Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1938)
- Date
- 1938-09-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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keine Veranlassung hat. Dis Vorsteher haben sich gegen eine Vorschrift vergangen, und ich als Stadtrabbiner habe ihnen einen Verweis zu erteilen. Die Familie berührt aber diese Sache nicht im geringsten, da ihre Ehre nach dem, was im Rambam nicht steht, dadurch nicht verletzt wurde." So war Rabbi Chajim. Er hatte den scharfen Blick auch für das, was nichtgeschrieben steht. Darin war seine überragende Größe, die ihn, wie seine Zeitgenossen sagten, bis in die Sphäre der ü'JllPlO hinaufhob. Es war die Schule des Wilnaer Gaon, dessen vornehmster Schüler Rabbi Chajim Woloschiner. der Begründer der Jeschiwa, war. Rabbi Chajim Soloweitschik hat als zweiter Rabbi Chajim Woloschiner dieses Erbe weiter getragen. Es galt aber, dieses Erbe nicht allein mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen zu verwalten. Es ist schwer, bei den jüdischen Größen — ob man von Rabbi Chajim oder „Chofcz Chajim", oder sonstjemand dieser Unsterblichen spricht — die Grenze zwischen Kopf- und Herzensarbeit abzustecken, wäll a^j bezeichnen im Hebräischen ebensowohl den Intellekt wie Herz und Gemüt. Schöpferisch wie sein Geist, war auch das goldene Herz Rabbi Chajims. Wie der scharfe Kopf Brücken schlug zwischen den einzelnen Bezirken der Lehre, so schlug das große Herz Brücken zwischen Mensch und Mensch, zwischen Meister und Schüler, zwischen Führer und Geführten in der Gemeinde. Es lag Rabbi Chajim nicht, moralisierend in die Lebensgestaltung Einzelnet einzugreifen. Den M u s s a r kannte man in Woloschin nicht was eine spätere Generation als Manko erkannte und in den Jeschiwoth zu Slabodko, Telschi, Mir mit Erfolg gutzumachen suchte. In Woloschin dachte man, daß mW IlKöri' die lichte Sphäre der Thora keinen Raum für ungesunde Elemente in der Seele lasse. Bei so viel Sonne mußten alle seelischen Krankheitskeime von selbst austrocknen. Wem Rabbi Chajims Blick durch Herz und Nieren drang, der war genesen. Aber Einzelne blieben unerfäßt. Und einige wenige, die — bei einer Unzahl, von bewährten Gdaulim — von Woloschin aus a n - dere Wege einschlugen, zeigten die Lücken dieses Systems auf. In Woloschin gab es damals schon so was wie „Strömungen", Klübchen mit divergierenden Einstellungen zu kulturellen und politischen Fragen des Tages. Rabbi Chajim sah es nicht, noch wollte er es sehen. In seiner Woloschiner Zeit gab es für ihn nur Eines': die absolute nimmt in echtem lifnim mischuras hadin den Willen für die Tat, wenn aus diesem Willen nur das Streben des Menschen nach Zedokoh, nach vollster Drangabe der Persönlichkeit und der Kräfte, spürbar wird. Und da, wo G'tt des Menschen Drang nach Zedokoh spürt, da spannt G'tt sein Zedek vor den Wagen seiner Waltung, und „du erweist wieder Liebe deidem Lande, führts Jakobs Gefangene wieder heim* (Psalm 85, 2). Wie im Kampf des Menschen gegen den inneren Feind durch Zedokoh der Sieg herbeigeführt wird, so wird aus dieser Hingebung, aus diösef Haltung und Handlung des Menschen lifnim mischuras hadin, auch G'ttes Waltung im äußeren Geschehen der Welt bestimmt, und — Jacob bleibt flicht immer der Wurm, den man tritt, Jakob wird zum stolzen Träger des G'ttlichen, den man liebt! 3. So haben wir zwei Arten von Zedokoh. Das, was "wir gemeinhin Zedokoh nennen, ist Leistung durch Geld, Leistung dessen, wozu wir verpflichtet sind durch den Din. Das Maaser, das wir geben, fällt darunter, alle durch Geld zu bewirkende Leistung, Von einem solchen Baal-Zedokoh sollten wir nicht gar zu viel hermachen. Wer geben kann und nicht gibt, ist nach einem alten Wort Rabbi Chajim Briskers yie ein Piano, auf welchem man nicht spielen kaön, ist völlig wertlos! Viel höher als dieser Baal Zedokoh steht der Gaumel Chesed, der sich mit Einsatz seiner Person andern helfend zur Verfügung stellt, am höchsten aber steht jener Baal Zedokoh, der in allem lifnim mischuras hadin g'tt- und menschendienend sich bemüht! — Diese Zedokoh, die Bereitschaft zur Tat b'fnim mischuras hadin wird uns helfen, alle innere und äußere Not zu überwinden, alles Golusleid zu überstehen, denn von ihr ist gesprochen: „Groß ist die Zedokoh, denn sie bringt die Erlösung nahe." Wahrheit der Thora, eine breite Königsstraße, in die alle Neben- und Seitenwege einmündeten. Als man damals schon, beim Auftreten von Moses Montefiore; von einem Juri e n s t a a t sprach und Schüler ihn fragten, welche Staatsform er für Erez Israel empfehlen würde, schüttelte Rabbi Chajim den Kopf und zitierte den Vers aus M. V. 33, 4—5: Der jüdischen Gemeinschaft hat M o s c h e die Verfassung gegeben, mbH» fltfö 13*? mX min 3p5P rrWrp'ob \T1 sie nach monarchischer Form von einem König beherrscht wird, ob öS? *]ÖXnm, sie nach demokratischer Methode von einer Versammlung der Volksvertreter geleitet wird, oder *TrP VfcW ^tilV sich das Volk selbst regiert, die Regierungsmaximen bleiben stets die gleichen, die in der Thora festgelegten. Ein agadisches Witzwort vielleicht; nur eine homiletische Deutung! Aber der Wahrheitskern bleibt, auch wenn die Worterklärung ,vor der strengen Exegese nicht standhält. Als „Brisker Raw" stand aber Rabbi Chajim nicht mehr, wie in Woloschin, vor einem „Parkett von Königen", Er hatte die Lasten und Sorgen einer großen Gemeinde von einer bunten Vielfalt der Meinungen und .Interessen zu tragen. Er kam unmittelbar mit dem lebendigen Leben in Berührung und hatte dieses oft zu formen, es den Menschen seines Kreises erträglicher zu machen." Hier wurde der Gaon der Lehre zum Gaon der Wohltat, hier zeigte Aus einem Priyatbriefe an einen Kaufmann. New York, im August. Man muß wissen, daß Amerika das raschlebigste Land der Welt ist. Wer heute ein Bettler ist, kann morgen Millionär sein und umgekehrt; was heute eine gute Idee ist, kann morgen — buchstäblich morgen — kindisch und lächerlich wirken. Ein kleines Beispiel: Bei uns sagte man „das Geschäft ist auf einem guten Posten". Das gibt es in Amerika nicht oder nur mit starken Vorbehalten, von berühmten ud<1 unbezahlbaren Straßenzügen ä la Mariahilferstraße in Wien (Broadway, Fifth Avenue usw.) abgesehen. Ueber Nacht wird eine Wohngegend unmodern, am nächsten Tag zieht alles um (Kündigungsfristen gibt es nicht, dafür leere Wohnungen in Hülle und Fülle) und der Mann „am guten Posten" ist an den Bettelstab gebracht. Daraus folgt bereits, daß ich unmöglich „etwas wissen kann, wo Sie sich kaufmännisch betätigen könnte n". An sich gibt es (siehe Einleitung) zweifellos Millionen Möglichkeiten oder doch mindestens tausende. Aber erstens kann sie immer nur der Interessent selbst auf Grund seiner Beziehungen, seiner persönlichen Fähigkeiten und Du mußt gänzlich in dem Ewigen, deinem G'tte, aufgehen, V, 18, 13. Von Heinrich Einstädter. Das ganze Jahr hindurch richtet der- Mensch seine Gedanken auf die Zukunft und niemals mehr als um die Jahreswende. Er tastet mit seinen Sinnen die Vergangenheit ab und die Gegenwart, die ja sofort zur Vergangenheit wird, und sucht dadurch zu einer möglichst richtigen Bamtwortung der Fragen zu gelangen; Was wird kommen, und was soll ich tun? So handeln nicht nur wir, sondern auch unsere Mitmenschen, und so verfuhren zu allen Zeiten jene, die sich zu den Denkenden rechneten. Die Erfahrungen, die sie sammelten und die auch uns immer wieder Gelegenheit geben, uns davon zu unterrichten, ob die Erwägungen, die wir anstellten, die Schlüsse, die wir aus ihnen zogen, und die Handlungen, die. wir dementsprechend folgen ließen, auch das Richtige trafen und durch die späteren Ereignisse bestätigt wurden, diese Erfahrungen waren meistens trüb und führten zu dem trivialen Ausspruch, den man immer wieder hört: Es kommt immer anders, als man denkt. Diese Tatsachen führten wohl schon vor Tausenden von Jahren die Menschen zu Aberglauben und Zauberei, wovor unser großer Lehrer Mosche in seiner Mahnrede warnt, um daran das Wort anzuknüpfen, das wir an die Spitze unsrer Ausführungen gestellt haben: „Du mußt gänzlich aufgehen in dem Ewigen, deinem G'tte." Zu diesem Ausspruch bemerkt Raschi: „Wandle mit Ihm in Vollkommenheit, hoffe auf ihn und forsche nicht nach den zukünftigen Ereignissen; sondern alles, was über dich kommt, nimm an in Frömmigsich, besonders als die Kriegsleiden über seine Gemeinde hereinbrachen, wie der Mann, der sein Lebtag talmudische Sugjoth formte, auch das Leben zu meistern wußte. Einzelne Episoden aus seiner aufopfernden Tätigkeit im Großen und Kleinen, in dieser Zeit aufzuzählen, hieße das grandiose Bild in seiner Ganzheit und Einheit stören. Die Homburger Träume von der Einigung aller Thoratreuen schienen beim Dröhnen der Kanonen von Grenze zu Grenze verflogen. Aber er wußte und schrieb es auch an Vertraute, daß die vom Beben der Erde geborenen neuen Teilungen und Trennungen die einigende Macht der Thora erst recht hervortun und das das Thoravolk in all seinen Teilen einigende Band befestigen werden. Er hatte recht behalten. Die für 1914 nach Frankfurt einberufene Keneasio Gedaulo konnte nicht zusammentreten. Aber neun Jahre später, 1923, konnte der erste orthodoxe Weltkongreß in Wien tagen — zum Schmerze aller ohne Rabbi Chajim Brisker. Aber die Aguda ging damals und geht heute ihren Weg nicht ohne Rabbi Chajins Wegweisung und Zielsetzung. Wenn die Agudas Jisroel nach einem Vierteljahr hundert ihres Bestehens zum Grabhügel zurückschaut,' der vor zwanzig Jahren in der Ehrenreihe des alten Warschauer Friedhofes aufgeschichtet wurde, so kann sie wie keine andere Organisation der Welt von den sie speisenden Kraftquellen sagen: Dy.wj nna w^v nnsn naa Ambitionen, seiner Kapitalskräfte und seines Unternehmungsgeistes finden. Und zweitens kann es auch ihm selbst nur an Ort und Stelle, unmittelbar vor der Verwirklichung seiner Pläne gelingen. Eine andere aber nicht minder schwer zu beantwortende Frage ist die nach der Möglichkeit der Beschaffung eines Melamed-Postens. Also die „Beschaffung" ist natürlich unmöglich, das geht aus dem oben Gesagten hervor und aus der Ergänzung, daß die in USA. seit Jahren herrschende Wirtschaftsdepression naturgemäß auch auf den jüdischen Chinuch abgefärbt hat und daß unzählige Melamdim — ausgebildete und unausgebildete, Amerikaner und Zugewanderte — sich auf jeden freien Posten stürzen. Wer würde denn auch — überlegen Sie einmal logisch — einen Lehrer anstellen, den er noch gar nicht kennt? Noch dazu einen, der von so weither kommt und weder die amerikanische Pädagogik — es gibt eine solche — noch die Landessprache beherrscht? Die Erlangung eines Melamed-Postens aber, d. h. die Anstellung üäeli erfolgter Einwanderung, die scheint mir möglich, wenn auch ungeheuer schwierig. Sie hängt letzten Endes nicht nur von der I keit, und dann wirst du zu ihm gehören." Hieran anschließend führt der Erklärer Ramban aus; „Unser Herz sollen wir stets auf G'tt allein richten, der alles bewirkt, der allein die Zukunft kennt und auf den allein wir vertrauen können. Daher sollen wir allen Prophezeiungen den Ausspruch entgegenstellen: Alles kommt von G'tt." Daß es in unserer Zeit keine wahren Propheten gibt, haben schon viele erfahren müssen; denen schließlich das Herz den glecihen Rat erteilte wie der Weltenlenker unsrem Erzvater Abraham: „Wandle vor mir und werde vollkommen (tomim)." Führe dich so, daß der Allmächtige dein Tun und Lassen billigen kann, und gehöre ihm mit ungeteiltem Herzen an. Wer diesen Lebensweg erwählt, der vor den Augen G'ttes dahinführt, und sich jedem Grübeln über die Anwendbarkeit von G'ttes Lehre in der Gegenwart enthält, der wird bald in sich fühlen, " wie stärkend und beruhigend das Bewußtsein wirkt, die Eigenschaft des „Tomim" zu erstreben, also gänzlich in G'tt aufzugehen. Kein „Wenn" und kein „Aber" wird seine Denkweise und sein Handeln einschränken, und die nächste Tat wird sein, daß er sucht, den Weg G'ttes kennen zu lernen. Diese Gedanken erfüllen den wahren Juden, wenn die „Jomim hanoroim" nahen. Sie lenken seinen Blick auf die Vergangenheit mit all ihren Unvolikommenheiten und lassen ihn erkennen, in welcher Beziehung diese Mängel mit den Erlebnissen der Gegenwart stehen (Jom. hasikoron). Sie stärken seinen Willen zur Umkehr (Jom hakipurim) und verleihen ihm das beglückende Bewußtsein, daß G'ttes Hand ihn, stets beschützen wird und einer besseren Zukunft ejitgegcnführt. „Hoffe nur auf G'tt, sei mutig und festige dein Herz und hoffe auf G'tt." (Ps. 27, 14). Wenn man auswandern will.