Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1938)
- Date
- 1938-07-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 114 Wir erleben den 9, Aw des Jahres 70 in Jerusalem, Hell leuchtet die Sonne über dem Heiligen Land. Doch verödet, verwüstet liegt die Landschaft. Kein Dorf zu sehen, keine Stadt belebt, Trümmer der Verwüstung bedecken das Land und die sonst so erntereichen Felder. Nur um Jerusalem, die heilige Stadt, ist Leben — Leben im Römerlager. Doch in der Stadt ist alles ruhig. Verschmachtet, verhungert,' hingerafft liegen die edelsten Fürsten auf den Straßen. An der Mauer stehen kühn die Jünglinge aus den Lehrhäusern, Bogen und Schwert in der Hand, bereit, ihr Leben für das Vaterland zu lassen. Kein Brot in der Stadt, kein Opfer auf dem Altar, das verkündete Wort wird nochmals wahr. Doch plötzlich brechen gerüstete Krieger hervor aus dem Römerheer mit Schild und Speer. Sie erstürmen die Stadt, wild reiten sie auf ihren Rossen daher. Sie ersteigen die Mauer, stoßen die Kämpfer nieder, morden die Menschen und gehen über Leichen. In den Straßen fließt Blut. Frauen, jammernde Kinder, schreiende, zähneknirschende Männer, alles wird gemordet. Todesmutig kämpfen die Jünglinge, doch alle werden dahingerafft. Die Römer erheben ihr Kriegsgeschrei, die Juden jammern, doch schon sind die Römer im Tempel angelangt. Der Abend bricht herein, die mordlustigen Römer zünden ihre Fackeln an, da---- ein Römer schleudert die Fackel in den Tempel hinein, hoch lodert die Flamme zum Himmel hinauf. Die Juden stürzen sich hinein, schon brennt alles nieder. Die Herrlichkeit Israels hat ein Ende gefunden, doch noch nicht für ewig. Einsam und verlassen liegt Jerusalem da. Witwe und Waise, ist sie geworden. Kein Sterblicher vermag sie zu trösten. Zerstreut ist das heilige Volk, in die Welt gewandert, geknechtet in die Fremde geführt. Doch das Volk wandert mit dem Gesetz, denn das Gesetz und das Recht allein sind Trost, Hilfe und die Zukunft des G'ttesvolkes. Von David Winter, Halberstadt. Ein Beth-Hamidrasch. Das Städtchen hat auch seine Zufluchtsstätte für alle Nöte — das Beth-Hamidrasch. Mitten auf der Gasse steht es: Vier rauchgeschwärzte, morsche, tief in die Erde eingesunkene Wände. Das alte Schindeldach ist längst vom Regen zerfressen. Auf den beiden spinnwebebedeckten Fensterchen erkennt man nur noch mit Mühe die schon längst abgeriebenen Davidsternchen. Die Treppen sind eingesunken. Die schwarzen Türen glänzen von all dem vielen Betasten der Kommenden und Gehenden. Kein Mensch weiß mehr, wer einst das Beth- Hamidrasch aufgebaut hat. Die ältesten. Leute wissen nur noch, daß damals, als sie selbst noch Kinder waren, das Beth-Hamidrasch so stand wie jetzt; damals, als sie am Simchath-Thorafeste aus seinen Fenstern jubelnd ihre Fähnchen flattern ließen. Der ganzen Gemeinde gehört das Beth-Hamidrasch. Jeder hat seinen Anteil daran. Und jeder der Ahnen hat einst zur Erinnerung für die späteren Geschlechter einen Ziegelstein hineingemauert ... Und wenn der Abend sich niedersenkt, zündet der Diener die sechs Lichtchen an des Vorbeters Betpult an. Draußen ist es kalt. Daheim sitzen Weib und Kinder und hungern. Und die Männer flüchten sich ins Beth-Hamidrasch. Jeder sitzt an seinem Platze, und wahrlich! im Beth- Hamidrasch vergißt man des Hungers so leicht. Ein Heim ist das Beth-Hamidrasch für jeden Juden: ein Nachtlager all denen, die nicht wissen, wo sie ihr Haupt betten sollen. Ein gastliches Dach für jeden Heimatlosen, mag er aus unserem Städtchen sein oder ein Fremder . . . Was ist der Unterschied? Heut nächtigen die Kinder eines fremden Beth-Hamidrasch hier, und morgen wird vielleicht unter dem gastlichen Dache eines Beth-Hamidrasch der Fremde ein Kind unseres Städtchens sich betten, wenn es sich im Elend verirrt hat , . , Allen ist das Beth-Hamidrasch geöffnet, die es suchen. Wahrlich! Sein Reichtum und seine Pracht schrecken gerade keinen ab. Wie anheimelnd sind gleichwohl seine vier armseligen schwarzen Wände! Seine dunkle verrauchte Decke blickt dich an wie die Balken aus deiner Mutter Stübchen, wo deine Wiege stand. Die Fenster sind verstaubt, An der Ostwand steht die alte heilige Lampe mit den beiden alten Löwen, und vor der Lade hängt ein Vorhang in verblichenen Farben und mit zerschlissenen Davidsternen! Und neben der Lade steht ein hohes Vorbeterpult mit einer alten zerbrochenen Menorah, und auf dem Pulte sind die Namen der Kranken im Städtchen mit Kreide aufgeschrieben. Und von den armseligen Regalen mit den heiligen Büchern schwebt Staub empor in die Luft des Beth-Hamidrasch. Und wenn ein Jude ins Beth-Hamidrasch kommt, dann vergißt er die Nöte, die er daheim