Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1938)
- Date
- 1938-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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8. September 1938 D er I s r a e I i t Nr. 36 Seite 7 EREZ *$£3Mt ISRAEL Die üblichen Wochenendkämpfe. Jerusalem, 4. Sept, Am Wochenende ist in Palästina nach „Europapreß" wieder eine große Anzahl Todesopfer zu verzeichnen gewesen. 17 Araber und ein J u de wurden erschossen und ein Jude verwundet. Bei einem mehrstündigen Gefecht zwischen britischen Truppen und , Arabern fielen in der Nacht zum Sonntag in der Nähe von Haifa allein vierzehn Araber. Die Truppen sollen hier wie auch anderswo keine Verluste zu verzeichnen gehabt haben. Von arabischen Nationalisten wurden außerdem in der Nacht zum Sonntag in Haifa ein arabischer Kaufmann und in Jaffa ein arabischer Polizist und ein jüdischer Kraftwagenführer erschossen, Im Hafen von Haifa wurde ein jüdischer Zollbeamter durch Schüsse ernstlich verletzt. Die Verluste im August. Jerusalem, 3, Sept. Die soeben veröffentlichte Verlustliste für August weist 549 Tote und Verwundete der Unruhen und Auseinandersetzungen aus. Getötet wurden 185 arabische Freischärler, 39 Juden, 15 englische Soldaten, zwei Angehörige der englischen Polizei, ein hoher englischer Beamter und 6 Neutrale. 151 Araber wurden verwundet, von denen acht inzwischen gestorben sindj Verwundungen erlitten weiter 119 Juden, von denen neun ihren Verletzungen erlegen Die Mandatsregierung von Palästina hat in den letzten Tagen die Zensur erheblich verschärft. Seit drei Tagen ist jede Telefonverbindung von Palästina mit den arabischen Nachbarländern unterbunden. Nur einige englische Banken sind von der Telefonsperre ausgenommen. Die Zensur der Telegramme wird sehr streng gehandhabt. Alle arabischen Zeitungen Palästinas sind verboten worden. Aufgegebene Posten. Wir haben in der vorigen Nummer unseres Blattes hervorgehoben, daß glücklicherweise trotz allem und allem keine jüdische Position im Lande aufgegeben wurde, daß im Gegenteil sich noch neue Niederlassungen in exponiertester Gegend gebildet und viele sich zu diesen vorgeschobenen Posten drängen. Insofern stimmt diese Feststellunlg nicht ganz, als wir zwei kleine Stützpunkte in Erez Israel doch verloren haben, und zwar Pkiin und das Dorf S^c h i 1 o a h. Die heroische Defensive des Jischuw. Tel Awiw, 30. August. In der Beth Haam-Halle fand vor einigen Tagen eine vom Kofer Hajischuw einberufene Massenversammlung statt, zu der Vertreter aller Parteien und Klassen erschienen waren. Die Rednertribüne war mit Flaggen aus allen Siedlungen dekoriert, in denen Ueberfälle arabischer Banden zurückgeschlagen worden waren wie Hanita, Tirath Zwi, Ejn Haschofet Ramath Hakowesch u. a. Unter den Rednern befanden sich der Bürgermeister von Tel Awiw Rokach, der Bürgermeister von Ejn Charod Zisling, Herr Schoschani (Vereinigung der Hausbesitzer) und Herr Remez (Histadruth). Die Redner forderten sämtlich in energischen Worten die tatkräftigste Unterstützung aller Siedlungen in der Frontlinie der Bandenan^riffe. Alle Siedllungen von Mischmar Hajarden im Norden bis Maaleh Hachamischa im Süden haben sich heroisch geschlagen. Es wurde mitgeteilt, daß der Sicherheitsfonds an 74 Plätze Freiwillige abgesandt habe. Weitere 46 Siedlungen sind mit Drahtzäunen umgeben worden. 27 Siedlungen haben Scheinwerfer erhalten. Die hebräische Tageszeitung „Haarez" bespricht die erhöhte Tätigkeit der englichen Truppen, durch die den Banden schwere Verluste zugefügt worden seien. Man müsse jetzt die Anstrengungen verdoppeln, bis die Gesetzlosigkeit restlos ausgerottet sei. „Dawar" wiederholt die Forderung des Jischuws und seiner verantwortlichen Institutionen, daß die Regierung in größerem Ausmaß die Juden zur aktiven Bekämpfung der Banden heranziehe, um diese gänzlich. 2u vernichten, »Palestine Post" schreibt die Ereignisse der letzten. Tage machen es klar, daß umfassende und intensivere Anstrengungen notwendig seien, um den Terror niederzuschlagen. Das terroristische Tribunal. Brief aus Palästina. Jerusalem, 2. Sept. Der Staat im Staate begann, als sich die Terroristenbanden sammelten und in den Bergen Judäas, insbesonder in der Gegend von Nablus, Tulkerem und Jenin, ihre gesicherten Schlupfwinkel fanden. Anfänglich nahm man die Terroristenkommuniques, die in die Dörfer flatterten, als Kinderei. Man wurde aber eines besseren belehrt, als man erleben mußte, daß die darin angedrohten Strafen für einzelne Widerspenstige prompt ausgeführt wurden, daß die Truppenmacht mit den Banden wie mit einem gieichen Kriegspartner zu kämpfen hatte und die Polizei nicht ausreichte, mit den üblichen Polizeimitteln das Verbrechertum niederzuhalten. Es wird schon in aller Offenheit über abgehal tene Tribunale berichtet, von dem Angeschul digte verhört, Zeugen vernommen und Bluturteile ge sprochen und ausgeführt werden. Die Angeklagten und Deliquenten sind Menschen, Juden wie -Araber, die aus Siadi und Land mit Gewalt verschleppt werden. An Geld fehlt es den Banden auch nicht, nachdem Fälle von Bank- und Postraub ungesühnt geblieben sind. So trug sich vor einigen Tagen in der Nähe von Jerusalem folgende zu: Ein reicher Araber erhielt um die Nachtstunde den Besuch eines Bewaffneten in militärischer Uniform, der ihm eröffnete, daß er eine Steuer von 1000 Pfund an die Bande zu zahlen habe. Als der Araber nachzuweisen versuchte, daß er so viel Geld gar nicht besitze, hielt ihm der Bote eine genaue Aufstellung seines Vermögens vor. Bankkonto, Bargeld und Grundstücke, alles war fein säuberlich in der Liste enthalten. Es wurde dem Marine nahegelegt, beim Häuptling, der seinen Sitz in Jericho habe, zu appellieren, zunächst aber zu zahlen. Was er bei einer Anrufung der ^Polizei zu erwarten hätte, wurde ihm mit klaren Worten gesagt. Und der Mann einigte sich schließlich, die verlangte Summe in vier Raten auszuzahlen. JJas ist ein Fall von unzähligen Ein Araber, der in Jaffa einen arabischen Notabeln niedergestreckt-hatte, wurde von Arabern er wischt und halb totgeschlagen, in der Meinung, der Angreifer sei ein Jude. Jetzt liegt der Mißhandelte unter Bewachung im Spital, um später vor das Militärgericht gestellt zu werden. Die Araber aber, die den arabischen Attentäter ergriffen, mißhandelten und der Polizei auslieferten, erhielten von einem Geheimbund die Mitteilung, daß sie zü-an Tode verurteilt seien. In diesen . Zusammenhang gehören-* all die Fälle der Verschleppungen, die in letzterer "Zeit vorgekommen sind. Der Polizeioffizier Leiserowitsch wurde mit seiner ganzen Familie, im ganzen fünf Personen, entführt. Die ..Kinder wurden später von Arabern bis ans Tor des Familienhauses wiedergebracht, es ist ihnen kein Unheil widerfahren. Von den Eltern fehlt aber bis heute, seit langen Wochen, jede Spur, Zeitungen wissen zu berichten, daß sie vor ein spezielles Terroristentribunal gestellt worden sind. Wer Beziehungen zu arabischen Kreisen hat, weiß, welche Angst unter den Arabern herrscht. Wehe demt der irgendwie der Polizei Hilfsdienste gegen die Banden geleistet hat, oder der sich weigert, die ihm auferlegten Steuern zu zahlen, oder sich sonst irgendwie gegen die Muftipartei vergangen hat. Die wenigsten von den Verschleppten kommen wieder heil nach Hause. H. L. Ussischkins 75. Geburtstag. Jerusalem, 30. Aug. Zu Ehren Ussischkins, der 75 Jahre alt geworden ist, fand am Abend des 29. August in Tel Awiw eine Massenversammlung statt, auf der L Rokach, Bürgermeister von Tel Awiw, Rabb. Meir Berlin, M. Shertok, Wilkansly und Dr. Mos'sinsohn Reden hielten. Alle Redner behandelten Ussischkins 57 Jahre lange zionistische Tätigkeit und erklärten, sein Name sei ein Symbol im Zionismus geworden. Auszüge aus Artikeln von Ussischkin und Glückwünsche von vielen Personen, darunter von Oberrabbiner Dr. Herzog, wurden bei der Versammlung verlesen. Die Versammlung sandte ein Telegramm an Ussischkin, der sich augenblicklich in Vichy (Frankreich) aufhält, in dem ihm die Glückwünsche der Versammelten übermittelt wurden. Menachem Mendel Ussischkin, aus den russischen ,:Chowewe Zion" hervorgegangen, arbeitet seit Herzl in der vordersten Reihe des politischen Zionismus. Er ist Begründer und langjähriger Präsident des Nationalfonds und hat in dieser Eigenschaft hinsichtlich der Vorgänge in vielen Nationalfondskolonien, gegen die er nie das Gewicht seiner Persönlichkeit eingesetzt hat, die Orthodoxie schwer enttäuscht. In seinem Privatleben ist er der Typus des thorakundigen und dem religiösen Leben nicht entfremdeten Moskil des vorigen Jahrhunderts. Sein schon sprichwörtlich gewordener Eigensinn und eiserner Wille richten sich zur Zeit gegen den Gedanken einer Teilung Palästinas. Aus Erieien unserer Kibbuzim an einen In Chuz Laarez weilenden Chawer. ... In geistiger Beziehung herrscht wenigstens ein reger Betrieb und wird die Zeit des Choser Awoda (Arbeitslosigkeit) vernünftig ausgenutzt. Besteht ja schon für die Zeiten intensivster und schwerster Arbeitsleistungen die von allen Chawer'm eingehaltene, ungeschriebene Verpflichtung, wenigstens eine Stunde am Tage dem Lernen zu widmen, so verschiebt sich diese Minimalgrenze jetzt weit nach oben und man glaubt manchmal in der Jeschiwa zu sein, wenn man diesen intensiven Lernbetrieb beobachtet. Wir lernen jetzt in vier Gruppen und zwar drei Gruppen Gemara mit Raschi und Teile weiterer Meforschim und eine Gruppe Kizzur Schulchan Aruch. Es haben ja nicht alle Chawerim die Jeschiwa besucht, so daß wir auch Anfängergruppen zusammenstellen mußten, die bereits beachtenswerte Fortschritte machen. Am Sabbat ist der Vormittag dem Lernen gewidmet, wo man auch in schwersten Arbeitszeiten das nachholt, was man in der Woche, verursacht durch die Ermüdung infolge der anstrengenden Arbeit, nur flüchtiger gelernt hat. Der Freitagabend vereinigt uns alle zum Sidraschiur und auch nach diesem bleiben wir noch oft lange Zeit zusammen im Freien unter dem herrlichen Sternenhimmel Erez Israels und singen Lieder, Lieder, die uns in die Vergangenheit zurückversetzen und uns unseren großen Lehrern nahebringen und Lieder, die die Zukunftshoffnung unseres Volkes so stark zum Ausdruck bringen, daß jeder davon ergriffen wird. Der Sabbatnachmittag dient unserer weltanschaulichen Weiterbildung und Festigung und beschäftigen wir uns in Arbeitsgemeinschaften mit den Ideen unserer Führen Zur Zeit bildet „das G'ttesvolk" von Nathan Birnbaum das Thema einer Arbeitsgemeinschaft. Ungeheuer stark verspüren wir in unserem kibbuzischen Wollen das Bestreben zur Verwirklichung Birnbaum'scher Ideen und wir bedauern es, daß dieser Führer und Mahner von uns ging, ohne unsere Kibbuzim und ihre Zielsetzung gekannt zu haben, ohne uns noch zu Lebzeiten direkter Führer geworden zu sein. Eine zweite Arbeitsgemeinschaft behandelt die politischen Probleme des Landes, der Peel-Bericht in seiner Gründlichkeit und Ausführlichkeit bildet die Grundlage der Diskussionen. Eine dritte Arbeitsgemeinschaft beschäftigt sich mit der Geschichte der Kibbuzbewegung in Erez Israel und ihren Zielen und schält die weltanschaulichen Unterschiede heraus, die uns vöö der allgemeinen Kibbuzbewegung trennt. Die von Thora- und Mussarworten gekennzeichnete und von Gesängen umrahmte S'euda Schlichith bildet einen schönen Abschluß eines Solchen Sabbat, der mit der geistigen Tätigkeit und Regsamkeit eine weitaus bessere Erholung von der schweren wochentäglichen Arbeit gewährleistet, als wenn man ihn ganz oder zum größten Teil mit Schlafen verbracht hätte! Wir haben dann noch in der Woche zwei Iwrithkurse, damit wir auch sprachlich allmählich mit dem Lande verwachsen, was ja für uns bedeutend schwerer ist, als es die vielen unfrommen Menschen sich machen. Denn schließlich lernen wir ja unsere Schiurim wegen des Inhaltes und nicht wegen der Sprache und wir würden niemals wegen des sprachlichen auf das tiefe Lernen verzichten, wie es in den hebräischen Sprachkursen areligiösen Menschen geschieht. Zur Vervollständigung des Bildes über unsere geistige Betätigung möchten wir noch die Schiurim der Bachuroth erwähnen, die sich auf Tnach und Dinim erstrecken. Du hast also jetzt wieder einen ungefähren Ueberblick Über unseren Kibbuz und bist sicherlich nach wie vor mit all diesen Dingen verwachsen, wie Du es auch vor Deiner Abreise warst und es nach Deiner sGw. baldigen Rückkehr wieder sein wirst. Wir erwähnten am Anfang unseres heutigen Briefes schon die SO erfreuliche, verstärkte Lerntätigkeit, doch hat diese eine nicht so erfreuliche Ursache; Arbeitslosigkeit, die zum großen Teil durch das Beachten der Schmittagesetze bedingt ist. Doch darüber werden wir Dir im nächsten Brief ausführlich berichten.