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Der Israelit · 1938-08-18 · Heft 33 (18.8.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 33 (18.8.1938)
Date
1938-08-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 33 Der Israelit 1,8. August ^938 Wiedersehen ♦mit der Stadt der Kenessio. ii. Königswart. „Besucht die uralte Synagoge in Königswart!" Diese Aufschrift kann man im jüdischen Hotel, auch im Kurgarten und überall, wo Juden verkehren, lesen, wie man etwa am Freitag an den öffentlichen Stellen die lapidare Ankündigung liest: „Heute abend großes Fischessen im . . ." Vom großen Fischessen am Freitagabend machen sehr Viele Gebrauch. Man sieht Freitag abend im Hotel viele „fremde" Gesichter, die man sonst um die Mittagszeit auf den Veranden und in den öffentlichen Gärten der nichtjüdischen Restaurants bei Speis und Trank sehen kann. Am Freitagabend erwacht die Sabbatseele und fordert ihr Recht: das große Fischessen. Bei einigen Außenseite der alten Synagoge zu Königswart sie, die Sabbatseele, auch noch bis zum Samstagnachmittag an, bis zu „Tscholent" und Kugel. Dann verliert sie mit dem abnehmenden Tage und der sinkenden Sonne zusehends an Glanz und Kraft. Am Nachmittag winkt auf Bellevue oder .auf Rübezahl der Tanzboden und zum Abendessen ist wieder der Platz im Restaurant belegt . . . Was soll man von den Kurgästen sprechen, wenn das Bild, das die Einheimischen bieten, noch viel trüber ist? Dem Historiker drängen sich Bilder der Vergangenheit auf. Es ist, dieses Böhmerländchen, die Heimat eines Rabbi Jecheskel Landau, der wiederum ein Erbe des „hohen Rabbi Low" und von R. Jomtow Lipmann Heller zu verwalten hatte. Heute aber gibt es in der ganzen Gegend kaum eine Gemeinde mit Schechita, mit Sabbat, mit Mikwah. Marienbad selbst hat eine schöne Synagogenfassade mit hohen Fenstern, durch die am Sabbatvormittag Orgeltöne aus leerem Räume brausen. Aber für einen Schochet liegt bei den über hundert Familien der Gemeinde kein Bedarf vor. Die Schechita ist hier ein Saison-Artikel, der von den jüdischen Hotels auf eigene Kosten mit Hilfe einiger hier ansässiger gutjüdischer Familien aus Deutschland und Polen bestritten wird. Wir haben noch andere Gemeinden gesehen, wie etwa Pilsen, wo die Dinge womöglich noch schlimmer liegen. Geistige Trümmer allüberall. Einige. dieser Trümmer laden zum Verweilen* zum Nachdenken ein, „Besucht die uralte Kehilla und Synagoge in Königswart! . . ." Am Sonntagmorgen, in einer kurzen warmen Sonnenpause zwischen zwei Regentagen, fuhren wir, wie Kinder zu halben Preisen, (man fährt als ausländischer Kurgast im Tschechenlande mit 50 Proz. Ermäßigung) die kurze Strecke nach der uralten Gemeinde hinaus. Am kleinen Bahnhof harrt der Omnibus, um die wenigen Fahrgäste zum Hügel, auf dem das Städtchen, eingerahmt von Tannenwäldern und Wein- und Hopfenranken schlummert, hinaufzubringen. Der Fahrer liest uns schon am Gesichte ab, wohin wir wollen. „Zur alten Synagoge? Steigen Sie nur ein!" Ein deutschsprechender Wachtmeister in strahlender Sonntagsuniform erklärt uns schon auf der schaukelnden Fahrt unaufgefordert die Schönheiten Königswarts und das Besondere seiner alten Judenschul, zu der er uns, nachdem das Fahrzeug auf dem Marktplatz seine Endstation erreicht hat, durch die mir bereits vertraute schmale Gasse auch hinführt. In diesem gezackten Viereck befand sich einmal das Judenquartier, City und Ghetto zugleich. Nun steht das kleine alte Synagoglein noch da — weil es weder fortziehen noch sterben konnte . . . Das kleine etwas hochgebaute Bauernhaus, an dem wir vorübergehen, ist leer. Der rüstige Neunzigjährige, der mir vor zwei Jahren hier ganze Vorträge übe die alte Gemeinde und darüber, wie er sie verwaltete, hielt, ruht an der Seite seines Weibes, das damals am offenen Kamin ihm liebevoll die Suppe kochte, draußen auf dem kleinen Sammelfriedhof. Einige Minuten stillen Gedenkens an dieser Stätte für den treuen wackeren Wächter eines alten Heiligtums. Ein verlassener Posten, und der Alte hielt ihn mit der Zähigkeit des letzten Mohikaners. Er hatte sich für lange Verteidigung eingerichtet. Er zeigte mir, der Neunzigjährige, zehn Blätter seiner für die Besucher, Eintrittsgelder, Einnahmen und Ausgaben angelegten Bücher, die für die Eintragungen der nächsten zehn Jahre reserviert waren ... Unter Denkmalsschutz stand seine alte Schul. Für ihn aber war sie kein Denkmal aus verklungenen Zeiten. In seiner Vorstellung führte sie noch das lebendige Leben von anno dazumal, als Hunderte sie füllten. Als Wächter und Schlüsselverwahrer hatte er sich in seinem kleinen Stübchen noch für weitere jahrzehntelange Wacht verschanzt. Nun hält er die treue Wacht auf dem sanften Waldhügel draußen, wo die alte Gemeinde Königswart im Schutze der uralten Tannen und Fichten ruht. Auch im Rabbinerhause sitzt jetzt ein Anderer als vor zwei Jahren. Ein neuer Schlüsselbewahrer öffnet das niedere Tor, über dem ein Datum in römischen Buchstaben steht, und man ist geblendet von der Fülle und Helligkeit der Farben, die von der Ostwand, dem eingebauten Heiligenschrein, einem entgegenströmen. Solche Schnitzereien, soviel allegorische Tierfiguren und Vogelgestalten sah ich nur einmal an der Ostwand einer litauischen Holzsynagoge. Diese schön gewundenen Barocksäulen aus metallhartem dunklem Holz sah ich aber anderswo und auch nur einmal, nämlich in der Portugiese n s c h u 1 von Amsterdam. Einer der sauber geputzten vielverzweigten Messingkandelaber trägt eine Königskrone, dazu Reichsadler mit symbolischem Schlüssel und ist Geschenk von König Wenzel IV. aus dem 14. Jahrundert. Und unter Glas an den Wänden ist ein M i 11 i o n e n s c h a t z aus goldgewirkten und diamantenbesetzten Vorhängen aufbewahrt. Unter anderem sieht matt in ffeinster Filigranarbeit die heiligen Geräte des Tempels in Jerusalem symbolisiert. Aber diese Vögel, vorwiegend die Pelikane am oberen Teile dieser Sinfonie von Farben und Gemälden weisen auf fremden Ursprung hin. Der junge Rabbiner braucht uns nicht viel zu erzählen, wir kennen die Geschichte oder die Legende, wahrscheinlich Gemisch von beidem. Es war um 1618, also zu Beginn des dreißigjährigen Krieges, als über die böhmischen Berge die Jesuiten flüchteten. Königswart war das Zentrum der vom Kaiser und von den Fürsten geduldeten reichen jüdischen Kaufherren und hier fanden die Flüchtlinge Schutz und Brot, und konnten, als Kutscher verkleidet, in den Wagen der jüdischen Kaufherren über die Grenze gelangen. Nun wollte der Orden, wieder in Sicherheit, seine Dankesschuld an die Judengemeinde abtragen und stiftete den kunstvollen Heiligenschrein für ihre Synagoge. Es war beinahe ein Danaergeschenk, denn die Sinnbilder der Kirche und die fremden kultischen Gemälde paßten und gehörten in das jüdische G'tteshaus nicht hinein. Man korrigierte und verbesserte so gut es ging. Das fremde Grundmotiv ist aber geblieben. Und darin liegt das Besondere der Königswarter alten Schul. Im Zuge der Entwicklung nach der Emanzipation und der von ihr bedingten Freizügigkeit wurde die Schul von ihrer Gemeinde verlassen, sie ist nur noch eine Schul für Touristen. Nur von Zeit zu Zeit, an besonderen Sabbaten und Festtagen, versammeln sich noch die wenigen Männer aus den nahen Ortschaften Sandau und Mildigau an der ehrwürdigen Heiligenstätte zu einer Zehnergemeinde! Dann erwacht die Ruine zu neuem Leben, Uralte Memor|3ücher liegen auf, darin fromme Männer eingezeichnet sind, derer an solchen Tagen gedacht wird. Der junge Rabbiner hält dann G'ttesdienst, als wären die abgeschiedenen Geister derer, die vor Jahrhunderten diese heute noch abgegrenzte Judengasse im Städtchen bevölkerten und die Schul bis auf den letzten Platz füllten, wieder alle hier versammelt. Er predigt an die Lebenden und spricht von den Toten und ermahnt zur Treue. Ist der Feiertag vorüber, dann bleiben die alten kalten Steine, und die kunstvolle Östwand, hinter der zehn Thorarollen ruhen, ist Attraktion für Touristen, die früher zu vielen vielen Hunderten kamen und heuer, in der „toten Saison", ausbleiben. Herr Rabbiner Goldfinger, das muß gesagt werden, spricht (bei! der Erklärung nicht di<?j übliche Sprache der Fremdenführer. Er ist mit Liebe und Sachkenntnis dabei und verbindet mit jüdischem Wissen einen Forscherblick, dem bereits manches Licht aufgegangen ist. So hat er als Erster eine; verschüttete Mikwah in der Nähe der Synagoge entdeckt, viele rätselhafte Inschriften, die Auskunft über die Gemeindeverhältnisse im Böhmerlande von früher geben, entziffert. Andere orakelhafte Inschriften sind photographiert und werden weiter'' studiert. Die Wimpeln und Chewrabücher sind Fundgruben für Freunde der Familienkunde im Lande und in der Stadt der „Königswarter", der „Tausig" ,und anderer großer Juden, die aus diesem Fleckchen Erde in die Welt hinausgegangen und zum Teile bis zum Taufbecken gelangt sind. Ein „Tasz" aus feinstem dunklem Silber meldet von einer Epidemie, die im Jahre 5594 in der Gegend wütete, von der aber Königswart verschont geblieben ist, aus welchem Anlaß dieser Thoraechmuck von den Männern, deren Na- Die Ostwand in der alten Synagoge zu Königswart men alle auf der Platte eingraviert sind, gestiftet wurde. Damals, vor hundert Jahren, zählte noch die Gemeinde etwa 300 jüdische Familien. Im Fremdenbuch finden wir eine ganze Reihe von Namen wieder, mit denen wir voriges Jahr bei der Kenessio Gedaulo im Beratungssaal und bei Tisch schöne Stunden verlebt haben. Wiedemim werden alle Erinnerungen an die großen Tage vom vorigen Jahre wach. Auch der Besuch in Königswart bedeutete für mich ein Wiedersehen mil der Stadt der Kenessio! —tz. Briefkasten. Rabbi D. F, in M. Das Buch ist seinerzeit in Straßburg erschienen und ist in hiesigen Buchhandlungen nicht zu haben. Wochenkalender. Vom 20. — 27. August 1938 / Vom 23. - 30. Ab 5698 '731'' *p rrp-n Samstag 20 23 na ' aps? nyv Sonntag 21 24 13 ,vtnn y>3"!a?3 Montag 22 25 rj Dienstag Aug 23 2K 26 m Mittwoch 24 27 w Donnerstag 25 28 0 .ppiSiaa nv Freitag 26 29 KD Samstag 27 30 so :{''.'nm rö»

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