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Der Israelit · 1938-08-25 · Heft 34 (25.8.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 34 (25.8.1938)
Date
1938-08-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 34 1938 Der Mayerl aus der Türkengasse. Von Alice Landsberg' in Wiesbaden. Vor ihm lag, in Sonnenschein und milde Luft gebettet, die Stadt. Irgendwo im Bereich zivilisierter Mächte war sie bis zur mittleren Größe aufgewachsen mit Gassen, Straßen und Alleen, ein bißchen herb zurückweisend in ihrer waldreichen Lage, für den jungen Juden Mayerl aber schier eine Festung, die er mit zweifelnden Elicken maß. Zeit genug hätte er gehabt, von der kleinen Anhöhe aus das friedsame Bild lange in sich aufzunehmen, aber er strebte vorwärts, kaum daß er sich Muße zur flüchtigen Musterung ließ. Bald stieß er an die ersten Häuser, Menschen musterten ihn gleichgültig, neugierig, spöttisch, je nach ihrer Wesensart, und der eine, den er nach dem Weg zur Türkengasse fragte, war nicht gar zu unfreundlich und wies ihm die Richtung, in die er zu gehen hatte. Rasch kam Mayerl zu der langen, etwas dunklen Straße, in der seit vielen Jahrhunderten die Juden gern wohnten, selbst wenn sie es zu einigem Reichtum gebracht hatten. Neuerdings erst fingen sie an, nach den Villen am Stadtrand zu schauen und sich zu fragen, was sie davon abhielt, in die Reihen jener anderen Bevorzugten zu treten, die offen und ehrlich ihr Gedeihen an Gut und Geld zeigten. Die Zeiten hatten sich für die Juden damals, als Mayerl ein junger Mann war, gebessert. Dennoch hielt selbst die Geruhsamkeit der Türkengasse nicht dem forschenden Blick des jungen Menschen stand, der wie eine Vision alles Kommende zu sehen vermeinte und doch nur graue Schleier gewahrte. Das jagte ihm einen Schrecken in die Glieder und hemmte ihn am Weitergehen, Als er schließlich sich einen Narren schalt, ging er doch nur sehr langsam in das Grau der dunklen Straße. Vorahnungen schienen ihn bedrückt zu haben, denn die Aufnahme bei sehr weit entfernten Verwandten war kühl und abgeneigt. Gewiß, Mayerl brauchte keinen Schutzbrief mehr, keinen Bürgen, die Erlaubnis zum Niederlassen in der Türkengasse hatte er schon in Händen, aber er brauchte doch Anschluß, um sich ein Leben oder wenigstens die Grundlage zu einem solchen zu beschaffen. Widerwillig gab man ihm Aufenthalt in eisigen Dachkammern, die am Tag Siedehitze ausströmten, bis er in einem hüttenähnlichen Haus ein Zimmerchen gefunden hatte, das mit einer kleinen Werkstatt seine Zukunft darstellen sollte. Arbeit fand er zur Genüge, doch — so dachten die Juden der Türkengasse — nicht in dem Maße, daß er es sich leisten konnte, die ärmste, wenig reizvolle Person der Gegend zur Frau zu verlangen, wie er sie in Hannah fand. Man zerbrach sich um diese Angelegenheit ein wenig den Mund und wurde erst still, als Mayerl dem ärgsten Schreier freundlich den Bescheid gab, daß er den Gesetzen seiner Religion eher lebe, wenn er eine Frau nehme; da jedoch sein Sinn nicht nach Geld und Schönheit stehe, welches Aeußerlichkeiten bedeuteten, habe er in dem Mädchen Hannah eine Lebensgefährtin gefunden, die zu ihm passe. — Lebenslang dankte die demütige Frau dem braven Mann das Wort. Sie trug die Last der sich stetig wiederholenden guten Hoffnung mit der ganzen Demut ihres stillen Herzens. Jedes Jahr gebar sie dem Mann ein Kind, mal einen Knaben und wieder ein Mädchen, dann wieder einen Knaben, bis das erste Dutzend voll war. Mayerl aber unterschied sich von anderen Vätern zahlreicher Kinder wohltuend durch die Frömmigkeit, mit der er seinen G'tt in sich trug. Er half die Last der neun Monate erleichtern vom ersten Tage ab. Nicht eine schwere Kanne litt er in den Händen der Frau. Abgehetzt von der niederen Arbeit seiner Werkstatt versäumte er es nie, der Frau beim Aufräumen, Kochen und Einholen zu helfen. Solch einem Mann hätte man in der Türkengasse mehr als Achtung bezeugen müssen, doch schauten sie, wie sie alle waren, halb verächtlich auf einen, der es nicht weiterbrachte im Leben als bis *.um mittellosen Flickschuster ohne materiellen Rückhalt. Denn wehe, wenn Krisen im Leben des Mannes auftraten. Hunger und Aermlichkeit hausten dann im Hause, aber Zwietracht und Bosheit blieben vor der bescheidenen Türe stehen, um dann weiterzugehen. — Zwölf Kinder — damit schien die fromme Hannah genug in dem Leben geleistet zu haben, Mit einem scheuen Blick, der um Verzeihung bat, legte sie sich eines Tages aufs ärmliche Lager und starb .Ehrlich trauernd saß Mayerl auf dem Boden während der schmerzlich einsamen Zeit der sieben Tage, während draußen seine Kinder vom alten Gemeindediener betreut wurden. Aus der Dunkelheit stieg er wieder ins Licht des Alltages, und wieder mußten die aus der Türkengasse ihre Mäuler regen, und zwar diesmal in einem Protest. Mayerl sah nämlich lange seine Kinder an und bedachte, daß die beste Vaterliebe ihnen das Röcklein nicht flickte und die Mutter ersetzte. Er hielt daher Umschau unter den jüdischen Mädchen, wenngleich man ihn der Herzlosigkeit zieh. Auch daß er auf die Bibel pochte und ihre Wünsche zitierte, daß der Lebende die Aufgabe des Abgestorbenen zu vollenden habe, versöhnte die anderen nicht. Doch auch ohne ihre Billigung nahm er die Austrägerin eines Geschäftes in der Türkengasse zur Frau, nachdem man wenigstens erwartete, daß er sie zur Magd nehme. Es war keine sanfte Hannah,. aber eine derbe Frau, die schaffen konnte und es dem frommen Schuster ' vergalt, daß er ihre Sehnsucht nach Familie noch erfüllte. Unter ihrer tatkräftigen Hand wurden die Kinder der Hannah kräftig, vernünftig und gesund. Sie schenkte den Aufwachsenden noch acht Geschwisterchen, und, wer durch die Türkengasse als Fremder ging, staunte zur damaligen Zeit über den gewaltigen Haufen Kinder, der auf einem Klumpen die Gasse belebte, ohne gar zu wild und unartig zu werden. Niemand glaubte, daß es Geschwister waren. Aus den wenigen Stübchen allerdings hatten mehr werden müssen, die Aermlichkeit verlor sich unter der neuen Frau praktischer Hand, wenn auch nie Reichtum kommen würde bei dem Segen an Kindern. Doch da sie sah, daß es dem Mayerl genug war, fand sie seine Befriedigung auch als die ihre. Wohl stand sie oft ratlos vor allzu leeren Schüsseln. Aber Mayerl verstand ihr zu helfen. Um den Tisch saßen die zwei mit den zwanzig gesunden Kindern, denen die Lust nach guten Dingen und nicht nach dünner Suppe mit Brot in den Augen stand. Aber ein Dessert hatte Vater Mayerl, das konnte sich selbst der reichste Jude der Türkengasse nicht gönnen. Ein Buch holte er, in jedem jüdischen Haushalt liegt es auf, die Bibel mit der Geschichte des jüdischen Volkes. Weit zurück blätterte Mayerl, um von der Afmut der Juden 211 berichten. Er sah dabei sprechend auf einen halbgeleerten Teller seines Jüngsten, der eifrig ans Löffeln ging und das Tellerlein sehr blank putzte. Dafür durfte er sieh nachher im Geiste des reichen Landes Judäa freuen, in dem Milch und Honig und Leckerbissen schwammen. Gewiß, Mayerl schwindelte ein wenig, viele Lekkerbissen flocht er ein, die erst ein Produkt ^^MH^H^HBHHanMHH^M neuerer Zeit waren. „So hilft G'tt," schloß er meist seine Vorlesungen, „erst die Prüfung durch Not, dann die Belohnung." Anderen Kindern wäre es langweilig gewesen, stets anstelle der gewünschten Dinge Phantasiegebilde zu erhalten, doch die Mayerlkinder sahen ihren Vater tagaus tagein in der Werkstatt sitzen, kaum daß der Tag graute und sein Hammer schwang sich ihnen als unlöschbare Melodie ins Innere, Früh begannen die Knaben, dem Vater -■- unaufgefordert — zu helfen. Mayerl hatte nicht vor, seinen Kindern die Jugend zu stehlen durch frühe Arbeit, aber sie baten darum, sie flehten, und er gewährte es ihnen mit heimlichem Lächeln, Wie ernst nahm der Simon das Schichten der Nägel, aber dem Bernhard war das Hämmern lieber; die neugierigen Finger des Eli versuchten das Geheimnis der Nähmaschine zu ergründen, während die anderen wieder andere Vorlieben hatten, Simon aber war es, der es zuerst entdeckte, daß Vater graue Haare hatte, die sich durch den dichten Haarschopf wie heile Striche zogen. Das war bei der Gelegenheit, als er Mayerl bat, ihn in der Schule zu lassen, weil er was zu lernen vorhatte, Mayerl legte den Hammer aus der Hand, um seines Kindes Rede nicht zu stören, aber müßig blieb er nicht. Er stieß mit spitzer Nadel Löcher durchs harte Leder, durch die er nachher die Fäden zu ziehen gedachte. Erst als der Junge schwieg, ruhten auch seine Hände. „Du bist der Aelteste", sagte Mayerl ruhig und sah den Jungen an. „Du weißt es daher vielleicht am besten, daß wir nur einen Reichtum haben, und der ist eine große Familie, Laß dir es nicht verdrießen, daß so viele um dich sind und dich stören in deinem Lebensplan, Ich gab dir mit an Wichtigem eine fromme Seele, einen offenen Sinn und einen gesunden Mut. Mehr aber vermag ich dir nicht zu schenken Simon hatte immerfort die weißen Haare zwischen den schwarzen auf dem Kopf des Vaters gesehen und richtete sich jetzt lächelnd auf. „Es ist gut, Vater, aber sieh, ich wollte dir nur die Ehre geben, dir den Vorrang zu lassen vor jenen, die mich das lernen lassen wollen, was ich verlange." Mayerl war nicht traurig über die Erkenntnis, daß andere vollere Hände hatten, zumal der Simon keine Almosen nahm, sondern allen Anschein gab, daß er sich mit zähem Fleiß dorthin brachte, wohin er strebte. Es war ihm auch nicht verwunderlich, daß bei kommender Zeit der Bernhard ein Handwerker wurde und sich die Lehrstelle selbst suchte. Der Eli überraschte nicht mit seiner Neuigkeit, daß er Schlosser und später etwas Besseres noch würde. Denn die Zeit ließ die Haare des Mayerl weiß werden und die Kinder groß. Die Knaben — ihre Zahl betrug zehn — fanden ihre Wege, Der Simon wurde Doktor, der Bernhard Fabrikant - der Eli Ingenieur und Erfinder, die übrigen sieben Kaufleute, Künstler, Handwerker und so weiter. Und der einzige, der Schuster wurde, war verlegen vor den Vater getreten, und nach einem kurzen Gespräch in die Welt gewandert, wo er nach Jahr und Tag sein Glück machte. So hämmerte Mayerl allein weiter in der Dämmerung seiner Werkstatt. Kam er zu den Seinen dann wunderte er sich, wie licht die Stuben geworden waren. Denn — es war ein Wunder, sagten die aus der Türkengasse — auch die Mädchen glitten aus dem Haus. Mayerls Mädchen besaßen drei Eigenschaften, die sie über alle anderen setzten. Sie waren schön — von einer Schönheit, die nicht blendet, aber zündet mit warmem Licht — sie waren fleißig und anständig. Deswegen verzehrte sich der Jakob des reichen Bäckers nach der Susanne, so daß er vor deren Vater stand und Mayerl anschaute, als hinge von ihm sein Leben ab, „Meine Tochter ist arm, sie erhält keine Ausstattung, nur das, was sie auf dem Leib zuf Hochzeit trägt." (Schluß folgt.)

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