Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1938)
- Date
- 1938-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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4, August 3^38 .D er. Israelit Nr. 31 Seite 3 Der neue Simpson-Bericht. fFortsetzung von Seite 1,) and Ost-Europa. Abgesehen von Deutschland befindet sich, so sagt der Bericht, die ganze osteuropäische Judenheit in unsicherer Lage, und sowohl in Polen als in Rumänien haben Regierungsvertreter zu ^verschiedenen Zeiten ,angeregt, daß es gelte, die inneren Probleme durch eine verstärkte jüdische Auswanderung zu lösen. Sir John schätzt die Zahl der Juden in Litauen im Jahre 1923 auf 155,126 (7,6 Proz.) der Gesamtbeyölkerung, in Polen auf 3,113,000 im Jahre 1931 (9,7 Proz.), in Rumänien auf 758.226 im Jahre 1930 (4,2 Proz.), in Ungarn 1930 auf 444,567 (5,1 Proz.) und in der Tschechoslovakei auf 356,830 (2,4 Proz.). Es ist daher östlich von Deutschland und mit Ausschluß der drei Millionen russischer Juden eine Judenheit von etwa 5 Millionen Seelen, die ungleichmäßig verteilt im Osten Europas leben. Die Ungleichmäßigkeit ist eine doppelte insofern, als in einem bestimmten Lande die Juden in gewissen Distrikten konzentriert sind und daß in allen Ländern ein außergewöhnlich hoher Prozentsatz der Juden in den Städten, insbesondere in den Großstädten lebt. Trotzdem sind es zumeist politisch« Entwicklungen und nicht ökonomische, die die gegenwärtige Krisis verursachen. Man hat in den genannten Ländern den Gedanken propagiert, der Jude sei ein Fremder. So ist z. B. die Hauptanschuldigung in Rumänien die falsche Behauptung, die Mehrheit * der Juden sei erst durch eine Reihe neuerlicher Einwanderungswellen ins Land gekommen, obgleich eine unparteiische Analyse zeigt, daß die Gesamtzahl dieser angeblichen jüdischen Eindringlinge wahrscheinlich zehntausend beträgt. Seit dem Krieg ist die Auffassung, der Jude sei ein Fremder durch die zionistische Bewegung bedeutend gestärkt worden. Der Erfolg der Palästina-Kolonisation hat unter den Östlichen Juden Hoffnungen erweckt, die nicht durch die faktische Auswanderung nach Palästina erfüllt werden können, und hat eine Ruhelosigkeit und eine Auswanderungs-, Sehnsucht erzeugt, die die Sicherheit ihrer Position gefährdet. Es würde hier zu weit führen, die gründlichen Ausführungen Sir Johns über die politischen und psychologischen Ursachen der aufc diese Weise entstandenen Krise wiederzugeben. Der Bericht führt dann aus, daß auf dem Wege privater Wohltätigkeit die Judenprobleme Osteuropas nicht gelöst werden können. Er verlangt vielmehr eine internationale Aktion der Regierungen, Nur so, kann eine wirkliche Lösung sowohl des aktuellen als des potentiellen Flüchtlingsproblemes erfolgen, das im engsten Zusammenhang steht mit den großen ökonomischen und politischen Anpassungsproblemen in der heutigen Welt. Das unmittelbarste Bedürfnis der Stunde ist jedoch, zu v ei^r h i n d e r n , daß auch in den Länder Ii köstlich von Deutschland eine :; F1 ü c"h 11 i n g s b e w e g u n g entsteht. Die Evaluation von mehr als einem kleinen Bruchteil, der jüngeren Generation der osteuropäischen :jJudehheit ist u n m ö g lieh und es wäre wünschenswert, daß selbst die Pläne einer solchen eingeschränkten Emigration nur einen Teil bilden sollten, umfassendere Anstrengungen die Wanderung im Allgemeinen zu regeln und nii/jc h t eine isolierte Emig r a t i o n s b e w e g\u n g für J ü d:e n oder potentielle Flüchtlinge allein. Das Ziel eines < konstruktiven Püpgrammes müßte eine Umwandlung auf lange .Sicht der a 11 gem eine ri;'. p k o n o m i s c h e ni B e d i rigung'e n in Os\jt,eiir op a sein, in viel höherem Maße als di&äirekte Erleichterung der Situation der Judejnheit. In Polen z. B. würden finanzielle und - andere Maßnahmen zur* FörderttngHeiner Agrarreform, zür Ermutigung stärkerer! ^Industrialisier^ Ausdehnung der inneren und äußeren; Märkte zu einer ökonomischen Wiederherstellung des Landes führen, in deren Verlauf viel von dem spezifisch jüdischen Problem von selbst verschwinden würde. Sobald man eine solche nationale Wandlung in großen Zügen im Voraus feststellen könnte, könnten die Juden mit größerer Zielbewußtheit als es, heute möglich sein kann, daran gehen, ihre eigene abnorme ökonomische und soziale St r u ktur zuverbessern und ihre jüngere Generation entsprechend vorzubilden. Genau wie es im Gefolge vieler Flüchtlingsbewegungen der Nachkriegszeit es sich als notwendig erwies, Zufluchtsländer in Länder dauernden Aufenthalts zu verwandeln, weil eine Weiterwanderung der Flüchtlinge unausführbar war, so ist auch im Falle der potentiellen Flüchtlinge für den größten Teil von ihnen die wünschenswerten und wahrscheinlich unvermeidbare Lösung, daß ihre gegenwärtigen Länder zu Ländern ihres dauernden Aufenthaltes werden. Der Prozeß wird Kapital-Investierungen von kolossalem Umfange erfordern, aber die Anlage dieser Kapitalien würde viel weiser sein, als aus dem Aermel geschüttelte Aufwendungen zur Lösung eines unabsehbaren Flüchtlingsproblems, das in Wirklichkeit noch größere Mittel und noch extravag an tere Kapitalinvestierungen verlangen würde. Ebenso nutzlos wäre es natürlich, die Flüchtlingsbewegung behindern zu wollen, und die Wanderung selbst zu unterbinden, wenn man nicht das Bevölkerungsproblem löst, aus dem die Schwierigkeiten der osteuropäischen Judenheit erwachsen. Damit würde die Krisis nur aufgeschoben werden. Die Schwierigkeiten müssen vielmehr an ihrer Quelle erfaßt werden. Bei der Prüfung der verschiedenen, zur Lösung des Flüchtlingsproblems gemachten Vorschläge erklärt Simpson, daß in erster Reihe die vollkommene Absorption der Flüchtlinge in den Ländern, in denen sie sich gegenwärtig aufhalten, in Betracht gezogen werden müsse. Die beste. Lösung sei eine möglichst rasche Naturalisation der Flüchtlinge in den gegenwärtigen Ländern ihres Aufenthaltes. Regierungen, so schreibt Simpson, welche wirklich den Wunsch haben, an einer konstruktiven Liquidation des gegenwärtigen Flüchtlingsproblemes mitzuwirken, könnten einen entscheidenden Beitrag durch eine großmütigere Naturallsationspolitik leisten. Man sollte die Gebühren hierfür ermäßigen und die Gesuche der Flüchtlinge schneller erledigen. Den Vorteil davon würden die Länder selber haben, denn es ist politisch für ein Land wenig wünschenswert, eine große Zahl von Fremden in seiner Mitte zu haben, die aus praktischen Gründen ja doch dauernd in dem Lande wohnen bleiben müssen, und deren Beziehungen zum Staat nicht endgültig geklärt sind. Natürlich ist eine wirkliche Absorption nur dann möglich, wenn man den Flüchtlingen die Möglichkeit zur lohnenden A r b e i t gewährt. Aber auch hierfür ist die,' Naturalisation eine wertvolle Vorbedingung. Weitere Konzessionen in Bezug auf die Versorgung mit Arbeit sind von selten der Gewerk- . schatten und Berufsorganisationen notwendig. Bisher bleibt leider die Phrase, das Recht auf Arbeit sei von dem Recht .auf Asyl untrennbar, selbst in den Ländern mit liberaler Tradition eine bloße rhetorische Floskel. Dabei zeigt eine Bilanz der Vorteile und Nachteile, die ein Staat von den aufgenommenen Flüchtlingen erfahren hat, daß die Flüchtlinge direkt und indirekt unvergleichlich mehr zur Wohlfahrt der Staaten, die sie aufnahmen, beitrugen, als sie Kosten, verursachten. Wenn die Regierungen dieser Staaten den Flüchtlingen die Vorteile der Altersversicherung der staatlichen Krankenversorgung usw. zukommen ließen, so wäre dies nur eine bescheidene Gegenleistung für den dem Staat gebrachten Nutzen. Opfer in Bezug auf Kultur dürften von den Flüchtlingen als Bedingung für ihre endgültige Aufsaugung nicht verlangt werden. In fast allen Zufluchtsländern herrscht ein hoher Grad von kultureller und religiöser Autonomie für alle Gruppen und selbst größere Differenzen auf kulturellem Gebiete zwischen den Flüchtlingen und dem Aufnahmevolk, wenn sie nicht ganz fundamentaler Natur sind, scheinen die Möglichkeit der endgültigen Aufsaugung nicht zu schwächen. Schließlich prüft Simpson die Frage, ob Infiltration oder Kolonisation vorzuziehen sei, und entscheidet sich für die e r s t e r e Methode. Er betont, daß die einzigen beiden Beispiele erfolgreicher Kolonisation aus den letzten Jahrzehnten, die ICA-Kolonien in Argentinien und die Kolonisation Palästinas seien, aber in beiden Fällen habe es sich nicht um Flüchtlinge gehandelt, in beiden Fällen seien auch ungeheure Kapitalaufwendungen erforderlich gewesen. Gruppensiedlungen seien nur möglich, wenn die Ansiedler sorgfältig ausgewählt und vorgebildet worden sind, und es ist dies ein allmählicher und langsamer Prozeß. Sir John befürwortet die Ernennung eines neuen High Commissioner zur einheitlichen Ueberwachung des existierenden Apparates für die internationale Flüchtlingshilfe. Es müßte eine Persönlichkeit sein, die imstande ist, die Regierungen zur Liquidation des bestehenden Flüchtlingsproblems durch vollkommene Aufnahme in die gegenwärtigen Wohnländer zu beeinflussen. Hinsichtlich Palästinas spricht sich Sir John Simpson reserviert aus. Die Palästina-Siedlung sei als vorbildlich zu betrachten hinsichtlich der für sie aufgebrachten finanziellen Mittel und auch in Bezug auf die rationelle Vorbildung, die Hachscharah der nach Palästina gebrachten Ansiedler. Ratssitzung der Reichs Vertretung der Juden in Deutschland. . Wie bereits, kurz berichtet, fand am Mittwoch, den 27. Juni 1938, die Sitzung des Rates bei der Reichsvertretung in Berlin statt. Die Bedeutung der diesmaligen. Tagung der Reichsvertretung wird dadurch charakterisiert, daß der alleinige Gegenstand der Beratung die organisatorischen Konsequenzen, darstellte, welche sich aus der neuen Rechtsgrund-, läge für die jüdischen Gemeinden durch das' Gesetz vom 28. März 1938 ergeben. Einzelbesprechürigen und Sitzungen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, des Halberstädter Verbandes, der Süddeutschen Verbände, des Präsidialausschusses der Reichsvertretung, waren seit Wochen der Ratstagung vorangegangen. Trotzdem war es noch : bis in die letzten Stunden hinein zweifelhaft, ob, wie geplant, die vom Präsidialausschuß vorgelegte Neufassung des Entwurfes für die Satzungen des Reichsverbandes die Zustimmung der in Betracht kommenden Organisationen finden würde. Nja.ch. einleitenden Worten von Dr. B.a eck gab Dr. .Hirsch zunächst einen Bericht über die ge-! •genWärtige: jfidische Situation und die Leistungen der Reichsvertretung in großen Zügen und legte sodann den; iEntwurf einer Satzung vor, die eine ' starke Vereinheitlichung der jüdischen Gemeinschaft in; Deutschland : vorsieht, die Gemeinden in unmittelbarer ,und die Einzelnen durch die Gemeinden in mittelbare Beziehung zur Reichsvertretung stellt, die künftig den Namen „Reichsverband der Juden in Deutschland E. V." tragen ' soll. Die jüdischen Kultusyereinigungen, welche die Juden eines Ortes oder ij mehrerer Orte zusammenfassen, werden durch Aufnahme einer entsprechenden Bestimmung in ihren Satzungen. Glieder des Reichsverbaifdes, sie vertreten dem Reichsverband gegenüber die Rechte der