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Der Israelit · 1938-07-28 · Heft 30 (28.7.1938) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 30 (28.7.1938)
Date
1938-07-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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SprechsaaL Kaschruth, ein soziales Problem, Der unter dieser Ueberschrift in Nr. 54 der „Jüdischen Rundschau" erschienene Artikel des Herrn Dr. A. Herzberg bedarf m. E. der Erwiderung Eigentlich beantwortet Artikelschreiber sein an die orthodoxen Rabbinen gestelltes Ansinnen schon selber mit den Worten: „ .. sie wissen, daß Kaschruth ein sehr wesentlicher' Bestandteil jüdischen Lebens ist usw.'' Ferner: „Das Ergebnis ist die Groteske des Neukoscher" usw. usw. Niemand leugnet die Schwierigkeit, die hier auftaucht und ist gewillt, das Problem einfach totzuschweigen. Im Gegenteil, wir dürfen überzeugt sein, daß unsere Rabbinen nach wie vor darüber grübeln, welcher Weg eingeschlagen werden kann, um auch heute einen Fleischgenuß bedenkenlos ermöglichen zu können. Aber dieser We"g kann allein im Rahmen der alten Ueberlieferung liegen und solange keine Betäubungsmethode gefunden wird, die einerseits den regierungsgesetzlichen Vorschriften entspricht, anderseits den religions^esetzlichen Anordnungen nicht widerspricht, kann auch beim besten Willen von Seiten der orthodoxen Rabbinen eine Aenderung nicht erwartet werden. Liest ein Außenstehender, sei er auch nur ein liberaler Jude, die Ausführungen des Herrn Dr. H.. dann muß er doch wohl zu der Anschauung kommen, daß es im Judentum so eine Art Ablaß-Institution gibt, oder daß es in der Macht einzelner Gelehrten liegt, Notverordnungen und dergleichen herausgeben zu können, die unvereinbar mit der Tradition sind. Gewiß, wenn unmittelbare Lebensgefahr besteht, dann kann (bis auf wenige Ausnahmen) das Religionsgesetz nicht nur übertreten, sondern es muß sogar alles aufgeboten werden, das Menschenleben zu retten. Soweit bringt uns die Schachtlrage aber noch nicht, sind sich doch sogar die Herren der Wissenschaft nicht einmal einig, ob der Fleischgenuß überhaupt so wichtig sei. Von den Sch'itavorschriften wissen wir aber, daß sie Halacha 1'M.osche miszinai, dem Moses von G'tt direkt übergebene Direktiven sind, und auch in den Ausführungsbestimmungen nicht abänderlich. Oft bekommt oder hat der Andersdenkende den Eindruck, als seien diese Orthodoxen griesgrämige Wesen, ohne fleischernes Herz, ohne Gelüste, ferne dem Freud- oder Leidgefühl. Lächerlich) Möchten nicht auch wir ganz gerne aus den Fleischtöpfen essen, verspüren nicht auch wir die Lust, dieses und jenes Verbotene zu tun. Ist es dem traditionell Lebenden noch nicht passiert, daß er im Moment den Sabbat als etwas störend betrachtete. Gerade er hat innerlich oft härteste Kämpfe zu bestehen (auch in der Großstadt oder gerade — Herr Dr. Herzberg), aber immer und immer wieder wird er froh, wenn er weiß, sich nun doch selber bezwungen zu haben. Das Gefühl, sein ganzes Ich in den Dienst eines Höheren gestellt zu wissen, in jedem Geschehen einen höheren Zweck zu ahnen, erhebt ihn und gibt ihm eine Sicherheit, sich trotz aller Widerwärtigkeiten nicht unterkriegen zu lassen. Mit Herrn Dr. Herzberg werden vielleicht noch viele Andere sagen, das sind doch bloße Phrasen, die heute nicht angebracht sind. Ihnen muß ich erwidern, daß in dem Augenblick, wo viele so und nicht anders empfinden, es kein leeres -Geschwätz mehr sei« kann. (Und daniit sie ein wenig Sinn für solche Empfindungen bekommen, bitte ich zu "überlegen, ob denn nicht doch, der religiös eingestellte Mensch ohnehin ein ganz wenig abgehoben von dem Nur- Materiell Diesseitigen steht!). Immerhin, wir dürfen dis große Anzahl Schwankender nicht vergessen. Sie sind aber nicht erst seit heute und gestern da, immer schon zeigen sie sich in unserer langen Geschichte. Auf sie spielt S. R. Hirsch s. A. in seinem Kommentar zum 32. Kapitel in Exodus (.und an vieien andern Stellen und Schriften) an, gelegentlieh der kaum begreiflichen Begebenheit der Schaffung eines gegossenen Kalbes, nach dem großen Wunder des Auszuges aus Aegypten. Hirsch sagt u. a.: „Nie und nimmer hat das Gesetz sich einer Zeit zu akkomocfieren, sondern jede Zeit hat nur so viel Berechtigung auf Gegenwart und Zukunft, als sie sich diesem Gesetz gemäß gestaltet". Und etwas später: „Und wenn gleichwohl dieses Gesetz mit seinen unveränderten idealen Anforderungen dennoch in die damalige Gegenwart des Volkes einzog, so kann es offenbar nicht die Bestimmung haben, sich von dieser Nation immer zeitgemäß d. h. ihr gemäß umwandeln zu lassen usw." Wie viele Menschen glaubten schon früher, am Sabbat ihrer Arbeit nachgehen zu müssen, um ihre nackte Existenz zu retten. Man kann auch nicht behaupten, daß die Orthodoxie über solche Menschen den Stab gebrochen hat und nicht freudig einen jeden begrüßte, der den „Weg zurück" gefunden. Was aber wäre aus dem Judentum geworden, wenn die orthodoxe Welt diesen Menschen zuliebe die Entweihung des Sabbats sanktioniert hätte.' Herrn Dr. Herzberg ist unbedingt beizupflichten, daß unsere Menschen, die bald draußen ein neues Leben beginnen müssen, stark sein sollen (stark allerdings vor allem im Glauben an eine ideale Zukunft). Es ist aber bekanntlich wissenschaftlich absolut nicht erwiesen, daß Fleischnahrung unbedingt erforderlich ist. Eine Rundfrage, besonders bei den koscher geführten Hachschara-Stätten wird zeigen, daß sogar in den noch „guten Tagen" nur spärlich Fleisch auf den Tisch gekommen ist, trotzdem konnte dort aus den Papiermuskelmenschen der Großstadt ein Landarbeiter oder gar Bauer werden. Gewiß wäre es angenehmer', wenn wir Fleisch haben, aber ,;in so arges Kernproblem ist" es wohl doch nicht, wie's in den Augen des Herrn Dr. Herzberg, der natürlich von den besten Absichten geleitet ist, erscheint. Uebrigens .mag es noch ein (trauriger) Trost sein, daß die Menschen, die noch imstande sind, in der Ferne eine neue Existenz zu gründen, doch in absehbarer Zeit Deutschland verlassen haben werden. Können wir nicht aber doch den Menschen der Kleingemeinden, etwas geben in ihrer geistigen Not? Vielleicht läßt es sich noch jetzt durchführen, generell allerdings kaum, was in vielen Jahren versäumt, nämlich ein stärkerer Konnex zwischen Stadt - und Landbewohnern, sei es dadurch, daß Menschen des Landes von Mitgliedern der Stadtgemeinden öfters über Sabbat und Festtage (Bezahlung könnte wohl auch erfolgen) aufgenommen werden oder aber daß Mitglieder von Jugendbünden, Jugendführer und Lehrer während der Feiertage in die Landgemeinden gehen, um deren Menschen ein wenig abzugeben von dem ja immer noch stärker pulsierenden jüdischen Leben der Großgemeinden. Die Hausfrau der Kleingemeinde muß sich aber wohl mit ihrer Leidensgenossin der Großstadt trösten, die in Bezug auf die Küche heute vor doch nahezu gleichen, zum Teil sogar größeren Schwierigkeiten steht. Im übrigen sei der Austausch von Kochrezepten empfohlen. Johbach. Historische Notizen. Mitgeteilt von S, Geis in Jerusalem. E, N. Adler, der Bruder des englischen Oberrabbiners, selber ein jüdischer Gelehrter, besuchte 1888 und 1895 Erez Israel. In seinem Buche „Von^ Ghetto zu Ghetto" schreibt er: „Baron Hirsch war von dem festen Glauben durchdrungen, daß es das Los Palästinas sein werde, eines Tages den Russen in die Hände zu fallen. Das war es auch, und zwar das allein, wie er mir versicherte, was ihn dazu veranlaßte, lieber Argentinien als das Heilige Land zum Schauplatz eines festen jüdischen Ackerbaukolonisationsexperimentes zu machen." Eine interessante Erinnerung an Oberrabbiner Nathan Adler, den Vater, sei hier angeschlossen- Königin Viktoria hielt sich infolge schwerer Erkrankung vor der Geburt des Thronfolgers, in Italien auf. (1841.) Rabbiner Adler, damals in Hannover, machte die englische Regierung auf die gesetzlicße Bestimmung aufmerksam, daß der Thronfolger in England das Licht der Welt erblicken müssei 'Hieran war nicht gedacht worden, und dieser wichtige Dienst war der Anlaß, daß später (1845) Rabbi Adler Öberrabbiner v on England -' wurde. : . ' ~ * " * . * ' ' ■ _ S p i noza und Mendelss oh n über Erez Israel. \ In Spinozas ,,Theolog.-Gol.-Trakt." heißt es: „Ich glaube, daß sie (die Juden) einmal bei ge-. gebener Gelegenheit, wie ja die menschlichen' Din^e . dem Wechsel unterworfen sind, ihr Reich -wieder aufrichten, und daß G'tt sie von neuem auserwählt." Am 26. Juni 1770 schrieb Mendelssohn ah einen unbekannten Adressaten: „Jedenfalls ist das Palästinawerk ein unermeßlich großes, und um es zu Ende zu führen, sind fürstliche Schätze und große Macht .■erforderlich. Aber unser Volk ist nicht reich genug, und unsere wenigen Millionäre werden ihre Taschen "nicht zum Besten ihres Volkes öffnen. * * * Im Jahre 1908 verheiratete Dr. Benjamin Rappaport, Vorstandsmitglied der Wiener jüdischen Gemeinde, seine Tochter mit einem Christen, blieb trotzdem im Amt und wurde sogar von seinen Kollegen ins Präsidium gewählt. Kein Wunder, daß sich in Wien Jahr für Jahr mindestens 600 Juden taufen aeßen! Prof. Dr. Ludwig Geiger, Sohn des Reformrabbiners Dr. Abraham Geiger, Repräsentant der Berliner jüdischen Gemeinde, verlangte in der von ihm geleiteten „Allg. Ztg. .d, Judent.", daß die „deutschen (!) Kinder jüdischer Eltern" an den Schulfeiern zu Ehren des Reformationstages und zu Ehren des Weihnachtsfestes teilnehmen. — Dieser Geiger war einer der radikalsten und angriffslustigsten Assimilanten und hätte am liebsten die traditionstreue Judenheit als „reaktionär" vernichtet. Auch die zionistischen Bestrebungen verfolgte er mit glühendem Haß. In Deutschland wurden von 1910—24 rund 52 400 jüdische Ehen und 20 200 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Salomon Reinach, Direktor des -Museums französischer Altertümer in Paris, war als Vizepräsident der AHiance Israelite Universelle und als-Vorstandsmitglied der""Jewish Colonisation Association („Ica") einer der einflußreichsten jüdischen Führer. Dieser . Freidenker und Assimilant, nach dessen Meinung die Juden r.weder Rasse noch Religion noch- Volk" seien, schrieb unter dem Titel „Orpheus" eine Geschichte der Religion, in der er die "Religion seiner Väter unglaublich herabsetzte. R. sah nur gemeinsames Schicksal — Verfolgungen und Leiden — als Bindemittel der jüdischen Gesamtheit an. Trotzdem übte er seinen Einfluß auf das Schulwerk der AI-' liance im Orient aus. Wahrscheinlich hat sich R. zu seinen jüdischen Ehrenstellungen nicht gedrängt, sondern ist dazu überredet worden, wie es im Zeitalter der Assimilation bei angesehenen Persönlichkeiten üblich war. Das gesamte jüdische Schrifttum war Reinach durchaus unbekannt, — und trotzdem urteilte er über die jüdische Religion. Briefkasten.. I. V. in H. Für den übersandten Betrag besten Dank, wir werden ihn in Ihrem Sinne verwenden. „Die Welt der Gebete", Bd. II, erscheint in ihrer zweiten Auflage in den nächsten Tagen und werden wir Ihnen sofort , nach Erscheinen die gewünschte Anzahl von Exemplaren übersenden, Gruß! Wochenkalender. Vom 30. Juli — 6. August 1938 / Vom 2. - 9. Ab 5698 'Öl' JJ7 n-o-n Samstag 30 2 wo» niun rav Sonntag 31 3 nV Montag Aug 1 4 * " Dienstag 2 5 TV Mittwoch 3 6 ' . Donnerstag 4 7 & Freitag 5 8 » Samstag 6 9 KÖ •jirn 'v nnan riaw. Vor einigen Wochen erschien in dritter Auflage: Die Welt der Gebete I. Kommentar zu den Werktagsgebeten von Rabb. Dr. ELIE MÜNK, Paris/früh. Ansbach Die zwei ersten Auflagen dieses in seiner Art einzigen Werkes waren so rasch vergriffen una die Nachfrage nach dem Buche so groß, daß seinNeuerscheinen zum dritten Male erforderlich war. Das Buch ist in schönem Leinwandband zum Preise von RM 5.00 erhältlich. NEU ERSCHIENEN in zweiter Auflage: DIE WELT DER GEBETE II. Kommentar zu den Sabbat- und Festtags gebeten nebst Uebersetzung und als Anhang: die Fasttagsgebete von Rabb. Dr. EUE MÜNK, ParisIfrüh. Ansbach Die erste Auflage dieses einzigartigen, 375 Groß-Oktav-Seiten umfassenden Werkes war schon bald nach ihrem Erseheinen seit Jahresfrist vergriffen. Das Erscheinen der zweiten Auflage wird mit Freuden - begrüßt werden.. Auch dieses Buch ist in schönem Leinenband zum Preise von RM 5.00 erhältlich. Israelit und Hermon Jiid. Buchverlag G.m.b.H. Frankfurt am Main - Schützenstraße 12 Postsch.-Konto Frankfurt a. M. Nr. 19802

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