Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1. September 1938 Nr. 35 Seite 5 Wille webt und waltet über Erez Israel, den kein Terror zu brechen imstande sein wird. Aber das fröhliche,, genießende Tel Awiw, die hellen, grellen Lichter und das laute Lachen aus „San Remo" und anderen Grandhotels und Prunksalons, die schreienden Plakate der Theater und Kinos in der Gegend der Irija, das ungezwungene und ungehemmte Treiben am Strande, gerade am Sabbat? Es kam der Aufruf des Sicherheit sschutzes, Greise und junge Kinder bitten, sie in die Front der Verteidiger einzureihen, Arbeiter und Angestellte opfern ihren Urlaub, junge Arbeiterfrauen ihre Trauringe dem Schutz der Kolonien. Und auch Tel Awiw erwachte zur Besinnung. Es ist nicht so, daß das lebendige Leben in Tel Awiw aufgehört hätte und die Räder stilleständen. Auch die Vergnügungsindustrie kann bis zum gewissen Grade ihre Berechtigung haben. Auch hierin kann ein Symptom für den starken Willen des Jischuw gesehen werden, sich picht schrecken und nicht irre machen zu lassen, den Kopf hoch zu behalten und mit ungebrochenem Mute weiterzubauen — sofern die Ausflüsse dieses Willens nicht das nötige Maß und die gegebene Grenze überschreiten. Die Grenze wird überschritten, und daraus ergibt sich die starke Dissonanz zwischen der ersten und der letzten Seite der hebräischen Zeitungen. Aber der Ausruf war ein Prüfstein, der die reinliche Scheidung zeigte. Eine große Anzahl von Gedankenlosen wird weiter in den Cafes herumsitzen und sich die schwarzen Ränder in den Zeitungen flüchtig und innerlich unberührt ansehen. Sie machen unser Erez Israel nicht aus*. Ihrer Viele werden das Land wieder verlassen, wenn sie ihre materiellen Wünsche nicht erfüllt sehen. Auf der anderen Seite konnte man erleben, wie lebhaft gerade die großen Massen in Tel Awiw, Kaufleute, Arbeiter, Intellektuelle, und erst recht die frommen Kreise, auf die ersten Aufrufe des Sicherheitsausscbusses reagierten. Was sich in Tel Awiw in Wahrheit zu Erez Israel zählt, blieb nicht abseits, opferte, was es opfern konnte. Unzählige stellten gleich auf den ersten Anruf ihre Kraft und ihr Leben in den Dienst der Sache, und die Gelder der „Nichtkombattanten" für den Schutz der Kolonien flössen doch schließlich zum größten Teile aus Tel Awiw. Gewiß gibt es nach wie vor manche Uebel abzustellen in der jüdischen Stadt. Opferwilligkeit auf der einen hebt die aus Mangel an Solidaritätsgefühl kommende übersteigerte Lebensgier nicht auf. nT3Sr HSDö nix» ]■>«• Hier Wandel zu schaffen, ist die Sache der verantwortlichen lokalen Instanzen. Für die große jüdische Oeffentlichkeit ist aber erfreulich, zu wissen, daß Tel Awiw im Ganzen die letzte Probe bestanden hat, und daß die Kluft zwischen Stadt und Land in Erez Israel nicht gar so groß ist, wie sie die glitzernden falschen Lichter an den Eingängen der Vergnügungsetablissements vorgaukeln möchten. Wie ein Großer der Vorzeit... Zum 20. Todestage von Rabbi Chajim Brisker Rabbi Chajim, der „Brisker Raw?" War das nicht einer von den Großen der Vorzeit? Den Jüngsten mag es so dünken, die Aelteren, und nicht allein die Aeltesten, kannten. ihn noch als Zeitgenossen, aber auch diesen schien es damals, als ragte mit ihm eine Säule aus Irüheren Zeitepochen in ihr Zeitalter hinein, und man fühlte sich verwaist, verlassen, wie von einer glorreichen Vergangenheit gelöst, als die Säule am 2 1. Aw 5678 (1918) stürzte. Wer von den Jüngeren weiß heute noch, daß Rabbi Chajim, der noch sozusagen als TfTK Jl^Vtt»! JIMS 'WO zum Kreise von Rabbi Jizchok Elchonon, Rabbi N a f t o 1 i Zwi Berlin, Rabbi Jossef Beer gehörte, daß der gleiche Rabbi Chajim im kleinen Rate *) Einige Angaben dieses Artikels sind einem Aufsatze von Rabb. S. J. S w i n im „Hazofeh" entnommen. Sie waren krank, sehr krank. Das Leiden hatte fast chronischen Charakter angenommen und das Schlimmste stand zu befürchten. Da kam der Zionismus wie eine Art Medizin und riß Sie wieder hoch. Die Krise ist überwunden, Sie sind Rekonvaleszent. Eine kräftige Hausmannskost ist jetzt am Platze, wie ich sie täglich genieße. Ich bin gesund, mir schmeckts. Medizin brauche ich nicht, die macht mich nicht satt und wäre mir obendrein zu teuer. Ein Slück Kornbrot beispielsweise mundet mir ausgezeichnet. Ich hoffe und wünsche, daß Sie sich auch nicht weiter mit Medikamenten aufpäppeln. Kommen Sie zu mir. Bei mir sind Küche und Keller voll, Kisten und Kasten gefüllt." Dabei öffnete Rabbi Schamschon seinen großen Sforimschrank und ließ seine reiche Bibliothek sehen. „Greifen Sie herzhaft zu. An Auswahl fehlt es wahrlich nicht. Und alles ist Ihnen gegönnt. Greifen Sie zu!" Briefkasten. K, R, in W. Besten Dank für die Zusendung des Briefes, den wir im Auszüge erscheinen lassen werden. K. P. in F. Die Notiz ging uns aus Amerika zu. Näheres ist uns nicht bekannt. Wegen Umzugs der Druckerei mußte der „Kleine Israelit" sowie eine Reihe von Notizen und Zuschriften für nächste Nummer zurückgestellt werden. V"2T *)• saß,' der in Bad Homburg den Grundstein zur Weltorganisation der Agudas Jisroel legte, daß auf der Gründungskonferenz in Kattowitz die kleine Gestalt Rabbi Chajims wie ein Diadem im Kranze der großen Männer auf dem Podium leuchtete! Nur Wenige ahnen es, wie viel vom Geiste Rabbi Chajims und der Männer seines früheren Kreises, deren Erbe er verwaltete, in der orthodoxen Weltorganisation heute noch mitwebt und mitwirkt. Rabbi Chajim (Soloweitschik war der Name der Famalie) war ein „ W o 1 o s c h i n e r ". In diesem Landstädtchen bei Wilna, das hundert Jahre die größte Thoraresidenz der Welt seit den gaonitischen Schulen in Babylon war, erblickte er im Jahre 5613 das Licht der Welt. Klänge der Thora aus fünfhundert frischen Kehlen im großen Jeschiwahause, wo sein Vater, Rabbi Jossef Beer, am .Dozentenpulte lehrte, umschwirrten die Wiege des Kindes. Im lerrif ähigen Alter kam der Knabe nach S 1 u z k, wohin sein Vater als Rabbiner beruien wurde. Hier'lernte er und war bald als „Hui" von ganz besonderer Art bekannt, einer Art, die nicht einmal von der anerkannten Genialität des Vaters überstrahlt vnd in den Schatten gestellt werden konnte. Mit zwanzig Jahren ist er Schwiegersohn von Rabbi R e f o e 1, dem Schwiegersohne und Assistenten von Rabbi Naftoli Berlin an der Woloschiner Jeschiwa. Mehr wissen wir nicht von seinem Werdegange. Er war da, der junge Meister, saß in Woloschin und zog die Jeschiwa in seinen Bann. Ein zweiter „Rabbi Chajim Woloschiner". Zwölf Jahre, von 5640 bis zur Schließung der Jeschiwa im Jahre 5652, hielt Rabbi Chajim täglich seine talmudischen Vorlesungen vor den 500 Jüngern. Es waren Lichtstrahlen, die durch geniale Schüler in die ganze lernende Welt hinausgetragen wurden. Die Hochschule des „jeschiwischen Lomdus", das sich durch die logische Gliederung des Gegenstandes und die halaehisch gesunde Grundlage auszeichnete, war um diese Zeit Woloschin. Die nach Hunderten zählenden tpbrtt' die in diesem Jahrzehnte die Führung in den östlichen Gemeinden übernah-, men, waren allesamt Geist vom Geiste Rabbi Chajims. Unbeschadet der gewaltigen Autorität des n*"»X2' (Rabbi Berlin) war Rabbi Chajim in dieser Zeit der Köpf von Woloschin. Nach dem „Churban Woloschin" (die russische Macht hatte eines Tages die Lehrhallen geschlossen. Zu den heimgeschickten Jüngern gehörte auch Schreiber dieser Zeilen, der nur wenige Wochen in diesem Lichtkreise weilen durfte) zog Rabbi Chajim, damals ein Vierziger, nach B r i s k , wo sein Vater, Rabbi Jossef Beer, das Rabbinat inne hatte. Hatte der große Vater auf den großen Sohn nur gewartet? Noch im gleichen Jahre wurde der „alte Brisker Raw" abberufen und der kongeniale Sohn nahm den leergewordenen Platz ein. Es bedurfte dazu nicht einmal eaier formellen Wahl. Der zweite Rabbi Chajim Woloschiner wurde zum „zweiten Brisker Raw" und blieb es 23 Jahre, eigentlich sein Lebenlang. Als „Brisker Raw" träumte er von der Vereinigung aller Thoratreuen der Welt im Rahmen einer weitumfassenden Organisation. Als „Brisker Raw" kam er zum erstenmale mit dem gesetzestreuen Westen zusammen und arbeitete an der Schaffung der Grundmauern für den stolzen jüdischen Gesamtbau in der eingangs schon angedeuteten Weise. Im ersten Kriegsjahre mußte der Rabbi mit seiner Gemeinde in die Galuthverbannung gehen — zunächst nach Minsk, dann, vier Jahre später, nach Warschau. Auf Anratung der Aerzte nahm er im Sommer 1918 seinen Wohnsitz im nahen Kurorte Otwotzk, wo am Dienstag, den 2 1. Aw, seine leuchtende Seele erlosch. Damit ist der äußere Rahmen eines großen Menschenlebens umrissen. * Was war aber das eigentliche Geheimnis dieser in ihrer Art einmaligen Persönlichkeit, die magnetisch alle in ihren Bann zog und Unzähligen die Prägung für ihr Leben gab? Lag das an seiner Thorameisterschaft? Es gab Geonim vor ihm und auch zu seiner Zeit. Ob einer größer ist als der andere — wer wollte sich vermessen, die Tiefen der einzelnen Meeresteile unter der gleichen Strömung ergründen zu wollen? Oder war es seine absolute Wahrheitsliebe? Männer von strikter Wahrhaftigkeit waren allezeit dünn gesät, aber in Einzelexemplaren stets vorhanden. Auch die tiefe unausschöpfliche Liebe zu Israel und Jedem in Israel kann es nicht allein gewesen sein, die seine Autorität und Souveränität begründete. Vielleicht war es indes die Vereinigung all dieser Eigenschaften in einer Person: Genialität und Wahrheitsliebe und ^tnw rnnN' die ihm die erste Krone im Reiche des jüdischen Geistes seiner Zeit zusprach?! Universalität läßt aber selten jede Seite des Wesens zur gleich höchsten Entfaltung kommen, und es ist nicht vorstellbar, daß die jeschivische und lomdische Welt Rabbi Chajim als Gaon mehr geschätzt und deswegen an die oberste Spitze gestellt hätte, weil er zugleich auch Mann der strikten Wahrhaftigkeit und großen Liebe war. So wenig wie die Vielen, die seinen Rat und seine Wohltaten genossen hatten, sein tiefes Eindringen in Talmud und Rambam abzuschätzen wußten. Das zentrale Moment, das Rabbi Chajim — von welcher Seite man auch zu seinem Wesen vordrang, — zum KTn *rn machte, war die „Ursprünglichkeit", nvaiWiH nennt das die lernende Welt des Ostens. Und darunter versteht sie die Gabe, in großen Zusammenhängen zu denken, ganze Generationen überspringend an die „Ersteren", CanPKT anzuknüpfen und das Grundwasser ihrer Lehre aus den Tiefen herauszubohren. Nicht Jeder konnte dem Meister auf dem Podium von Woloschin durch alle verschlungenen Gänge folgen, manche scheuten sich, ins Antlitz zu schauen, aus dessen Augen beim Reden Blitze zuckten. Aber wenn er fertig war.