Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1938)
- Date
- 1938-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 33 Der Israelit 18. August 1938 soiner Raw, besteht jetzt seit fast 18 Jahren, und viele ihrer ehemaligen Schüler sind heute Rabbiner und Künder der Lehren, die sie hier einst empfangen haben. Nach überlieferter Art wird hier von den elementarsten Anfängen des Aleph-Beth bis zu Gemarah-Schiurim alles gelehrt und gelernt. In der letzten Zeit hat gerade diese Talmud-Thora einen ungewöhnlichen Aufschwung genommen. Aus allerkleinsten und bescheidensten Anfängen konnte sich diese in Berlin einzigartige Thora-Schule zu einem Institut entwickeln, das 300 Schüler durch fünf Lehrer in eigenen Räumen betreuen ließ. Die stetig zunehmende Auswanderung und die damit verbundene Verknappung an Geldeinkünften brachten es mit Noch um das Jahr 1880, als die Vereinigten Staaten bereits ein mächtiges Land mit einer Bevölkerung von etwa 50 Millionen Einwohnern waren, gab es dort kaum eine Judenfrage. Die Zahl der Juden betrug damals wohl etwa 200 000: diese waren zum kleineren Teil sephardischer Abstammung, d. h. sie waren Abkommen spanischer und portugiesischer Juden, die auf mancherlei Umwegen im 17. und 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten gekommen und längst innig mit dem Land verwachsen waren. Diese sephardischen Juden bilden heute eine verschwindende Minderheit innerhalb des amerikanischen Gesamtjudentums, spielen aber in gesellschaftlicher Hinsicht oft eine führende Rolle; sie gelten gewissermaßen als jüdische Aristokratie. Viel zahlreicher als diese Gruppe waren schon um 1880 die Juden, die im Laufe des 19, Jahrhunderts aus Deutschland eingewandert waren, und die heute ebenfalls in ganz ausgesprochener Weise gesellschaftlich zur jüdischen Oberschicht zählen. Diese Juden aus Deutschland waren zum Teil aus Posen und Schlesien, wohl zum größeren Teile jedoch aus Süddeutschland nach den Vereinigten Staaten gekommen, und insbesondere unter den letzteren waren viele Männer von Bildung und Wohlstand. Naturgemäß waren die in den vorhergehenden Jahrzehnten aus Deutschland eingewanderten Juden noch nicht so mit den amerikanischen *) Aus dem vom „Hilfsverein" herausgebrachten Korrespondenzblatt für Sommer 1938 „Jüdische Auswanderung". Das stattliche Heft, das auf 96 Quartseiten den ganzen Fragenkomplex um die Auswanderung nach USA, den Philippinen und Cuba erschöpfend behandelt, ist beim Verlage Schmoller Gordon, Berlin-Charl. 2, Joachimstr. 3, zum Preise YOn Mki 1.50 zu beziehen. sich, daß diese Talmud-Thora, die überall, in der Welt den allerbesten Ruf genießt, wohl in absehbarer Zeit die Räume aufgeben und die verringerte Zahl von Schülern irgendwo anders unterbringen wird. Wir wollen hoffen, daß es dieser so wertvollen Lehrstätte möglich sein wird, sich so lange wie möglich zu halten." Das Blatt, in dem dies zu lesen ist, ist das offizielle Organ der Berliner großen Gemeinde, die, wenn sie die Thoralehranstalten in ihrer Mitte weniger — lobt und mehr unterstützt, sie wenigstens für die nächste Zukunft ihrer materiellen Sorgen entheben kann. Verhältnissen verwachsen, wie es etwa bei der kleinen Gruppe der sephardischen Juden der Fall war; aber auch sie paßten sich veihältnismäßig leicht dem Leben in der Neuen Welt an. Die soziale Struktur des Landes war damals davon bestimmt, daß die überwiegende Bevölkerungsmehrheit aus nord- und westeuropäischen Ländern stammte, nämlich vor allem aus England, Schottland, Irland, Deutschland, den skandinavischen Ländern, und zum kleinen Teil auch aus Holland und Frankreich. Und gerade weil fast die gesamte damalige Bevölkerung der Vereinigten Staaten aus diesen Ländern stammte, verschmolz sie ziemlich rasch zu einem neuen, mehr oder weniger einheitlichen Volk; denn die genannten Länder Nord- und Westeuropas waren in rassischer,, religiöser, kultureller [insbesondere sprachlicher) Hinsicht nahe verwandt und wiesen vor allem auch eine ähnliche wirtschaftliche Entwicklungsstufe auf. Dazu kam, daß das Land damals noch gewaltige leere Flächen umschloß, die den Einwanderer zum Siedeln anlockten. Im Zusammenhang hiermit waren es denn auch zum großen Teil jüngere Bauernsöhne aus Nord- und Westeuropa, die nach den Vereinigten Staaten zogen, um dort eine neue Heimstätte zu begründen; — es waren „home seekers", wie der bezeichnende Ausdruck lautet, und als solche mußten sie sich rasch verwurzeln und, insbesondere bei der amerikanischen Siedlungsform der einzelnen Farmen, auch rasch assimilieren. Der einzige Teil dieser Einwanderung, der sich sehr langsam assimilierte, war der irische; das starke, durch die frühere Unterdrückung in der Heimat erhärtete Zusammengehörigkeitsgefühl, der tiefe Einfluß der katholischen Kirche, eine ausgesprochene Neigung zum Stadtleben und zu bestimmten Berufen haben den Iren schon frühzeitig in Amerika eine Sonderstellung verliehen. Das Jahr 1880 stellt aber sowohl in jüdischer wie in allgemeiner Hinsicht einen Wendepunkt in der Geschichte der Vereinigten Staaten dar. Die Einwanderung aus Nord- und Westeuropa, die sowohl im sogenannten „kolonialen Zeitalter", also im 16., 17. und 18. Jahrhundert, wie in der Zeit der ,,01d Immigration", d h. der schon verhältnismäßig starken Einwanderung zwischen den napoleonischen Kriegen und dem Jahr 1880, nach den Vereinigten Staaten geströmt und dort den Grundstein der Bevölkerung gebildet hatten, ließ mehr und mehr nach, — im Zusammenhang mit der erfolgreichen Industrialisierung solcher Länder wie insbesondere Deutschland. Auf der anderen Seite aber begannen nun ganz andere Länder immer stärkere Auswandererscharen nach den Vereinigten Staaten zu senden — nämlich Italien, Oesterreich- Ungarn und das russische Zarenreich. Dabei war es charakteristisch, daß aus den beiden letztgenannten Staaten nicht die eigentlichen Staatsvölker, d. h. nicht die Deutsch-Oesterreicher, die Ungarn und die Russen nach den Vereinigten Staaten kamen, sondern vielmehr d i e sich unterdrückt fühlenden Fremdvölker — nämlich die Tschechen, die Slowaken, die Polen, die Ukrainer, die Finnen usw. — und nicht zuletzt in gewaltigen Scharen die Juden aus Galizien, Polen, Südrußland usw. Damit war der Charakter der Einwanderung von Grund auf verändert. Die Einwanderer kamen jetzt aus Ländern, die wirtschaftlich meist zurückgeblieben waren und einen niedrigen Lebenstandard aufwiesen; und auch in religiöser, kultureller und sprachlicher Hinsicht war naturgemäß die Kluft zwischen einem italienischen, slowakischen oder polnischen Landarbeiter, und der amerikanischen Bevölkernug ungleich größer, als sie etwa zwischen einem einwandernden deutschen oder schwedischen Bauersohn und den einheimischen Amerikanern gewesen war. Es kam hinzu, daß die neue Eiwanderung — „New Immigration", wie man sie bezeichnenderweise bald nannte — auch nicht mehr in dem Maße auf das flache Land ging, wie die alte; denn einerseits war Amerika nicht mehr das Land der leren Räume, sondern einigermaßen erschlossen, und anderseits bestand die Einwanderung nicht mehr vorwiegend aus Bauernsöhnen, sondern in. viel höherem Grade aus eigentlichen Proletariern, also aus Menschen ,die Generationen hindurch besitzlos gewesen waren. Im Gegensatz zu den vor- Die Hintergründe der amerikanischen Einwanderungspolitik.*) Volk ruft ungläubig und untröstlich; rnarun T8' „Was soll mir dieser nichtige Trost?" Erst J e s a j a ist es beschieden, mit seinem inna IWi ans Herz Jerusalems zu reden, gemäß dem ihm gewordenen g'ttlichen Auftrage d^btt» bv rm Kleines Feuilleton. Erzählungen des jüdischen Jahres, Aus Paris wird uns geschrieben: Die Fondation „Sefer" hat ein neues Werk herausgegeben, das in allen jüdischen Kreisen lebhaftem Interesse begegnen wird. Es handelt sich um ein Buch von J. M 11 b a u e r „Les Contes de l'Annee Juive". Die Feste des jüdischen Jahres haben dem Autor Anregung gegeben, eine Anzahl von Geschichten zu schreiben, deren jede einzelne in Beziehung mit einem unserer Feiertage steht. Gleich die erste Erzählung, welche dem Sabbat gewidmet ist, darf als ein Muster dafür angesehen werden, in welcher Weise im jüdischen Kinde in Form einer Geschichte die Liebe zu den jüdischen Gesetzen neu entfacht werden kann: Ein Knabe hat seine Großmutter durch den Tod verloren. Er begreift in seinem Alter noch nicht, was eigentlich vorgegangen ist. Er vermißt die gute Großmutter, welche ihm stets so hübsche Geschichten erzählte, und ruft immer wieder nach ihr. — „Wenn der Messias kommen und die Toten auferstehen werden, dann wird auch die Großmutter zu neuem Leben erwachen," tröstet ihn die Mutter, — „Aber wann wird der Messias kommen?" fragt das ungeduldige Kind. „An dem Tage," lautet die Antwort, „da alle Juden die Gesetze des Sabbat gehalten und den Festtag geheiligt haben werden, wie die Lehre es vorschreibt." Wie wenig scheint notwendig zu sein, um dies Ziel zu erreichen. Niemand wird den kleinen Dienst doch zurückweisen, wenn der Junge ihn bitten wird, nur einen Sabbat zu halten, damit der Messias ►r : . : >T^T» : - Die Jesajanischen Tröstungen, Jalkut: Es sprach Israel zum Propheten: „Gilt dein Trost nur jenen, die die Zerstörung erlebt haben?" ,,Nein," antwortet Jesaja mit seinem Doppei- Nachmu und der Serie der weiteren Tröstungen. 'in cpnnnn wm mvbv totu „Trost den Oberen, Trost den Unteren, Trost den Lebenden, Trost den Toten, Trost in dieser Welt und Trost in der kommenden Welt!" Und ferner: Alle Newiitn erscheinen beim geschlagenen Volke. „Was bringst Du?" fragt es den Propheten H o s e a. bvi ">r\& beginnt Hosea. „Wie der Tau vom Himmel kommt das Heil." „Nein," wies das Volk ab. „Hast du nicht erst gestern uns gesagt wa1 ourre a-na« nan „geschlagen ist Efrajim, seine Wurzel verdorrt. Was soll uns noch der Tau?" Es kommt Joel und stimmt an: D">ds? Dnnn iso* is „Die Berge werden von Most überfließen!" Israel aber schüttelt skeptisch das Haupt; ,,Hast du, Joel, uns nicht erst gestern — Qni3? -iT>p>n — böses Erwachen verkündet?" Und so geht es mit Nachum, Chawakuk. Zefania, Secharja. Sie trösten, und das Jesaja erst kann wahren Trost spenden, nach oben und unten, den Lebenden und den Toten, für diese und die kommende Welt! Vielleicht sind die anderen Propheten mit der Verheißung von Tau und Most und allen anderen irdischen Segnungen nicht in dem Maße an den Kernpunkt der Tragödie, bis ans Zentrum der zwischen Leid und Hoffnung zitternden jüdischen Volksseele vorgedrungen, wie Jesaja, der die Quelle alles Unheils in der Störung der Verbindung zwischen Oben und Unten, zwischen G'tt und Israel, bloßlegt und aus der Wiederherstellung dieser gestörten Verbindung das neue. Heil erblühen sieht. Nur er kann den doppelten, soll heißen den wahren Trost bringen. D'iinnn i»m o'tt'Vj? raru- Einmaliges und Vergängliches bringen die anderen Propheten mit ihren Tröstungen, für die Generation der Zerstörung bestimmt. Was aber Jesaja von den Lebenden seiner Zeit sagt, gilt in gleichem Maße auch für die Toten vor ihm; was er für seine Welt verkündet, behält seinen Wert und seine Gültigkeit für alle Zukanft. twn aVwV ifaru rmj;V wm B»na^ tnm D»r& wn*