Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1938)
- Date
- 1938-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Ist die „Hawlaga" durchbrochen? Die letzten Ereignisse in Erez Israel veran laßten die Führer des Jischuw! in Appellen und öffentlichen Kundgebungen Teile der Arbeiterschaft aller Parteien eindringlich zu ermahnen sich wie bisher in Geduld zu fassen unc in keinem Falle durch Uebergehen von der Defensivstellung zum Angriff das Odium der Verschärfung der Lage auf sich zu nehmen und so den Widersachern und Feinden des Jischuw drinnen und draußen eine billige Waffe in die Hand zu spielen. Sind diese Ermahnungen und Gewissens schärfungen nötig? Wir empfinden es wenig wohltuend, wenn nach jedem größeren, von unbekannter Hand verübten Attentat auf Araber — wie neulich in Haifa — Strafpredigten von Juden — sogar von zentralen jüdischen Instanzen — an J u - den"ergehen. Damit wird u, E. den Hetzen und unerwiesenen Anklagen auf der anderen Seite erst recht eine Grundlage geschaffen, die denjenigen, die auf „Kronzeugen für die jüdische Schuld" aus sind, durchaus genügt. Anders verhält es sich indes, wenn in geeigneter und taktvoller Form, unter Betonung der Hoffnung, daß nicht jüdische H ä nde das Blut vergossen haben, der Jugend ins Gewissen geredet wird, alles zu vormeiden, was nur einer Provokation ähnlich sieht, und nach alt- und gutjüdischer Art mit keiner anderen Waffe unsere Positionen zu schützen, alsmitderdesRechtes — sofern es nicht um die Ab wehr von Angriffen geht. Mahnungen solcher Art erweisen sich leider, besonders seit der Hinrichtung des jungen Juden in Akko, als dringend nötig.- Ein guter Kenner der Verhältnisse, Mosch© Smi- 1 i a'n s k i, hält es für möglich, daß sich einzelne irregeleitete jüdische Heißsporne zu „Racheakten" hinreißen ließen, und er schreibt im „Haarez": „Was wir befürchtet haben, ist eingetroffen. Weite Kreise des Jischuw haben die Klarheit des Urteils und ihr inneres Gleichgewicht verloren. Für einen Außenstehenden war es schwer zu beurteilen, wo das Erbarmen mit dem jugendlichen Hingerichteten aufhörte und das Sich-mit-ihm-Identifizieren anfing. Jedenfalls verstanden die Kreise, die schon lange auf eine Auflösung der nationalen Disziplin hinarbeiten, die Reaktionsweise des Jischuw als offenen Ausdruck der Zustimmung zu ihrem Vorgehen. Es ist zwecklos, mit Menschen zu argumentieren, deren System ein anarchisches ist, aber jene, die ihre Taten rechtfertigen, sind vielleicht doch noch der Selbstbesinnung fähig. Die Zustimmung zu Racheakten begründen Manche damit, daß man den Terroristen Furcht einjagen müsse. Es ist schwer zu verstehen, daß dieser Grund nach der langen bitteren Zeit, die hinter uns liegt, noch Gewicht hat, nachdem wir für dieses Furchterregen einen so teuren Preis gezahlt haben. Kann jemand töricht genug sein, ZU glauben, daß Terroristen von ihren grausamen Taten ablassen werden, wenn Menschen aus ihrem eigenen Volke getötet werden? Eine solche „Reaktion" ist doch nur Wasser auf ihre Mühle. Ihr Ziel ist es ja gerade, das Land in Anarchie ZU stürzen, und eine Beruhigung des Landes, soweit es in ihren Kräften liegt, zu verhindern. Solche „Reaktion" von verantwortungslosen Elementen auf unserer Seite ist gerade das, was die Terroristen wollen. Auch propagandistisch tun ihnen solche Taten von unserer Seite einen guten Dienst! Auch in der englischen Beamtenschaft, soweit sie uns nicht freundlich gesinnt ist, ist die Freude über unser moralisches Versagen groß, da es ihre Ansichten über uns rechtfertigt. Es ist schlimm genug, daß es soweit gekommen ist, daß Menschen^ die sich Juden nennen, Verständnis für Mordtaten zeigen und sie aus „praktischen" Erwägungen rechtfertigen. Das seelische Motiv für diese Haltung ist das an sich natürliche und berechtigte Verlangen nach Heroismus. Aber diesem Bedürfnis kann in dem unvermeidlichen langen Kampfe, in dem wir stehen, Genüge geleistet werden im Wachtdienst und in der Verteidigung." In Flugblättern, die in Palästina verbreitet wurden, wird zum „Widerstand gegen die Staatsgewalt" unter Berufung auf einen Brief des bekannten englischen Palästinafreundes Wedgewood aufgefordert, der „passive Resistenz" als einziges Mittel zum Siege den Juden Palästinas anempfohlen hätte- Ueber diesen Brief wird uns aus Jerusalem unter dem 17. Juli geschrieben: Großes Aufsehen erregt ein hier veröffentlichter Brief des bekannten englischen Parlamentsabgeordneten Wedgewood arrehemalige jüdische Armeeoffiziere in Tel Awiw, worin in scharfen Worten zur Organisation des passiven Widerstandes gegen die Palästina-Regierung aufgefordert wird. U. a, kommen in dem Brief folgende Stellen vor: „Die Araber machen ihren Weg in Palästina, weil sie handeln statt zu petitionieren. Ich glaube gewiß nicht, daß Repressalien in der Form der Ermordung unschuldiger Araber moralisch gerechtfertigt sind. Wohl aber seid Ihr moralisch berechtigt, Euch zu bewaffnen, um Euch und Eure Kolonien zu verteidigen. Es bleibt auch die'-- Methode des passiven Widerstandes, wie sie in Südafrika und in Indien geübt wurde. Man muß dabei nur den Mut haben, ins Gefängnis zu gehen." Wedgewood zählt dann sieben verschiedene Arten dieses passiven Widerstandes auf und sagt: „Im letzten Jahre brachte man mehrere jüdische Einwanderer in Ketten nach dem Gefängnis von Acre. Ich glaube, wenn Ihr diese Gefangenen unterwegs durch Mittel der Gewalt befreit hättet, so würde die britische öffentliche Meinung Euch unterstützt haben und die Sache hätte sich niemals wiederholt." Nach weiteren Ausführungen in ungefähr dem gleichen Sinne schließt Wedgewood wie folgt: „Ich \nöchte Euch frei sehen, ein männliches, kämpfendes Volk, wie die Makkabäer einst in Palästina, Ich möchte eine Armee von 40 000 Juden sehen, geeignet alles zu verteidigen, was Euch und was auch mir teuer ist. Mit Widerstreben bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß nur auf diesem harten Wege wir etwas erreichen können. Sie dürfen diesen meinen Brief auch Mr, ^' '." - - ■ vi- •^?4?3gZZ&Z&yttiiLii^'.vi.':~ .'^ ■ Shertok, dem High Commissioner^ und --■ defii ©berkommandanten von Palästina zeigen. Alle drei werden innerlich zustimmen, aber keiner wird wagen, es auszusprechen. Ich kenne meine .Landsleute besser, als Ihr sie kennt, ich kann nur anregen, daß' Wenn irgend etwas Böses passiert, stellt Euch vor, was britische Kolonisten unter solchen Umständen; getan haben-, würden, und wenn Ihr das nur zur Hälfte tut, werdet Ihr es nicht ein zweites Mal tun müssen." Es ist im höchsten .Grade zu bedauern, daß ein Mann von dem Ansehen Wedgewoods derartige Rat. schlage gibt, die Oel ins. Feuer gießen und auf die leidenschaftliche Jugend die verhängnisvollsten Wir- N kungen ausüben können. Mit - Waffengewalt ist das Judenproblem nicht zu lösen. ' Wedgewood berichtigt inzwischen in N der „Times", daß er absolut gegen T e rr o - rismus sei. Er habe den Brief vor seiner Reise nach Amerika geschrieben und. er sei keine Verherrlichung von Gewalttaten. „Die Ermordung unschuldiger Araber ist ein genau so großes (Verbrechen wie die Ermordung unschuldiger Jude n." „ Daß solche SelbstverständlichkeJt e n als Botschaft verkündet werden müssen, ist schon beinahe grotesk. Haben sich aber die Dinge so weit zugespitzt, daß es gesagt werden muß, dann sage man es — in einer Form, daß sie nach außen nicht als „Zugeständnis', nach innen aber als Mement'o wirkt. ii H a W 1 a g a " ist nicht ein nationaler Begriff des neuen Jischuw, sondern eine .Grundanschauung des Judentums, die uns das Schlimmste tragen und überwinden ließ: pa* "* n * 3' b 3 ö* wenn auch ">Vj »3^ ■>f?y. Nach den Tagen von Evian. Die Londoner „Times" spricht sich sehr befriedigt über die Ergebnisse von Evian aus. Die Konferenz habe positive Arbeit geleistet. Das Blatt gibt die Meinung der britischen Delegation dahin wieder, daß mit einer sofortigen Steigerung der Aufnahmemöglichkeiten für den Auswanderungsstrom nicht zu rechnen sei. Es sei ein großer Gewinn, daß mehr als eine Regierung sich bereit erklärt hat, ihre JSinwanderungsgesetze liberaler zu handhaben als bisher. Die jüdischen Organisationen, schreibt die „Times", sollten mit den Ergebnissen der Tagung zufrieden sein. Die Pläne für Masseneinwanderung oder Gründung von ausschließlich jüdischen Siedlungen seien mehr oder weniger aufgegeben worden, zumindest für die unmittelbare Zukunft. Demgegenüber wird eine Politik allmählicher Infiltration befürwortet, wobei der Emwanderer als Individuum sich dem normalen Leben seines neuen Wohnlandes anpassen und einordnen solle. Die Konferenz habe eine endgültige Hoffnung erzeugt, daß für die 200 000, um die es sich handelt, Plätze gefunden werden können, Die „Times" beschäftigt sich in ihrem Artikel dann ausführlich mit der Frage, warum man den Völkerbund nicht mit der Angelegenheit betraut hat. Der Hauptgrund liege darin, daß die zwei Länder, die eine wichtige Rolle in der Angelegenheit spielen, nämlich das Auswanderungsland (Deutsehland) und das die Konferenz einberufende Land (USA.) nicht dem. Völkerbund angehören. Im weiteren Verlaufe des Artikels wird, unterstrichen, daß die Länder nicht einen Strom völlig mittelloser Einwanderer aufnehmen können; eine Bedingung des Gelingens sei es, daß die Einwanderer Mittel aufbringen. Zum Schluß erklärt das Blatt, das Problem der Refugies könne gelöst werden nur durch eine Mischung von Mitgefühl und klarer Ueberlegung, und diese beiden Eigenschaften hätten sich in Evian in einer ausgezeichneten Proportion gezeigt. * * * Die Londoner Wochenschrift „ S p e c t ait o r " befaßt sich in ihrer Nummer vom 15. Juli in ihrem ersten Hauptartikel mit dem Thema „Evian und Palästina". Diese zwei Namen, so schreibt das Blatt, bezeichnen die zwei Punkte der Welt, an denen die Judenfrage heute am schärfsten in Erscheinung tritt. Es sei'ein Paradox, daß gerade das Land, das international als jüdisches Heimland abgestempelt wurde, nur wenig ZU dem in Evian behandelten Problem beitragen könne. Die Zeitschrift fordert daher mit größtem Nachdruck sofortige Entscheidung des durch den Peel-Bericht schon genügend geklärten politischen Problems in Palästina. Der schwerste Fehler war, nach dem Peel-Bericht nicht sofort und schnell zu handeln. Eine „zweitbeste Lösung" sei besser als gar keine Lösung. England müsse jetzt schnellstens ein klares Programm in Palästina durchführen und dann klarmachen, daß diese und keine andere Lösung das Feld behauptet» * * * Was die Ansiedlung in Kenya betrifft, so werden, nach einer Mitteilung des Kolonialministers Malcolm MacDonald im Unterhaus, zur Zeit durch die Regierung der Kronkolonie Kenya alle Möglichkeiten erwogen. Der Abgeordnete C r e e 0 h- Jones erkundigte sich, ob die Regierung Land für jüdische Siedlungen zur Verfügung zu stellen beabsichtigt und welche Teile des Landes für dieses Un» ternehmen in Aussicht genommen seien.. Wie der Minister in seiner Antwort betont, kann es sich dabei aber nicht um eine Massensiedl un g von Juden handeln, noch um eine Zuteilung solcher Länder, die für die Besiedlung mit Eingeborenen bestimmt seien. Weitere Einzelheiten mitzuteilen» sei der Minister nicht in der Lage. Auf eine weitere Anfrage" teilte MacDonald mit, daß keine Einschränkungen für die Zulassung von Emigranten in die Kolonialgebiete beabsichtigt seien, unter der Voraussetzung, daß die Einwanderer den allgemeinen Einwanderungsbestimmungen entsprechen, die für britische Untertanen oder Ausländer Gültigkeit haben» * * * Die jüdischen Flüchtling«. (Aus einem Berichte des „American Joint Distribution Committee" in Evian.) Paris, 20. Juli. In den europäischen Ländern halten sich jetzt 35.000 bis 50.000 Flüchtlinge auf. Eine genaue Schätzung fehlt. Ein großer Teil dieser Flüchtlinge muß dauernd unterstützt werden. Das IDC hat in Zusammenarbeit mit den zentralen Komitees alles getan, um diesen Flüchtlingen zu ermöglichen, sich der Wirtschaft der Asylländer anzupassen. Doch haben in den meisten dieser Länder sehr viele Flüchtlinge nicht die dauernde Aufenthaltserlaubnis und auch nicht die Erlaubnis, in der Industrie oder als selbständige Handwerker zu arbeiten oder sich sonst selbständig ZU machen. Das IDC billigt die Vorschläge des Liaison Committee (gemeinschaftliches Komitee der privaten - Flüchtlingshilfsorganisationen) des Hochkommissars des Völkerbundes für das Flüchtlingshilfswerk, dem das IDC als Mitglied angehört. Folgendes soll besonders unterstrichen werden: Wo Flüchtlinge nicht die reguläre Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt und zum Erwerb ihres Lebensunterhaltes haben, sind die jüdischen Gemeinden und die Privatorganisationen ■. gezwungen, riesige Summen für, bloße Hilfszwecke auszugeben; diese Summen haben Auswanderer, nü|en Sie die günffige SinfequfsgefegenFieif im Sommeg-Scfiftt|lHei?ftqiif ^efffiofll, StcWitoeg 0