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Der Israelit · 1938-06-30 · Heft 26 (30.6.1938) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 26 (30.6.1938)
Date
1938-06-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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■>^>:>'>S--T?'--''!'. ■^i^r^p1.-^* rgg*p?'r-i X^^^^^^^s^ss^f Seite 8 Nr. 26 D e r I r a e Ii t 30,. Jüüi 1938 Jüdische Gefallenen-Ehrung in USA. New York, 15. Juni. Am amerikanischen Gedenktag, dem Memory-Day, fanden Ende Mai überall in den Vereinigten Staaten große Aufmärsche und Gefallenen-Ehrungen der Frontkämpferverbände statt, an denen, sich die jüdi sehen Frontsoldaten-Gruppen der „Jewish War Ve terans of USA" beteiligten. Ihre eigene große Ge fallenen-Ehrung veranstalteten die Jewish War Ve terans im Tempel Emanuel in New York. An ihr beteiligten sich 5000 Personen, und zwar 3000, jü dische Kriegsveteranen und weitere 2000 Mitglieder anderer Frontsoldaten-Bünde und befreundeter Or ganisationen, an der Spitze der Bundesvorsitzende National Commander Harry Schaff er (Pi tsburg) Eine Parade der Fünftausend fand auf der Fifth Avenue statt, die mit den Fahnen und Uniformen ein buntes, lebhaftes Bild bot. Angeführt wurde der Aufmarsch von Oberst Norman Meran u s, Kommandeur des 113. Regts. der New Jersey National Guard und befehlshabender Offizier der 311. Infantery Officers Reserve. Als er den Vorbeimarsch abnahm, befanden sich bei ihm u. a. Ver treter des Admirals Woodward, Kommandeur des 3. Marine-Distrikts, der 93jährige Altveteran Daniel Harris, Vertreter der Behörden von New York der Bundesvorsitzende Schaffer, die Vorsitzende der Frauenabteilung der Jewish War Veteran, Mrs. Grace Smith, u. a. m. National Commander Harry Schaffer verlas ein Schreiben des Präsidenten Roosevelt, das in Ueber Setzung lautet: „Die Ehrung gefallener Kameraden ist immer wieder ein höchst geeigneter Anlaß, die Mitglieder Ihrer Organisation zur Förderung der Brüderlichkeit, Duldsamkeit und des guten Willens unter allen Menschen aufzurufen. In der Hoffnung, daß Ihre Bemühungen um ein so lobenswertes Ziel den Erfolg haben mögen, den solch ein .edles Ideal verdient, sende ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche und wärmsten persönlichen Grüße," Am Abend fand ein geselliges Zusammensein in der Carnegie-Hall statt. Argentinien. Auswanderung und Einwanderung. Von Buenos Aires aus gesehen. Buenos Aires, 1. Juni. Die jüdische Presse und ihre Berichterstatter. Die jüdischen Hilfsvereine, Ein- und Auswanderer. Hilf- und Ratlosigkeit hüben und drüben. Buch- und Theaterkritiken verstehen am besten ■diejenigen Menschen, welche dieselben Bücher gelesen und dieselben Theaterstücke gesehen haben. Berichte und Reportagen über Länder und Völker beurteilen am besten diejenigen Leser, welche in denselben Ländern leben und mit den betreffenden Völkern in engeren Kontakt kommen. Genau so wie es gute Kritiker gibt, durch deren scharfe Beobachtung selbst die Autoren sich richtig erkennen, gibt es auch große Publizisten, welche fremde Länder und Völker besser zu beschreiben und zu charakterisieren verstehen, als manche ihrer Schreiber- und Dichter-Söhne. Ich habe einmal eine Charakteristik von Kant über die Holländer gelesen, welche heute noch ihre Gültigkeit hat und wahrscheinlich sie ewig behalten wird. Aber Kant war eben kein Berichterstatter und solche tiefgründige, ewigwährende Beschreibungen verlangen die jüdischen Zeitungsleser auch nicht. Der Leser will nur nicht, belogen werden. Er will weniger, aber Wahres wissen. Für den Berichterstatter jüdischer Zeitungen genügt nicht allein, daß er anspruchsvollen Lesern durch lehrsame, kultivierte Berichte Rechnung trägt, sondern er muß heute daran denken, daß der Leser morgen sich von der Echtheit und Wahrheit seiner Berichte überzeugen wird . . . Ueber ein Jahr habe ich Vorbereitungen für meine Auswanderung getroffen,.- Während der Zeit habe ich jeden Artikel, jeden Bericht und jede Reportage der Uebersee-Korrespondenten und sonstigen Schreiber verschlungen. Natürlich habe ich nach ihren Informationen gehandelt; das Vertrauen zur jüdischen Presse hat mich an nichts zweifeln lassen. Als ich aber einige Zeit in Buenos war, stellte ich fest, daß außer der Warnung „Lernt Sprachen" nichts viel wert war. Ich kann das ruhig erzählen, weil mir die Berichte und Reportagen nicht viel geschadet haben . . . Wenn man aber bedenkt, daß Existenzen vieler jüdischer Familien dadurch zu Grunde gerichtet wurden, daß andere Existenzen zahlreicher Familien auf dem Spiele stehen, dann ist es geradezu unverantwortlich, mit Briefen und Artikeln von Unberufenen und Unzuverlässigen Spalten zu füllen, weil sie vielleicht schön geschildert sind. Der mit Reiseplänen sich beschäftigende jüdische Leser aber achtet heute weniger auf . die schöne. Schilderung. Es gibt zweierlei Berichterstatter; ortgebundene Korrespondenten und die sogenannten „fliegenden Reporter". Beide sind Gefahren unbewußt-unzuverlässiger Berichterstattung ausgesetzt.. Der Korrespondent gewöhnt sich an viele „Kleinigkeiten" und „Alltäglichkeiten" seines, Platzes, welche er nicht mehr sieht, und nicht mehr für wichtig hält, sie seinen Lesern mitzuteilen. Er hat sich im fremden Lande zu gut eingelebt, seine ursprüngliche Mission vergessen und den Kontakt mit den Lesern gelockert. Aus "lauter Aktualitätssuchtneh men viele gewöhnlich nicht mehr das, was sich ihnen aufdrängt, sondern suchen — meist verirrt — „wich tigen" Stoff, welcher „gute Beziehungen zu hohen Instanzen" verrät. Das Allerwichtigste jedoch, das Sichversenken in die Psychologie der jenseits des Meeres fiebernd wartenden Leser; das Sicheinfühlen in ihre Seelenbedrängnis; die Berücksichtigung ihrer Interessen auf den Gebieten der Auswanderung wird außer acht gelassen oder nur nebenbei gestreift Der „fliegende Reporter" sieht zwar schärfer, aber oberflächlich. Er ist oft gezwungen, sich mit Lexikonen und Nachschlagwerken zu bedienen, Er kann die Gesichter, aber nicht die Seelen der Men sehen beschreiben. Er kann den Leser ^unterhalten ja, er kann ihn mitunter begeistern, aber er kann ihn nicht beraten. Der „fliegende Reporter" macht Momentaufnahmen, welche zwar sehr wichtig, sind, aber sie behandeln nicht all die Fragen und Prob lerne so ausführlich, wie die reisefiebernden Leser sie haben möchten und müssen. Ein „fliegender Re porter" gleicht einem Pfadfinder und ein ortgebundener Korrespondent einem Geopolitiker, wenn sie beide auf ihrem Posten sind. Ich habe einem Redäkteür einer hiesigen jiddi sehen Zeitung einen Artikel über die holländischen Juden angeboten, da sagte er mir — ohne denselben zu prüfen: „Unser Mitarbeiter, welcher sich zur Zeit in Warschau befindet, wird auf dem Rückwege Amsterdam streifen , . ," Man kann überzeugt sein, daß der betreffende Mitarbeiter nicht bloß die Holländer, die holländi sehen Juden und Holland kennenlernen wird; bei der „Streifung" wird er auch die holländische Sprache gelernt haben (Mancher Jude spricht deutsch, weil er von Hamburg aus nach Amerika abfuhr, warum nicht auch holländisch . . .). Es gibt wenig Ostjuden in Argentinien, welche in Deutschland waren, noch weniger, welche deutsch schreiben können und fast gar keine, welche auf eine deutsche Zeitung abonniert sind. Von der deutsch-jüdischen Presse nimmt man hier gar keine Notiz. Die besten Absichten der Juden aus Deutschland, sich in die jüdische Kollektivität von Buenos Aires einzureihen, scheitern nur an der — Sprache. (Der einzige Rettungspunkt der Zukunft ist — die spanische Sprache.) Der jüdische Auswanderungskandidat und selbst der einfachste Zeitungsleser, welcher keine Ahnung von Oeographie hat, kennt alle'Städte und sogar die entlegensten Dörfer Palästinas, aber die der Ueberseeländer fast gar nicht, außer den Hauptstädten, als oh iiüf in diese« Juden leben, als existieren keine Provinzstädte mit großen jüdischen Jischuwim. Was Wunder, daß unsere Menschen sich massenweise in den Hauptstädten koznentrieren; daß jüdische Auswanderer ihre Pläne auf Großstädte aufbauen, wenn niemand, nicht einmal gutbezahlte Korrespondenten, sieh die Mühe geben, die Auswanderer über die Zustände und Verhältnisse der Provinz zu informieren. Wie viele Auswanderer mag es geben, welche eine Provinzstadt vorziehen würden, wenn sie sich von Anfang an mit einer solchen vertraut machten? Wie viele gibt es selbst unter den Eingewanderten in Buenos Aires, welche gerne in die Provinz wollen und nicht können? Man hat die Lösung dieser Frage den Hilfsvereinen der Uebarseeländer überlassen und — damit begeht man ein schweres Verbrechen. Denn diese haben auf alle Fragen der Immigration nur eine Antwort: Das Camp. Gut! Wenn auch das Camp, d. h. die jüdische Kolonisation Argentiniens musterhaft bezeichnet werden kann; wenn man auch hier für die Juden aus Deutschland alles tut, um sie da gut unterzubringen; wenn die Ica ihnen auch weit bessere Bedingungen einräumt, als den andern Kolonisten, so kann man doen nicht plötzlich von den gestrigen Angestellten, Kaufleuten, Studenten und Handwerkern verlanget), daß sie heute ins Camp ziehen sollen. Diese Menschen müssen sich erst mit dem Gedanken vertraut machen. In der Heimat hat ihnen niemand gesagt, nicht einmal angedeutet, daß sie evtl. aufs Land werden gehen müssen. Das sind „planlose" Einwanderer. Wer von ihnen an Argentinien dachte, dachte an Buenos Aires. Nicht einmal an die Haupt- Provinzstädte dachten sie. Und wie -viele Auswanderungskandidäten wissen nicht, daß es in Argentinien große Provinzstädte, wie Cordoba, Rosario. La Plata, Mendoza, Corrientes. Tucuman und viele andere gibt, in denen ziemlich -viele Juden leben? Der Einwanderer fragt sich ratlos: Warum die einzige Antwort: Das Camp? Leben in den Provinzstädten denn nicht auch Juden mit allen andern Berufen? Die Funktionäre der Hilfsvereine sind ja tüchtige, fast unersetzbare, aber durch die allzulange Amtsdauer mechanisierte Leute. Sie sehen nur lan£?e Reihen sich langsam bewegender Figuren durch die Büroräume ziehen; eine endlos sich wälzende Reihe von enttäuschten, müdegewordenen, verbitterten, heruntergekommenen, verschämten, schweigenden und hoffnungslosen Juden. Sie stehen hier/ mit Widerwillen, mit "Verdruß, mit Verachtung und mit Pflichten beladen. Der Hunger, die Not. und die Pflicht gegenüber der Familie treibt sie in diese Hilfsvereinsräume und in die des Jüdischen Emigranten-Schutzvereins (Hicem). Zu diesen kleinen "Räumen im größen~T3uenos Airesnehmen sie ihre Zuflucht, nachdem sie zuvor alles, alles vergebens versucht haben.-Diese Verlassenen! Wenn sie sich wenigstens ein paar Worte von der Seele sprechen könnten! Aber die Umgebung, die Atmosphäre erstarrt und versteinert sie. Sie beschränken sich auf . die . mit , Mühe hervorpressenden Worte: Arbeit, Brot, Frau,' Kind, Zimmer, krank, entlassen, Unterstützung, Rückreise ... . Die „Alten" beneiden die „Neuen'.'. "Die Neuankömmlinge werden noch ein paar! Wochen versorgt. Nach dieser Zeit hört der ganze Hilfsapparat auf zu funktionieren. Nach vier bissechs Wochen — lauern die Arbeitgeber auf billige Arbeitskräfte. Verhungern kann man in Buenos Aires nicht. Ein Beweis, daß hier all die sozialen Einrichtungen wie in Deutschland nicht bestehen. Wer arbeiten kann, verhungert nicht. Auch für eine Peso kann man das Nötige bestreiten. Daß andere bei derselben Arbeit 5—6 Pesos den Tag verdienen, braucht sich der Grüne nicht aufzuregen. Und manche arbeiten auch für eine Peso den Tag. Im großen Fabrikgebäude ist es immerhin luftiger, als in den kleinen Büroräumen der Hilfsvereine. _ Lieber Leser, damit will ich Dir keinesfalls die Lust zum Auswandern verderben. Wenn Du das alles weißt und kommst dennoch hierher, - dann wird, es Dir bestimmt nicht so schlecht ergehen, wie vielen anderen. Wir brauchen hier selbständige Leute. Leute, welche sich auf niemanden verlassen. Leute, welche, auf sich selbst bauen. Nichts ist so für Argentinien wichtig wie Mut und Selbstvertrauen, AH die Leute müssen unendlich viel leideS, nur weil sie, furchtbar enttäuscht sind, nur weil, sie auf andere gebaut haben, Argentinien ist ein wunderbares Land. Buenos Aires ist eine herrliche Stadt, Die Einwanderer sind gute, fleißige Menschen. Die Juden Argentiniens schenken viel Geld für das Unterstützungswerk. Jeder kann selig werden auf seine Art. Alles ist vorhanden. Alles ist frei. Aber um das alles zu sehen, zu empfinden und zu genießen, muß man selbständig sein. Auswanderer, bringe eine große Dose Mut mit und Du eroberst dir Argentinien! Moses Katz. Personalien. Rabbiner Dr. Ludwig Rosenthal Wt- Köln, 22. Jum. Soeben geht uns die Nachricht zu, daß Gemeinderabbiner Dr. -Ludwig Rosenthal nach längerem Leiden in der Nacht zu Mittwoch im Alter von 68 Jahren sanft entschlafen ist, Ueber vier Jahrzehnte lang verehrte die Gemeinde Köln in Dr. Rosenthal ihren Rabbiner und geistigen Führer. In jungen Jahren nach Köln berufen, ausgestattet mit einem reichen jüdischen und allgemeinen Wissen und seltenen Gaben des Geistes und des Herzens, hat Dr. Roserithal seine ganze Kraft in den Dienst der Gemeinde gestellt und alle Gebiete des Gemeindelebens fruchl-, bringend gefördert. Allen Gemeindemitgliedern war er Freund und Berater. Ausführliche Würdigung des Lebens und Wirkens des Heimgegangenen behalten wir uns vor. München, 26. Juni. Aus Erez Israel erreicht uns die Kunde, daß Dr. August Feuchtwänger verschieden ist. In Dankbarkeit gedenken wir der hohen Verdienste, die. er sich im Leben erworben hat. Ein in weitesten Kreisen hochgeschätzter Arzt, hatte er — weit über seinen eigentlichen Beruf hinaus — gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin den Willen und die Gabe, bedrückten Menschen zu v helfen und sie wieder froh weredn zu lassen. ..Tiefes jüdisches Wissen verband er mit reicher Allgemeinbildung und hoher künstlerischer Begabung; edler Sinn und feines Verständnis für alles Wahre, . Gute und Schöne war ihm eigen. So wurde er Freund aller; Von dem vielen, was er in der jüdischen Oeffentlichkeit leistete, seien nur zwei Gebiete hervorgehoben. In selbstlosester Weise leitete er jahrzehntelang den Synagogenchor von ,;Ohel Jakob" und schuf eine große Zahl neuer Kompositionen, die auch außerhalb Münchens viel Anklang und Nachahmung fanden. Und unvergänglich ist sein Verdienst um" die Gründung und Erhaltung des hiesigen Krankenheimes. Neben vielen anderen Gönnern jsi es vor allem ihm zu danken, daß dieses Heim wahrhaft jüdischgeführt — ungesählten Menschen in den schwersten Stunden ihres Lebens eine Stätte oft letzter Hilfe und fürsorgender Liebe gewesen ist. Die letzten Jahre durfte er in Erez Israel verbringen. Er genoß dort das Glück, das ihm in seinen Kindern und Enkeln wurde. Viel Liebe gab»- er im Leben, viel Liebe empfing er, das konnte er an seinem. Lebensabend vor allem auch in seiner heuen Heimat fühlen. Daß sein Leben ein ausgefülltes, ein. vollendetes war, das sprachen alle seine r Freunde aus, die von seinem Tode hörten. n^ssn«

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