Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1938)
- Date
- 1938-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 32 Der Israelit ^«■SijBS^^^^^H 11. August 1938 Wirksamkeit R. Schapiras, die ihre Krönung in der Lubliner Jeschi wa und im Daf Jomi gefunden hätte. Aber nur zwei Autoren finden es für nötig, so ganz nebenbei zu verraten, daß die Institution des Daf Jomi auf der ersten Ken essio Gedaulo der Agudas Jis r o e 1 verkündet wurde. In keinem dieser Aufsätze ist nur mit einem Worte erwähnt, daß der heute vierzehnjährige Daf Jomi ein legitimer Sohn der Agudas Jisroel ist, daß man außerhalb der Agudas Jisroel ihn kaum kannte, daß die Agudas Jisroel- Gruppen in aller Welt es waren, die „ihren Daf" täglich lernten, daß ohne den Mutterboden der Agudas Jisroel diese zarte Pflanze längst verdorben und gestorben wäre. Wenn heute auch außeragudistische thoratreue Kreise den Daf Jomi adoptieren, so begrüßen wir das mit größter Freude, aber eine Lieblosigkeit bleibt es dennoch, über dem Kinde die Mutter zu vergessen und in fünf von sieben zum Teil sehr wertvollen Artikeln die eigentliche Trägerin der Institution einfach zu verschweigen. Ein Aufsatz in dieser Serie unter dem Titel tpn interessiert uns am meisten. Es wird darin zunächst allgemein über das tägliche „Blatt Gemoro" gesprochen und über Rabbi Schapira, der die alte Institution in ein einheitliches und alle Lernenden einigendes System gebracht hat. Es wird mitgeteilt, wie populär in Jerusalem zur Zeit der Daf Jomi ist und daß sich mit besonderer Liebe Oberrabbiner Herzog seiner angenommen hat. Und zuletzt wird dem Lubliner Schapira ein anderer Schapiro an die Seite gestellt, der Heidelberger Mathematikprofessor Schapira, der zur Zeit Herzls als erster die Idee der Jerusalemer Universität gehegt hat. All das und noch mehr ist in dem Artikel zu lesen, nur kein Sterbenswörtchen von der Agudas Jisroel Oder KenesSlO Gedaulo. Und als Verfasser dieses Artikels zeichnet R. B., der identisch ist mit R. B i n j a m i n , dem Herausgeber des „Hahed" . . . Aus Jerusalem wird uns berichtet; „Der Sicherheitsausschuß des W a a d L e u m i hat sich zu einer großangelegten Hilfe entschlossen. In einer Sitzung, die er dieser Tage im Magistrat von Tel Awiw abhielt, wurden die Grundzüge einer durchgreifenden Hilfe zum Schutz der Kolonien aufgestellt. Es wurde beschlossen, alle Kräfte der Bevölkerung in Form von Spenden nach stufenweiser Einschätzung zusammenzufassen. Drei Viertel der Einnahmen sollen für Zwecke der Sicherheit in den Kolonien und ein Viertel in den Städten verwandt werden. Mit der Verwaltung der Gelder ist ein eigenes Schatzamt betraut worden. In einem Aufruf, der an alle' Kreise der Bevölkerung gerichtet ist, wird der Jischuw aufgefordert, die Verteidigung des Landes mit allen Kräften fortzusetzen. Gleichzeitig wird davor gewarnt, Gewalttaten gegen Unschuldige zu verüben und es wird mit allem Nachdruck dieser Standpunkt der offiziellen jüdischen ' Stellen betont. Andererseits wird aber die Regierung und die Oeffentlichkeit auf den provokatorischen Charakter der letzten Anschläge aufmerksam gemacht und es wird eine radikale Untersuchung der Vorgänge in der letzten Zeit gefordert. In Ausführung der Beschlüsse des Sicherheitsausschusses wurden bei sämtlichen palästinensischen Banken Sonderkonten für diese Aktion eröffnet, auf welche die Einzahlungen erfolgen können. In einem weiteren Aufruf fordert der Sicherheitsaüsschuß auf, alle diejenigen, welche bereit sind, zur Verteidigung der Kolonien hinauszugehen, sich bei ihren Sportorganisationen zu melden, oder wenn sie keiner solchen angehören, sich direkt in dem hierfür eröffneten Büro zu melden. Diese Aufforderung richtet sich an alle, die das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben." Da es darum geht, gemeinsame Gefahren, vom Jischuw abzuwenden, wird sich wohl keiner' dem Aufruf entziehen können. Die Sammlung von Menschen und Geld zum. Schutze jüdischen Lebens, und jüdischer Arbeit ist auf alle Fälle heilsamer als aller Streit über- „Hawlaga" oder „Durchbruch der Hawlaga". Der jüdische Optimismus. Von Dr. Hugo Spiegier in Wien. Wenn wir Juden stolz darauf sind und darin unseren wahren Trost finden, daß wir unseren Glauben unter den schwierigsten Verhältnissen erhalten haben, dürfen wir nicht übersehen, daß dies auf Gegenseitigkeit beruht: Es war der Glaube, der unsere Blutsgemeinschaft konserviert hat. Daß ihm dies gelang, ist das Verdienst des Optimismus, der den Grundzug seines Wesens bildet und ihn von den anderen Religionen, in deren Einflußsphäre unsere Ahnen durch den Kontakt mit deren Bekennein zeitweise standen, elementar unterscheidet. Ein besonders deutliches Beispiel macht diesen Unterschied anschaulich; Es ist nicht zu leugnen, daß das Judentum, historisch gesehen, einige Berührungspunkte mit der babylonischen Kultur aufweist. Delitzsch hat daraus in seinem Werke „Babel und Bibel" kühnen Schluß gezogen. Es gibt da gewisse auffallende Analogien. So hielten auch die Babylonier am Sabbat Arbeitsruhe. Aber aus welchem Grunde? Der Tag galt ihnen als der Tag des Saturn, dessen unheilvoller Einfluß keine gedeihliche Leistung, der aufgewendeten Mühe keinen Segen verhieß. Man scheute also jede Verrichtung aus Furcht vor Schaden. Mit dieser pessimistischen Einstellung kontrastiert die jüdische Auffassung vom Sabbat aufs grellste: Dort Vernichtungswille einer fluchbereiten Gottheit, hier Heiligung durch den gütigen Schöpfer der Welt; dort ein „schwarzer Tag", hier die lichte „Prinzessin", die holde „Braut", der die Herzen aller von den Lasten der Werktage Ermüdeten freudig entgegenschlagen. Solch epochalen Wandel von einem Extrem ins andere vollzog der jüdische Optimismus als Folge unseres direkten Bundes mit dem Allmächtigen, Allgütigen. Der Pessimismus der anderen antiken Religionen erklärt sich zwanglos aus der Tatsache, daß es sich um Naturreligionen handelte, die die Natur nicht, wie die Juden, als Schöpfung eines G'ttes, sondern selbst als schöpferische G'ttheit oder vielmehr, entsprechend der Vielheit rieben- und gegeneinander auftretender Kräfte, als den Tummelplatz verschiedener Gottheiten auffaßten. Diese Naturkräfte traten dem Menschen, solange er sie nicht meistern und seinen Zwekken dienstbar machen gelernt hatte, als durchaus feindliche Mächte entgegen. Am sinnlichsten in der Gestalt der wilden Tiere. Außerstande, sich der ihm an natürlichen Waffen und Körperstärke überlegenen Bestien physisch zu erwehren, mußte er dies durch Entwicklung seiner geistigen Kräfte zu erreichen suchen. Er verlegte sich also auf die Beobachtung seiner Feinde und machte die seine Vernunft inspirierende Entdeckung, daß die Bestien nicht anzugreifen pflegen, wenn sie satt sind. Er trachtete daher, den Hunger der ihn bedrohenden Tiere auf eine für ihn ungefährliche Weise zu stillen, indem er ihnen freiwillig Opfer zum Fräße zutrieb. Dieser erste Versuch, die ihm feindlichen Naturgewalten zu bändigen oder wenigstens nach seinem Willen zu regulieren, wirkte sich aber nicht bloß nach außen in der gewünschten Weise; aus, sondern zeitigte auch in seinem Inneren tiefgehende Folgen moralischer Natur; Indem der Mensch sich freiwillig durch regelmäßige Opfer anderen Wesen tributpflichtig machte, erkannte er diese Wesen als „höhere", ihm übergeordnete an. Darauf basiert die g'ttliche Verehrung, die gerade die abscheulichsten Bestien wie Krokodile, Schlangen usw. bei den Naturvölkern aller Zeiten und Zonen genießen. Allmählich erkannte der Mensch, daß es außer den körperlich wahrnehmbaren Tieren auch noch andere Naturgewalten gibt, die nur durch ihre Wirkungen bemerkbar sind, sich selbst aber in rätselhaftes Dunlcel hüllen. Die Sucht, dieses Dunkel zu ergründen, erhob den menschlichen Blick ins Transzendentale. Dort aber, wo sich das Gottsuchen innerhalb der beschränkten Grenzen der Natur hielt, vermochte es den Pessimismus, der sich des Menschen bei seinen ersten tastenden Versuchen, ^H^^V ^^^TJ^J^^ff-—--^^" )/ QVM- „Heute"! Von Wolf S. Jacobson. 1. In ein ganzes Meer von Leid und Trauer versinkt die Seele jedes Einzelnen von uns am Schabbos Chasaun; es ist nicht nur eine unbestimmte Trauerempfindung, deren Ursprung wir uns nicht genau erklären können, sondern ein richtiges Schmerzgefühl, das das Frohsein des Schabbos fast verdrängt! In ein ganzes Meer von Freude und Hoffnung taucht unsere Seele am Schabbos Nachamu; es ist nicht das erleichternde Gefühl, daß nun die drei Wochen mit ihrer drückenden Erinnerungslast überstanden sind, es ist ein richtiges Aufjubeln der Seele.' Woher kommt dag? Die Welt um uns herum hat sich nicht verändert in ihrem sommerlichen Glanz, und nicht verändert in ihrer winterlichen Starre; vor acht lagen schien die Sonne wie heute, heute sind unsere Gefühle fcenau so gebunden an das Leid der Umwelt wie vor acht Tagen! Es ist so: die Weit in uns hat sich geändert! Vor acht Tagen hörten wir Jesajas Prophetie, wie sie weissagte alles Leid, und das Leid hat sich erfüllt, Wort um Wort, und heute hören wir Jesajas Prophetie unserer glänzenden Zukunft: und aut dem Leid, das uns vor acht Tagen erfüllte, strömt nun heute unsere Freude: der gleiche Prophet, der eine Zukunft prophezeite, die inzwischen Vergangenheit wurde, er prophezeite eine Zukunft, welch noch Zukunft ist! Und SO wie das Leid sich erfüllte, Wort um Wort, so wird sich das Glück erfüllen, Wort um Wort! Das scheint mir, ist der Sinn der D^ssa nana der doppelten Tröstung; weil das Leid sich ganz so erfüllte, darum wird und muß der Trost sich auch ganz erfüllen! (Siehe ganz entsprechend am Schluß von mnn; unnrii «a'i?y Tannhi) Und zwischen dem Leid der Vergangenheit, das uns Chasaun Jeschajohu in die Seele brannte, und dem Glück der Z u k u nf t, das uns Nachamu, nachamu garantiert, lesen -wir in der Sidro wiederholt das Wort von der Gegenwart: ravn „heute"! 2. Im vnv lesen wir es: „Und es sollen sein diese Worte, welche ich dir heute befehle, auf deinem Herzen"! Und Raschi fügt nach dem Sifri hinzu: Ich befehle sie dir heute: „Sie seien dir ein Heutiges, nicht wie eine alte Urkunde, welche kein Mensch wertschätzt, sondern wie ein eben vom König erlassenes Gesetz, das zu erfüllen alle sich eilen!" Und die Worte der Sidro im Schma-Abschnitt: „welche ich dir heute befehle, sie zu erfüllen, kommentiert R. J'hauschua ben Lewi (Eruwin 22a, Aw. Sor. 3a und 4b: „Heute, sie heute zu erfüllen, heute und niclit morgen!" i Heute! Heute und n i c h t g e s t e r n , so lenrt es uns das eine Wort! Heute! Heute und nicht morgen, so lehrt es uns das andere Wort! Nicht in der Vergangenheit lag die Erfüllung des Gesetzes, nicht in der Zukunft wird sie liegen, die Pflicht z u r E r f ü 11 u n g des Gesetzes liegt in jeder Gegenwart? Da sind Strömungen im Judentum: die eine glaubt, dies Gesetz ist ein altes Pergament, Narren und nur selber antiquierte Menschen kehren sich noch daran — hat diese „liberale" Auffassung nicht mehr als ein Jahrhundert weiteste Kreise beherrscht und darum die „Bekenner des Heute und nicht gestern" zu jener Selbstwehr gezwungen, welche Arterhaltung, Selbsterhaltung war, und nichts von ihrer Bedeutung verlor, weil Unverstand und Böswilligkeit ihr die gehässigsten Namen anhingen?! Und die andere Strömung glaubt, und gerade neute findet sie manchen Anhänger, daß das Gesetz eine Verpflichtung von morgen sei! Wir hören aus dem Lager der „nationalen" Juden oft die traurige Vertröstung: „Laßt das Land nur erst aufgebaut sein, dann wird man die jüdische Lehre, das Gesetz, schon hineinbauen!" Und darum sind wir zu unserem eigenen Weg gezwungen, wir Bekenner des „Heute und nicht morgen", zu jener „splendid Isolation", die nicht aus überlegenem Dünkel stammt, sondern aus dem heißen Bemühen, gerade um dieser andern willen dem „Gesetz von heute" im heutigen Erez Jisroel seinen Platz, seine Alleinherrschaft zu sichern! nwi D3l imyn „das Heute wird zum Zeugnis" —■ avn r-nnsn ,i ns „G'tt huldigst du im Heute" — "t □vn l*rasn „G'tt zeigt dir seine Huld im Heute" — avn amzb ]ttM '338 ,18 i „siehe, ich gebe vor euch das Heute", nVVpi nana es wird euch zur Bewährung, an ihm mißt sich Euer Schicksal, Segen und Fluch liegen so in eurer Hand! üvb n»ni nr avn „In diesem Heute wirst du zu G'ttes Volk", zu jener Gemeinschaft ewiger Menschen, denen in jeder Stunde alle Gewißheit aus der Vergangenheit, alle Hoffnung aus der Zukunft strömt!