Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1938)
- Date
- 1938-08-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 33 [ s r a e 1 i t 18. August 1938 E R E Z 1 ISRAEL Ein Aufruf des Sicherheitsausschusses. 7000 Freiwillige m Tel Awiw, Tel Awiw, 8. August. Die Stadtgemeinde forderte die waffenfähigen Männer von Tel Awiw im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf, sich bei den Verteilungsbüros zu melden. Das ist so zu verstehen, daß in den verschiedenen jüdischen Kolonien die Siedler bei Tag das Feld bestellen müssen und an die zehn Stunden schwerste Arbeit leisten, nachts aber keine Ruhe finden können, da die arabischen Terrorbanden das Land unsicher machen. Diesen Kolonien sollen nun die Brüder aus der Stadt helfen. Sie sollen militärisch geschult und mit vollem Einverständnis der britischen Mandatarmacht auf die entlegensten Kolonien im ganzen Lande verteilt werden, Auch soll eine weitere Neuanstellung von Jungpolizisten in der Stadtgemeinde Tel Awiw erfolgen, während die verfügbaren Stadtpolizisten von Tel Awiw gleichfalls zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, auf die Kolonien und die Zufahrts- Straßen verteilt werden, Dieser Aufruf blieb nicht ungehört. Gleich am ersten Vormittag meldeten sich bei den Verteilungsbüros 1500 junge Männer. Innerhalb der letzten fünf Tage konnten 7000 Freiwillige behalten werden. Und schon ist auch das Straßenbild Tel Awiws geändert. Der Großteil der Verkehrspolizei ist abgezogen und an seiner Stelle sieht man die blauen Uniformen der städtischen Feuer-* wehr, die statt der Verkehrspolizei die Verkehrsregelung übernommen hat. In 26 kleineren und isoliert gelegenen Siedlungen ist mit der Errichtung von Zäunen und der Installierung von Scheinwerfern begonnen worden. Die Arbeiten werden aus den Mitteln des Kofer Hajischuw (Sicherhetisfonds) finanziert. (Siehe auch Leitartikel.) - Eine Synagoge abgebrannt. Haifa, 14. August. Großen Schmerz löste die Einäscherung der einzigen aschkenasischen Schul in Haifa „Nachlat Israel" aus. Die Synagoge wurde im Jahre 5670 erbaut. Die Thorarollen konnten alle gerettet werden, dagegen sind andere wertvolle rabbinische Werke verbrannt.-- Wer sorgt für das Dorf? Jerusalem, 14. August. „Haschiloach" ist der Name eines Dorfes hinter Jerusalem am historischen Quell Siloah mit gemischter Bevölkerung. Unter etwa hundert Arabern wohnen dort über sechzig jüdische Familien, durchwegs Jemenit.en, die von Strick- und Webarbeiten sich ernähren. Allen Wirren und Unruhen zum Trotz hat kein einziger dieser Juden bis jetzt das Dorf verlassen. Letzthin aber eröffnete der Distriktskommissar von Jerusalem der jüdischen Vorsteherschaft, daß sie die Juden von Haschiloach nach Jerusalem überführen möchten, da die Macht keine Garantie ferner für ihre Sicherheit übernehmen könne. Die Vorsteher der Jerusalemer Gemeinde erwiderten aber, daß es keineswegs in ihrem Sinne liege, Juden gewaltsam zu evakuieren. Es sei Sache der Macht . und der Polizei, allen Bürgern den nötigen Schuiz angedeihen zu lassen. Nach wenigen Tagen teilte der Distriktskommissar der Jerusalemer Gemeinde mit, daß in diesem Falle die Jerusalemer Kehilla die Kasten der verstärkten Polizei im Dorfe zu über- I nehmen hätte. Die Vorsteher wiesen auch diese Zumutung zurück, und zwar mit Hinweis darauf, daß schon ohnehin die Jemeniten des Dorfes 50 Proz. der gesamten Steuern, auch der Abgaben für die Polizei, aufbringen. Die Verhandlungen gehen weiter, Tischobeaw in Erez Israel. Jerusalem, 12. August. Trotz der Unruhen und der Unsicherheit waren am Abend zum 9. Aw wie auch am Sonntag, den 9. Aw, selbst Tausende von Besuchern und Betern an der Westmauer anwesend. Sämtliche Vergnügungsstätten waren an dem Abend und am Tage in Jerusalem geschlossen. Die traditionellen Massenprozessionen zum Kosel fielen allerdings aus, da die Polizeiverstärkungen an der Mauer für diese Zwecke nicht ausreichten. Die Ruhe wurde nirgends gestört. Ein Koscherfleisch-Prozeß in Tel Awiw« Tel Awiw, 12. August. Wie seinerzeit berichtet, hat das hiesige Oberrabbinat ein Verbot des australischen Fleisches erlassen und dasselbe als trefa erklärt. Ein Metzger aus Tel Awiw, der dieses Fleisch vertrieb, reichte nun eine Klage bei Gericht gegen das Oberrabbinat wegen unbegründeter Schädigung seines Geschäftes ein. Bei der Verhandlung wies der Anwalt des Rabbinates, Advokat G a f i n, nach, daß es über die Kompetenzen des Kreisgerichtes gehe, in einer Frage zu befinden, für die einzig und allein das Oberrabbinat zuständig und verantwortlich sei, Das Oberrabbinat sei eine offizielle gesetzliche Körperschaft mit eigener Gerichtshoheit in religiösen Dingen. Der Prozeß wurde vertagt bis zur Klärung der Kompetenzfrage. Das Leben im Kibbuz. Aus Briefen unserer Kibbuzim an einen in Europa weilenden Chawer. ... unsere diesjährige Honigernte hat, zwar nicht überschwenglich, doch jedenfalls begonnen. Die Blüte hat sich dieses Jahr wegen der starken Niederschläge um einen Monat verspätet, sodaß die Bienen aus ihrem geschwächten Zustand heraus im ganzen Land nur einen mittelmäßigen Ertrag gebracht haben. Von unseren Bienen hatten wir einen Ertrag von 6 Pachim (1 Pach etwa 15 kg.) . . . Gestern Nacht fand die feierliche Ueberführung unserer Bienenvölker von Rechowoth nach Gedera in die Nähe^ des Pardes Fetter statt. Außer einigen „stichligen11 Vorkommnissen lief das Ganze ziemlich glatt ab . . . der Honigverkauf wird jetzt schnellstens in die Wege geleitet, und beabsichtigen wir, im Laufe der nächsten Tage einen Chawer zwecks Honigvertriebs nach Jerusalem, einen nach Haifa und einen nach Tel Awiw zu senden. . . . Nachdem unsere Predoth nicht genügend Außenarbeit haben, haben wir. nun dieser Tage unsere eine Preda, „Sitta", an einen Bauern in der Moschawa verkauft. Den Wagen bauten wir aus diesem Grunde zu einem Einspänner um. ... Im Moment sind wir gerade bei dem längst beschlossenen Umbau und der Erweiterung unseres Refet beschäftigt ... Als wichtigste Neuerung im Meschede ist von dem nun endgültig fertiggestellten Refet zu berichten. Der Neubau ist zur allgemeinen Zufriedenheit ausgefallen und sieht auch wirklich sehr gut aus. Es ist jetzt Platz in ihm für zwölf Kühe und sind ja, wie Ihr wißt, bereits neun Plätze besetzt. Die Kühe scheinen sich in ihrem neuen Heim recht wohl zu fühlen. Die Maul- und Klauenseuche ist in Gedera baruch Haschern vorübergegangen und haben sich unsere „Absperrungs- und Lysoltauchbädermaßnahmen" glänzend bewährt. Unser Refet ist dadurch von dieser verheerenden Seuche verschont geblieben. Unsere „Ahuwa" hat unserem Refet wieder einmal ein gesundes kräftiges Kuhkäibchen geschenkt und haben wir beschlossen, dieses Kälbchen, welches den hübschen Namen „Chawiwa" erhielt, aufzuziehen. Zum ersten Mal ist es uns gelungen, aus unserem Refet an einem Tag mehr als hundert Liter Milch täglich verkaufen zu können. . . . Wir entschlossen uns, zwei Chawerim zu den Grenzzaunarbeiten nach dem Norden zu entsenden. Dieser Entschluß war nicht so sehr aus wirtschaftlichen Gründen gefaßt worden, als vielmehr aus einer gewissen Verpflichtung, bei diesem Schutzwerk gegen die arabischen Banden, die sich bisher ungestört Menschen und Munition von Syrien holen konnten, mitgeholfen zu haben. Es sind dort im Ganzen 1000 Poalim, darunter eine Gruppe von Poale Agudath Jisrael und Poale Hamisrachi von ca. 50 Menschen. . , . Am Mozae Schabbäth veranstalteten wir eine Chagigath Hathora anläßlich der Beendigung des Machsor scheni des Daf Hajomi. Zur Einleitung der Feier fand ein Sijum auf Joma statt und zwar von der Schiurgruppe Elieser Friedmann, die Nachum Feldmann jetzt übernommen hat. Nachum hielt den Hadran und sprach anschließend über die Wichtigkeit des Lernens. Als Zweiter sprach Jehoschua Bruchi, Vorsitzender des Snif Hapoel Hamisrachi, der eingeladen und auch vollzählig erschienen war. Er erzählte uns über das des Leben und Wirken von Raw Meir Schapiro b"sr. den er persönlich gekannt hatte, in der anschaulichsten Weise. Als dritter sprach Josef Vogel über die erste Mischna in Brachoth und eröffnete damit den neuen Machsor. Das festlich geschmückte Chadar Ochel, geschmückt mit Zitaten und Bildern, in denen die Wichtigkeit des Lernens besonders hervorgehoben wird, trug wesentlich zur Hebung der festlichen Stimmung bei und die Schewa Brachoth für Josef und Clara Vogel bildeten einen schönen Abschluß dieser wirklich gut gelungenen Feier, die in einem weiter verstärkten Lerneifer der Chawerim hoffentlich noch lange nachwirken wird. Kindergärten und Tagesheime in Jerusalem, Tel Awiw und Haifa. (Aus einem Berichte der Leiterinnen: Jetta Neuberger-Rosenheim und Steffi Cohn-Bodenheimer.) (Fortsetzung.) Die Auswahl und Art der Erzählung werden in gemeinsamer Arbeit der Kindergärtnerinnen überlegt und vorbereitet. Den Rahmen der Feier bilden die Sabbatlieder, begleittet von Kinderinstrumenten und die Wiedergabe der in der Woche neu gelernten Lieder und Kreisspiele, so erfährt eine Gruppe das Neuerworbene der anderen und lernt mit. Auch der Rosch Chodesch wird festlich gestaltet — und die besonderen Tage des Monats besprochen, Selbstverständlich ist, daß jeder Festtag im Kindergartenleben den ihm gemäßen Ausdruck findet und so im Bewußtsein des Kindes sein von Erlebnissen geformtes Bild hat. Sfirath Haomer, Maaßer, Bikkurim, in diesem Jahr Schmitta und viele andere Mizwoth gewinnen Leben und Bedeutung in der gemeinsamen fröhlichen Ausübung. Das Anschauliche ist das Eindrucksvolle in diesem Alter — deshalb werden alle den Kindern verständlichen und zugänglichen Mizwoth durch Anschauung und eigenes Erlebnis begangen. Um ein Beispiel herauszugreifen: Für Sfirath Haomer stellen die Kinder Bilderkalender her, von denen sie täglich vor der gemeinsamen Zählung ein Bildchen abreißen, die freudige Erwartung auf Schwuoth wird so wirklich erlebt. — Die Stoffe der Tnach- und Midrascherzählungen werden oft technisch verarbeitet, hier sei als Beispiel die in gemeinsamer Arbeit einer Gruppe hergestellte Tewath Noach erwähnt. Im ganzen gesehen soll die religiös Erziehung im Kindergarten dem Kinde die Grundlage schaffen, auf der die Schule weiterbauen kann '■— und von selbst ergibt sich daraus für uns die Aufgabe, unseren Einfluß bei den Eltern zu nutzen, damit sie sich bei der Schulwahl für die religiöse Schule entscheiden. Um Kind und Eltern sinnlose Konflikte zu ersparen, nehmen wir keine Kinder auf, deren Elternhaus geradezu antireligiös ist, wohl aber gibt es recht viele Fälle, wo uns Eltern ihre Kinder bringen^ weil sie ihnen die religiöse Erziehung gewähren wollen, obwohl sie selbst in dieser Hinsicht indifferent sind. — (Es gibt wohl andere rituell geführte Tagesheime für Kleinkinder im Lande, aber die unsrigen sind fast die einzigen, denen die bewußt religiöse Richtung eigen ist.) Unsere pflegerische Fürsorgearbeit steht in jedem Kindergarten unter Anleitung und Aufsicht unseres Kindergartenarztes. Zum ersten Mal wird das Kind bei der Aufnahme gründlich durchuntersucht, die dabei angelegte Kartothekkarte dient als Grundlage für alle weiteren Beobachtungen. Weitere Volluntersuchen wiederholen sich alle 2—3 Monate, der Arzt sieht alle Kinder mindestens einmal im Monat. Monatlich einmal wird auch gemessen und gewogen und das Resultat in der Karte vermerkt. Irgendwie bemerkenswerte Ergebnisse der Untersuchungeil werden den Eltern mitgeteilt. Der Arzt überwacht jede Gewichtsveränderung und je nach Befund verschreibt er evtl. Extrakost, überweist zu einem Spezialisten, zum Zahnarzt, zur Bestrahlung, Beobachtung usw. Auch der Küchenzettel wird vom Arzt kontrolliert. Wir geben den Tagesheimkindern drei Mahlzeiten, Frühstück (dies auch für die Kinder, die vormittags den Kindergarten besuchen). Mittagessen und Vesper. Das genau überlegte Programm enthält gut gemischte Nahrung, viel Obst und Gemüse, zweimal wöchentlich Fleisch und einmal Fisch. Wir können in allen drei Heimen mit Freude regelmäßige Gewichtszunahmen der Kinder verzeichnen. — Von 1-^3 Uhr schlafen alle, jedes Kind hat ein zusammenklappbares Bettchen, Laken und Wolldecke Wir verlegen Spiel und Arbeit nach Möglichkeit ins Freie, und als vorzügliches Mittel der körperliche!! Förderung hat sich in Tel Awiw das Baden, Spiel und Turnen am sommerlichen Strand bewährt, dem die Stunden von 8—12 Uhr (Mittagessen) gewidmet sind. Die Kinder erhalten — jeweils nach Verordnung unseres Arztes 40—50 Bäder — und erholen sich dabei ausgezeichnet. Auch das regelmäßige Turnen — falls notwendig durch orthopädisch-? Pflege unterstüzt — ist ein Faktor der Gesundheitspflege. Der Körperpflege und Hygieneerziehung dienen selbstverständlich das regelmäßige Waschen, Kämmen, usw., iedes Kind hat seinen Waschlappen, Handtuch und Kamm, ein bestimmtes Bildchen unterscheidet seine Sachen von denen der anderen. (Fortsetzung folgt.)