Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1938)
- Date
- 1938-07-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 115 gelassen, die bitteren Leiden: sein tägliches Geschäft. So steht das Beth-Hamidrasch all die Jahre und Tage schon und lebt in stiller Eintracht mit seiner Gemeinde, Flüchtet einmal ein Bub aus dem Cheder, dann läuft er ins Beth-Hamidrasch und versteckt sich hinter dem Kasten, in dem die zerrissenen Blätter alter frommer Bücher liegen. Will jemand dem Jammern seiner hungernden Frau, seiner hungernden Kinder entrinnen: so rettet er sich ins Beth-Hamidrasch, als könnten die schwarzen Wände dort ihn trösten; So hat's dein Vater auch schon gemacht . . . Alle nimmt das Beth-Hamidrasch in Liebe bc sich auf: sind doch alle seine Kinder. So leb: es weiter mit seiner Gemeinde. Stirbt ein Geschlecht und kommt ein neues, so lebt das alte Beth-Hamidrasch mit dem neuen Geschlechte, und immer so weiter mit den jungen Nachkommen, als wäre es eine alte Muhme mit vielen Enkeln, eine alte Muhme, die unter ihrer breiten Schürze ihre Enkelchen schützend hält. Eine wundersame Eigenschaft hat das ßeth- Hamidrasch: kaum ist man durch seine Pforte gegangen, so ist schon der bitterste Hunger vergessen und alle die Leiden des Lebens. So geht es durch die Jahrhunderte. Geschlechter kommen und gehen und finden ihre Zuflucht im Beth-Hamidrasch. Und jedes Geschlecht läßt ein Zeichen seiner Leiden zurück, und ein Stück nach dem andern von den silbernen heiligen Geräten wandert ins Leihamt . . . Jedes Geschlecht erzählt ihm seine Schmerzen, vergießt seine Tränen hinter dem Vorhang der heiligen Lade. Aber wie eine mitleidige Mutter ist das Beth-Hamidrasch; es trocknet die Tränen von dem Antlitz seiner Kinder. Weint doch nicht, auch euren Eltern ist's einst so ergangenl Und es scheint, als wären all die Tränen der Armen in die Ziegel hineingeknetet worden. Vielleicht steht das Beth-Hamidrasch auch deshalb so lange schon ... Zuweilen erscheint das Beth-Hamidrasch, wie es so zwischen den kleinen armseligen, eingefallenen Häuschen im Orte steht, wie eine Leuchte in der Verbannung;— ein Jude mit einem langen» weißen Barte und einer Pfeife im Munde — und alle die Häuschen "herum vertrauen auf ihn. Und nachts, wenn die Welt umher so friedlich daliegt, und in der Höhe der Mond zwischen den Wolken durch die Lüfte schwebt und von der Höhe ins Gäßchen hmabblickt, dann erzählt das Beth-Hamidrasch wie ein alter erfahrener Am Beth-Hamidrasch Krieger* den armseligen Häuschen Geschichten aus früheren Tagen ... In einem Winkel des Beth-Hamidrasch brennt still ein Lämpchen — die ewige Lampe Immer brennt sie, bei Tag und bei Nacht, im Sommer und Winter; wer kennt die Hände, die sie einstmals angezündet? Und wer kennt die Hand, die sie einst verlöschen wird? . . . Bei Nacht erscheint der Lichtstrahl,, der durch die Scheiben aus dem Beth-Hamidrasch dringt, wie ein leuchtendes Auge in einer dunklen Stirn. Und von alten Geschichten erzählt dies Auge. Aus alten Zeiten. Wenn die Kinder ins Cheder gehen, in der Frühe, und wenn sie heimwärts gehen am Abend, stellen sie sich einen Augenblick vor das Beth- Hamidrasch und sagen in kindlicher Laune: Nicht! Es ist höher gewachsen als eine Erbse. Die Kinder sind alte Männer geworden. Die Alten sind gestorben. Und ein neues Geschlecht ist erstanden, und wenn die Kinder ins Cheder gehen in der Frühe, und wenn sie heimwärts gehen am Abend, stellen sie sich einen Augenblick vor das Beth-Hamidrasch und sagen in kindlicher Laune: Nicht! Es ist höher gewachsen als eine Erbse! Und das Beth-Hamidrasch, das bis an die Fenster in die Erde eingesunken ist, hört jeden Morgen und jeden Abend das spöttische Tuscheln der Buben und nickt zustimmend mit sei-