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Der Israelit · 1938-09-15 · Heft 37 (15.9.1938) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 37 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Nummer 37 1938 Schime Teiteles zahlt Gemeindesteuer.... Von Alice Landsberg in Wiesbaden. Schime Teiteles war das ärmste Mitglied der jüdischen Gemeinde in einer nicht allzu großen Stadt; im Allgemeinen wenig beachtet, führte er ein Händlerdasein, das ihm ein dürftiges Heim ermöglichte. Einstmals, so vor zehn oder fünfzehn Jahren besaß er mehr, wenigstens in menschlicher Beziehung, nämlich fünr Kinder und eine gute Frau, die ihm sein bischen Hab und Gut zusammenhielt. Aber es lag nicht in des Ewigen Wille, Teiteles im Besitze seiner Schätze zu lassen, denn in einem Jahr verlor er Weib und Kinder durch den Tod. Und weil er fromm war und sich dem Beschluß des Mächtigen demütig unterwarf, wurde er nicht bitter, sondern fand jene bewundernswerte Heiterkeit des Armen, die sich der Reiche mit allen Schätzen der Welt nicht erkaufen kann. Mit allem zufrieden, was das Geschick ihm gnädig schenkte, hatte jedoch auch er eine Eigenschaft, die sein Wesen ein wenig närrisch werden ließ und von ihr soll hier die Rede sein. Dreimai im Jahre erschien Schime Teiteles im Gememdebüro, um seine Steuer zu bezahlen. Man wendet gegen diese Behauptung ein. daß ein solch armer Teufel, der sich kaum das dürftige Brot verdienen konnte, gar keine Steuern zu bezahlen hatte, daß man vielmehr, wenn es nach Richtigkeit und nicht nach dem Stolz des Schime gegangen wäre, ihn hätte noch unterstützen müssen. Aber wie gesagt, war Teiteles sehr stolz, der einzige Luxus, den er sich gönnte. Deshalb „zahlte" er Steuer und die gutmütigen Menschen im Büro machten den „Spaß" eben mit. Die Szene spielte sich folgendermaßen ab; Teiteles betrat mit frommem Gruß das Büro* ärgerte sich, daß der Gemeinderechner sich genierte, an der Türe die Mesusah anzubringen und verachtete ihn um dieser Scheu willen nicht wenig. Er überwand dieses periodisch wiederkehrende Gefühl, putzte die Füße an der Matte ab und schloß die Türe. Die paar Schritte bis an das Holzgitter, das den Büroraum in zwei Teile trennte, von denen der eine dem Rechner, der andere dem Publikum diente, waren rasch getan und hier stand der Teiteles freundlich wartend, bis die Schreiber ihre nötigste Arbeit getan hatten und sich mit dem Alten befassen konnten. Frage und Antwort waren schnell erledigt. Teiteles gestand seinen Wunsch ein, seine fällige Steuer zu zahlen und man holte das alte Buch, in dem noch eine Seite leer war Ünd an deren Kopf der Name Achime Teiteles geschrieben stand. Man konnte ausden Eintragungen ersehen, daß Teiteles bereits seit zehn Jahren ehrlich seine Steuer „bezahlte" und zwar jedesmal die Summe von zehn Mark, was ein erkleckliches Sümmchen ausmachen würde, wenn er in Wirklichkeit das Geld bezahlt hätte. Zuerst aber sprach man von diesem und jenem und Teiteles schimpfte gehörig über jene Juden, die ihrer Gemeinde, obwohl sie es nicht nötig hatten, das bißchen Steuergeld vor* enthielten und nach so und soviel Mahnungen erst unwillig herankamen, um ebenso abgeneigt wie zornig die paar ^Pfennige zu zahlen. Er würde das niemals tun, sagte er und ballte die Faust auf dem Holzgitter wie zur Bestätigung. Dann griff er hastig m die Tasche. Bei dieser Bewegung stockte er stets — das war seit drei Jahren, seit jener schmale Blasse ins Gemeindebüro eintrat, dem es heute noch leid tat, was er dem Schime angetan hatte, denn er hielt sich seit jener Szene stets im Hintergrund. Hatte er doch damals, noch ein Neuling im Büro, den Alten angefahren und gesagt, ob er Possen mit ihm treiben wollte. Bei einem Einkommen von Null zahle man Null — ja, das war für den Teiteles damals wenig erfreulich gewesen, wenngleich einer der Kollegen des Blassen herbeigeeilt war, um den Spielverderber zurückzuschieben, den man vergessen hatte einzuweihen. Das Gesicht des Alten in seiner stillen Verzweiflung hatte der junge Mann aber nie vergessen. Deshalb beugte er den Kopf tiefer auf seine Bücher und sah nicht mehr, wie Teiteles zufrieden einen kleinen Papierpacken aus der Tasche klaubte und auf den kleinen Holzvorstoß ati def Kasse legte. Er packte mit steifen Fingern das Papier aus. Viele Münzen, kleine und große, enthielt das Päckchen, alles in allem genau abgezählte zehn Mark. „Sie werden entschuldigen, daß es so viel Kleingeld ist." sagte Teiteles jedesmal mit leichtem Erröten, und man entschuldigte. Man zählte genau die Pfennige zu den Pfennigen, Groschen zu Groschen und Mark zu Mark. Aufbrausend meinte Teiteles, es sei eigentlich viel zu wenig. Man überlege, rief er aus, die jüdische Gemeinde, die mit väterlicher Hand, die wenigen verstreuten Juden zusammenhielt zu einer Familie, benötigte doch zum Aufwand dieses Heimes einige Geldmittel. Das müßte jeder Jude bedenken. Wie in tiefem Sinnen verharrte Teiteles vor diesen Pfennigen, die er Jahr um Jahr zusammensparte, bis er vor zehn Jahren die Summe beisammen hatte und sie zum erstenmal zum Gemeinderechner brachte. Damals kostete es Mühe, sein Bestreben zu verstehen, die Sehnsucht nach heimatlicher Berechtigung, nach dem tiefen jüdischen Gefühl zu ermessen, das noch beute in Teiteles nach so viel Schicksalsschlägen ruhte. Denn er wollte,' indem er das bißchen Habe treudig der Gemeinde übermittelte, nicht nur Mitglied der jüdischen Gemeinschaft der Stadt hier sein, nein, dadurch wurde er das Glied der großen Gemeinde aller Juden in der ganzen Welt, ein Gefühl, das ihm mehr wert war, als die wenigen Lebensmittel, die Kohlen an kalten Tagen, die er sich hätte von diesem Geld erkaufen können. So zeigte er, der ärmste Jude der Gemeinde, der reichste Mensch jedoch in des Ewigen Augen, die Verbundenheit mit dem Volke Israel, das er liebte in Freude und Leid . . . Es wäre weniger komisch in den Augen der Schreiber, wenn sie den verlegenen Blick Teiteles in seinem dürftigen Häuslein gewahr würden in jenem Augenblick, in dem er das Papierbündelchen mit den Pfennigen wieder in seiner Manteltasche fand, wohinein der Rechner es ihm heimlich wieder steckte. Aber das gehörte schon nicht mehr zu jener Stunde, da Teiteles Steuer bezahlte, da war er bereits wieder der arme Händler, der im Leben nicht wieder die zehn Mark hätte zusammensparen können und nun mit dem Päckchen seit Jahr und Tag drei genußreiche Tage hatte, an denen er das gebeugte, Haupt frei und froh erhoben hielt. Ob man weiß, daß dieser Teiteles durch sein Nichtzahlen der Steuer mehr am jüdischen Volke vollbringt, als viele Reichen, die feilschend die vielen Hunderte bezahlen? Feuilletons aus einem wiedererwachten Lande. Von Saiy Geis. II. „Ein jeder tat das in seinen Augen Rechte", „Ein jeder tat das in seinen Augen Rechte", lautet der Refrain im Buche der Richter, mit denen die Geschichte im jüdischen Lande einsetzt. Nicht das vor dem Herrn des Weltalls, sondern das vor den eigenen trügerischen Augen Rechte geschah. Willkür herrschte. Jahrtausende sind seit damals verflossen. Wieder wendet sich die jüdische Geschichte dem jüdischen Lande zu. Wieder herrscht Willkür/ Ist die Sprache der Jahrtausende ungehört verhallt? Weiß man noch immer nicht, daß nur der Eine — und nicht Willkür — unserm Volka Bestand und Zukunft gibt. Damals trat von Zeit zu Zeit ein Führer auf. ein Richter des Volkes, der sein Geschick tatkräftig leitete und es zur Besinnung auf den Erretter aus Mizrajims Fron, den Einen unjü Sein Wort, brachte. Doch wo ist heute der Richter? Die sich als solche dünken, verachten den Einen und Sein Wort, lächeln über die heiligen Traditionen ihres Volkes. Im Kranz dieser Traditionen ist die. Schamhaftigkeit ein Ruhmesblatt. Ueber diese Eigenschaft staunten die Völker des Altertums das jüdische Volk an. Doch heute am Strand von Tel Awiw breitet sich modernes Badeleben aus. — und modernes Badeleben nimmt es leicht mit der Scham. Die Schönheit der Seele — ihre G'ttlichkeit — und die Reinheit des Körpers, die nicht voneinander zu trennen sind, sollen durch die Ehegesetze, wie sie dem jüdischen Volke heiliges Erbe sind, gehütet werden. Doch die Statistik der Benutzung der vorschriftsmäßigen Tauchbäder zeigt erschreckend, wieviele in der jüdischen Großstadt Tel Awiw dieses heilige Erbe nicht hüten. Speisen können schädlich auf Seele und Körper wirken. Wenn im jüdischen Volke Roheitsdelikte so gut wie unbekannt sind, so daß Roheit bei einem Juden an der Reinheit seiner Abstammung zweifeln läßt, wenn bei der Masse der Juden Menschlichkei hervorsticht, dann bewirken diese Veredlung der Seele auch die Speisegesetze. Und nun *der neue Jischuw im alen Lande! Der christliche Schweinemetzger in Jaffa konnte von seiner guten Kundschaft in den gesellschaftlichen Kreisen Tel Awiws erzählen, bis ein Jude selber Schweinefleisch einführte. Eine Anzahl jüdischer Arbeiter aber kaufte bei arabischen Metzgern, weil sie billiger als die jüdischen sein konnten. Wie schmählich spielt sich seit Jahren der Kampf um die Sabbaruhe in Tel Awiw ab? Wie kann dies auch anders sein? Die Thoratreuen sind nicht organisiert und bilden darum in der Stadtverwaltung eine verschwindende Minorität. Wer aber den Sabbat selber nicht heiligt, wird sogar bei Sympathie nur lau für ihn eintreten. Die Verjüngung des. jüdischen Volkes im Lande seiner Väter, die Befreiung von den Galuthschlacken und das Zurechtfinden zu seinen Traditionen, kann lang und kann kurz dauern, kann mit schweren Krisen und ohne Krisen vor sich gehen. Findet es aus all der Wirrnis zurück zu dem Einen — in dieser Stunde wird ihm der Friede sein. Zehn Jahre. 1928—1938 in Jerusalem.- 1928 zahlten die, die es sich leisten konnten, im arabischen Viertel Musrara für Wohnungen ohne jeglichen Komfort mehr als jetzt 1938 in den jüdischen Vierteln für Wohnungen mit jeglichem Komfort. Damals hatten dort zionistische Institutionen wie auch zionistische Führer ihr Domizil. Seit einigen Jahren ist das Viertel rein arabisch. Schade um die Strauß'schen Häuser, einer Stiftung Samuel Strauß', Karlsruhe, in der fromme und gelehrte Menschen mit ihren Familien ein Heim gefunden hatten. Als die Unruhen der neuesten Phase vor einigen Jahren begannen, 2wang Lebensgefahr auszuziehen»

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