Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1938)
- Date
- 1938-08-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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'■Jf(lptjpvt*&*i 25. August 1938 Nr. 34 Seite 9 E R E Der Bandenkrieg geht weiter. Belagerungszustand über Hebron. Jerusalem, 21. August, In einem Gefecht in der Nähe von Akko wurden am Freitag fünf englische Soldaten getötet, ein Offizier und sieben Mann verwundet. Auf arabischer Seite sind 37 Mann gefallen. Außerdem machten die englischen Truppen zwei Gefangene. Das Gefecht entwickelte sich bei einer Strafexpedition gegen das Dorf Shaab, dessen Bewohner füf die Erschießung eines englischen Offiziers verantwortlich gemacht werden. Hier wurden mehrere Häuser der Dorfbewohner gesprengt. Außer Truppen nahmen auch Flugzeuge an der Strafexpedition teil. Im Grenzgebiet zwischen Haifa und Tel Awiw wurde in der Nacht zum Freitag ein Jude durch eine Bombenexplosion getötet und zwei andere schwer verletzt. Mehrere Juden trugen leichtere Verletzungen davon. In Haifa wurden sechs Juden durch eine Bombenexplosion in einem Autobus schwer verletzt. Ein größerer Zusammenstoß zwischen Arabern und englischen Truppen entwickelte sich in den Vormittagsstunden in der Nähe von Hebron. Während der Nacht waren Araber in das Postamt sowie in die Zweigstelle einer englischen Bank in Hebron eingedrungen und hatten vergeblich versucht, die Geldschränke zu öffnen. Hierauf hatten die Eindringlinge die Gebäude in Brand gesteckt. Es kam zu einem Schußwechsel zwischen den Arabern und herbeigeeilten Polizisten, wobei ein Polizist getötet und ein zweiter schwer verwundet wurde. Im weiteren Verlaufe der Feindseligkeiten rückten in den frühen Morgenstunden englische Truppen in Hebron ein, worauf sich die Araber in die Außenbezirke" zurückzogen und von dort aus die Truppen beschossen. Angesichts des Ernstes der Lage entsandten die Militärbehörden aus Jerusalem Verstärkungen. Nach der Hinrichtung von Mordechai Schwartz. Haifa, 21. August. Ueber den Schlußakt in der Tragödie „Mordechai Schwartz" wird noch aus Haifa einiges mitgeteilt, das den Zeitungen, die, wie der „Israelit", schon am Donnerstag erschienen und über die Hinrichtung berichteten, noch nicht bekannt sein konnte. Danach hat in der Nacht vor der Hinrichtung Schwartz dem Haifaer Rabbiner Kaniel, der die letzten Stunden bei ihm verbrachte, seine Schuld eingestanden. Er gab das Geständnis auch kurz vor der Exekution vor Zeugen zu Protokoll. Er habe die Tat in einem Anfall geistiger Umnachtung begangen, hervorgerufen durch die aufregenden Tage, die er in seiner Eigenschaft als Polizist im Unruheherde erlebt hat. Diese Erklärung, die von Rabbi Kaniel sofort an die Gefängnlsbehörde weitergegeben wurde, hat zu einer Beratung der zuständigen Stellen über einen eventuellen Aufschub der Vollstreckung geführt. Leider konnte die Ausführung des Urteils nicht mehr aufgehalten werden. Der VerWrteilte selbst hat, wie von den Augen- und Ohrenzeugen einstimmig beglaubigt wifd, mit dem Geständnis keine weiteren Hoffnungen verbunden. In voller Ruhe und Gefaßtheit verrichtete er in der letzten Nacht die letzten Gebete und verbrachte bis zum Morgen mit dem Rezitieren von Psalmen. Die Freunde, die ihn vorher besuchten, beschwor er, aus seinem Schicksal kein irgendwelches Kapital zu Parteizwecken"zu schlagen und von Protesten und dergleichen abzusehen. Sein Wunsch wurde in allen Teilen erfüllt. Die Bestattung fand schon am Dienstag in Haifa unter großer Beteiligung statt. Rabbi Raniel hielt eine Trauerrede. Der „heilige Krieg". Beirut, 18. August. Hier eintreffende Berichte aus Palästina geben ein sehr ernstes Bild der allgemeinen Lage. In gutunterrichteten Kreisen wird ein allgemeiner arabischer Aufstand in Palästina für den Beginn des Monats September vorausgesagt, Bewaffnete Männer strömen über die Grenzen nach Palästina und die Rekrutierung von Arabern in den palästinensischen Dörfern geht praktisch ungehemmt vor sich. Die Mobilisation von Arabern zum Kampfe in. Palästina schreitet auch m Syrien und in dem Irak fort/ Die „Gesellschaft zur Verteidigung Palästinas" mit ihrem Hauptquartier in Bagdad führt die Rekrutierung durch, ohne von den Behörden daran gehindert zu werden. Zwei angesehene Führer in Bagdad haben einen Aufruf erlassen, in dem die Notwendigkeit des „Heiligen Krieges" in Palästina betont wird. Einordnung der Einwanderer aus Oesterreich. Dem Tätigkeitsbericht der Hitachduth Olej Austria in Tel Awiw für den Monat Juli ist zu entnehmen, daß in diesem Zeitraum 443 Personen wirtschaftlich eingegliedert werden konnten. 327 Einwanderer wurden von den landwirtschaftlichen Genossenschaften aufgenommen. Für die bei der Hitachduth im Juli angemeldeten 148 freien Stellen wurden 113 Bewerber engagiert, davon 67 Männer und 46 Frauen. Die vermittelten männlichen Stellen verteilen sich auf folgende Berufe: 23 private Landwirtschaft, 7 Bauhilfsarbeiter, 4 Fabrikarbeiter, 3 Gastgewerbe, 3 Friseure (davon 2 selbständig), 2 Messerschleifer (selbständig), 2 Schreibmaschinenmechaniker, 5 Lehrstellen, 2 Dekorateure, 2 Korrespondenten, 2 Vertreter, 1 Automechaniker, 1 Maschinenschlosser, 1 Uhrmacher, 1 Kinooperateur, 1 Inkassant, 1 Schuster, 1 Schriftenmaler, 1 Erzieher, 1 Chemiker, 1 Verkäufer, 2 Schomrim; die weiblichen Berufe verteilen sich: 20 Oseroth (Hausgehilfinnen), 4 Erzieherinnen, 4 Gastgewerbe, 4 Hilfsarbeiterinnen, 3 Schneiderinnen, 3 Korrespondentinnen, 3 private Landwirtschaft, 2 Strickerinnen, 1 Köchin, 1 Verkäuferin und 1 Säuglingspflegerin. Die von den landwirtschaftlichen Genossenschaften übernommenen 327 Personen wurden von der Hitachduth nicht nur mit Kleidern, sondern auch mit Betten, Werkzeug und Fahrgeld ausgestattet. Kindergärten und Tagesheime in Jerusalem, Tel Awiw und Haifa. (Aus einem Berichte der Leiterinnen: Jetta Neuberger-Rosenheim und Steffi Cohn-Bodenheimer.) (Fortsetzung.) In die sozialen Aufgaben teilen sich unsere Heime mit einigen wenigen anderen im Lande. Die dringende Notwendigkeit solcher Betriebe, deren es in jeder Stadt eine viel größere Anzahl geben müßte, wird von der Oeffentlichkeit stets betont.*) Ihre große Bedeutung hat viele Gründe; Erwähnt wurde bereits der hohe Prozentsatz arbeitender Mütter; hinzu kommen ungenügende Wohnungsverhältnisse in den Vierteln der Armen, die oft lange Monate dauernden Einwanderungsschwierigkeiten, der Neueinwanderer, Arbeitslosigkeit und in letzter Zeit auch der scharfe soziale Abstieg der Mittelklasse, deren Einkünfte sich rapide vermindern und deren Kapitalsubstanz zü Ende geht. Für den alten aschkenasischen und sefardischen Jischuw sind hygienische moderne Heime ein dringendes pflegerisches und pädagogisches Erfordernis. Diesen sozialen Anforderungen gerecht zu werden, heißt Kinder aufnehmen können, deren Eltern nur ermäßigte oder minimale Beiträge leisten können. Aus grundsätzlichen Erwägungen halten wir wenn möglich an der Bedingung eines wenn auch noch so geringen Beitrages seitens der Eltern fest. Im Durchschnitt konnten wir ca. 75 % solche Kinder aufnehmen, bei denen das Haus an den effektiven Kosten nur zu einem je nach Lage des Falles größeren oder kleineren Anteil beteiligt ist, für dia redlichen 25 % wird Y©n den Eltern der Normalpreis des Landes bezahlt, sodaß für sie kein Zuschuß aufgebracht werden muß. Bei der Aufnahme hat die- Leiterin zu prüfen, ob eine objektive Bedürftigkeit vorliegt, sie steht dabei in Verbindung mit den öffentlichen sozialen Stellen. Durch Hausbesuche lernt sie das häusliche Milieu kennen, denn diese Kenntnis ist Voraussetzung für den richtigen Einsatz der sozialen Fürsorge für das Kind. Wir können dem häufigen Mangel an zweckmäßiger Bekleidung durch die Bereitwilligkeit unserer Freunde oft abhelfen, die uns gut erhaltene Kleidungsstücke zur Verfügung stellen. — Aus der Verbindung mit dem Elternhaus erwachsen oft neue Aufgaben der Beratung und Hilfe, denen die Kindergärtnerin sich' nicht entziehen kann. Durch Zusammenarbeit mit Arzt und Fürsorgestelle ist es uns zuweilen gelungen, auch in den häuslichen sozialen *) So Miß Henrietta Szold über die öffentlichen Kindergärten in ihrem 1937 . erschienenen Aufsatz „Die betrübliche Einzelheit in dem Programm „für das Kind" ist die Lage der Kindergärten. Nirgendwo in Erez Israel, außer in Tel Awiw können die Einwohner Kindergärten in Anspruch nehmen, wenn sie nicht die Möglichkeit haben, die Kosten zu tragen. Und gerade in unserem Lande ist doch dem Kindergarten grundlegende und lebenswichtige Bedeutung zugemessen, aus den Gesichtspunkten der Sprache, der Gesundheit, der Charaktererziehung und der Lage der arbeitenden Mutter. In dieser Hinsicht muß das Gewissen der Oeffentlichkeit noch erzogen werden!!" RAEL Nöten ZU helfen, Ueberaus schmerzlich ist es, daß wir ebenso wie alle anderen sozialen Heime immer wieder bedürftigen Kindern aus Geldmangel die Aufnahme verweigern müssen. Es versteht sich von selbst, daß durch die schwere Wirtschaftskrise die soziale Fürsorgetätigkeit heute noch weit mehr als vorher Anspannung unserer Kräfte beansprucht, Wie wir uns bemühen, ihr gerecht zu werden, und wie uns trotzdem in Vielem die Hände gebunden sind, darüber möge das folgende Schema eines der Einfachheit halber auf 50 Kinder berechneten Durchschnittsbudgets unterrichten. Wir nehmen an, daß von diesen 50 Ktndern durchschnittlich 25 den Kindergarten und 25 das Tagesheim besuchen und jede der drei Kindergruppen von zwei Kräften betreut wird. Ausgaben: Gehälter (1 Leiterin, 2 Kindergärtnerinnen, 1 selbständige Gehilfin, 2 Praktikantinnen, 1 Wirtschafterin) LP. 29.000. Miete, Licht, Wasser usw. LP 10.750. Wirtschaft: Essen, Reinigung, Wäsche usw. LP 14.000. Anschaffungen, Reparaturen und Unvorhergesehenes LP. 4.500. Fährten der Kinder (in den Gan und nachhause) LP. 3.000. Zus.: LP. 61.250. Einnahmen: 1. Schulgelder (unter Berücksichtigung der großen sozialen Anforderungen des letzten Jahres und der von den öffentlichen Wohlfahrtsstellen gezahlten Mindestbeiträge für unbemittelte Kinder) 25 Kindergarten-Kinder LP. 18.000, 25 Tagesheim-Kinder L?. 30.500. Zus.: 48.500. Daraus ergibt sich ein durchschnittlicher Fehlbetrag von LP. 12.750 pro Monat, für drei Betriebe also ca. LP. 460— p. a. 2. Wenn wir das bisherige Ergebnis der Geldaufbringung zugrunde legen, so erhalten wir folgendes Bild Über die Deckung dieses durchschnittlichen sozialen Defizits: a) Zuschüsse aus Palästina: Stadt Tel Awiw LP. 25.000, Kleine Monatsbeiträge LP. 50.000, Büchsenleerung 15.000, Besondere Veranstaltungen (Straßensammlung, Lotterie, Konzert) LP. 50.000, Einmalige Spenden LP. 60.000. Zus.: 200.000. — b) Zuschüsse aus dem Ausland LP. 260.000. Zus.: LP. 460.000. 3. Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, daß außer den für "das soziale Defizit erforderlichen Beiträgen noch die gesamten Werbungskosten von ca. LP. 80.— p. a. aufzubringen waren. Jeder Erfolg in erzieherischer, pflegerischer oder sozialer Hinsicht setzt Harmonie und Verständnis zwischen Kindergarten und Haus voraus. Um dieses Vertrauensverhältnis muß die Leiterin des Kindergartens bemüht sein, und wir sind froh, sagen 2U können, daß es im allgemeinen beiden Seiten gelingt, es zu schaffen und zu entwickeln. Vielfach genießt das Kind zuhause nur körperliche Fürsorge, die Eltern sind zufrieden, wenn es gesund, sauber und satt ist; gewiß auch unter den gegebenen Umständen eine beachtliche Leistung! Arbeitsüberlastung der Mutter und Verzärtelung durch den schwer arbeitenden Vater, der das Kind nur selten „genießt", sind die psychologischen Ursachen für Erziehungsfehler, über die die Eltern sich freimütig mit uns beraten; wo wir Fehler bemerken, schafft die vertrauliche Aussprache mit der Mutter oft Abhilfe. Natürlich kommt es bei solchen Unterhaltungen oft dazu, daß wir die kleinen und großen Sorgen des Elternhauses überhaupt erfahren, und manchmal war es möglich, auch darin ZU helfen. Die Eltern lernen durch ihre Besuche auch unsere Probleme und das Leben im Gan kennen, sie interessieren sich für Neueinrichtungen und Neuanschaffungen, für die Mutter hat der Küchenbetrieb besonderes Interesse, vor allem im Hinblick auf neue Kochrezepte. — Dieses Teilnehmen an unserer Arbeit trägt wesentlich zur Vertrauensbildung bei, die uns häufig gestattet, die' häusliche Atmosphäre in der Erziehung günstigem Sinn zu beeinflussen. Die skizzierten Aufgaben lassen erkennen, welches Maß von ernster Arbeit unsere etwa 25 Mitarbeiterinnenleisten müssen; Wir können nur deshalb von äußeren und inneren Fortschritten in unserer Arbeit sprechen, weil unsere Mitarbeiterinnen sich ihr innerlich verbunden fühlen und ihr mit wirklicher Hingabe und oft unter Aufbringung persönlicher Opfer dienen. Bei der Auswahl der t Kindergärtnerinnen sind uns vor allem menschliche und jüdische Werte der Persönlichkeit und die Eignung für den Erzieherberuf maßgebend, neben guter — meist europäischer -— Fachausbildung und Heimerfahrung, jüdischem Wissen und dem Beherrschen der hebräischen Sprache; es bereitet große Schwierigkeiten, diese Anforderungen in einer Person vereinigt?.u finden. (Schluß folgt.)