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Der Israelit · 1938-08-18 · Heft 33 (18.8.1938) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 33 (18.8.1938)
Date
1938-08-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilletonn^^. ¥-^—-^ _ 1" J. Nummer 33 Beilage LP er Israelit 193s Juden, die zum ersten Male ins Gallith gehen. Juden, die in der Geschichte noch nie zum Wanderstab griffen, müssen sich nun ebenfalls auf die Wanderschaft begeben. Es geht um die sogenannten „arabischen Juden" in den Felsenbergen Galiläas, ein kleines Häuflein, das nach der Geschichte und Tradition schon vor der Zerstörung des zweiten Tempels im Dorfe P k i i n gelebt und seitdem diesen althistorischen Boden nicht verlassen hat. Alle weiteren Zerstörungen und alle Wirren der späteren Galuthgeschichte ließen die jüdische Kolonie in Pkiin unberührt. Jetzt muß auch dieser kleine Rest jenseits des Galuth die Heimat verlassen und in die Fremde geehen, Syrer, Babylonier und Römer. Ismael und Edom, Türkenherrschaft, Sarazenen, Kreuzfahrer und Weltkrieg konnten diese Menschen von der Scholle nicht trennen. Der arabische Terror hat es aber fertiggebracht, auch diese bodenständigen Menschen zu entwurzeln. Dabei war und ist dieser jüdische Stamm seit vielen Jahrhunderten mit den arabischen Nachbarn so eng verbunden, daß die Menschen schlechthin unter dem Namen „jüdische Araber" bekannt sind. Sie sprechen arabisch, kleiden sich arabisch, haben, bis auf ihr jüdisch-religiöses Leben, alle Sitten und Gewohnheiten der Araber angenommen, leben wie diese in Lehmhütten und bearbeiten ihre Aecker mit den gleichen primitiven Ackerbaugeräten wie die arabischen Fellachen seit Jahrtausenden. Das alles konnte nicht verhindern, daß sich die arabischen Messer und Flinten auch gegen sie richteten, so daß ihre Lage immer gefährlicher und unerträglicher wurde. Mit schwerem Herzen trennten sie sich von ihrem geliebten Dorf Pkiin, in dem, wie sie mit Stolz erzählen, die größten Tanaim, wie R. Jose, R. Josua ben Chanania, R. Schimon ben Jochi gelehrt und gelebt haben. Jn der Tat wird im Talmud des öfteren als Residenz dieser genannten Mischnalehrer Pkiin {in Obergaliläa am Berge Kanaan abseits der Straße zwischen Safed und Tiberias) genannt. Sie harrten bis zuletzt in der Heimat aus. Als sich die Lage immer schärfer zuspitzte, schickten sie ihre Kinder und Frauen fort, um sie in Tiberias oder in Safed in Sicherheit zu bringen. Schließlich gingen auch sie, nachdem der Muchtara ihnen eröffnet hatte, daß es ihm leider nicht mehr möglich sei, für die Sicherheit ihres Lebens einzustehen. Die Polizeiposten und die des jüdischen Selbstschutzes, sind zu weit «ntfernt, um ihnen im gegebenen Moment Hilfe zu bringen. So mußten sie tränenden Auges nach dem Wanderstab greifen und, zum ersten Mal in der jüdischen Geschichte, sich in den jüdischen Galuthmarsch einreihen. Einer aber aus dieser Dorfgemeinde der „jüdischen Araber" versteifte sich darauf, dazubleiben, und komme, was immer wolle. Er soll »ach seinen Angaben bereits ein Alter von 110 fahren erreicht haben, hat nie sein Dorf, mit dem seiner Väters Väter seit Jahrtausenden verbunden waren, verlassen und weigert sich, e« auch jetzt zu tun. Der Muchtara erklärte den Ortsbewohnern, als sie sich um die Hütte des Juden zusammenrotteten, solange er lebe, geschehe dem jüdischen Greis nichts; wollten sie ihn vernichten, so müßten sie erst ihn, den Muchtara, töten. Das wirkte fürs erste. Ein Mitarbeiter des Rigaer „Hajnt" erzählt von seinen Wahrnehmungen unter den „jüdischen Arabern", als er sie erst vor einem Jahre in Pkiin besuchte. Einen furchtbar mühseligen Weg durch Berg und Tal über heißen Karst, an Felsenschluchten vorbei, durch kleine arabische Dörfchen, weit weg von der Landstraße, über steinige 'Wege, die kein Fuhrwerk bewältigen kann, erreichte er mit wunden Füßen diese „letzten Mohikaner" von jüdischen Fellachen, die krampfhaft um ihre Scholle ringen. Wenn ihre Muttersprache auch arabisch ist, so beherrschen sie alle hebräisch. Das Alter und die Echtheit dieser Gemeinde drängt sich auf Schritt und Tritt und im Gespräche mit jedem Einzelnen auf. Sie sind von der Zerstörung durch Titus genau so wie von den Wandlungen des Weltkriegs und der Nachkriegszeit unberührt geblieben. Am Dortende auf einer kleinen Anhöhe befindet sich die Schul, ein kahler Raum mit einigen in die Wände eingemauerten Banknischen. Eine Aufschrift an der Fassade berichtet, daß die Schul durch den „Fürsten Rabbi Rafael Halevi aus Beirut" wieder hergerichtet wurde. Nach der Ueberlieferung steht das G'tteshaus genau auf dem Platz, auf dem sich das Lehrhaus von Rabbi Josua ben Chanania befand. Interessant ist, daß sämtliche Bewohner von Pkiin K o h a n i m sind, und tagtäglich beim G'ttesdienste stellt sich die gesamte Gemeinde zum „Duchenen" auf, um mit einer Andacht und Inbrunst ohnegleichen den Priestersegen dem gesamten jüdischen Volke auf dem Erdenrunde zu erteilen. Die Aeltesten der „jüdischen Araber" beklagen sich beim Berichterstatter bitter darüber, daß der Jischuw, der alte wie der neue, sich um sie so wenig kümmere. Bei Bildung der neuen Siedlungen dachte kein Mensch daran, diese vielleicht älteste jüdische Siedlung der Welt auf heiligem Boden zu unterstützen und zu erhalten. Indes bröckelt die Mauer mit jedem Tage mehr ab. Feindliche arabische Nachbarn eignen sich sogar Boden vom jüdischen Friedhofe an, der ein Alter von zweitausend Jahren hat. Sie kämpften um ihren altheiligen Besitz, bis es nicht mehr ging, um am Ende ebenfalls in die Verbannung zu gehen. Sie verstreuten sich in den nahen Städten des Galil, um dort die Stunde abzuwarten, da sie in ihr altes Heimatdorf zurückkehren könnten. Die Reichtümer, die sie in ihrem Dorfe hinterlassen haben, bestehen in erster Linie aus G rä b e r n. Als Sehenswürdigkeit zeigten sie eine Höhle, vor der ein üppiger Johannisbrotbaum die Wacht hält. Sie erzählen mit aller Gewißheit, daß in dieser Höhle Rabbi Schimon ben Jochi mit seinem Sohn dreizehn Jahre gelebt und sich in dieser Zeit von der Frucht des Baumes am Eingang ernährt hat. Wenn sie in Miron bei Safed behaupten, Besitzer jener Höhle zu sein, so beteuern die „jüdischen Araber" von Pkiin demgegenüber, daß Rabbi Schimon wohl in Miron gelebt hat und be graben ist, seine Zuflucht aber in dieser Höhle von Pkiin gefunden und auch hier den heiligen Sohar abgefaßt hätte. Wie seltsam: Der Baum steht jetzt noch in voller Blüte und zeitigt schöne Früchte, die den Juden wie den Arabern als „heilige Frucht" gelten. Keiner wagt es, die. Frucht auch nur anzurühren, da die Ueberlieferung sich erhalten hat, daß wer von diesem Johannisbrot genießt, daran unverzüglich stirbt. Einmal, so wird erzählt, habe ein Hirte Zweige von diesem Baume abgebrochen und seinen Ziegen zur Nahrung gegeben. Darauf sei der Hirte gleich blind geworden und die Ziegen gaben von dem Momente anstatt Milch nur Blut von sich. Erst als der Hüte, vom Kadi beraten, die Zweige zum Baume zurückgebracht und Bußgebete verrichtet hatte, erhielt er seine Sehkraft wieder und auch seine Herde kam wieder in Ordnung. Neben dieser Höhle wird auch das Grab von R. Josua Sohn Chananias gezeigt. Daneben sprudelt die Quelle, die auch von den Arabern das „heiige Wasser" genannt wird und der große Wunderkraft zugesprochen wird. * * Alle Ruinen werden auch von den Arabern heilig gehalten, die Menschen aber, die seit Jahrtausenden die treuen Hüter dieser Ruinen sind, müssen vor dem gezückten Dolche dieser Araber flüchten. Wann werden sie in ihre Hütten zurückkehren dürfen? Es ist dies eine Frage, die nur einen kleinen Teil der Tragödie ausmacht, die heute unser Erez Israel durchlebt. Persönliche Erinnerungen an den Besoiner Rov Von B. Cohen. Die Nachricht vom Ableben des Rabbiners A. M Grynberg aus Biesun in Berlin hat wohl in jedem Thorafreunde, der in den Kriegs- oder Nachkriegsjahren in Berlin gelobt und gelernt hat, Erinnerungen besonderer Art geweckt. Der „Besoiner Rov", wie er allgemein bis zuletzt genannt wurde, war eine Erscheinung ganz eigener Art; er blieb, wie selten einer der auf die Wanderschaft getrieben, in allen seinen Eigenschaften sich selber treu von Anfang bis zu Ende. Er änderte, obwohl er einen durchaus guten Blick für die Erfordernisse des äußeren wie auch des religiösen Lebens in Deutschland besaß und den Leistungen der deutschen Judenheit mit Respekt gegenüberstand, für sich persönlich weder Kleidung noch Sprache. Er wußte Freundschaft und Anhänglichkeit zu bewähren wie Wenige. Die ihm nach seiner Flucht nach Berlin dort heimisch zu werden halfen, erfreuten sich seiner Freundschaft über den Tod hinaus. Sein Kommen nach Brün im Jahre 1915 fiel noch in die Zeit, in der die westliche Judenheit noch nicht im gleichen Maße wie später Verständnis für die Thora und Jüdischkeit des Ostens besaß. Seine persönliche Erscheinung war für Manchen einer der ersten Anlässe, sein Urteil hierin zu revidieren. Seine damalige Wohnung war bescheiden. Es war ein Erlebnis eigener Art, den Besoiner Rov in dieser bescheidenen Umgebung an seinem Lerntische in königlich stolzer Haltung studieren oder Streitigkeiten schlichten zu sehen. An ihm ging das Wort in Aboih in Erfüllung; Wer die Thora ehrt, der erntet auch für sich Ehre. Wer wie dieser echte Talmid Chacham, obgleich er aufgrund seines Wissens scheinbar Anspruch darauf hat, einmal die Thora „leichthin" zu nehmen und dennoch nie anders als voller hohen Verantwortungsbewußtseins Thorafragen entscheidet und Thoraunterricht erteilt, der vertritt ohne Unterlaß die Majestät der Thora. Es war das besondere Geheimnis des Besoiner Rov, mit dieser würdevollen Haltung ein Gehaben zu verbinden, durch das seine engeren Heimatsgenossen noch in Berlin wie zu einem Vater zu ihm aufblickten und auch manche andere jüdische Menschen der Weltstadt, auch solche westlicher Herkunft, sich um seine Person wie um einen verehrten persönlichen Führer durchs Leben scharten. Er blieb einer der Wenigen, die in unserer Zeit der Ueberorganisation als EinzelpersönlicMteit jüdische Menschen um sich zu gruppieren verstehen. Nun ist er uns genommen. Er hat nicht umsonst gelebt, wenn wir ein Lernsefer so liebevoll und respektvoll wie er öffnen und wie er einander in diesen schweren Zeiten Stütze und Trost werden. Das S'chus, das er sich um so Manchen so erworben, als habe er zu den Seinigen gehört, stehe den Seimgen nun hei.

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