Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1938)
- Date
- 1938-09-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 36 1938 Feuilletons aus einem wiedererwachten Lande. Von Saiy Geis. Von Armen und Reichen. Der Arme hat kein Geld und der Reiche hat Geld. — Gegen die Wahrheit dieses Satzes sollte sich scheinbar nichts einwenden lassen, Daß diese allgemein anerkannte Behauptung jedoch mitunter nicht stimmt, davon sei hier erzählt. Wer z. B. des Wochentags zu Schacharith eines der mehr als vierhundert Botei-Haktiesseth in Jeruscholajim besucht — häufig sind diese nur mittelmäßige Zimmer —, der wird immer wieder aus der inneren Sammlung herausgerissen, da jemand vor ihm oder neben ihm oder hinter ihm einige Kupfermünzen in der Hand klappern läßt; um Aufmerksamkeit zu wecken und die Taschen zu öffnen. Diese Störung kann ein Dutzend mal vorkommen. Es sind in der Regel die gleichen armseligen, zum Teil verwahrlosten Gestalten, die ihr Recht heischen. Meistens gehören sie zu den Sefardim oder — wie man hier sagt — Franken (Franken), In dem Zentrum des Stadtviertels „Meah- Schearim" gibt es eine schmale, enge Gasse, in der zwei Menschen nebeneinander sich aneinander vorbeidrücken müssen. Diese Gasse besteht an beiden Seiten nur aus Stuben, die „Aron-Hakodesch" und „Sefarim-Schrank" enthalten und in denen während* des ganzen Vormittags für öchacharith und während des ganzen Nachmittags für Minchah Minjan zu finden ist. Hier haben etliche der von Spenden Lebenden ihr dauerndes Quartier aufgeschlagen, während die meisten den Tag über von Haus zu Haus gehen, mit ihrem Stock an jede Tür klopfen und beim Nichtöffnen ungenirt auf die Klinke drücken und — wenn nicht geschlossen ist — plötzlich, in der Wohnung stehen. Manche sehr bedauernswerte Menschen haben zu dieser Art des Broterwerbs gegriffen. Es ist aber mitunter schwer, zu erkennen, wen Unglück, Krankheit, Not zu einem wirklichen Armen gemacht haben und wer hier gewissermaßen ein berufsmäßiges Gewerbe betreibt. Unter der letzten Art von Menschen ragen Künstler ihres Handwerks hervor. Diese Künstler verj stehen das Einnehmen, verstehen aber auch das Nichtausgeben, und Jahr für Jahr legen sie ein Sümmchen Geid zurück. Nach außen bleiben sie bis ZU ihrem Lebensende Arme, in Wirklichkeit sind sie kleine Kapitalisten, also reiche Arme. Das Gegenstück zu solchen reichen Armeii bilden die armen Reichen, nämlich jene Reiche, die nicht ihr Geld, sondern deren Geld sie hat. Das Geld kommandiert ihr Denken und ihr Handeln, und dabei geht das Bewußtsein von ihren Pflichten gegen den Mitmenschen verloren. Leider weiß auch unser Jeruscholajim von solchen armen Reichen zu erzählen. Mit klopfendem Herzen betrachten sie jede Handlung ohne sichtbares finanzielles Mehr als eine Sünde gegen den goldenen Götzen und spüren nichts von der heiligen Stadt. Die zahlreichen wunderbaren Gelegenheiten zu Mizwoth gehen an ihrer Seele achtlos vorbei. Diese Veredlung ihrer Seele bleibt ihnen fremd und fern. Es sei von einigen solchen Gelegenheiten, Guttaten zu üben, gesprochen. Mehr als 500 Kin- und viele hunderte besuchen christliche Missionsschulen, weil die Eltern — meist Sefardim . und sonstige orientalische Juden*) — das Schul- *) Eine sefardische Beth Jaakow-Schule wäre in Jerusalem eine dringende Notwendigkeit. . geld nicht zahlen können, Die ethische und sittliche Zukunft der unterrichtslosen Kinder ist natürlich viel mehr gefährdet als wenn sie eine Schule besucht hätten, und solche Zustände sowie der Einfluß der Mission müssen zum Krebsschaden am Jischuw werden. Oder ein anderes Kapitel. Wer kümmert sich um das körperliche Wohl zahlreicher Zöglinge der schwach fundierten Talmud - Thorä - Schulen und Jeschiwoth, wer um die Vorbereitung des Bestehens des Lebenskampfes? Wer hat schon einmal gefragt, was aus den hundert Jungen und Mädchen der Waisenhäuser wird? Doch all diese Fragen bilden nur einen Anfang in der großen Kette, jener Institutionen und jener Menschen, an denen der Reiche sein Gelid in Segen verwandeln könnte. Also auch in der heiligen Stadt können heute Institutionen dahinsiechen und Menschen verhungern, — und niemand kümmert sich um sie, weil unter den Reichen zu viele arme Sklaven ihes Geldes sind. Die gewaltigen revolutionären Ereignisse der Gegenwart scheinen diese Art von Reichen wenig berührt zu haben. Dies zeigt sich in dem neuen Stadtviertel ganz neben dem vor fünf Jahren errichteten riesigen Verwaltlungsgebäude für die Zionistische Organisation und deren Institutionen. Hier wohnen die hoch bezahlten führenden zionistischen Beamten, die Bankdirektoren, die Bankiers, die Professoren und sonstigen Akademiker mit der gleichen Lebensauffassung wie früher, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen und mit den Menschen außerhalb ihrer Sphäre möglichst wenig in Berührung zu kommen. Für die Sorgen und die Aufgaben der jüdischen Massen hat sich diese Schicht daher mit wenigen Ausnahmen als bedeutungslos erwiesen. Die Gestaltung der Reichen und der Armen hätte wahrlich in dem neuen Aufbau eine andere Form annehmen sollen, eine Form, würdig der Traditionen des jüdischen Volkes. Die erste Enttäuschung. Die Einwanderer würden sich sicherlich nicht wundern, bei der Einfahrt im Hafen vom Präsidenten der Zionistischen Organisation oder mindestens von einem würdigen Vertreter dieses Mannes begrüßt und um ihre Wünsche befragt ZU werden, Zu unserer Zeit — das war vor rund vierzehn Jahren — kamen die meisten noch aui dem Landwege über Aegypten an. Auf der Grenzstation Kantara saß hinter einem Schalter ein Beamter, prüfte die Papiere, man stieg wieder in den Zug und befand sich auf der nächsten Station schon in Erez Israel, ein prosaischer Vorgang. Auf, dieser Station stieg eine Gesellschaft katholischer Pilger aus, warf sich nieder, küßte den Boden und stieg wieder ein, Das war der würdige Eintritt in das Land, das das hei» lige heißt. Juden kommen heute nicht als Pilger, sondern als Touristen oder als Einwanderer. Viele von ihnen sind moderne Weltkinder mit viel religiöser Skepsis und mit wenig Gefühl für die Heiligkeit des Landes, in dem der G'tt Israels mit Seinem Volke 1500 Jahre rang, damit sie des Namens Israel würdig werden. In wem von ihnen aber diese Heiligkeit lebt, den drängt es nach jener engen Gasse in der Altstadt Jeruscholajims, nach den gebliebenen Resten der Westmauer des Beth-Hamikdasch, — und bevor er vor ihr steht, sieht er überall zu viel von der neuen Zeit. Wenn auf dem Schiff die ersten Umrisse von Erez Israel gesichtet werden, dann steigt, — wie man mir, der ich das Land nie wieder verlassen habe, erzählt — die Hatikwah empor und begrüßt mit Gesang von hunderten Stimmen das Land, und in vielen Augen glänzen die Tränen. Aber der Eintritt mit seinen Formalitäten und Plackereien gestaltet sich nüchtern, — und von einer feierlichen Begrüßung ist weder eine Spur zu sehen noch zu hören. Dieser ersten Enttäuschung folgen häufig weitere. Man kommt zu Brüdern, zu Aufbauenden der Zukunft des jüdischen Volkes und vergißt daher Vorsicht und Mißtrauen. Doch je mehr man von beiden hat und energisch betätigt, desto besser. Denn zu viele sind derer, die die mangelnde Erfahrung des Einwanderers sich zunutze machen. Manch einer bringt nichts als seinen gesunden Verstand und seine gesunden Hände mit, greift richtig zu und findet eine bessere Existenz, als er sie draußen hatte. Manch einer hat Geld und erlebt schon am Anfang Enttäuschung auf Enttäuschung. Das Winterhalbjahr 1924/25 hatte aus Polen infolge der Lex Grabstei (eines von dem Finanzminister Grabstei durchgeführten Gesetzes) eine große Mittelstandseinwanderung nach Ere2 Israel in Bewegung gesetzt. War da z." B. ein älteres kinderloses Ehepaar mit dem greisen Vater der Frau, Die Leute besaßen zweitausend Pfund, und man riet ihnen, in Tel Awiw einen Platz zu kaufen und zu bauen. Damals gab es in Tel Awiw verschiedene Architekten, die bewußt zu niedrige, für sie natürlich unverbindliche Kostenanschläge machten, um zum Bauen zu veranlassen. Einem solchen Menschen fielen sie zum Opfer. Das Haus wurde über die Hältte teurer. Als das Geld weg war, kamen die Advokaten und trieben es nach einem noch nickt aufgehobenen türkischen Gesetze bis zur Verhaftung des Schuldners. In der Versteigerung wurde das. Haus um Schuldsumme und Prozeßkosten verkauft. Der unglücklichen Familie blieb nichts übrig. Sie mußte nach Polen zurückfahren. Der alte Vater, der den ganzen Tag im Beth-Hamidrasch saß und lernte, jammerte, in Erez Israel sterben zu wollen-, — doch das Altersheim verweigerte die Aufnahme, da die hundert Pfund Einzahlung fehlten. Vor derartigen Vorkommnissen — aber auch von vielen erfreulichen Erscheinungen — ließe sich noch viel berichten. Die Bne Israel in Indien. Im „Haarez" berichtet Dr. Olschwanger aus seinem Aufenthalt© in Indien Und beid&a indischen Juden wie folgt: Die Juden in Indien weisen drei verschiedene Gruppen auf, so teilen sich z. B. die 8000 Juden Bombays in drei Gemeinden. Die erste Gruppe-3er indischen Juden sind die aus Europa stammenden Juden. Die zweite Gruppe sind die aus Bagdad stammenden Juden, unter denen besonders die Familien Sassoon und Esra eine große Rolle spielen. Auch diese Gruppe hat einen europäischen Charakter, wenn man sie mit der Gruppe der eingeborenen indischen Juden vergleicht. Diese nennen sich „Bne Jisrael", zählen einige Zehntausende und sind ihrem Typus nach nicht von den eingeborenen Indern zu unterscheiden. In . den indischen Städten wohnen etwa zehntausend Bne Jisrael, die übrigen wohnen auf dem flachen Lande. Ein Teil von diesen treibt Ackerbau, die meisten hingegen beschäftigen sich mit der Oelproduktion. Ihre ganze Kenntnis vom Judentum beschränkte sich auf den Sabbat, den sie als Ruhetag kannten. Sie wußten auch etwas von Peßach, das sie das Fest des Sauertopfes nennen. * In jedem indischen Haus findet man nämlich einen Topf, in dem man ein saures Getränk aufbewahrt, und diesen Topf pflegten sie am Peßach nicht zu benutzen. Jom Kippur feierten sie in der Weise, daß sie sich 24 Stunden in ihre Häuser einschlössen. Nach Beendigung des Tages kamen sie heraus und warfen dem Mond Küsse zu. Ungefähr am 15. Schwat feiern sie das Fest des Propheten Eliia. Es findet dabei eine Art Volksfest mit allerhand Vorführungen statt. Ihrer Tradition nach ist der Prophet Elija zur Zeit, als sie nach Indien kamen, erschienen. Außer den aufgezählten Bräuchen war den indischen Juden nichts vom Judentum bekannt. Von der hebräischen Sprache kannten sie nur den Satz „Schm^i Jisrael", und diesen benutzten sie sowohl als Freudenruf, wie als Ausdruck des Kummers. Bis vor zweihundert Jahren war ihnen nichts darüber bekannt, was sie mir den übrigen Juden Gerneinsames haben. Vor 250 Jahren kamen christliche Missionare aus Amerika nach Indien, die sieh der Bne Jisrael bedienten, ub dort die christliche Lehre zu verbreiten. Diese Missionare brachten die erste Uebersetzung der heiligen Schriften — des Alten und des Neuen Testamentes — in der heimischen Sprache heraus.