Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1938)
- Date
- 1938-07-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m m Feuilleton Beilage ^j&l'i '^!^^^^ M!n.m iiÜ" Iii.!! $ Zweierlei Bildung. Von A. K. (Fortsetzung.) Der Vater widersetzte sich diesem Lieblingswunsch seiner Frau und frug ganz erschrocken: „Von was und woher? Soll er ein Tägesser werden?" Ein Tägesser war ein armer junger Mensch, der in der Fremde dadurch erhalten wurde, daß er jeden Tag in der Woche in einer anderen Familie eine Mittagsmahlzeit erhielt. Entweder war der Tägesser ein jüdischer Handwerker, — Lehrling oder Geselle — oder ein Schüler, der sich zum Studieren vorbereiten wollte, oder endlich auch ein Bochur oder Student. „Nein", entschied der alte Eibinger barsch, „von m e i ne n Kindern und solange ich lebe, soll keines Tag essen gehen. Einen Stein, den man nicht heben kann, muß man'liegen lassen." Vor dem Vater durfte der „Studierplan" nicht mehr erwähnt werden. Er wollte, daß die Söhne so früh wie möglich selbständig würden; ein studierender Sohn mußte aber noch reichlich unterstützt werden. Salmechen merkte nun, daQ die Mutter sich härmte,-weil der Leiser mit seinem offenen Kopf ein Handelsmann werden sollte. Da trat er eines Sabbatmittags, als der alte Eibinger gerade guter Stimmung war, vor iden Vater: „Eite, ich will das Geld, was es kostet, wenn der Leiser Raw werden soll, schon herbeischaffen. Du sollst es nicht spüren. Laß' ihn wenigstens vorderhand mal aufs Gymnasium gehen. Morgens geht er in die Stadt 'nein und nachmittags kommt er wieder heim; nimmt sich ein paar Stücke'; Brot und sonst was mit und braucht dann kein Tag essen gehen." V 'JfUnd wie; lange dauert dieser Stuß?" frug der Alte zurück. „Aufm Gymnasium fünf, sechs, sieben Jahr', denk ich." „Und dann?" frug der Vater lauernd. „Dann weiß ich's nicht weiter", antwortete Salmechen ausweichend. „G'tt hilft schon und ich will gern doppelt arbeiten, schon der Mamme wegen, die sich so kränkt." „Dann meinetwegen," willigte der Vater ein; Vielleicht schon deshalb, weil die Mutter in der Zimmerecke saß' und während der Unterhandlung zwischen' Vater und Sohn ständig tief seufzte; aber; auch weil er auf Salmechens Fleiß und i Ii (Tüchtigkeit v:V^^atiife;: Endlich schmeichelte es 'jj^citg Eibiiiger^AtydäBTg&i&li daß gerade sein ipjsSohiri?3 ein..t_,,^^sCtiicI.i:csi|^^±'*1*^ Mensch werden soll, ,:to^Ksi?§eit;!viclfe^:iyj»lcn' Jahren in derweitesten /!^!mg^e^ehd. unter Juden nicht vorgekommen war. . Sjp; ikam denn- Leiser "auf die; Stadtschule und' bejy^brte. sich; als offener Köpf. Er'trüg spater5 ern'e! bunte Mütze. Wohl fiel es Salmechen öfters-:' auf, daß, wenn sie sich avff dem Wege oder in der Stadt in Gegenwart anderer einmal trafen, der Leiser immer in Verlegenheit geriet und sich , ^fen|wuv schj^^e/''<.mii:;dem Bruder, der stets :|l*Elle#waren und' Ellehmäß; mit sich; trüg, zusaminieriMögehen. Salme&heh war nun ein sehr empfindlicher und iebiebso leicht aufbrausender Mensch. Er hatte söhr;bäl'3 bemerkt, daß Leiser sich seiner als Brüder schämte;; Am liebsten: hätte er ihn verprügelt und seih' bisher unverbrüchlich gehaltenes??'Wort zurückgenommenv Doch die Liebe zur Mütter, die in grenzenloser Hingebung an Leiser hing, bestimmten ihn, den häßlichen Dünkel des Bruders ruhig hinzunehmen. Dann kam Leiser auf die Universität, was seTir -iviel Gelfd kostete und ihn bestimmte, sijch durcH Stundengabe seinen Unterhalt zu verdienen.1 HEinesl Tages schrieb et nach Hause, er habe die Absicht, Rabbiner zu werden, aufgegeben, und .' werde Medizin studieren. Wie vom . Blitz berührt saß die Mutter da, als sie diese Nachricht' empfing. Ihr schönster Lebenstraum, den Sohii dereinst vor einer großen Gemeinde, die in tiefster Andacht seinen Predigten lauschte, auf der Kanzel stehen zu sehen, seine Stimme laut und hinreißend durch den Synagogenraum schallen zu hören, war zerstört. Der alte Eibinger lachte bitter auf. „Für das Geld, was das Kiwwetchen gekostet und nicht verdient hat, hätt' ich mir den schönsten Winzert in der ganzen Gemarkung kaufen' können. Von dem kriegt mal keiner von Euch 'was zurück." Salmechen wandte jetzt seine Liebe mehr dem jüngsten Bruder, dem Isak, zu. Hatte der Leiser bis zum neunzehnten Lebensjahre der Familie auf der Tasche gelegen, so konnte auch einmal an Isak etwas verwendet werden. Die Schwester, die sich durch Salmechens Opferwilligkeit gut verheiratet hatte, versprach den Eltern gleichfalls, wenn's nottut, beizuspringen. Der alte Eibingen brauchte dieses Anerbieten z$var nicht mehr für sich, denn er starb bald darauf, aber die alte Frau hätte schon manche Annehmlichkeit noch genießen können. Indes entbehrte sie nichts. Salmechen sorgte treulich für Mutter und Bruder. Er empfand an sich seine Unwissenheit oft sehr schmerzlich. Sein innigster Wunsch war daher, daß sein Bruder kein Unwissender, auf den Dörfern herumwan dernder Hausierer, sondern ein richtig gelernter Saucher werden solle, der die Buchführung, Kor respondieren, sogar französisch sprechen könne Und irgendwelche tüchtige Warenkenntnisse erwerbe, um sogar als Reisender in die Welt hin ein reisen zu können. So kam Isak, der bis zum vollendeten vierzehnten Jahre auf der Schule bleiben durfte, in ein Ladengeschäft in die Lehre zu einem Kaulmann, bei dem Salmechen seinen Warenbedarf entnahm. Nach vier Jahren Lehrzeit, während deren Dauer Salmechen allmonatlich noch in den ersten zwei Jahren hundert und für die letzten fünfundsiebzig Taler Lehr- und Kostgeld dazu zahlen mußte, ward Isäkelchen, wie ihn die Leute nannten, endlich Kommis. Inzwischen verstarb auch die Mutter und Isak hatte nur1 für sich selber zu sorgen. Er besaß wohl jetzt Warenkenntnis, konnte auch die Bücher ordnungsmäßig und kaufmännisch führen, aber aus dem Französischlernen und dem Reisen ward doch nichts. Er liebte mehr das Kartenspielen, anstatt abends nach Geschäftsschluß noch Sprachen zu studieren. ";.■.:=: r-'-:] ' Salmechen heiratete nach i demü^od^j||äei|: Mütter Im braves, fleißiges Mädclieh^ da# [üiel säuer ersparten Groschen, ihres Mannes zusam4 .m.eiihielt. Nach, einigen Jahren waren, auch zW*ei 'Kinder da, welche das höchste Er^deiiglück' Säljme&hens bildetßni; Der jtkifte, et^s.^aDp^li^^ Mann, mit .• dehif; bis!j;in dfe .Auge^Ö^acterieiit starren Bart, spielte, selbst zum Kinde geworden, mit seinen beiden Kleinen, ohne die er fast nie an freien Tagen, welche die jüdischen Feier- und Ruhetage, waren, gesehen ward. Es ging ihm ja gut und s&t,s<3üwer er ,auch sein-J^otj verdieneh,; mußte, wie klein der Nutzen sich äucK zusänlmensetzte, iso kam er doch vorwärts. ,: ■ Mit Isak ging es aber nicht vorwärts. Der brauchte, was ei* verdiente, manchmal' noch mehr. Dann borgte er bei Salmechen',' gab ihm aber nie etwas wieder zurück und!'b<öj& schließlich ' für; seine Schulden dem BrM^pWechsel an. Isak War ein Spieler geworden.;^.Da jtaßte Salmechen einen heroischen EntscKlüßi^ Er bot dem Bruder an, ihm einen Anteil -ah!' seinem Geschäft zu geben, er softe die Stadt verlassen, und zu ihm ziehen. Salmechens Qattin hatte ötuhim den Plan ihres Mannes angehört. Ein banges Gefühl beschließ'sie; > die Ahnung, daß aus dieser Geschäftsverbindung nichts Gutes erwachsen werde. Aber vielleicht irrte sie doch und ihr Mann tat am Ende doch recht, wenn er sein Geschäft vergrößerte und statt eines Fremden, der als Gehilfe eintreten sollte, den Bruder zu sich nahm. Nach kaum zwei Jahren hatte Isak beträchtliche Schulden gemacht, für die Salmechen aufkommen mußte. Fast die ganzen Ersparnisse gingen drauf. Eine unbändige Wut erfaßte ihn. Er prügelte den faulen nichtswürdigen Isak entsetzlich, und beschimpfte ihn als Räuber, Spieler, Lump, Faulenzer und welche Bezeichnungen sonst ihm der Zorn eingab. Tot möchte er ihn sehen und am Chaussegraben sollte der treulose Mensch verenden. Salmechen war ruiniert. Nun wollte er sein Glück in der nächsten großen ProYmastadt versuchen. Alles schlug fehl. Da kämen eines Abends zwei alte Freunde aus dem Heimatsdoff, die ihn, auf ihrer Geschäftsreise begriffen, besuchten. Sie blieben bis spät in die Nacht und Salmechen bot ihnen in seiner Freude Gastfreundschaft an. Er räumte den Freunden seine Schlafstube ein und das führte zu einem neuen Plan. Die beiden »Männer wollten Salmechen helfen. Sie hatten bei ihm gut gegessen, getrunken und geschlafen und waren erfreut über die peinliche Sauberkeit, die überall herrschte. „Du gäbest einen guten Hotelier ab," sagte der eine der Gäste. Dieser in aufrichtigem Staunen getane Ausruf, weckte wunderbare Pläne in der Seele der Frau. In der ganzen Stadt gab es keine jüdische Restauration. Daß sie zu kochen verstand, war kein Wunder; das verstanden vor fünfzig Jahren a 11 e Frauen; die Judenfrauen ganz bestimmt. Sie wollte Kostgänger aufnehmen und durchreisende Juden; die in großer Zahl die Stadt besuchten; sollten finden, was sie" sonst oft unterwegs entbehren mußten. * *>iv*if- - 1 Kürz; erzänl|, .der, Plan ,ward'j|trotz aller Bedenken und EinWände Salmechens zur Tat und in wenigen~'Mbhateh war die feäftigeV gute Küche der Frau Eibihger, die blendende Sauberkeit und die geschmackvolle, in die Augen fallende Herrichtung der Tafel und Zimmer, Worauf jüdische Restä'tfraieüre' nie1,?Bedacht genommen und deshalb keine Gäste anzuziehen verstanden hätten; rühmlich 'bekannt. Es ging alles vortrefflich und Salmechen,,ging wieder hinaus aufs Land, um die alten Kunden, soweit diese, von dem jetzigen Wohnort; .aus hocherreichbar waren, wieder; zurückzugewinnen. . .- .- , , . ■ '*! ... '.: ■' '■ " ' £„. Ein'[^ic^|ii^eichi zu;üb^ ftrat^ahier;: wenn ij&r: jet^^ßitkgabeh^5j; i^^Afr : bat:ö|nli Sonntag zu Hafise War unä:.|jie ':Gräp&' mitbVdierie^ Salmechen wayrein recht üiigeä|ljMffener Mensch. Er -s^ji^hl^Q^lautt'./claB., ni£nj|£=Mets meinte, er '; (Streite ||un<i ^£chimpf.e. ^Essr?enjÖjihren .ihmVöfteV- '! derbe-Flücne und VerwünsiEnuh^eh, ohne daß erv sich das geringste dabei dachte. In der steten Sorge, daß einer der Gäste vielleicht beleidigt sein könnte, wenn er sich nicht ganz^ besonders mit ihm ur^erhal^te, tat er^des^uten ^uyi^li' urid. wurä^-i<Vl^stig. Er nei^e^icj^ die Speisenden, flüsterte ^%riBx ins Ohr klopte: ihnenwohlwollend^; \fj$§$.; die Schüljtß^' ManM^ nahmen das übel, wur wltv Unhöflich'; öMr1 Tieieidi&end und kämen niclit wieder.; Trotzdem* kamerirTdie Gäste immer zanlreicher,' besonder!? am SäM>ati wö es vortreffliche Gerichte gab, die1' bald den Ruf von Spezialitäten erlangten. .; (Fortsetzung folgt.);.!Ü ii