier £.us Holz- und Blechbuden, das kleine Beth-Jaakow, Pelite Russijak, südöstlich' davon die schöne von sechzig vermögenden, teils reichen Familien bewohnte bucharische Kolonie.5) Im Jahre 1928 gab es bereits außer dem bucharischen Viertel noch eine Reihe schöner jüdischer Viertel, nämlich Sichron-Moscheh, Romemah und die Vorstädte Talpioth, Kirjath Moscheh3) (Montefiore genannt) u. v. m. Der alte jüdische Friedhof in Rom. Der zum südlichen Teile Roms gehörende, heute 48 Mtr. hohe Aventin gibt dem Italienwanderer verschiedene Veranlassung, ihn aufzusuchen. Näher a wir uns dem Hügel von Norden her, so haben wir zur Linken den sieh in südöstlicher Richtung erstrekkenden Platz, auf dem einst '(an den Palatin gelehnt) der Circus Maximus stand, in welchem die entsetzliche Feuersbrunst ausbrach, die allgemein auf Neros Sündenregister" gesetzt,,von Nero selber aber den Christen zugeschoben wurde. Genau im Süden des Aventin befindet; sich die Porta St. Paolo, d. .i die alte Porta Osüensis, an der unabsehbar viele geschichtliche Erinnerungen haften. Dies Tor wies im . Altertum auf das hochbedeutsame Ostia, neben Puteoli (heute POZZUOÜ) der größte Hafen und Handelsplatz der Römer. Bei der Malteser^Villa befindet sich der bekannte und mit Recht gepriesene „Durchblick'': durch das mit Messing eingefaßte Loch oberhalb des Gartenschlüssellochs sieht man auf die riesig aufragende Peterskuppel, die sich ausnimmt, als stände sie am Ende der Hauptallee des Gartens. Letzterer spricht uns in eigener Weise an; wir vermeinen, in einem Zauberreich zu wandern, — so still und einsam, so ganz uns selbst und unseren Träumen überlassen. Ungezählte Male schon bin ich an diesen geschichtlich interessanten und so überaus malerischen Stätten gewesen, und wiederholt habe ich auch den alten jüdischen Friedhof aufgesucht, der — westlich vom Circus Maximus — neben diesem sich erstreckte und z. T. noch erstreckt, einen weiten, prächtigen Anblick gestattend. Das letzte Mal bin ich hingegangen, um mich unter den Ornamenten der alten Grabdenkmäler umzusehen. des Deutsch - Israelitischen Waisen- *) Direktor hauses. -) Während des Weltkrieges verarmt. 3) Von misrachistischen Kreisen angelegt» Es war e,;n Frühlingstag, der . zwischen Lachen und Weinen schwankte; recht passend JHi solchem Wandern. Der Duft der feuchten Erde konnte den der unfern gelegenen Gasanstalten überwinden und im Verein mit dem zarten Grün von neuerwachtem Leben Zeugnis ablegen. Auf den Grasflächen grüßten mich unsere Gänseblümchen, und Schmetterlinge benutzten die Regenpause zu heiterem- Gaukeln. Sonst alles eine große Einsamkeit. Dort unten die Riesenstadt — aber scheinbar weit entrückt. Wenn man den Friedhof erreicht hat, ist die c m verschlossenen GHUt angebrachte Glocke zu ziehen. Es dauert eine Weile, bis jemand auf dem langen Gange vom Wärterhaus 'her erscheint und das Tor öffnet. Die Pflanzungen zu beiden Seiten des Weges erfreuen unser Auge und geben zu mancherlei Fragen Veranlassung. Dar Führer fragte bescheiden, oh er mit mir gehen dürfe. Seine Neugier war unverhohlen, als er Papier und Bleifeder in meiner Hand bemerkte, und wurde noch größer, als ich ihm meine Wünsche mitteilte. Als ich bei schön herausgearbeiteten Akanthusblättern verweilte, machte mich jener auf die Löwenfüße des marmornen Denkmals aufmerksam, auf mein Papier hinblinzelnd, als wollte er sich überzeugen, daß ich auch wirklich von den Löwen Notiz nähme. Natürlich! — sind diese doch ein ganz besonders vornehmes Element in jüdischen Ueberlieferungen. Als Jakob in letzter Rede zu seinen Söhnen sprach, sagte er: ,,Juda ist ein junger Löwe. Du bist hochgekommen, mein Sohn, durch große Siege." (1. Mose 49, 8). Im 2, Chronik 9, 19 19 heißt es; „Zwei Löwen standen neben den Lehnen. (Es galt die Beschreibung des Hauses „Vom Walde Libanon"). Und zwölf standen daselbst auf den sechs Stufen zu beiden Seiten." — Bei einem der Gräber halten Löwen eine Palme, Bei einem andern sehen wir zwei Lö wen. von denen der.eine in einen Turm steigt, während der andere erst hinaufklettern will. Ziemlich am Anfang unserer Wanderung kamen wir zu einer „abgebrochenen" Säule, über der - ungemein zutreffend — Trauerweiden im Wind wehten. „Salia piangenti" (Tränenweiden)^ sagte der Führer leise. — Auf einem Sarkophag ruht ^3ie lebensgroße Gestalt eines jungen Mädchens. Der Saum des Kleides ist mit Sternen verziert, welche schöne Dar Stellung nicht ausschließen konnte, daß nach italieni scher Sitte eine Corona di zinco, d. i. ein. unschöner Kranz aus Zink- und Perlenblumen gestiftet war. Es ist auf allen Friedhöfen Italiens ein uns befremdender Anblick, wie neben prachtvollen Denkmälern diese Kränze und andere ähnliche Dinge in Ueberfülle anzutreffen sind. So auch hier, wo ein benachbartes Grab eine unter runder Glasplatte verborgene, in Seide gestickte Widmung erhalten hat Auch die Sitte, oder Unsitte, de^n Verstorbenen durch seine ausgestellte Photographie zu ehren, fehlt hier nicht. Nun kommen wir zu einem Grabmal, das Tempelform zeigt. In der Höhe sind zwei Tafeln angebracht: auf der einen Tafel lesen wir „Onora tuo padre e tua madre" (Ehre deinen Vater und deine Mutter); auf der anderen stehen hebräische Schriftzeichen. Zweimal ist da oben auch jenes Ornament vertreten, das in der ganzen Welt, bei Kultur- und Naturvölkern, von jeher heimisch war: das sog. Sonnenzeichen. Ein einfacher oder mehrfach gezogener Kreis mit einem Mittelpunkt. Ob dieses Ornament (das oft nur bloße Verzierung sein will) in diesem Falle dem Gedankengebiet angehört, auf dem anderwärts das Sonnenzeichen gleichbedeutend mit g'ttlicher Schöpfung, Leben, Ewigkeit usw. ist, muß ich dahingestellt sein lassen. Vielmals kommt die gesenkte Fackel vor; ebenso oft die zum Teil verhüllte Urne oder der zum Teil verhüllte Sarkophag. Mein Führer gab in treuherziger Weise seine Meinung darüber ab; das Verlöschen des Lebenslichtes und die Heimlichkeit* der Totenwelt erschienen -ihm treffend angedeutet, und •mit allergrößtem Eifer,machte er mich auf Wiederholungen aufmerksam. Dort ein Stein ,,con mehoral" Damit ward dersiebe'namaige Leuchter bezeichnet, der. selbstverständlich oft vertreten ist. Nöahs Taube, die über einem Grabe schwebte, gab uns wieder neuen Gesprächsstoff; wir fanden übereinstimmend, daß dies ein schönes Sinnbild sei. — Auf vielen Gräbern standen Lampen, recht verschieden in Form' und Farbe, meist hellblau oder grau, manche mit großer Glocke, andere einem gewöhnlichen Wasserglas entsprechend. Das „Gedächtnislicht" und der Zusammenhang zwischen Licht und Seele wurde von uns erörtert und gleichfalls als sehr bezeichnend gefunden. „Und es macht "mir Freude, über so etwas zu sprechen," sagte der Mahn. — Ordentlich strahlend eilte er zu einem Grabe, dessen vier bronzene Denkmalpfeiler ie von einer Flamme gekrönt sind, was wohl den Peehpfannen oder Fackeln bei feierlichen Begebenheiten gleichkommt.;Vorn am Denkmal hängen zwei aus Stein .gemeißelte Lampen, ebenfalls mit herauszürigelnden Flammen. Auch das Sonnenzeichen ist vertreten. In der Mitte des Giebels sehen wir eine ebenfalls aus Stein gemeißelte Lampe, in jener Form, die wir von den Callistüs- und anderen Katakomben her kennen. Leider ist! der Eindruck dieser Stätte stark beeinträchtigt durch die lebensgroße Photographie des Verstorbenen, die unsern Blick sogleich auf, sich zieht und in ihrer verblassenden, unkünstlenschen Art die Schönheit des Denkmals kränkt. Ein schönes, schmiedeeisernes Gitter umschließt ein Grab, dessen Piatte ein Bündel Mohn zeigt; , der sinnbildliche Charakter des Mohns ist bekanntlich sehr weit verbreitet. Auch sonst ist der .Mohn a.v< diesem Friedhof oft vertreten. Ferner das geflügelt Stundenglas und natürlich das Zeichen Davids oder der Bundeslade (zwei ineinander geschobene Dreiecke), von meinem Begleiter „il nodo di Salomone" genannt. E:;iNDenkmal bildet ein großes; Ruhekissen (auf dem Sarge). . Bei den gesonderten Gräbern der Rabbinen wurde ich auf eine ansehnliche fortezza (Festung) aufmerksam gemacht, zu der Löwen gehörten. Auf der Platte eines anderen Grabes ist ein Schmetterling einge meißelt. V, Z. KURIOSA. Wir lesen im Berliner „Jüdischen Gemeindeblatt" vom 4. September: „Das Gebetbuch für die Synagoge mit neuem Ritus präsentiert sich in einer neuen Form-. In der Gestaltung des Inhalts, angelehnt an das im Jahre 1929 im Auftrag des Liberalen Kultusc-usschusses herausgegebene sogenannte Einheitsgebetbuch, von dem es die Fassung der Gebete zum größten Teil übernommen hat und dem es bezüglich deren Anordnung in der Hauptsache folgt, weist das vorliegende Buch doch so bemerkenswerte Neuerungen auf, daß eine neue Ausgabe gerechtfertigt wird.'' Also seit 1929 nicht viel hinzugelernt! Und in der Johannisstraße zu Berlin kann man noch gut schlafen. Die G'ttesdienste der Reformgemeinde am Roschhaschana sind, nach der Ankündigung im Organe dieser Gemeinde, auf 10 Uhr vormittag angesetzt. Man sollte meinen, daß der Schofar unserer Tage uns schon etwas, früher aus dem Schlafe reißt-. Aus einer Großgemeinde in Deutschland lesen wir in einem jüdischen Blatte folgenden Bericht: „Die Organistenstelle in der Hauptsynagoge ist nue zu besetzen. Am letzten Schabbat saß der bekannte jüdische Pianist, Musikpädagoge und Mitbegründer der Orchestergemeinschaft, Herr . . . ., im Rahmen des G'ttesdienstes zum ersten Male an der Synagogenorgel. Die Offenhaltung .der Hauptsynagoge ist durch das Ergebnis des Spendeneingangs aus Besucherkreisen jetzt wieder bis zum 31. März 1939 gesichert." Dieser „letzte Schabbat" brachte uns den Wochenabschnitt „Schoftim", in dem gleich zu Anfang im Anschluß an die Einsetzung der Richter vor fremden Kulten vor dem Altare G.'ttes gewarnt wird. Und der Leser fragt sich, ob es nicht an der Zeit gewesen wäre, die Offenhaltung der Synagoge ohne Neubesetzung eines Postens, der in vielen Gemeinden aufgehoben ist, zu sichern. Herr Dr. S. H. in G. schreibt uns: Natürlich ist der „Israelit" vollkommen im Recht mit seiner Ableitung des Wörtchens „Osser" aus dem Hebräischen. Wenn trotzdem von einem Einsender dieses Wort nochmals aufgegriffen wird, dann beileibe nicht etwa, um nun einen philologischen Streit darüber zu entfachen, sondern um auf eine wirklich kuriose Erscheinung hinzuweisen. ' Daß nämlich in bestimmten Gegenden Süddeutschlands „Osser" eines der am meist angewandten Worte ist. Daß es aber fast nie allein gebraucht wird, sondern immer zusammengefaßt in den lapidaren Satz: „Osser, sagt Schiller". '! Ganz wohl scheint es aber den Benutzern dieses „Ein-Wort-Zitates"v selbst nicht dabei zu sein, es Schein^ daß sie -gelinde Zweifel hegen, ob es wirklich auch tatsächlich, aus Schülers gesammelten Werken stamme. . '• . Und so zirkuliert in; eben dieser besagten :Gegend eine gleichfalls zu geflügeltem Wort gewordene Scherzfrage: „Wo sagt Schiller osser?11 und die^ Antwort-darauf lautet: „Wo Goethe nebbich sagt". Und da das eine sowohl, wie das andere nicht stimmt, soll damit wohl ausgedrückt werden, daß osser Schiller irgendwo und irgend wann einmal osser" gesagt hat. Von anderer Seite wird uns geschrieben: Die Redensart „osser sagt Schiller" kommt offensichtlich aus der Haskalazeit im. Osten. Als die Berliner „Aufklärung" über, die Ostgrenze hinweg; bts zu den Jeschiwoth drang, fingen viele Jünger' an, deutsch zu lernen — nicht aus Lehrbüchern, sondern gleich aus Schiller und Goethe. Die 'R^densan karikiert den Bachur, der bei der mühsamen/ Lektüre von „Don Carlos" sich freut, dem ihm vertrauter, „osser" (o Sire) zu begegnen. . .

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