Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1938)
- Date
- 1938-08-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 34 Der Israelit 25. August 1938 Zum Schluß möchte ich nicht verfehlen, für die mir vom Hilfsverein damals gewährte Unterstützung meinen herzlichsten Dank auszusprechen, denn nur so war es mir möglich, mein neues, wenn auch schweres Domizil in Brasilien aufzuschlagen; ich lebe der Zeit entsprechend gut und als angesehener Mensch in meiner neuen Heimat. Hoffentlich wird die weitere Hilfe denen gewährt, die ihrer wert und bedürftig sind. Der Hilfsverein der Juden Deutschland, Berlin W. 35, Ludendorfistraße 20, bringt in seinem Merkblatt Nr. 2 folgendes zur Kenntnis: „Der Hilfsverein will möglichst vielen Juden zur Auswanderung verhelfen. Soll er hierzu trotz aller Schwierigkeiten imstande sein, so müssen ihn alle Auswanderungswilligen durch, Disziplin und zweck mäßiges Verhalten unterstützen. Insbesondere ist folgendes nötig: Bei dem großen Andrang steht für die Beratung jedes Einzelnen nur eine beschränkte Zeit zur Verfügung. Deshalb mußt Du Dich selbst auf die Beratung vorbereiten, wenn Du Deine Zeit gut aus nützen willst. Lies hierzu die vom Hilfsverein herausgegebenen Hefte „Jüdische Auswanderung". Du erfährst hieraus alles Wichtige über die Verhältnisse in den haupi sächlichen Einwanderungsländern. Lies auch die Merkblätter, die der Hilfsverein herausgibt, und die schon bei der Anmeldung gratis abgegeben werden. Ueberlege Dir an Hand solcher Unterlagen und bei genauer Berücksichtigung Deiner persönlichen Verhältnisse, in welches Land Du am ehesten glaubst einwandern, und wo Du meinst, eine neue Existenz finden zu können. Fülle dann auf Grund dieser Ueberlegungen den gelben Fragebogen, den Du schon bei der Anmeldung mitbekommst, mit Schreibmaschine in zweifacher Ausfertigung genau aus. Beachte hierbei besonders die Fragen nach Deinen Verwandten im Ausland; verschaffe Dir ihre genauen Adressen und alle sonstigen Angaben über sie. Während der Beratung unterstütze den Berater durch kurze, klare und absolut wahrheitsgemäße Angaben. Der Berater ist Dein Freund, zu dem Du, wie zu einem Arzt, absolutes Vertrauen haben darfst und mußt. Bleibe insbesondere streng bei der Wahrheit bei Deinen Auskünften über Deinen Beruf und Deine Vermögensverhältnisse. Jede Ungenauigkeit kann Dir selbst zum schwersten Schaden gereichen. Verlange vom Berater nichts Unmög' 1 i c h e s , sondern bedenke, daß der Hilfsverein nur im Rahmen der hier und im Einwanderungsland gel tenden gesetzlichen Bestimmungen helfen kann, und daß hiervon abgesehen auch die finanziellen Mittel des Hilfsvereins sehr beschränkt sind. Halte Dir vor Augen, daß jeder Fall anders liegt und nur indivi duell bearbeitet werden kann, d. h. unter genauer Berücksichtigung seiner beruflichen, gesundheitlichen, finanziellen und sonstigen Besonderheiten. Auch die Transfer- und Einwanderungsbestimmungen wechseln häufig. Berufe Dich also nicht darauf, daß ein anderer angeblich vor Dir bevorzugt worden sei; niemand im Hilfsverein will Dich benachteiligen, sondern man will Dir nur helfen. Nach der ersten Beratung halte Dich an folgende Regeln: Telefonische Anfragen sind strengstens zu vermeiden, denn der Berater, der gerade einem Anderen Rat erteilt, wird darin gestört, und Dir kanr der Berater ohne Vorlage der Akten oft keine richtige Auskunft geben, so daß durch Telefongespräche oft Mißverständnisse entstehen. Richte deshalb alle Anfragen schriftlich an den Hilfsverein.'' Weiter wird im Merkblatt auf die Wichtigkeit der Sprachenkenntnis hingewiesen. Religiöse Auswanderer-Betreuung der A. J. Berlin, 20. August. Die Religiöse Auswanderer - Betreuung Agudas Jisroel, Berlin N. 4, Johannisstraße 8, schreibt uns: Es liegt erneut Veranlassung vor, darauf hinzuweisen, daß bei jeder Buchung einer Schiffs-Passage mit ritueller Verpflegung eine Rückfrage über die Zuverlässigkeit des Kaschruth bei uns notwendig ist. Für die „Fahrt nach Nordamerika" haben wir eiu besonderes Merkblatt herausgegeben {Spesenvergütung 15 Pfg.). Jüdische Auswanderer, die mit Schiffen fahren, die am Sabbat in USA ankommen, erhalten auf Wunsch spezielle Informationen. Berichte über die jüdisch-religiösen Verhältnisse in allen Einwanderungsländern stehen den Interessenten zur Verfügung. Gesetzestreue Bäcker, die in den nächsten Wochen nach USA auswandern, bitten wir um Aufgabe ihrer Anschrift. Für sich in Uebersee bildende Gemeinden benötigen wir Ritualien, auch Thorarollen. Korrespondenzen. Deutsches Reich. Die Tätigkeit der AuswanderungssteUe, Wien, 22. August. Von der Auswanderungsstelle der Kultusgemeinde ergehen folgende Mitteilungen: Sofort nach Wiedereröffnung der Israelitischen Kultusgemeinde erschienen erst wenig, dann immer mehr Leute, die das dringende Begehren äußerten, auswandern zu wollen. Den meisten war weder das Zielland bekannt, noch waren sie über die Art der Auswanderung informiert. Aus dieser Tatsache heraus ergab sich die Notwendigkeit der Errichtung einer organisierten Auswanderungsberatungsstelle. Es mußte leider festgestellt werden, daß fast gar kein Material für diese Arbeit vorhanden war. Die wichtigste Aufgabe war die B eschaffung von Material und Systemisierung desselben. Vorerst mußte ein Schema der Einwanderungsbestimmungen festgelegt werden, das in 27 Rubriken sich mit dem Visumzwang, der Aufenthaltserlaubnis, den Einreisedokumenten, den Arbeitsmöglichkeiten, den Vorzeigegeldern, sowie mit anderen verschiedenen Einzelheiten des Einwanderungslandes zu befassen hat. Die Sammlung des Materials geschieht: Durch dauernden Kontakt mit den Konsulaten in Wien, durch schriftliche Anfragen bei Konsulaten, die nicht in Wien, sondern nur im Reich ihren Sitz haben, durch Korrespondenz mit der „Hicem", bezw. dem Hilfsverein der Juden in Deutschland, durch Korrespondenz mit jüdischen Persönlichkeiten in Einwanderungsländern und durch ständigen Kontakt mit den Schiffahrtsgesellschaften und Reisebüros. Die Auswanderungsberatungsstelle schuf eine Mappe: „Einwanderungsbestimmungen". Diese umfaßt 57 Staatsgebiete; für 43 Staaten sind die Einwanderungsbestimmungen bereits publiziert, für die restlichen 14 Staaten sollen in kürzester Zeit die Einwanderungsbestimmungen bekanntgegeben werden. Fünf der Großstaaten, die über ein bedeutendes Kolonialreich verfügen, sind in Unterabteilungen geteilt, darunter das Britische Weltreich in 43 Unterabteilungen. Durch fortlaufend erscheinende Nachträge wird versucht, die Einwanderungsbestimmungen der Aktualität anzupassen. Diese Einwanderungsbestimmungen werden gegenwärtig 25 Stellen, im Hause und in der Provinz, bekanntgegeben. Die gegenwärtige Wanderung der Juden aus Oesterreich kann hinsichtlich der Einwanderungsländer geteilt werden: a) in Durchzugsländer, das sind alle europäischen Staaten mit Ausnahme von Spanien, Jugoslavien, Bulgarien, Rumänien, Polen, Norwegen und der Sowjetunion; b] in Einwanderungs- oder Ueberseeländer, das sind Länder, in welchen die Auswanderer, auf Grund gesetzlicher Erlaubnis, dauernden Aufenthalt nehmen können. Diese Länder sind in der Reihenfolge der gegenwärtig faktischen Auswanderung aus Oesterreich: 1. USA, 2. Palästina, 3. Columbien, 4. Argentinien, 5. Australien, 6. Uruguay, 7. Cuba, 8. Mexiko, 9. Neuseeland, 10. Südafrika, 11. Kenya, 12. Bolivien, 13. Ecuador. Die wichtigsten Einwanderungsländer, wie Brasilien, Venezuela, Canada, Chile und Peru sind derzeit für die Einwanderung von Juden gesperrt. Es ist zu hoffen, daß in naher Zukunft die Philippinen, Kenya und Bolivien für eine größere Einwanderung geöffnet werden. Den Vorsprechenden wird mündliche und schriftliche Beratung zuteil, hinsichtlich der Besorgung der Ausreise und Steuerunbedenklichkeitserklärung, Auskünfte, weiters Informationen über Visa, Affidavits, Permits und LIamadas. Die Parteien werden bezüglich der Wahl ihres Einwanderungslandes, unter Berücksichtigung ihrer individuellen Verhältnisse, wie Verwandte. Profession, Alter, Gesundheitszustand, Familienverhältnisse, vorhandene Geldmittel usw. beraten. Aus Wien oder aus der Provinz schriftlich Anfragende werden evtl. zu einer mündlichen Beratung eingeladen oder ihre Anfrage auf schriftlichem Wege beantwortet. Um den vielen Anfragenden hinsichtlich der Uebersiedlungen, Speditionen und Zollangelegenhei ten gerecht zu werden, wurde in der Auswanderungsberatungsstelle eine täglich vormittags amtierende Speditionsberatung, die von Speditkmsf achleuten versehen wird, eingerichtet. Um den Berufsgruppen die Ausnützung eventueller Spezialmöglichkeiten im Auslände zu erleichtern und unter besonderer Berücksichtigung der den einzelnen Berufsgruppen zur Verfügung stehenden Auslandsbeziehungen, wurde, bald nach Errichtung der Auswanderungsberatungssielle auch eine A u s w a nderungsberatungss teile iür die verschiedensten Berufsgruppen geschaffen. Juden im Kurort Baden bei Wien. Wien, 20. Aug, Kürzlich fand beim Geschäftsführer des Landes» fremdenverkehrsverbandes Niederdonau eine Besprechung statt, an welcher der Kreisleiter und der Bürgermeister von Baden teilnahmen. Es wurden folgende Richtlinien festgelegt: Der Kurort Baden bei Wien strebt für die Zukunft einen endgültigen Verzicht auf den Besuch jüdischer Gäste an. Bis dahin werden einige Großbetriebe Badens als gemischte Betriebe geführt und können bis zu 15 Prozent' jüdische Gäste aufnehmen, Alle übrigen Mittel- und Kleinbetriebe des Badener Hotelgewerbes erklären, Juden nicht aufzunehmen. Das Cafehaus-, Gast- und Schankgewerbe trifft eine gleiche Regelung und bezeichnet seine Gastj statten mit der Aufschrift; „Juden unerwünscht", Die Benützung der städtischen Kureinrichtungen, des Kurparks und der Trinkhalle wird Nichtariern verboten. Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Berlin, 21. August. Die „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" gibt soeben ihr neuestes, besonders vielseitig und anregend gestaltetes Augustheft (Heft 4 des Jahrgangs) heraus. Den „Reichsverband der Juden in Deutschland" in Form und Sinn behandelt wieder Dr. Arthur Lilienthal selbst, der wiederum versucht, die Notwendigkeit der Gründung zu beweisen. Fragen der Jugend- und Kindererziehung und -bildung sind mehrere Aufsätze gewidmet. Dr. Fridolin Friedmann untersucht die Quellen, die uns „Zur Psychologie der jüdischen Jugend in der gegenwärtigen Situation" zur Verfügung stehen - und schildert sehr lebensvoll die Reaktion unserer Jugend auf ihr Erleben. Psychologisch unterbaut ist auch eine Skizze der Montessori-Lehrerin Hilde Bielschowsky, die an Beispielen „Wir lernen spielend Englisch" zeigt, wie man vier- bis achtjährige Kinder vor der Auswanderung sprachlich vorbereiten kann. Aus der Praxis geschöpft und ebenfalls auf Auswanderung ausgerichtet ist ein Beitrag von Heinz Warschauer, Frankfurt a. M., durch den die Aussprache „Zur Gestaltung der jüdischen Gegenwartskunde", abgeschlossen wird. Erzieherische Gesichtspunkte betont auch Senta Josephthal. Dr. Weinryb, Jerusalem, untersucht als soziologisches Problem des Jischuw die Frage des „Beamtentums in Palästina", Frieda Weinreich, Tel Awiw, die vor ihrer Auswanderung ihr zehnjähriges Jubiläum als Mitarbeiterin der Zentralwohlfahrtsstelle hatte feiern können, berichtet, zum Teil vergleichend, über Eindrücke und Erfahrungen „Aus der sozialen Arbeit in Palästina". Ein sehr aktuelles Thema berührt schließlich noch Dr. Willy Katzenstein, der auf die Frage „Sind jüdische Gruppensiedlungen möglich?" eingeht, Die Blätter erscheinen zweimonatlich und kosten halbjährlich RM. 3.—, das Einzelheft RM. 3.—. Bestellungen sind an die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland E. V„ Berlin-Charlottenburg'2, Kantstraße 158, zu richten. Italien, Zählung der Juden in Italien. Rom, 21. August. Wie die „Tribuna" mitteilt, wird eine Zählung der in Italien befindlichen Juden nach dem Stande um Mitternacht des 2 2. August vorgenommen. Auf eine allgemeine Volkszählung — die letzte Zählung, die Aufschlüsse über die jüdische Religionszugehörigkeit gab, war 1931 — wird verzichtet. Seit einiger Zeit ist damit begonnen worden, an alle diejenigen' Familien, die als jüdisch bekannt sind, Fragebogen zu verschicken. Dabei genügt das Vorhandensein eines jüdischen Familienmitglieds, damit eine Familie der Auskunftspflicht unterworfen wird. Auch die früher angestellten Untersuchungen, welche die Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse einer Person erkennen ließen, sind für die Verteilung der Fragebogen maßgebend gewesen. Der erste Teil der Fragen geht über die übliche statistische Fragestellung nicht hinaus. Der zweite Teil soll Angaben zur Feststellung der jüdischen Rassezugehörigkeit sammeln. Unter „Staatszugehörigkeit" müssen Fremde, die sich über diese nicht ausreichend ausweisen können, den letzten Wohnort angeben, oder, wenn dieser fehlt, die eigene Nationalität, Wer nach seiner Geburt die italienische Staatsangehörigkeit erworben hat, muO' den Staat angeben, aus dem er stammt, oder eine Begründung dafür geben, weshalb er vorher keine Staatsangehörigkeit besessen hat. Als Religion ist die anzugeben, die man durch Taufakt oder durch andere Umstände tatsächlich bei der Geburt erhalten hat. Konvertiten müssen alle erforderlichen Daten über den Religionswechsel mit amtlichen Beglau-