Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1938)
- Date
- 1938-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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15. September 1938 D I s r e 1 i t Nr. 37 Sehe 3 Wir (Fortsetzung von Seite 1.) rael dahin und dorthin, aber der neue Weg war immer gegeben, Ihre alte Welt sahen Spaniens Juden wanken, eine neue wurde entdeckt. Rabbi Jos seimann, Abarbanel, Menasse benlsrael waren u. v. a. die f *1D2 T>aj?/ fTm die Männer der Tat und Treue, die mit Heldenmut in die Bresche traten. Heute ist kein kühner Seefahrer da, der dem *ni3 neue Kontinente entdeckte. Wo bleiben die Josselmanns, die Abarbanels und die Menasses? - orripsra rm-ersa m^rma« 'zu« Aber wenn der Slichausmorgen ganz herangelichtet ist, erklingt wie ein Finale zum Heimwehliede der Heimsuchenden: bxiu?i Vni nmw nsip bxw inw In einer chassidischen Mussarpredigt wird zur Veranschaulichung unseres G'ttsuchens in den heiligen Tagen von einem Wanderer erzählt, der wegverloren die ganze Nacht durch den Wald irrte. Endlich nach vielem Rufen und Schreien vernahm er menschliche Schritte im Dickicht, und ein Mann kam zum Vorschein. Dieser aber rief seinerseits: „Wißt Ihr vielleicht, Freund, wo der Ausgang aus dem finsteren Wald und der richtige Weg nach der Stadt ist?" Auch er war algo ein Irrender. Aber er wußte: irgendwo am Waldesrand stand ein Wegweiser, der den Weg genau bezeichnete. Wie findet man aber zum Wegweiser, in der finsteren Waldesnacht? Man weiß, was dieses Gleichnis besagen will. Im Ringen dieser Tage wissen wir nur eines: daß der bisherige Weg der falsche war. Wo ist aber der richtige? Andere kommen und wollen führen und sind Irrende wie wir selbst. Aber es sind Wegweiser da: Rosch Has c h o n o h und Jörn Kippur, und so gilt es, * uns durch Ellul und Slichaus zu diesen Wegweisern durchzuarbeiten, Freilich ist Wegweiser noch kein Weg und kein Ziel. Wir werden die Wege, die uns die Feste zeiget, das ganze Jahr zu gehen haben, wenn wir ans Ziel kommen woilen.--- Heute bekommt aber jenes Gleichnis aich eine Bedeutung rein äußerlicher Natur für uns. Die alten Wege haben wir zu verlassen und neue tun sich nicht auf. Und wenn, wohin führt dann der neue Weg? Wegweiser tauchen auf, Konferenzen und Beratungen, kein jüdisches Z?itungsblatt ohne Berichte über neue Möglichkeiten, neue Lösungen, neue Wege und neue Ziele. Und alle irren sie im Dunkel wie wir selbst Die Wegfindung für unsere künftige äußere Lebensbasis liegt nicht an unseren Kräften. So beherzigen wir wenigstens jenes Gleichnis im ersteren ursprünglichen Sinne. Roschaschonoh und Jomkippur weisen Wege zu G ' 11. Lassen wir uns von den Slichaus zu den Wegweisern führen. n»'a mm *ami "pm n '•»yrm Wochenrundschau. Wozu Seifenblasen? — Das arabische Oberhaupt der jüdischen Stadt. — „Buch des Gedenkens". — Verlorene Stützpunkte. — Scheinschüsse, die dennoch treffen. — Wozu Seifenblasen, die ein Farbenbild vorgaukeln, ,tim bald zu zerplatzen? So fragt sich der Leser, wenn er von „Einwandererprojekten" liest, die gar keine Projekte sind, die entweder hier gemästete oder über den Ozean zu uns herübergeflogene Zeitungsenten ^darstellen, bestenfalls von einigen findigen Köpfen, die im übrigen nichts zu sagen haben, teilweise aus eigenem Geltungsdrang, in die Zeitungen lanciert sind. Die Leser und Interessenten, — und fast alle Leser sind heute in Auswanderungsfragen Interessenten, — werden de,n Hellsehern, die leuchtende Ziele zeigen, wo keine sind, gewiß nicht dankbar sein. So Wehte vorige Woche ein jüdisches Blatt in Deutschland auf der ersten Seite in größter Aufmachung die Alarmnachricht aus Westkanada, das sich bereit erkläre, „80.000 jüdische Familien in bestimmten Bezirken aufzunehmen.'' Es handle sich um ein Projekt privater englischer Kreise. Ein Londoner Finanzmann soll sogar bereits zur Durchführung des Projektes in Kanada eingetroffen sein. Es ist die beliebte Art solcher Meldungen, die erstens aus weiter Ferne kommen und dann in unbestimmter Form mit ,,es wird verbreitet", „es soll", „wie es heißt" usw. operieren. - Wenn aber das Blatt selbst diese Meldung hintennach mit Fragezeichen und Vorbehalten versieht, so ist doch die Frage berechtigt, wozu erst Seifenblasen, die keinem nützen, hinterher große Enttäuschungen bereiten und, falls an der Sache ja etwas wäre, schon von vorhinein im Lande, das in diesem Zusammenhange genannt wird, Beunruhigung und Opposition hervorrufen und einen Plan, vorausgesetzt, daß überhaupt ein solcher jemals von „privater Seite" igehegt worden ist, schon im Embryozustand vernichten? Der Osten kennt die weniger schöne als treffende Redensart: „Man mache keine Geschäfte mit jüdischen Zöres." Jüdisches Schicksal ist auch kein geeigneter: Gegenstand für Sensationshascherei. Was man in Jerusalem befürchtet hatte, aber doch nicht ganz für möglich hielt, ist eingetroffen. Die zu beinahe 70 Prozent aus Juden bestehende heilige Stadt bekam einen arabischen Bürgermeister, der durch Verwandtschaft und Namen an den ersten Dr. K h a 1 d i erinnert, (der wegen seiner Beteiligung am Bandenkrieg abgesetzt und aus dem Lande verwiesen wurde), der aber außer dem populären Namen keine Verdienste und keinerlei Erfahrung auf kommunalem Gebiete aufzuweisen hat. Man hat den bisherigen jüdischen Bürgermeister Daniel Auster, obwohl man seine Leistungen und Verdienste öffentlich anerkannte, abgesetzt, um eine Sinekure für einen pensionierten arabischen Richter zu schaffen. Daß in der jüdischen Bevölkerung Jerusalems diese Wahl große Erregung hervorgerufen hat, wird man verstehen. Wohl sitzen im Rathaus zu Jerusalem noch jüdische Repräsentanten, die aber nicht hoffen dürfen, sich gegen den arabischen Bürgermeister, dem die arabischen Stadträte zur Seite stehen, durchzusetzen. Vielleicht läßt sich an höchster Stelle in London noch Gerechtigkeit für die Stadt Jerusalem erwirken, was aber solange die Spitzen der englischen Verwaltung in Ferien sind und die Kräfte der Anderen von der großen europäischen Politik ganz absorbiert sind, nicht zu erwarten ist. Es ist bei alldem zu begrüßen, daß die jüdischen Repräsentanten, an ihrer Spitze Daniel Auster selbst, zunächst einmal sich mit guter Miene ins Unvermeidliche Schicken, Bei der etsten Sitzung des Stadtrates, die am 6.- September' Stattfand, saßen der neu« Bürgermeister und sein 'jüdischer Vorgänger freundnachbarlich beisammen; und beide sprächen ihre Bereitwilligkeit aus, ohne Rücksicht auf nationale Differenzen zusammenzuarbeiten. Freilich hielt es Auster für richtig, zu erklären,, daß die jüdische Majorität in Jerusalem von ihrem Rechte, ein jüdisches Stadtoberhaupt jzü bekommen, nicht abgehen werde. Das schließt eine konstruktive Zusammenarbeit mit den arabischen Stadträten keineswegs aus. 5s ist unter den gegebenen Umständen wohl das Beste und Vernünftigste., was die jüdischen Stadträte tun konnten. Wie zionistische Blätter berichten, hat der Nationalfonds zu Rosch Haschana dieses Jahres ein S efer Sikaron", ein Gedenkbuch der Juden in Deutschland, errichtet, in dem sich alle jüdischen Menschen, die Rosch Haschana noch in Deutschland leben, ebenso alle jüdischen Gemeinden als solche und ihre Institutionen eintragen sollen. In diesem Gedenkbuch sollen neben der Geschichte einer jeden Gemeinde in Deutschland die Namen der derzeitigen Vorstandsmitglieder, Bilder der Synagoge und der jüdischen Verwaltungsgebäude, der Krankenhäuser, Altersheime usw. enthalten sein. Jede Gemeinde legt ihr Ortsgedenkbuch an, und alle werden zu einem großen „Sefer Sikaflon" vereinigt, das auf dem Skbpus zu Jerusalem unter Obhut des K. K. L. kommt. Selbstverständlich soll die Sache dem N. F. etwas einbringet. Die Einzeichnungen sind mit Spenden an den K. K. L. verbunden, die zum Erwerb des Bodens für eine Siedlung verwendet werden, welche nur von Juden aus Deutschland angesiedelt und den Namen „Tel-Sikaron1;^0an wird. Gegen eine Chronik, die unsere Auswanderer erfaßt und die Gemeinden registriert, wird gewiß keine? etwas einzuwenden haben, wenn auch nicht zu verstehen ist, warum der Stichtag gerade Rosch Haschana 5699 sein soll, während die Abwanderung und der Auflösungsprozeß in den kleinen und Mittelgemeinden bereits seit bald fünf Jahren andauert. Nun wohl, bei dieser Galuthzerstreuun<£, wie sie unsere Geschichte noch nicht erlebt hat, wollen wir wenigstens das in Familien- und Gemeindepapieren zu erfassen suchen, was noch zu erfassen ist. Was uns dabei -weniger zusagt, ist der Titel und die Begleitmusik, die in führenden zionistischen Blättern diese Einrichtung findet. Es wird an den „Jörn Hasikaron" angeknüpft und an die „Bücher des Gedenkens", die im Talmud und in unseren Gebeten ('131 pana-' rria^ unseren hohen Festen ihren Charakter geben. „Aus einer mystischen Vorstellung soll eine konkrete Einrichtung werden," drückt sich ein Blatt aus. Und da meinen wir doch, daß es, um Gemeindegeschirhte zu konservieren, nicht nötig wäre, .-l'^ili.'.ü^-S Begriffe zu profanieren. Wir haben bereits berichtet, daß bei allem Heldenmut, den unsere Menschen in Erez Israel bei der Erhaltung der bedrohten jüdischen Positionen bewiesen haben, uns zwei Punkte dennoch verloren gingen, und zwar die älteste Niederlassung P k i i n und die Jemenitenkolonie im Dorfe S c h i 1 o a h. Ueber Pkiin berichteten wir vor kurzem auf der Feuilleton-Seite. Klein und winzig war die Niederlassung, aber sie bezog, ihren Stolz aus der mehr oder weniger historisch verbürgten Tatsache, daß sie noch den letzten Rest des zweiten jüdischen Staates bildete und ihre Menschen noch nie im Galuth gelebt haben. Nun sind auch sie.in die Verbannung gegangen, freilich nicht über die Grenze des heiligen Landes, sondern in die umliegenden Städte von Galiläa, wo sie auf die Heimkehr warten. Ein hundertjähriger Greis ist als treuer Wächter geblieben, so daß die Verbindung der Menschen mit ihrer altgeheiligten Scholle noch nicht gänzlich gelöst ist- Anders verhält es sich mit dem Dorfe Schi- Ioah in nächster Nähe von Jerusalem. Diese Gemeinde war bevölkert von friedlichen arbeitsamen jemenitischen Juden, die darum ihre Niederlassung nicht weniger liebten, weil sie auf eine Vergangenheit von nur 52 Jahren zurückblicken konnten. Zehn Familien, etwa 40 Seelen, mußten das Heimatdorf verlassen und zwar auf Befehl der Behörden, die glaubten, ihren Schutz niclit mehr garantieren zu können. Die jüdischen Instanzen in Jerusalem haben es abgelehnt, auf ihre Rösteneine Schutztruppe zu stellen, weil sie der richtigen Ansicht sind, der ausreichende Schutz, der Bürger obliege der Regierung und ihren Organen. So wurden die Juden aus dem idyllischen Dorf am biblischen Fluß S c h i I o a h nach bekannten Mustern einfach evakuiert. Auch sie haben Erez Israel nicht verlassen und warten in Jerusalem auf bessere. Zeiten, die, ihre Rückkehr in ihre Wohnungen möglich machen. Es würde den Pionieren, die erfreulicherweise hie und da neuen Boden erobern, ziemen, mit ihrem erprobten Mut auch diese beiden jüdischen Siedlungen neu aufzubauen. Schüsse knallten in der Freitagnacht in R e - c h o w o t h , der bekannten alten Kolonie Palästinas. Die braven Bürger schreckten aus dem ersten Schlafe auf. Was war passiert? Bandenüberfall, Bomben, Gewehrfeuer? GsD. nichts derartiges. Die Sache klärte sich bald auf, ohne daß sich die Gemüter indes beruhigten, Die Schüsse kamen vom Batham (Volkshaus), wo der „Haschomer hazair" am Späsabend Theater spielte. Und die Schüsse gehörten zum Spiele, waren Theaterdonner. All das in der Nacht zu Sabbat. Das' Londoner JPB., dem wir die Unterlage zu dieser Notiz danken, bemerkt noch, daß an jenem Freitag, wie in anderen Kolonien, auch in Rechowoth ein Aufruf der Oberrabbinate von Jerusalem zur Besinnung, zur Einkehr, zur Tschuwoh eintraf. Es waren nur Scheinschüsse, aber sie treffen und verwunden das jüdische Herz.