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Der Israelit · 1938-08-04 · Heft 31 (4.8.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 31 (4.8.1938)
Date
1938-08-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Israelit 1*8 Zweierlei Bildung. Von A. K. (Fortsetzung.) Unter den Abonnenten, wie die täglichen , Gäste heiße», waren auch einige, die als Geschäftsreisende des öfteren von Salmechens Geschwistern zu berichten wußten. Darunter war ein junger Mann, dem es eine besondere Freude machte, Gespräche, die er mit Salmechens Bruder Isak geführt haben wollte, wieder zu erzäb-r len, obgleich er entweder übertrieb oder log und Salmechens Schwester verhetzte und in Zorn versetzte. Hier war aber der Boden, auf dem zwischen Salmechen und seinem Bruder immer größere Feindseligkeiten entstanden. Isak hatte geheiratet; weder zur Verlobung noch zur Hochzeit Salmechen eingeladen, worüber sich dieser umso schwerer gekränkt fühlte, als Isak nicht unterlassen hatte, seinen Bruder Leiser) der ein bekannter Arzt und reicher Mann geworden, einzuladen und auf der Hochzeitsreise mit seiner jungen Frau zu besuchen. Zwar soll der Doktor Eibinger das junge Paar sehr frostig empfangen haben — stand er doch, seitdem er „Doktor" geworden, außer jedem Verkehr mit den Geschwistern — dennoch erzählte Isak, um Salmechen zu kränken, der „Bruder Doktor" habe gesagt, er wolle gar nichts von seinen Geschwistern, außer von Isak etwas hören. Inzwischen war Salmechen wieder allmählich zu Vermögen gekommen und, wenn auch gerade nicht in hohem Ansehen, dennoch in ehrenvoller Weise bekannt geworden. Ein braver, anständiger Mann, wie man heutzutage sagt, und früher „bekowed" nannte, der trotz seiner zweifelhaften Manieren und offen zutage liegenden Unwissenheit überall zu finden war, wo es galt, gute Werke an Armen und Kranken zu verrichten. Von ungeschlachtem Wesen, in seiner unbedeutenden körperlichen Erscheinung ein Gemisch von komischer Figur und lebhaftem beweglichem Temperament, sah Salmechen nicht darnach aus, als ob man sich etwas besonderes über ihn zu denken brauche. Nein, sicherlich gab er keinen Anlaß, wenn man ihn so sah, ihm irgendwelche hervorragende Eigenschaften beizumessen. So wurde er auch nicht '.veiter sonderlich beachtet. Als Mitglied der heiligen Brüderschaft genoß er in dieser wenigstens dann der Wertschätzung, wenn sich die Notwendigkeit herausstellte, Jemand zu finden, um einen Schwerkranken oder eine Leiche zu bewachen- Dann richteten sich sicher die Gedanken aller auf Salmechen. Er erübrigte sich dann, trotzdem er seinem Brot nachgehen mußte, Tag und Nacht Zeit, war nie müde, nie verdrossen, wenn er solche letzte und allerletzte Liebeswerke an Kranken und Toten verrichten konnte. Es gab nämlich damals keine Krankenwärter und Totenwächter wie heute für Geld und gute' Worte. Sobald sich jemand niederlegte aufs Krankenlager, gäb es stets Leute, die: Besucheab&iatteten, die Pflege übernahmen und im Sterbefalle ^die , von der jüdischen Religion gebotenen l.Pjflichten erfüllten. Rührend war die gegenseitige Hilfsbereitschaft der auf dem Lande wohnenden Juden. Mochten auch noch so häufig in der Konkurrenz, im Handel und Wandel, durch Familienverhältnisse, Klatschereien oder aus sonstigen Anlässen Zwistigkeiten oder gar bittere Feindschaften entstehen, — sobald es bekannt wurde, dieser oder jener im selben oder weiter entfernten Dorfe sei erkrankt, war aller Hader, jede Feindschaft vergessen» Da war der Konkurrent und Feind zum Bruder, der auf die Liebe der Religionsgenossen angewiesen, und nicht der seltenen Sympathie der meist gleichgültigen Bauern überantwortet werden durfte. Da galt es, der Gebote des Krankenbesuches, der Leichenbestattung, der Tröstung der Hinterbliebenen zu achten, und darin übertrafen die Dorfjuden sehr häufig die in der Stadt wohnenden. So hatte Salmechen es aus seinem Doffleben vor sich gesehen, und nachdem er in die Stadt gezogen war, weitergeübt. Eines Tages sollte er die Gelegenheit finden, diese Menschenpflicht in ungeahnter Weise zu erfüllen. Sein Bruder Isak war wieder in das alte Laster des Kartenspielens verfallen. Spieler und Trinker geraten stets in Rückgang, finanziell, wie auch moralisch und physisch. Seit Jahr und Tag hatte Salmechen weder von seinem „Bruder Doktor" noch von Isak mehr etwas gehört. Seine Schwester war inzwischen gestorben. Als Isak einmal, lange nach Mitternacht, erhitzt vom Spiel, nach Hause kam, fand er seine Frau noch auf, am Bettchen seines ältesten achtjährigen Knaben sitzend. Das Kind rang schwer nach Luft. Auf die Frage: „Was geht vor?" gab die Mutter, die bleich Und verstört dasaß, keine Antwort. Nach fünf Tagen starb der Knabe und die Mutter lag während der Beerdigung, selber schon vom Tode gezeichnet, im Dämmerzustand zu Bett. Sie hatte sich bei der Pflöge des Kindes angesteckt. Noch ehe die sieben Trauertage zu Ende waren, wurde wiederum ein Sarg aus Isaks Wohnung getragen und noch waren die Schicksalsschläge nicht alle auf das Haupt des Heimgesuchten niedergefallen. (Schluß folgt.) Wiedersehen mit der Stadt der Kenessio.. Ein Marienbader Brief. Marienbad trauert um eine „tote Saison". Wirtschaftskrise, anhaltender Regen zu Ferienbeginn, gespannte politische Situation in der Welt, und wie sonst die „Todesursachen" heißen. Der grauhaarige Ober im Hotel National, der in Erinnerungen an die „guten Zeiten" schwelgt, da er russische Großfürsten, indische Maharadschas und große Chassidimrabbis mit ihrem Hofstaate bedienen durfte,, schüttelt das weise Haupt: „Ein Kongreß fehlt uns, so etwas wie eine „Kenessia der Agudas!" . . . Als könnte ein solcher Kongreß alle Weltkrisen und Kriegsgefahren und sogar das schlechte Wetter abstellen! Eine Wertung der Kenessio unter diesem Gesichtspunkte, von der Zahlkellnerperspektive, Mst mir neu. Im Hotel, wo es voriges Jahr in den Kenessiö- Wochen nur so wogte und brodelte, sind viele uTische frei. „Das waren Tage.'" lächelt der^;HpteIfejr mit Wehmut und Stolz zugleich im Gespräch mit; dem Gaste, der den Platz von vorigem Jahr einnimmt und mit seinem Notizblock in der Hand wie ein vergessengebliebenes Stück der „großen. Versammlung'' anmutet. Dieser Stoßseufzer gilt gewiß, nicht dem entgehen* den Gewinn, es ist die ehrliche Sehnsucht jjnacjh einem jüdischen Leben, das in so breitem $|jrom^ durch sein Haus geflossen ist, daß es zur verhalle! eines jüdischen Heiligtums geweiht wurde. <;;;-: Die Kenessio hatte K ö p f e; wir wiesen aiif mancheinen als auf die S e e 1 e oder das Herz def; Versammlung hin. Der da am Eröffnungsabeiid „in zwölfter Stunde" (und später wieder und v$ede|) zu uns sprach, war unstreitbar das Gewissen där- Aguda und ihres Kongresses, Nicht ganz zu y|racKu ten war aber auch der Magen der Kenessio!'.. Und die Magengegend der Kenessio war um das H o t e ,1 National herum.. (Auch im „Goldenen Schloß", zu dem es einen „goldenen Schlüssel" im dazugehörigen Restaurant gibt.) ' Im schönen langgestreckten Kurhaussaale thront auf dem Podium, just an der Stelle, vonljWo vorigek Jahr der würdige „Raischer.'Raw" an 'die :,','cnoschuwe Kenessio Gedaulo" gesprochen hatte, eine riesige Baßgeige wie eine Königin in der Mitte von in Leinwand gehüllten Geigen, Pauken und/Flöten. Im Parkett stehen die Stühle aufeinander mit den Beinen nach oben. Der leere Saal im Halbdunkel träumt von rauschendem, buntbewegtem Leben zwischen „Kommissies", „Deklerazie's" und scharfen „Resoluzies". Im länglichen Nebensaal, wo unsere tapferen Frauen S6 WeftVöIIe jüdische Arbeit geleistet haben, arbeiten ein paar Frauen emsig mit Besen und Scheuerlappen und schimpfen auf tschechisch und deutsch in schönster .Harmonie. Eine „Slavische Symphonie" ist für den Abend im Saale angesagt. Die Geigen und Flöten sind da, aber die Slaven fehlen. „Kein Mensch, alles leer", übertreibt die gute Alte, die in der Vorhalle am Aufgang zum Lesesaal sitzt, und es ist nicht klar, ob sie damit Kursaal oder Lesehalle oder das von ihr liebevoll betreute stille Kämmerlein daneben meint . . . Im Kurgart eh, an den Brunnen, in den Pr.omenaden merkt man aber kaum was von der „toten Saison". Man läßt sich wie in den „besten Zeiten" vom Menschenstrome treiben, die Autobusse nach den Ausflugsplätzen sind überfüllt und auf den Waldhöhen, die wie ein lieblicher Kranz aus Tanuengrün den Badeort rundherum umgeben, arbeiten die Tanzkapellen Tag und Nacht, mit Ueberstunden und Nachtschicht ... Was fehlt, das sind die Typen, die Marie nb a d e r O r i g i n a 1 e , die Charakterköpfe, die bis zur atlasbedeckten Brust wallenden Bärte. „Wenn doch wenigstens ein Chassidimrebbe von Namen da wäre!" Auch Hotelangestellte und Droschkenkütschef (hief gibt es Hoch Fiaker) teilen mit den wenig anwesenden Chassidim diese Sehnsucht. Trotz den Riesenschlagzeilen der im .Kurgarten feilgebotenen Zeitungen wird kaum von Politik gesprochen, Politik ist nicht kurgemäß. Die jüdischen Gespräche ' beherrschen „Evian" und „Palästi na" , die zwei Worte, die in lapidarer Schrift auch die Spalten der aufliegenden jiddischen Zeitungen einnehmen. Wo Evian liegt,, wissen die Wenigsten, aber das Wort hat nahezu Anheimelndes für jüdische Ohren. „Ein Am o n i w'Ewjon", höre ich im Vorübergehen, „warum soll nicht über sein Schicksal in Evian entschieden werden? . . ."- Im Bethause des Hotel National, wo eigener Raw und eigener Schochet den „ruhenden Pol" in der Flucht der Badegästeerscheinungen bilden, herrscht bei alldem buntbewegtes Leben. Hier hallt uns auch ein kleiner Nachklang der Kenessio in ihrem „Kibbuz GoIioth"-Charakter entgegen. Morgens wie abends, und erst recht am Freitagabend und Sabbatmorgen, ist der Raum bis auf den letzten Platz angefüllt. Alle Altersstufen, alle Trachten, vom „Garte!" bis zu den Hemdsärmeln, und alle jüdische < Mundarten sind vertreten. Die verschiedenen Riten klingen ineinander und ergeben einen guten harmonischen Klang. Je nachdem, wer am Omud steht — das Pult ist exterritorial, auch Freigut, Niemandsland — wird g e - ort, gebetet oder gedawent. Es gibt „Seßhafte", -die auch beim lauten Achtzehngebete sitzen und „Standhafte", die sogar bei Schma stehen, und auch Nomaden ,des Gottesdienstes, die selbst bei den weihevollsten Gebeten hin und her laufen und sich im Kreise bewegen. Die einen sagen ,iOi", die anderen „Au", „U" und „Ü" tönen ineinander. Und alle meinen den gleichen V'a.ter im Himmel.' . . . '[ '*r ':!: . Der Streit liegt oft. in derv Luft,: aber keiner mag damit anfangen. — Ein hleiües Bild def Weltlägd. — Man will seine Ruhe haben. Lieber „macht man noch ein Minjan ..." Am Freitagabend sang ein würdiger Herr aus Halbersliädt]' ein; j.Lecho ^daush*" und!! uliasdHem;-möloch"!von Japhet, und ein Apderer'aus den? Gegend von- Tarnow stimmte |darauf sem;Jiß g ä f däljmit „Jazmach Purkone" am Wenn sonst niishts dazwischen kömmt auf '' diesem1 prbbrembes^we,rten Boden jenes „Jazmach" nach Japhet -ffitäMtsn Weltfrieden\'mcht gefährden . , 'j4'1":?' , \ - In dieser den ganzen Tag ' geöffneten Haussf nr. - goge kann man auch außer in deh-?öebetzeiten 'einige1 Typei^antreffen, die man in deh;':Kuranlag^ldijfses Jahrlmeht — oder noch nicht -rsieht, undiejni|||ort austauschen, das wie Fortklingen der „groß^h $Kge" vom 'vorigen Jahre unser Ohr berührt.

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