Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1938-09-15 · Heft 37 (15.9.1938) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 37 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2451012-2451048--83957-2541995
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 Nr. 37 Oer Israelit 15^ September 1938 Was in Palästina übersehen wird. Sind Verhandlungen mit den Arabern möglich? Von Rabb. Mosche Blau in Jerusalem. Wenn man nach all meinen früheren Ausführungen über Möglichkeiten einer Verständigung mit den Arabern mich fragt, ob ich einen in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Plan für diese Verständigung vorlegen könnte, so muß ich es leider verneinen. Nichtsdestoweniger scheint es mir unverantwortlich von den derzeitigen nationalen und politischen Führern des Jischuw, daß sie diesem Punkte so wenig Beachtung schenken. Woran das liegt, wissen wir in Palästina alle ganz genau. Die politischen Führer des Jischuw haben sich ganz in die Idee des Judenstaates verbissen. Sie sehen darin, ob sie es offen sagen oder nicht, die beste all%r Lösungen. Und vor lauter Judenstaatlerei werden alle anderen dringenden Fragen und Aufgaben der Gegenwart übersehen und außer Acht gelassen. Alle politischen Hoffnungen und Betätigungen kreisen einzig und allein um den Staatsgedanken, und jedes Ereignis wird ausschließlich in den Gesichtskreis dieses Gedankens gezogen. Was auch in Palästina sich heute ereignet, was im öffentlichen Leben innerhalb oder außerhalb des judischen Bereiches geschieht, immer wird die Frage gestellt: Wie wird dieses Geschehen den Judenstaatsplan beeinflussen, wird es seine Ausführung beschleunigen oder verzögern? Mit den Ereignissen des Tages findet man sich wie mit den unvermeidlichen Uebergangsleiden ab, die eben getragen und überwunden werden müssen. Daher die auffallende Indolenz dem täglichen Unheil in Palästina gegenüber. Mord, Krise und politische Niederlage, alles wird auf das Konto des Zukunftsstaates gebucht. „Ein Großes ist im Werden, wir sind bei dem Aufbau eines Staates, und wo gehobelt wird, müssen Späne fallen. 3*111 "PDSn n^KDl r\bX5mit diesem Bibelzitat quittiert man unter geduldigem Achselzucken die Leiden und Schrecken, die der Tag und die Stunde bringen. So hat es beinahe den Anschein, als gingen die kleinen und großen täglichen Tragödien den Führern, deren Augen nach der Zukunft gerichtet sind, gar nicht so sehr ans Herz. Man spricht und schreibt wohl darüber, bedauert, protestiert, das alles gewissermaßen als Konzession an die Menge, die nicht imstande ist, in großen Zusammenhängen bis zum Endziele zu denken, und die nicht weiß, daß ein Staatsaufbau eben Opfer kosten muß. Jedes neue Unheil in diesen ereignisschweren Tagen erweckt bei unseren nationalen Führern die Frage: Wird die Entwicklung des Staatsgedankens daraus Nutzen ziehen, oder darunter leiden? Kein Wunder, wenn die arabischen Opfer einer Bombe unter diesem Blickpunkte mehr interessieren und deprimieren als jüdische Opfer wilder arabischer Schießereien; sicherlich nicht aus Mangel an Bruderliebe. Die jüdischen Opfer werden gewiß aufrichtig bedauert und betrauert, aber man weiß, daß jüdische Opfer die Notwendigkeit einer reinlichen Scheidung, einer straffen Grenzziehung im Sinne des Teilungsplanes immer deutlicher dartun. Die Bomben auf den Märkten von Haifa und Jaffa und die Gefechte bei Nablus beweisen aber, so meinen die Führer des Jischuw, daß die arabische Hydra auch durch eine Teilung nicht vernichtet werden kann und daß ihr immer wieder neue Köpfe über alle Grenzen hinweg anwachsen könnten. Daraus verstehen sich alle übertriebenen Klagen über „Durchbrechung der Hawlaga", auch da, wo nicht der geringste | -Anhaltspunkt dafür vorhanden ist, daß jüdische I Hände mit im Spiele waren. Man hat keinen ernsten Verdacht gegen jüdische Brüder, aber hegen Andere den Verdacht, so treffen die Schüsse, die gegen Araber abgegeben werden, — so fürchten die Staatsanhänger —, den jüdischen Staatsgedanken, weil von böswilliger Seite damit die Unfähigkeit der Juden zur Staatsbildung und Staatsführung bewiesen wird. Inzwischen häufen sich die jüdischen Opfer, gehen jüdische Stützpunkte verloren, erleiden wir Niederlage auf Niederlage auf politischem Gebiete. Der Einfluß auf die Massen, besonders auf diejenigen, die mitten in Gefahr und Unglück stehen und nicht alles unter der Perspektive einer zweifelhaften Zukunft sehen möchte, nimmt ab. Die Konzentration aller Gedanken und Hoffnungen auf einen einzelnen Punkt führte dazu, daß man jeden Versuch einer anderen Lösung und einer Entspannung der gegenwärtigen kritischen Lage von vorhinein mit beiden Händen zurückwies. Wären wir alle so gewiß, daß der Judenstaat wirklich kommt und daß er zweitens das erhoffte Glück bringt, wir könnten uns vielleicht mit dieser Taktik, wenn auch schweren Herzens, abfinden. Leider aber trifft keine dieser beiden Voraussetzungen zu. Wir lesen täglich in maßgebenden Londoner Blättern, daß der Teilungsplan überhaupt aufgegeben sei. Vnd selbst diejenigen, die es in dieser bestimmten Form nicht behaupten möchten, können nicht leugnen, daß das Kolonienministerium und die Regierung in London keine sonderliche Eile zeigen und es bis jetzt gar nicht für nötig gefunden haben, den Gerüchten vom Tode des Teilungsplanes ein bestimmtes Dementi entgegenzusetzen. Aber gesetzt den Fall, der Judenstaat wäre wirklich nur noch eine Frage von Monaten, so wissen wir, wie groß die Zahl derer ist, die mit größter Skepsis dem Plan entgegenstehen und ihn strikte ablehnen. Nicht allein aus religiösen Bedenken, die sich daraus ergeben, daß nach der derzeitigen Konstellation die areligiösen Elemente alle Macht und Führung in dem Judenstaate an sich reißen werden, sondern auch aus Besorgnissen wirtschaftlicher und politischer Natur. Bei dieser Sachlage wäre es unverzeihlich, sich nur auf den einen schwankenden Punkt festzulegen und andere Gedanken und Ideen zur Lösung oder wenigstens zu einer Zwischenlösung konsequent und verbissen von sich zu weisen. Mindestens müßten angesichts der neuen Entwicklung der Dinge und des Nebels, in den die Zukunft eingehüllt ist, alle bisherigen Auffassungen einer gründlichen Revision unterzogen werden. Es wäre verhängnisvoll, wollten die verantwortlichen Männer an der Spitze des Jischuw den Vorwurf der Nachwelt auf sich laden, in einer überaus kritischen Zeit eine Politik der verpaßten Gelegenheiten und Möglichkeiten geführt zu haben. Wie die Dinge heute liegen, ist es wohl möglich, daß Pläne und Vorschläge, die gestern abwegig schienen, heute schon diskutabel und sogar akzeptabel sind. Alle alten und neuen Ideen müssen nocheinmal geprüft werden. Im neuen Lichte können wir heute vieles anders sehen, als wir es vor einem halben Jahre noch sahen. Eines ist sicher: Jede andere Lösung außerhalb der Teilungsgrenzen kann nur im Einvernehmen mit den Arabern vor sich gehen. Ob man will oder nicht, man wird Wegs der Verständigung suchen müssen. Und ebenso sicher ist es, daß auch den Arabern, deren Jischuw in noch höherem Maße durch die Wirren litt, als der unsrige, später keine anderen Wege übrig bleiben, als die der Verständigung. So wäre es vielleicht doch an der Zeit, für den Augenblick das Auge vom Staatswappen in der nahen oder fernen Zukunft abzuwenden und sich mehr der Not, der Tragik und den Möglichkeiten des Tages zuzuwenden. Ellul am Höhepunkt. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Mosches, unseres in seiner Größe und Selbstlosigkeit einmaligen Lehrers und Wegbereiters, Reden voll treuer Liebe und hingebender Fürsorge wie des redegewaltigen Jesajas glanzvolle Heilsverkündigungen und trostreiche Zukunftsbilder geleiten uns durch die letzten Wochen des scheidenden Jahres, um unsere Herzen von den Sorgen der Stunde hinweg zu den lichtvollen Höhen des G'ttvertraüeüs emporzuheben und uns für den Schofarton des Ellul empfänglich zu machen. Heilige Botschaft, machtvolle Kunde ist es, die dieser uns bringt. Von den Segnungen des sabbatlichen Monats mit all' seinen erhabenen Ideen und Wahrheiten sollen wir schon jetzt erfaßt werden, schon in den Ellultagen auf den Ton gestimmt werden, der unsere Herzen voller und inniger, .reiner und lauterer dem Weltenschöpfer entgegenschlagen läßt, damit über uns das wahre echte Sehnen nach der G'ttesnähe kommt und wir aus tiefster Seele beim Schofarklang sprechen: ^»s •>b nm 'Tnb „Ich meinem Trauten und mein Trauter mir!" Heil uns, wenn wir so G'tt suchen, wo uns seine Gnade leuchtet, mag sie auch noch so sehr umdüstert scheinen. Leuchtet denn nicht die Sonne auch dann, wenn Wolken ihren Glanz verhüllen? Wie schwindet da der Druck unserer Seele und wird geringer die Last, die wir zu tragen haben, wenn wir zu Ihm aufschauen, der über den Sternen thront? Das ist der Ruf des Propheten auch, der da an uns ergeht; „Auf und leuchte! Denn gekommen ist dein Licht und die Herrlichkeit G'ttes geht über dir auf!" Was für die Zukunft Israel verheißen ist, einen Hauch hiervon sollen wir alljährlich an der Jahreswende erleben. Da gilt es, daß wir uns unseres Jude- Sßins Yoll bewußt W?rd?n und im läuternden Werben um die Gnade' des himmlischen Vaters uns mit dem Schild von Liebeswerken wappnen. inmi» tf's„ cravas^ mantn „Jeder in Liebe seinem Nächsten verbunden und opferwillig gegen die Armen und Dürftigen", das ist die Weisung, die uns der Ellul gibt, uns, die wir G'tt suchen und auch finden wollen. Wir erweisen uns als würdige Abbilder des himmlischen Vaters und gehorsame Gestalter seines Willens, wo wir im Gedanken an die Gesamtheit uns ihr hingegeben und verbunden fühlen und mit den w'affen der Liebe und Selbstverleugnung jedwedem Leid und Weh zu begegnen suchen. Dieses Einstehen und Einsetzen aller Kraft und Fähigkeit eines für den andern ist unsere jüdische Pflicht und adelt unsern jüdischen Schmerz zu dem Segenswprte, das da Mosche Israel in unserer Sidroh weiht: iv^y ~\r>rb „Dich Israel wird der Herr hoch hinausstelien"; dem fügen die Weisen hinzu: „Hoch durch die Thora, hoch in der Erfüllung der jüdischen Aufgaben und Pflichten". Es ist bestimmt nicht leicht, immer aufrecht zu bleiben, - auch im Wandel der Schicksale und irdischen Belange, nicht zu verzweifeln und nicht in Unmut und Resignation zu versinken. Wir haben aber die Aufgabe, im G'ttvertrauen unsere Stärke zu erproben, im ewigen Forschen im heiligen G'ttes' worte uns die Regsamkeit unseres Geistes uns zu wahren und in der Erfüllung der heiligen Gebote uns vor den Gefahren der eigenen Entjüdischung zu schützen und das jüdische Bewußtsein zu stärken und die zu bleiben, die wir nach G'ttes Willen sind. Zu alledem ruft uns der Monat Ellul auf. Darf dieser Ruf verhallen? „Wenn nicht jetzt, wann denn?" Machen wir es in der Gesamtheit wahr, was G'tt für Israel als ewige Verpflichtung und dauernde Segensboischaft durch den Mund seines erhabenen Sendboten ausgesprochen hat: „Wenn du die Gebote G'ttes deines Herrn beobachtest und wandelst in seinen Wegen, dann sehen es alle Völker der Erde, daß G'ttes Name über dich genannt ist, und sie haben Achtun;,1 vor dir." Kleines Feuilletonjüdische Blindenfürsorge. Die Selbsthilfevereinigung der jüdischen Blinden in Deutschland, e. V. bemüht sich seit 1934, durch Arbeits- und Erholungsfürsorge sowie durch zusätzliche Wohlfahrt die wirtschaftliche Lage der jüdischen Blinden zu verbessern, sowie ihre geistigen Interessen durch Veranstaltungen aller Art zu heben. Sie bedarf hierbei und zur Erlangung der dafür notwendigen Mittel der tätigen Mitarbeit der jüdischen Sehenden, — einer Mitarbeit, die nur dann zweckmäßig und erfolgreich sein kann, wenn der Sehende mit den besonderen Bedürfnissen des Blinden und der Eigenart seiner Lebengestaltung" vertraut ist. Deshalb wendet sich die Selbsthilfevereinigung alljährlich mit einem Jahrbuch an die jüdische Öffentlichkeit, Die Bedeutung dieses Jahrbuches wird von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.