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Der Israelit · 1938-08-18 · Heft 33 (18.8.1938) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 33 (18.8.1938)
Date
1938-08-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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18. August 1938 Der Israelit Nr. 33 Seite 5 her erwähnten home seekers waren sie nur ,, w o r k seekers"; sie waren darum zufrie den mit bezahlter Lohnarbeit und zogen dementsprechend in die nun mächtig aufschießen den Städte, wo sie die billigen Arbeitskräfte für die Industrialisierung Amerikas stellten. In diesen Städten aber entstanden nun' kompakte Einwanderermassen der gleichen Nationalität — italienische und slowakishe, polnische und ungarishe, griechische und nicht zuletzt jüdische Viertel, in denen die Assimilation an das amerikanische. Leben ungeheuer verlangsamt und der Zusammenhalt der Einwanderer untereinander sehr stark war. Auf diese Weise entstanden auf amerikani csem Boden immer mehr ständige Kolonien von Ausländern, die ihre angestammte Eigenart und das bedeutet in amerikanischen Augen fremdartiges Wesen — Jahrzehnte durch erhielten, und bald ihre eigenen Zeitungen, Vereine, Darlehenskassen, ihre Kirchen und sonstigen Formen des Zusammenlebens schufen. Die Zeit der New Immigration, der neuen Masseneinwanderung aus Süd- und Osteuropa, dauerte von 1880 bis zum Weltkrieg. Allmählich wurden nicht nur von Seiten der Arbeiterschaft, die aus begreiflichen Gründen schon lange gegen den Massenzustrom billiger Arbeitskräfte protestierte, sondern vor allem auch in intellektuellen Kreisen warnende Stimmen gegen den ungeregelten Zustrom dieser buntscheckigen Masse laut. Dennoch wurden bis zum Weltkrieg kaum irgendwelche nennenswerten Einwanderungsbeschränkungen (soweit es sich um Europäer handelte) eingeführt. Noch war in der öffentlichen Meinung der Glaube an die unfehlbare Wirkung des amerikanischen ,,Schmelztiegels" (melting pot) unerschüttert: man meinte, daß der Einfluß des großen, reichen Landes mit seiner Chance für jeden . („America means opportunity") und der für unübertrefflich gehaltenen demokratischen Institutionen ziemlich bald aus jedem Einwanderer einen wirklichen Amerikaner machen würde, ohne daß besondere Schwierigkeiten zu befürchten seien. In diesem Glauben ließ man die Einwanderung immer mehr ansteigen — bis in der letzten Zeit vor dem Weltkrieg durchschnittlich weit über eine Million Menschen jährlich einwanderten. Der Ausbruch des Weltkrieges bedeutete auch hier einen entscheidenden Wendepunkt. Nun zeigte sich einer entsetzten OeffentJichkeit, daß die Masse der in den letzten Jahrzehnten Eingewanderten noch keineswegs Amerikaner kommen und das Kind seine Großmutter wiedersehen kann. Himmel und Erde möchte er in Bewegung setzen, um zu erreichen, daß alle Juden den Sabbat begehen, wie die Thora es vorschreibt. „Rien qu'un Sabbat" (nur e i n Sabbat) heißt diese Erzählung, welche nicht nur die Kinder im Innersten bewegen wird, sondern auch manchen Erwachsenen. Wie oft gelingt es dem Lehrer der biblischen Geschichte nicht, seinen Schülern die jüdische Vergangenheit lebendig vor Augen zu führen, trotz aller Bemühungen, trotz allen Strebens. Die Kinder hören die Worte, sie lernen die Ereignisse, sie pauken die Jahreszahlen, aber der innere Zusammenhang des Gestern und Heute will sich nicht einstellen. Die Geschehnisse liefen so fern. Die Eindrücke der Gegenwart lassen die Vergangenheit verblassen. In der Erzählung von Chanukka führt Milbauer uns einen Geschichtslehrer vor Augen, der die Kluft der Jahrhunderte zu überbrücken weiß. Für die Schüler dieses Professors bleibt die jüdische Historie nicht leblos und trocken, Sie erleben sie, denn ihr Lehrer versteht es, Gewesenes in ihnen neu entstehen zu lassen. Indem sich die Jugend mit den Gestalten einer früheren Epoche identifiziert, bleibt keine Einzelheit einer wesentlichen Periode der israelitischen Geschichte eine tote Buchstabenfolge. Die Eindrücke dieser Unterrichtsstunde werden haften bleiben. Köstlich ist der Stil, in dem Milbauer das Buch geschrieben hat. Niemals vergißt es, daß er sich an Kinder wendet. Dabei ist seine Sprache nicht weniger gepflegt, der Inhalt nicht weniger ernsthaft, Indem sich der Autor seine Kindheitserinnerungen ins Gedächtnis zurückruft, findet er den Ton, die innere Wärme, die Innigkeit im Ausdruck, die für diese Aufgabe nötig sind. S—1. waren. Ihre politischen Sympathien richteten sich im allgemeinen genau nach ihrer Herkunft; auch nach jahrzehntelanger Ansässigkeit in den Vereinigten Staaten empfanden sie sich noch in erster Reihe als Italiener, Griechen, Serben, Polen oder Tschechen. Als auf den amerikanischen Truppenübungsplätzen Dolmetscher für 40 Sprachen eingestellt werden mußten, als in großen amerikanischen Industriestädten Maueranschläge in 26 Sprachen erschienen, als vor allem ein Viertel der Militärpflichtigen sich dem Kriegsdienst mit dem Hinweis auf seine Zugehörigkeit zu fremden Nationalitäten entzog« und überdies ein großer Teil der Eingezogenen aus Analphabeten bestand, da trat die Gefahr des kulturellen und politischen Zerfalls der Vereinigten Staaten zum ersten Male mit aller Deutlichkeit vor die amerikanische Oeffentlichkeit. Und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch gewisse Vorgänge während der Pariser Friedensverhandlungen; führten doch z. B. die Auseinandersetzungen über die Zuteilung Fiumes an Italien oder Jugoslavien zu blutigen Zusammenstößen zwischen Italienern und Jugoslaven in New York! In diesem Kriegserlebnis liegt der Schlüssel zur amerikanischen Einwanderungspolitik nach dem Kriege, die durch eine immer schärfere Beschränkung des Zuzugs im allgemeinen und der süd- und osteuropäischen Einwanderung im besonderen gekennzeichnet ist. Man will jede Gefährdung der inneren Einheit Amerikas verhüten und man unterbindet deshalb den Zuzug aller Element©, die man für schwer assimilierbar hält. Auf der anderen Seite sucht man die schon im Land befindlichen Einwanderermassen aus Süd- und Osteuropa allmählich zu assimilieren, zu verdauen — und erblickt in der Frage, ob diese Assimilation der etwa 13 Millionen betragenden Massen der New Immigration gelingen wird, in vielen Hinsicht die Schicksalsfrage der Vereinigten Staaten. Wenn man auswandern will. Die fürchterlichen, -nervenzerrüttenden Schwierigkeiten, denen auswanderungswillige Juden heute unterworfen sind, werden, übersichtlich in einem im „Manchester Guardian" erschienenen Briefe geschildert. Es heißt dort: „Bis vor Kurzem war Columbien tatsächlich das einzige Land, das d4n Eintritt gestattete, Nun hat sich das auch geändert, und ich fürchte, daß ich niemals dorthin werde gelangen können. Es mag weitere Kreise interessieren, zu erfahren, welche Schwierigkeiten ich bisher hatte: Vereinigte Staaten; Affidavit. Quote, pedantische Bürokratie, frühestens drei Monate von dem Tage an, an dem man das Affidavit bekommt, ist die Auswanderung möglich, sofern das Affidavit dem KonsulaSs ausreichend erscheint. Aerztliche Untersuchung, Polizeiliches Leumundszeugnis. Dies allein dauert zwei Monate, bis man es bekommt. Die Quote wird verteilt und nur ein Teil davon wird jeden Monat angenommen. Für jeden, der außerhalb Deutschlands geboren ist, dauert es noch länger. Groß-Britannien: Unter den günstigsten Umständen und auf Grund von Einflußnahme kann man ein Visum erlangen, jedoch ohne Arbeitserlaubnis (außer im Falle von häuslichen Dienstboten). Alles muß von der englischen Seite aus geschehen. Auch dann endlose Verzögerungen durch das Konsulat. Frankreich, Belgien, Holland* Schweiz: vollkommen verschlossen. Selbst schwer beschränkte Transit-Visas sehr schwierig zu erlangen. Italien: Kein Visum. Durchreisevisen möglich. Tsckechoslovakei, Ungarn, Balkan- Länder; hermetisch versiegelt. Skandinavien: Bei Vorzeigung eines endgültigen Kontraktes mit einer skandinavischen Firma wird ein Visum für eine beschränkte Periode erteilt. Finnland.- söll angeblich noch offen sein, ebenso noch Estland (inzwischen verschlossen!, aber ohne Arbeitserlaubnis. Argentinien: Bewerbung nur durch Blutsverndte, die dort wohnen. Alsdann groß2 Schwierigkeiten und Hindernisse durch das Konsulat hier. Columbien: Konsulat für zwei Monate geschlossen. Wenn ein Kontrakt vorgezeigt wird, kann der Konsul in Hamburg oder in Amsterdam ein Visum gewähren. Brasilien, Chile: geschlossen. Australien: In speziellen Fällen z. B. bei Bewerbungen durch Personen, die schon dort wohnen oder im Falle besonderer Berufe ist die Einwanderung vielleicht möglich, aber die Ausführung nimmt mehrere Monate in Anspruch. Süd-Afrika, Canada, Neuseeland: vollkommen geschlossen. Portugal: ungewiß, Visum nicht erforderlich, aber keine Aussicht auf Arbeit. Luxembourg: Neuerdings geschlossen. C u b a : Angeblioh noch möglich, Konsulat nur in Berlin. China; Neuerdings geschlossen. Zentral- und Südamerikanische Staaten: einige geschlossen, einige ganz ungewiß in anderen nur speziellen Fällen möglich, besonders durch Verwandte, die dort wohnen. Dies ist die Situation, und soweit Einwanderungsmöglichkeiten in Betracht kommen, wird diese Lage buchstäblich von Tag zu Tag schlechter. Wenn einer noch gestern Hoffnungen hatte, in irgendein Land gehen zu können, wo er entfernte Verwandte hatte, so kann heute diese Möglichkeit genommen sein." Junge Leute und perfekte Handwerker nach Australien, * (Aus einem Brief an den Hilfsverein). Melbourne, 25. Juli. Was die Arbeits-Möglichkeiten betrifft, so hat bisher noch jeder, den ich traf, denselben Fehler gemacht, den ich auch machte, nämlich zu denken, daß die eigenen Kenntnisse „für Australien immer noch ausreichen." Gerade das ist ein riesengroßer Irrtum. Man ist hier in den meisten Branchen zum mindesten 50 weit wie nur irgendwo in Europa oder Amerika!! Das klingt unglaublich, aber jeder, der es nicht glauben wollte, hat teueres Lehrgeld bezahlen müssen. Die australischen Chefs fahren ständig nach Europa und Amerika und sind stets mit den neuesten Maschinen und Erfindungen auf der Höhe. Es klingt nicht mehr so paradox, wenn man sich klarmacht, daß die hiesigen Industrien nicht so alt sind wie die . europäischen, deren Fabriken meistens noch auf dem alten Gelände stehen und einen großen Prozentsatz vom alten Maschinenpark besitzen, -während hier, wenn eine neue Fabrik eröffnet wird, natürlich dieser alte Ballast nicht mitgeschleppt zu werden braucht, sondern alles funkelnagelneu ist, inkl. des Gebäudes. Die Zeiten, wo die Maschinenlieferanten glaubten, den alten Krempel nach Australien abschieben zu können, sind längst vorbei, da jeder ja natürlich nur zufriedene Dauer-Kundschaft haben will. — Ich betone, von allen Fabriken der verschiedensten Branchen, die ich hier sah, haben alle nur. die allerneuesten Maschinen!! Dem entspricht natürlich auch die Qualität des Produktes. Und jetzt komme ich zum Hauptpunkt; Und von einem ausländischen Arbeiter verlangt man logischerweise, daß er nicht nur diese neuesten Arbeitsmethoden (die oft gar sehr verschieden von den gewohnten sind, ich spreche aus Erfahrung) genau so gut wie die australischen Arbeiten kennt, sondern daß er sogar noch besser ist, als der einheimische Arbeiter. Denn wozu sollte man einen Ausländer mit all den Schwierigkeiten, die das Nicht- oder nur Mangelhaftbeherrschen der Sprache mit sich bringt, anstellen, wenn er nicht als Aequivalent die effektive .Arbeit besser versteht als sein bisheriger Mitbewerber? Aus Mitgefühl kann man vielleicht eine Stellung erhalten, aber bei mangelndem Können niemals behalten. Eine Fabrik ist schließlich keine Sozialversorgung, und der Chef wird hundertmal eher bat Geld stiften, als einen unfähigen Arbeiter dulden. Die Höchstzeit, die man zum „Sich-Eingewöhnen" zugebilligt bekommt, ist etwa eine Woche. Und die Sprache soll man auch nicht, unterschätzen, es gibt Wohl bestimmte Arbeiten am laufenden Band, bei denen man nicht z\x sprechen braucht, ich persönlich habe dagegen die allergrößten Schwierigkeiten durch die Sprache. Selbstverständlich kann ich mich über allgemeine Sachen verständigen, aber die Spezialausdrücke fehlen natürlich allen. Ich meine jetzt nicht die Namen für Maschinen oder Werkzeuge, sondern die mehrere hundert verschiedenen Worte für die Artikel, die zu fabrizieren sind. Und diese Worte kann man nur ganz allmählich lernen. Man muß schon großes Glück haben oder sonst irgendwelche Vorteile haben, wenn die Chefs bezw. Vorarbeiter sich wochen- und selbst monatelang die Geduld nehmen, über diese Sprachschwierigkeiten hinwegzusehen. Sonst ist es hier wunderschön, man verdient genug, weitaus mehr als in irgendeinem anderen Lande, d. h. wenn man als „gelernter" Arbeiter unterkommen kann. Ich persönlich habe eine der höchst bezahlten Gruppen, Galvaniseur, und verdiene 5.7.— per Woche. Aber auch in anderen Gruppen ist der Mindestlohn, der übrigens immer bezahlt wird fhö-

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