Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1938)
- Date
- 1938-08-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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25. August 1938 Der Israelit Nr. 34 Seite 3 Ein Schmittajahr geht zu Ende. i Festsetzung von Seite 1.) Nun ist der Berichterstatter in der Kolonie und im Kibbuz selbst- Auf der einen Seite das blühende Gedera, auf der anderen Seite mehrere Baracken, daran anschließend einige ungepflegte Aecker, altersschwache Bäume und wilde Ranken und Blumen, Vor einem Jahre noch blühte auch hier alles üppig, dieses Jahr ist Sabbat der Erde. Ein Areal von etwa 60 Dunam, das voriges Jahr reichlich Futter gegeben hat, liegt y&ch. In nächster Nähe dehnen sich arabische Weinberge aus, von denen Gefahr droht. Wächter stehen im Kibbuz auf der Wacht und spähen angestrengt nach der Richtung aus, von wo die Gefahr kommen könnte. Der Kibbuz selbst erhebt sich auf einer Fläche von vier Dunam. Die drei Baracken und die Zelte stehen gut da. Dazwischen ein Stall; ein Lul (Hühnerhaus) und eine kleine Imkerei. Neu ist die Schuhmacherei und die Schreinerwerkstätte, die zur Beschattung der Chawerim im Schmittajahre errichtet wurden. Die verheirateten Chawerim haben für sich und ihre kleinen Familien je einen eigenen Raum, der in seiner Einfachheit hübsch in gutem Lichte steht. Aus den offenen Fenstern des gemeinsamen Raumes dringt die Lernmelodie der Thora. Hier ist das Betlokal, der Speiseraum, die Bibliothek und das Beshamidrascb in einem. An der Ostwand dieses Gemaches hängt das Bild des Chofez Chajim, dessen strahlendes Gesicht den jungen Talmudbauem zugewandt ist. Die Regale sind voller heiliger Bücher. Um den Tisch herum sitzt ein Kreis junger Leute, die aus dem „Sefer Hachinnuch" lernen. f.Und darum befahl G'tt, das Land im siebenten Jahre ruhen zu lassen und alle Früchte, die der Boden von selbst hergegeben hat, als Freigut für alle zu erklären — auf daß der Mensch eingedenk bleibt, daß es nicht seiner Kraft zuzuschreiben sei, wenn dem Boden der Segen abgerungen wird, daß es einen Herrn und Eigner der Welt gibt, dem wir mit allem, was wir sind und was wir haben, uns unterordnen. -Damit wird aber auch unser G'ttvertrauen gestärkt. Wer die Kraft in sich hat, alles, was er sein eigen nennt, G'tt und auf g'ttliches Geheiß dem Nebenmenschen zu opfern, bei dem können Eigennutz, Neid und Habgier nicht Platz greifen ..." So lernen schon die Jüngsten aus dem Buche der Erziehung. Und der ganze Kibbuz ist ein Buch der Erziehung, der Erziehung zum strikten G'ttvertrauen, der Erziehung zur Läuterung des Herzens und Stärkung des Willens bei emsiger Arbeit und bei gebotener Ruhe. Aus der Geschichte des Kibbuz erfährt der Berichterstatter beim frugalen Mahle, das bei der Stimmung im Kreise zu einem wahren Festmahle wird, folgendes: Im Jahre 5690, also vor 8 Jahren, ließen sich fünf Chawerim von gleicher religiöser Gesinnung in der Moschawa Rechowoth nieder, mit dem Ziele, eine landwirtschaftliche Siedlung auf kollektiver Basis zu errichten. Geleitet waren die jungen Menschen von der Ueberzeugung, daß keine Idee standhalten kann, wenn sie nicht zu lebendigen Taten führt und daß es an der Zeit sei, der Welt zu zeigen, daß auch religiöse junge Menschen die Eignung und den Willen haben, sich im Boden von Erez Israel zu verwurzeln. Die Kinderkrankheiten des Jischuw Rieben ihnen nicht erspart; Arbeitslosigkeit, ^aWia und andere Uebergangsleiden. In Kis- *en; denen Löcher als Fenster galten, wohnten Sle. die sie aber in regnerischen Nächten verlassen mußten, um unter Bäumen Schutz vor der Nässe zu suchen. Es waren lauter männliche Mitglieder, die nach der schweren Tagesarbeit sich selbst ihr Mahl zubereiten müßten, was nicht immer gelang. Viele wurden unter der mangelhaften Verpflegung krank. Mehrmals stand der Kibbuz vor dem Zusammenbruch, aber der Wille, auszuharren und der Welt das Muster einer religiösen Siedlung zu zeigen, siegten immer wieder. Als man nach Gedera übersiedelte, ging man daran, richtige Baracken und Zelte aufzustellen, die im Vergleich zu der früheren Behausung schon als Paläste anmuteten. Es kamen dazu Wagen und Pferde, man legte Gemüsegärten an. Man bekam Arbeit in den Pardessim und Weinbergen von Gedera, und als noch einige Chaweroth dazu kamen, besserten sich auch die Verhältnisse in der Hauswirtschaft und in der Küche. Mählich konsolidierte sich der Kibbuz, eine Gemeinschaft gleichgestimmter Seelen und Herzen im Geistigen wie bei der körperlichen Arbeit. Der Tag gehörte der Arbeit und die Abendstunden der Thora. Es war nicht immer leicht, nach einem Tage schwerer anstrengender Arbeit sich in die Lehre zu vertiefen, aber es ging. Je nach dem Abendessen wurde und wird Mischna Ber u r a des Chofez Chajim gelernt, in weiteren Stunden kommen Tnach, Mischna und Gemara daran. Der Sabbat ist ganz der Thora geweiht. Keine Minute dieses Tages, die nicht irgendwie dem geistigen Aufstiege diente. So ging alles in bester Ordnung, bis das Schmittajahr kam. Alle damit verbundenen halachischen Frage beschäftigten die Chawerim Tag und Nacht. Sie standen in steter Verbindung mit allen bedeutenden rabbinischen Führern in der Gola wie im Lande, insbesondere mit dem Spezialgelehrten auf diesem Gebiete, dem Verfasser des eph ]itn in Bne Brak. Der materielle Ausfall eines vollkommenen Sabbatjahres war groß. Die Erntezeit in Gedera fiel mit dem Anfang der Schmitta zusammen. Aus allen Ecken und Enden des Landes strömten jüdische Erntearbeiter nach der Kolonie, nur die Mitglieder des mit der Kolonie räumlich verbundenen Kibbuz standen abseits. Die Krise ist noch nicht überwunden, denn die Liebe und Bewunderung der thoratreuen Gola für die Schmittakibbuzim haben nicht konkrete Taten genug gezeitigt, um die stillen Helden der Sorgen für die Gegenwart und für die Zukunft zu entheben. Außerdem wird das Gesetz insofern auch noch ins kommende Jahr hineinspielen, als sich die Chawerim an der Orangenernte der im Schmittajahre gepflanzten Früchte nicht werden beteiligen können. Aber die Menschen haben für ihre Opfer ein unermeßliches Gut eingehandelt; Ettiuna, Bitochaun, Glauben und Vertrauen, gestählten Mut und unerschütterliches Ausharrungsvermögen, lauter Güter, die ihnen, wenn nach Beendigung der Ruhezeit der Boden wieder zur Arbeit ruft, vielleicht zu ungeahnten Erfolgen verhelfen werden. Wir alle werden aber unsere Pioniere nicht verlassen dürfen, sie brauchen unsere Hilfe auch noch im kommenden Jahre. Das ists, was wir jenem Berichte hinzuzufügen haben. Daß der Berichterstatter mit der Bewunderung für die jungen Idealisten, nach guter Tradition in diesen Kreisen, einige recht unlieb enswürdige Bemerkungen an die Adresse der Agudas Jisroel verbindet, wollen wir übersehen. Wir wollen in diesem Zusammenhange nicht in eine Polemik mit denen eingehen, die den Aufruf der Agudas Jisroel und des Keren Hajischuw, die schmittahaltenden Chaluzim auf exponiertem Posten zu unterstützen, mit parteipolitischen Sonderrechnungen, aber nicht mit Geld beantwortet haben. Erinnert sei nur daran, daß die Aguda, die einzige Annehmerin der Schmitta-Pioniere, die Hilfsaktion für sie auf breiteste Basis gestellt und in der Schaffung des „Keren Haschmitta" aus jedem Parteirahmen herausgehoben hat. Der Erfolg war über Erwarten befriedigend, wenn auch nicht so, daß wir jetzt schon das Werk als abgeschlossen betrachten dürften. Nur in den dem „Hazofeh'' nahestehenden Kreisen hatte man Ratschläge, gelegentlich auch Bewunderung für die Kibbuzim — aber kein Geld. Immerhin: wir freuen uns, daß unsere Chaluzim, die gewiß zum besten Menschenmaterial im Lande gehören, nun auch die Anerkennung von dieser Seite finden und sind gewiß, daß dieser im Passiven betätigte Heldenmut, später für die Arbeit angewandt, nicht allein dem thoratreuen, sondern dem gesamten Jischuw neue Wege zeigt. W Wochenrundschau. Hebräische Tagung in Berlin. — Ein Wiener Aufruf und ein Appell an alle. — Wozu starke Worte? — Einer unter Hunderten. Zu der Hebräischen Tagung, die die Schulabteilung der Reichsvertretung vorige Woche in Berlin durchgeführt hat, schreibt die zionistische J, R. u. a..- „Wir müssen heute mehr denn je davon hören, mit welchen Methoden und bis zu welchen Erfolgen insbesondere der jüdischen Jugend die hebräische Sprache nahegebracht wird. Denn, erkennen wir doch eines; Es geht hier um die Sache aller Juden, nicht nur jener, die nach Palästina tendieren, sondern auch all der anderen, die in überseeische Länder kommen werden. Allzusehr hat man bei uns die Erlernung des Hebräischen mit der jeweiligen Konjunktur der Palästina-Einwanderung in Zusammenhang gebracht, allzusehr hat man sich auch bemüht, die Dinge zu veräußerlichen und die tatsächlich vorhandenen Schwierigkeiten des Zuganges zu unserer klassischen Sprache zu unterschätzen, Es ist nicht einfach, Hebräisch zu erlernen, und dennoch ist es die Sache, die der Prüfstein für die Möglichkeit ist, die in die Welt hinausziehenden Juden beim Judentum zu erhalten — nicht in einer äußerlichen, rein organisatorischen Art, sondern durch Wissen um die wirklichen geistigen Inhalte, die wir besitzen." Es ist viel Wahres in dieser Feststellung. Wir haben geradezu eine „hebräische Welle" hinter uns. Hinter uns — seitdem Palästina als Wanderziel Viele nicht mehr lockt. Die Iwrith-Stunde wurde von der englischen abgelöst. Wills G'tt, daß die Lernbeflissenen im Englischen mehr Erfolg haben . . . Warum ist aber von der „hebräischen Welle" so wenig geblieben? Weil Iwrit ein Konjunkturimd Modeartikel war; weilman in der Sprache nicht den Zugang zu den jüdischen Wissensschätzen sah. sondern zu einem prosperierenden Lande, dessen Sprache zufällig Hebräisch ist. Und es zeigte sich, daß es mit dem Hebräischen nicht anders geht als mit dem Volke und seiner Lehre: Wer hier nicht in die Tiefe dringt und aus der Tiefe schöpft, bleibt außen, bleibt daneben. M?.n will den Hebräischunterricht reorganisieren und reformieren? Dafür gibt es nur einen Weg: Streben nach Wissen um die geistigen Inhalte des Judentums, Lernen! In einem Aufrufe der Wiener Kultusgemeinde an ihre auswandernden und ausgewanderten Mitglieds!- befindet sich ein Passus, der als Appell aller jüdischen Gemeinden im Reiche an ihre scheidenden Söhne gar nicht genug unterstrichen werden kann. DAS LICHT DER EWIGKEIT von Rabb. Dr. Elle Münk in Ansbach broschiert RM. 4.oo ' Lwbd. RM. 5.00 VERLAG OES ISRAELIT UND HERMOH 6M8N., Frankfurt a. M. 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