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Der Israelit · 1938-08-25 · Heft 34 (25.8.1938) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 34 (25.8.1938)
Date
1938-08-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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25. August 1938 Der Israelit Nr. 34 Seite 5 &e an einem gewöhnlichen Sabbat so vollgefüllt ist, wie diese Flüchtlingssynagoger Was besonders angenehm ins Auge fällt und in Amerika als Novum zu bezeichnen ist, das ist die starke Beteiligung der Jugend, der jüngsten wie der reiferen, an den G'ttesdiensten. Auch die große Zahl der jungen Mädchen und Frauen fiel dem Berichterstatter auf. Eine junge Frau klagte, daß, im Gegensatz zur Frankfurter Syna^O^G in der Friedberger Anlage, hier etwas zu rasch gebetet würde. Amerikanisches Tempo läßt sich nirgendwo in der neuen Welt ganz verleugnen. Die Mehrzahl der Mitglieder dieser Gemeinde Ovaren in der Heimat Kaufleute, Textühändler und Inhaber von Eisen- und Schuhgeschäften- Andere waren früher Viehhändler auf kleinen Plätzen in Hessen, Bayern und im Rheinlande, Einer dieser Viehhändler betete am Sabbat Schachrith vor, und man mußte staunen, mit welcher Korrektheit er seine Aufgabe löste. Zu Mussaf wurde er von einem Schochet aus Deutschland abgelöst» Und dazwischen „leinte" mit vollendeter Korrektheit ein Bachur der frankfurter Jeschiwa. Alle waren sie in große Gebetmäntel gehüllt. Einer, der sein Tai- Hth wie ein Schal um den Hals gewunden hatte, war kein „Fremder" — und daher hier ganz fremd — nämlich ein Amerikaner, der sich hierher verirrte, um Kaddisch zu sagen. Das Kaddischsagen in den amerikanischen Synagogen, selbst in den liberalen, ist sonst eine etwas wilde Angelegenheit. Oft sind solche Synagogen nur von Kaddischsagern bevölkert, und da es jeder von seinem Platze, aus -tut, gibt es dabei ein chaotisches Geschrei. Hier aber treten alle in voller Ordnung vor die heilige Lade und sprechen im Chore mit dem Vorbeter das Kaddisch Wort für Wort. Ein Würdiger Mann, der zum dritten Abschnitt aufgerufen wurde, fiel mir durch die andächtige Art, in der er den Segensspruch hersagte, auf. Ich hielt ihn für einen Rabbiner, erfuhr aber, daß er Inhaber eines Textilgeschäftes in der Gegend von Frankfurt war und hier sich zur Zeit als Geschirrwascher in einem großen Brooklyner Hotel betätigt. Er ist nicht mutlos Und hofft in der neuen Heimat vorwärts zu kommen. Ein anderer jüngerer Mann sagte die Haftora. so schön betont und so freudigen Herzens, als hätte nie eine Sorge sein Herz bedrückt. Er ist erst seit vier Monaten im Lande und noch auf. der Suche nach Arbeit und Stellung. Fünfzehn Thorarollen, alle rituell brauchbar, zählte der Berichterstatter in der heiligen Lade. Woher dieser Reichtum in einer jungen noch armen Emigrantengemeinde? Die meisten haben die Flüchtlinge mitgebfacht, sie stammen aus Kleingemeinden, die sich aufgelöst haben. Auch die Vorhänge vor dem Heiligenschrein sind heimischer Herkunft. Die goldgewirkten Aufschriften weisen sie als Stiftungen frommer Familien aus. Diese Heiligtümer wurden mit in die neue Heimat gebracht, wo sie dem gleichen heiligen Zweck dienen. Sefer Thora und Parocheth wecken in den Menschen Heimatgefühle und üben große Anziehungskraft aus. Nach dem Verlesen der Thora hielt der Präsident eine kurze Ansprache an die Gemeinde und an die Jugend. Er sprach von der Wichtigkeit eines Sammelpunktes mitten in der großen chaotischen Welt von New York und redete einigen Barmizwohjungen ins Herz, auch später, wenn ihr Ehrentag vorbei sei, fleißig die Synagoge zu besuchen. „Man wird nicht nur Barmizwo, sondern man bleibt es, bis zum letzten Atemzuge ..." Wenn der G'ttesdienst beendet ist, bleiben die Menschen noch lange im Vorhof und am Eingänge beisammen und tauschen die Erlebnisse der Woche aus. „Was hört man von daheim?", ist die erste Frage, Und die zweite: „Stellung und Arbeit gefunden? . . .". * * * Es wird in den Schilderungen leider der Name der Synagoge nicht genannt und nicht gesagt, in welchem Viertel und in welcher Straße sie sich befindet. Doch dürfte es dem Interessenten, wenn er einmal in New York ist, nicht schwer fallen, bald in Erfahrung zu bringen, wo sich ihm. dieser Anschluß an Landsleute und Gleichgesinnte bietet. Berufsmöglichkeiten in Brasilien. (Aus einem Briefe an das Berliner „Jüdische , Gemeindeblatt".) Um sich vor Klimakrankheiten zu schützen, ist unbedingt erforderlich, daß jeder Auswandernde sieh vorher gründlich ärztlich untersuchen läßt. Wer hier krank wird, ist sehr schlimm dran, denn es gibt keine Krankenkassen, die wirkliche Hilfe leisten, auch die Krankenhilfe der hiesigen jüdischen Gemeinde ist nur eine Teilhilfe. Arzt und Medikamente sind sehr teuer, man kann sagen sogar unerschwinglich. Die Berufsaussichten sind im Innern Brasiliens in den kleineren Städten für jeden Beruf sehr gut; dagegen ist es schon sehr schwierig, in Sao Paulo oder Rio de Janeiro festen Fuß zu fassen. In den beiden Städten sind für Männer folgende Berufe erwünscht: Bäcker und Konditoren, Fleischer, Graphiker, Buchdrucker, Schriftsetzer, die Englisch und Französisch in Wort und Schrift beherrschen, Rek- Kleines Feuilleton. Ein Typin New York starb jüngst der Redakteur und Schriftsteller Dr. S. M. Melamed ,*) ein Typ aus einer bereits abgeschlossenen, also historisch gewordenen Periode. Anfangs dieses Jahrhunderts kam aus Rußland nach Frankfurt a. M. ein stotternder, unkultivierter, undisziplinierter etwa zwanzigjähriger Jüngling mit talmudischem Wissen und dem heißen Verlangen, ein Meister der Philosophie und anderer Wissenschaften zu werden. Arm und kränklieh, setzte er sich durch hervorragende Begabung und Energie durch. Prof. Dr. Jonas Bondi s. A. und andere aus thoratreuen Kreisen nahmen sich des Jünglings, der später ein scharfer Gegner der Frankfurter Orthodoxie wurde, an. In seiner Weise opfert« noch eine ganze Anzahl junger Menschen aus dem Osten dem Glänze der westeuropäischen Kultur ihr Vätererbe, das in Wirklichkeit — wenn auch gegen ihren Willen — das Wertvollste ihrer Seele und ihres Denkens bedeutete. Psychologisch ungünstig wirkten auf diese ehemaligen Jeschiwahjünger auch das geringe Maß jüdischen Wissens, das sie im Westen antrafen. G. *) Sein Hauptwerk „Spinoza und Budolka" gab die Universität Chicago heraus. Ein anderes Werk wurde von der Internationalen Friedensgesellschaft preisgekrönt ■ * Historische Notizen. Dekadenzen. In dem bereits 1576 beginnenden Gemeindebuch der jüdischen Gemeinde des böhmischen Städtchens Kuttenplan wurde unter dem Datum Cholhamoed Pesach 497 (= 1737) verordnet, daß „Mann und Frau, Klein und Groß" nur an vom „Tachnunsagen" freien Wochentagen Karten spielen dürfen. Auch wer sich zur Ader läßt, darf am gleichen und nachfolgenden Tage Karten spielen. Wird jemand während der Gebetzeit beim Kartenspiel angetroffen, so daß er die Schul versäumt, muß er 1 Liter Oel als Strafe zahlen. Wenn nicht mehr „gelernt" wird, wird „gespielt". Es zeigt sich hier, wie in manchen Gegenden Westeuropas schon lange vor der Emanzipationsepoche das traditionelle jüdische Leben verflacht war. Charakteristisch für die Entfremdung vom Geist der Thora ist auch die Eintragung vom 4. Adar 467 (= 1707.) Eine Versammlung, in der die ganze Gemeinde anwesend war, faßte den Entschluß, mit allen Mitteln „für ewige Zeiten" zu verhindern, daß fremde Juden zuziehen. Aber schon im Mittelalter läßt sich immer wieder die gleiche Entwicklung feststellen, wenn nicht ein hartes politisches Geschick zur Selbstbesinnung zurückführt. So erzählt Rabbi Ascher ben Jechiel („Rosch"), 1250—1327, Schüler, Freund und — als Autorität der Judenheit — Nachfolger des Rabbi Meir von Rothenburg, daß die Juden Spaniens weder jüdisches Wissen noch pulsierendes jüdisches Leben ihr Eigen nennen können. Rabbi Ascher war nämlich von 1305 bis zu seinem Lebensende Oberrabbiner von Toledo und der von der Regierung Castiliens bestimmte höchste Richter der Juden. lamezeichner, Friseure, Schuhmacher und Schneider, Autoschlosser, Schlosser und Feinmechaniker. Unerwünscht sind Kellner, Köche, Kaufleute, Chemiker, Aer2te, Lehrer, Rechtsanwälte, Kosmetiker und sämtliche Berufe in der Krankenpflege. Für Frauen sind bevorzugt: Erzieherin, Gesellschafterin, Schneiderin, Modistin, wenn selbständige Entwürfe gezeichnet werden können, Kosmetikerin, wenn ein gutes Aeußere vorhanden ist. Frauen sind wesentlich leichter untereubringen als Männer, da weibliche Kräfte dringend verlangt werden. Beruflich wird hier wesentlich mehr Können verlangt, nur wirklich ausgezeichnete Kräfte können sich einigermaßen behaupten; mittlere und schlechte Kräfte hat Brasilien genügend. Der Verdienst ist sehr gering; Kontoverdiener gibt es unter Emigranten nur auf Papier, aber nicht in Wirklichkeit; wenn einer den richtigen Beruf hat und wirklich Kanone ist, auch die nötigen Verbindungen hat, dann kann er evtl. 500 bis 700 Dollar verdienen, das sind aber große Ausnahmen. Der Durchschnittsverdienst ist im qualifizierten Beruf 300 bis 400 Dollar monatlich. Ein sehr bescheidenes Leben kostet 400 bis 450 Dollar ohne Anschaffungen von Bekleidung. Das Pensionsleben ist das billigste; eine einigermaßen saubere Pension kostet monatlich 250 Dollar, das Zimmer ist aber mit noch einer Person zusammen. An Fahrspesen, Wäsche und kleinen Reparaturen, an Kleidungsstücken muß man mit mindestens 150 Dollar rechnen. Nebenausgaben, besonders Getränke, die in der Hitze unbedingt erforderlich sind, sonstige Kleinigkeiten: also an Sparen für Neuanschaffungen ist kaum zu denken. In den kleineren Städten ist der Lebensunterhalt wesentlich billiger, und man kann wesentlich schneller Fuß fassen. Brasilien ist ein Aufbauland und kann noch sehr viel Menschen aufnehmen, aber es ist längst nicht das Land, wo Milch und Honig fließt, es wird sehr, sehr viel verlangt und große Anforderungen an die Gesundheit gestellt. Es gibt sehr viel Einwanderer, die ein trauriges Dasein führen und dank der hervorragenden Arbeit unserer hiesigen jüdischen Gemeinde wenigstens am Tage einmal ein warmes Essen haben, aber sonst von trockenem Brot und Bananen leben in der Luxusstadt Sao Paulo. Warnen Sie bitte jeden Auswanderer, der keinen guten Beruf hat oder gesundheitlich nicht so gestellt ist, daß er ah Arbeiter auf einem Bau oder in der Fabrik arbeiten kann, nach Brasilien auszuwandern. Wer keine . Verwandten oder wirklich gute Bekannte in Rio oder Sao Paulo hat, soll die kleineren Städte wählen; eine Größstadt bleibt immer offen, Sprache lernen ist unbedingt erforderlich. Es empfiehlt sich, folgende Gegenstände mitzubringen: Kleinphotoapparat, Nähmaschine, Waschmaschine, Heißmangel, Rechenmaschine, dagegen keine Reiseschreibmaschinen, kein Geschirr, keine Handarbeiten. Zollabfertigung ist sehr human. Von mir persönlich kann ich Ihnen mitteilen, daß ich nach vierzehnmonatlichem Aufenthalt in Sao Paulo mein bescheidenes Leben habe; denn ich hatte das Glück, in einem Ambulatorium eine Anstellung als Masseur und Heilgehilfe zu bekommen. Verfüge aber über eine etwa zwanzigjährige Praxis und habe in Deutschland zwei Staatsexamen abgelegt. Ich arbeite nur in den Vormittagssprechstunden und kann nachmittags meine Privatpatienten besuchen oder in meiner Pension behandeln, Meine Anstellung ist mit Pensionsberechtigung, was für Brasilien viel heißen will. Trotzdem zu dieser wunderbaren Persönlichkeit aus den Ländern des Galuth Jünger herbeiströmten, von ihm Lehre zu empfangen, trotz der großen Energie und Lebensklugheit dieses Adelsmenschen,. trotz der tiefen Verehrung, die ihm auch die spanische Judenheit zollte, konnte er doch keinen merklichen Einfluß gegen ihren Assimilierungsprozeß ausüben. Erst das Jahr 1492 machte dem Weg von den eigenen Traditionen zu den Traditionen eines anderen Volkes ein gewaltsames Ende. ' Die jüdische Geschichte ist reich an Eingriffen der Vorsehung, damit das Bestehen des jüdischen Volkes gewahrt bleibe. Hatte das jüdische Volk sein Schicksal in seiner Hand, dann wurde er sich leicht untreu, — und so wurde ihm immer wieder ein Schicksal aufgezwungen. S. Geis. Wochenkalender. Vom 27. August — 3. September 1938 / Vom 30. Ab — 7. EIjI 5698 'BV ip rro-n n»n na» Samstag 27 30 30 vtn »im 'K Sonntag 28 1 ao enn vsit 'a Montag 29 W* 2 aro 7D Dienstag A.UÄ 30 3 a «ap Mittwoch 31 4 X Donnerstag 1 5 *t Freitag 2 6 n Samstag 3 7 t Q'B&v nav

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