Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1938-09-15 · Heft 37 (15.9.1938) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 37 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2451012-2451048--83959-2541997
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Nr. 37 D I -s r a e t. Ein eigentliches jüdisch-religiöses Leben gibt es hier nicht, selbst nicht unter den oben genannten Ostjuden. Man kann aber von einem regeren jüdischkulturellen Leben sprechen, dem sich einige Organisationen widmen. Man kann kurz sagen: die meisten Juden hier sind in religiöser Hinsicht neolog. Streng orthodoxem Leben stehen hier große Hindernisse entgegen, um nur ein Beispiel zu nennen: Die Eingewanderten leben weit von der Stadt entfernt und deren'viele haben über eine Stunde zur Synagoge zu laufen, was unter der hiesigen tropischen Sonne fast unmöglich ist. Eine Besserung wird eintreten, wenn sich die kleinen Niederlassungen zu Gemeinden ausbilden. . 15.^September 1938 Ein Nachschlagewerk für Auswanderer. „Philo-Atlas, Handbuch für die jüdische Auswanderung" nennt sich ein Nachschlagewerk, das die mannigfachen Tatsachen und Fragen, die den jüdischen Auswanderer hier und vor allem draußen beschäftigen, erstmalig in einem Bande gemeinverständlich darstellt und demnächst in der Reihe der Philo^Lexika erscheint (Philo GmbH., Jüdischer Buchverlag und Buchvertrieb, Berlin W 15, Pariserstr. 44). Neunzehn vielfarbige, zu diesem Zweck eigens hergestellte Landkarten vorwiegend der überseeischen Länder bilden die Grundlage des Buches. Auf etwa 200 Textspalten, in mehr als 600 Stichwörtern, werden die Länder der Welt behandelt; neben der geographischen Lage kommen vor allem zur Darstellung Klima, Ernährung und Gesundheitswesen, Wirtschaft, Verkehr und Recht, E;nwanderungsbestimmungen und Arbeitsmöglichkeiten, nicht zuletzt das jüdische Leben. Ein umfangreicher Tabellenteil enthält Uebersichten z. B. über die Währungen, die Lebenshaltungskosten, die Preise für Passage, Frachten und Postsendungen, die gebräuchlichsten Medikamente? die Verteilung der Juden über die Erde. An dem handlichen Nachschlagewerk, herausgegeben von Dr. Ernst G. Löwenthal, arbei teten Fachleute namentlich aus dem Mitarbeiterstab des Hilfsvereins der Juden in Deutschland und des Jüdischen Zentral-Vereins mit. Der Preis des Buches beträgt etwa Mk. 3.85. Anleitung für Paßbewerber. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien gibt folgende Anleitung" zur Erlangung eines Auswandererpasses: Alle Glaubensjuden,, mit Ausnahme jener, die nach Palästina auswandern, wenden sich wegen Erlangung eines Passes an die Israeli tische Kultusgemeinde Wien I, Seitenstettengasse 2—4. Glaubensjuden, deren Reiseziel Palästina ist, erhalten ihren Fragebogen beim Palästina-Amt, Wien I., Marc Aurelstr. 5. Für Nichtglaubensjuden ist die Gildemeester-Aktion, Wien I., Wollzeile 7, zuständig. Die Inanspruchnahme anderer Organisationen oder Einzelpersonen ist. unzulässig. Die Paßbewerber haben sich streng an die ihnen zugewiesenen Organisationen zu halten. Für jede über 14 Jahre alte Person ist ein besonderer Fragebogen auszufüllen; persönlich hat jedoch nur der Haushaltungsvorstand .bei, der Zentralstelle für jüdische Auswanderung vprzusprechen. Vor Aushändigung d^s;Fragebogens ist durch Erkundigungen festzustellen; ob der .Paßbewerber in absehbarer . Zeit eine 5inreisemöglichkeit erhalten kann. Eine weitere Vorbedingung ist, daß der Paßbewerber keinerlei Steuerrückstände aufzuweisen hat und die diesbezügliche Bestätigung des Magistrats über die Gemeindesteuern und Umlagen besitzt. Sollte dies nicht der Fall sein, so wird dem Paßbewerber gleichzeitig mit dem Fragebogen ein Formblatt für die Fachabrechnungsabteilnung IIb des Magistrates, Neues Rathaus, ausgehändigt. Dieses Formular wird von der Bezirkshauptmannschaft des Wohnbezirkes, bzw. auch von der Bezirkshauptmannschaft, die für den gewerblichen Betrieb zuständig ist, bestätigt. Das Paßanweisungsformular welches der Partei zusammen mit dem Fragebogen ausgefolgt wird, ist vorschriftsgemäß aüszufüllen. Jene Parteien, die kein polizeilich vidiertes Lichtbild besitzen, lassen ihre Identität beim zuständigen Polizeikommisariat bestätigen, wo die Paßanweisung und die fünf einzureichenden Paßbilder mit Namen und Adresse versehen abgestempelt werden. Der Fragebogen ist in sämtlichen Rubriken im Sinne der bestehenden Gesetze wahrheitsgetreu auszufüllen und beim Mälrikelanvte der Kultusgemeinde zwecks Bestätigung der Volljudenschaft zu übergeben. Beizulegen sind sämtliche Personaldokumente, aus denen die volljüdische Abstammung zu ersehen ist. Für die Ausfertigung der Reisepässe wird ein. 6 nach V e r m ö g e n s v e r h ä 1 t n i s s e n abgestufte Ü m 1 a g e eingehoben, die zur Unterstützung unbemittelter Auswanderer verwendet werden soll. Die Bemessung dieser Umlage erfolgt im Steueramte der Kultusgemeinde, wo dem Paßbewerber eine Anweisung an die Zentralstelle für die jüdische Auswanderung, IV., Prinz Eugenstraße 22, ausgefolgt wird. Palästina-Wanderererhalten diese Anweisung vor der Bemessung im Steueramte der Kultusgemeinde durch das Palästina-Amt, Wien I., Marc Aurelstraße 5, Der Anweisungszettel wird mit einer laufenden Zahl und dem Amtsiegel der Israelitischen Kultusgemeinde Wien versehen. Nach Bemessungder Umlage erfolgt die Vorsprache bei der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, Wien IV., Prinz Eugenstraße 22 (Amtsstunden Montag bis Freitag von 10—16 Uhr). Mitzubringen sind alle nötigen Dokumente. Parteien, die im Besitze einer Anweisung de* Paßamtes in der Wehrgasse sind, beheben ihre Reisepässe . unmittelbar bei' dem genannten Paßämte. Ebenso sind bei den einzelnen Finanzämtern eingereichte Steuerunbedenklichkeits-Urkunden unmittelbar zu beheben, Ausreisevermerke in alten österreichischen Pässen behalten ihre Gültigkeit bis zum 31. Dezember 1938, soweit sie von den Konsulaten der Zielländer anerkannt werden. Im Bedarfsfalle kann um die Ausstellung eines neuen Passes angesucht werden. In diesem Falle ist die Weigerung des betreffenden Konsula tes, ein Einreisevisum zu erteilen, einwandfrei festzustellen. Oesterreichische Pässe ohne Ausreisever merk sind bereits ungültig. Die Formalitäten betreffend U m z u g s g u t sind in der Devisenstelle, Wien I., Schottengasse 10, zu erledigen, Dortselbst ist das Verzeichnis der Wohnungseinrichtung und der Gegenstände des persönlichen Bedarfes in dreifacher Ausfertigung einzubringen. Beigelegt wird: Die Schätzungsurkunde eines amtlichen Schätzmeisters und der Nachweis über den Zeitpunkt, an welchem diese Gegenstände in den Besitz des Auswanderers gelangt sind. Gesondert von dieser Aufstellung ist im Bedarfsfalle ein Verzeichnis der Bankguthaben, Wertpapiere, Hypotheken, Geldforderuhgen, Renten, Pensionen, sowie des Grundbesitzes in doppelter Ausfertigung I dem Fragebogen beizulegen, Vorstehende Anleitung gilt in erster Linie für reichsdeutsche Staatsangehörige, Staatenlose Juden, bezw. Ausländer, denen die zuständige Konsularbehörde die Ausstellung eines Reisepasses verweigert, wenden sich um Auskunft an die Auswanderungssteile der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien. Die Dauer der Erledigung ist mit ungefähr 8—10 Tagen anzunehman. Es liegt im eigenen Interesse der Paßbewerber, daß sie kurz vor Antritt ihrer Ausreise um die Ausstellung eines Reisepasses ansuchen. Ein Brief aus den Philippinen» M a n i 1 a , 25. Januar 1938. Die Reise habe ich mit einem Schicksalsgenossen zusammen gut überstanden. Leider war unser Schiff zwei Tage zu spät in Honkong angekommen, so daß wir das Anschlußschiff verfehlten und uns noch fünf Tage aufhalten mußten. Die Sache sah für uns sehr kritisch aus, da dies den Rest unseres Geldes bedeutet hätte, denn Honkong ist recht kostspielig. Zum Glück hatte ' ich ja nunvon Ihnen zwei Adressen mitbekommen, und so waren wir sehr froh, Herrn S. zu treffen, der sich bereits seit ca. fünf Jahren dort aufhält. Er nahm uns in großzügiger Gastfreundschaft auf und half uns, wo er konnte. In Manila hatte mein Reisekollege bereits Bekannte, die vor ca. fünf Monaten dort angekommen waren und ihn auch vom Schiff abholten. Die Prüfung der Papiere durch die Behörde fand ah Bord des&Schiffes vor der Landung statt und war sehr genau. Sehr wichtig ist, sich unbedingt impfen zu lassen, was wir auf dem Schiff, wo es nichts kostete, bereits erledigt hatten, und zwar gegen Cholera und Pocken. Es kam extra eine Quarantäne-Polizei an BÖrd, die alles genau prüfte. An Land werden die Koffer dann sehr ausdauernd und gewissenhaft von der Zollbehörde durchgesehen. , Leider war, was wir ja auch schon von Deutschland wußten, die Zeit zür Reise nach Manila nicht gerade die beste. Und zwar herrscht unter den .Geschäftsleuten keine gute Stimmung. Das. rührt daher, daß im vorigen Jahre eine "ungeheuere Hausse infolge der Entdeckung und Ausbeute der Goldminen entstand, wodurch alles sehr belebt wurde. Bis dann eines Tages ein großer Krach kam, und die^ meisten Leute viel Geld verloren haben, und die Geschäfte überhaupt sehr zurückgingen. Dazu kam dann, daß aus Schanghai usw. 'ein ganzer Teil Leute hierher 0eschickt wurde, die ja schließlich auch alle irgendwo unterkommen mußten. Wir hörten, daß die hiesigen Juden seinerzeit sehr viel für diese Flüchtlinge getan haben und auch teilweise heute noch tun müssen, Denn es sind immer noch einige ohne Stellung. Wie man aber allgemein hört, ist die kritische Zeit wohl überwunden, und es beginnt wieder alles; in normalen Bahnen zu,-laufen.- .; Ich habe,mich nun c^, I4, Tage lang sehr intensiv nach irgendeiner Arbeit umgesehen. Die Art der Arbeit ist etwas' beschränkt, da man als Weißer für diverse Sachen gär nicht; engagiert wird, und auch. selbstJw'enr/ man angestellt würde, „diese Arbeiten wahrscheinlich nicht machen könnte, Die'Eingeborenen bekommen nämlich eine derart geringe Bezahlung dafür, daß davon „ein Europäer nicht leben könnte, —- ganz abgesehen vom Klima, das einem d;'e Arbeit nicht gestatten würde. Ich habe einen großen Teil Adressen schon aus Deutschland mitgebracht, aber bei allen diesen Firmen bzw.' Leuten konnte ich nichts finden. Immerhin konnte man mir überall wenigstens Ratschläge 'geben, damit zuerst nicht zuviel Lehrgeld bezahlen brauchte. Nun ungefähr 14 Tagen bin ich dann, allerdings erst probeweise, bei der Firma angekommen, die hier die Generalvertretung für dieselben Artikel hat, die ich in Deutschland vertreten habe. Es läßt sich zwar jetzt noch nicht sagen, wie dieser Versuch auslaufen wird, aber ich bin sehr froh, nun bereits auf eigenen Beinen stehen zu können und mich durch meine Arbeit als Verkäufer hoffentlich recht bald in die etwas eigentümlichen Verhältnisse und vor allem in die Sprache eingewöhnen zu können. Dies ist eins der wichtigsten Kapitel. Wenn man so als Einwanderer hierher kommt und nichts weiter hat, dann ist das einzige Werkzeug, was man ,'mit sich bringt, die Sprache. Ohne die Sprache ist jede Möglichkeit unterzukommen, vollkommen ausgeschlossen. Im allgemeinen kommt man zwar mit Englisch ziemlich durch, aber Verkäufer z. B. müssen meist Spanisch können, da ein großer Teil der Eingeborenen und besonders die älteren Leute, nur Spanisch bzw. die Landessprache Tagalok, die dem Spanischen ähnelt, spricht. Auch ich bin jetzt dahinter, Spanisch zu lernen, denn das wurde zur Bedingung bei meiner Stellung gemacht, und ich muß es in drei Monaten etwa geschafft haben. Wer also die beiden Sprachen kann, ist schon immer etwas besser dran. Trotzdem kann man nicht dazu raten, so ohne weiteres hierher auszuwandern. Denn, wie bereits, gesagt, zur Zeit ist noch alles etwas unsicher, und dann gibt es noch einen ganzen Teil Leute, die noch nichts haben. Auch mein Reisegenosse z. B, hat trotz größter, Anstrengungen noch nichts gefunden, aber wir sind auch hierin in guter Hoffnüng für die nächste Zeit und halten die Stimmung hoch. Wir wohnen zur Zeit auch zusammen und können so immer die Erfahrungen austauschen. Für Leute mit gewissen Spezialerfahrungen dürfte in manchen Fällen die Chance etwas besser sein, ich hörte z. B. die Dieselmotoren - Fachleute, dann Minen - Ingenieure und Feinmechaniker. Viel mehr kann ich bis heute noch nicht zu diesem Thema schreiben, es ist mir auch zu verantwortungsvoll, nach so kurzer Zeit schon exakte Ausführungen hierüber zu machen. Es wäre noch zu erwähnen, daß in der Provinz eher die Möglichkeit bestehen soll, unterzukommen und so auch etwas mehr zu verdienen, aber alle diese Fragen werden doch hier in Manila,-wo die meisten Firmen ihre.. Büros haben, geklärt. Dafür ist dort das ganze Leben natürlich viel primitiver und das Klima auch heißer. Hierzu kann ich nur sagen, daß sich bisher, wie ich erfahren habe, meist noch jeder an das Klima gewöhnt hat. Hier ist jetzt z. B. Winter, d. h. es ist ungefähr so heiß, wie bei uns im guten Sommer. Es ist gut, daß wir gerade zu dieser Zeit hier ankamen und uns so langsam akklimatisieren können. Ende Februar beginnt die heiße Zeit und später kommt dann eine Art Regenzeit von ca. zwei Monaten. In Manila herrschen keine Krankheiten, -und--'Malaria kennt man nicht. Man wird zwar öfter von den Moskitos gestochen (und deswegen schläft man unter Netzen), aber das hat meist keine Folgen. Frauen sollen sich schwerer akklimatisieren als Männer. Die Kleidung ist vollkommen weiß, und es hat auch wirklich keinen Zweck, sich irgendwelche anderen Sachen mitzunehmen, dagegen aber sonst alles an Sommerwäsche, was man hat. (Aus „Jüdische Auswanderung", Korrespondenzblatt des Hilfsvereins, der Juden in Deutschland.) Korrespondenzen. Deutsches Reich. Verkauf von WohnhäusernJ' Berlin, 12. Sept. Zu dieser Frage schreibt Rechtsanwalt \ Dr. Alfred Eisenstädt im-Berliner' „Jüdischen Gemeihdeblatte":; , . , .; , , ■ > 1 Die Veräußerung von Wohngrundstücken ist nach der Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden; vo;mjj26, April 1938 nur darin Jgenelimigungspflichtig, ,-wenn, es sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.