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Der Israelit · 1938-06-23 · Heft 25 (23.6.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 25 (23.6.1938)
Date
1938-06-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit «gyg^gss^.^fffo^ Nummer 25 1938 Mendls Schatz. Skizze von Hermann Blumenthal, Es gibt Menschen, deren Leben abseits vom breiten Wege der Menge verläuft. Eine fixe Idee oder ein Schmerz hat sie dahin gedrängt, und nun schleppen sie ihre Tage einsam in der großen Stille hin. Die Welt und der Lärm ihrer Umgebung dringt nicht bis zu ihnen; ein eigener Ideenkreis hält sie gefangen. Oft sind sie in ihrer Eigenart nur einen Schritt vom Genieland entfernt, aber sie legen diesen nie zurück — und so erfahren wir von ihrem Innenleben nur wenig. In der Kleinstadt gelangen solche Leute zu trauriger Berühmtheit. Jeder Zug, der ihrem ureigenen Wesen innewohnt, ist stadtbekannt. Der Volksmund hat für diese Einsamen einen eigenen Namen. Die Gebildeten nennen sie: Originale. * Der Tag geht zur Neige. Nebel steigen auf und hüllen die Gassen frühzeitig in Dämmerung. Ich sitze in meiner Stube — tiefsinnend. Gedämpft dringt der Lärm der Großstadt zu mir . . . Verklärt und lockend steigen die Tage der Kindheit vor mir auf. Ich sehe das Städtchen im hellsten Sonnenschein. Ich sehe die kleinen Häuser und den glitzernden Fluß. Längst vergessene Gesichter erscheinen vor mir . . . Und da taucht in meiner Erinnerung ein sonderbarer Mann auf. Langsam sehe ich ihn durch die engen Gäßchen schlendern. Seine Finger gleiten durch den kohlschwarzen Bart und seine Lippen murmeln unverständliche Worte. * Ich will euch von Mendl, dem Philosophen, erzählen; wie er lebte und was ihn von den andern Bewohnern des Städtchens absonderte. Wenn die Sonne hell und warm auf Palechow herniederstrahlte, konnte man ihn in seinem grünen Kaftan, der einmal schwarz gewesen sein soll, über den Markt schreiten sehen. An kalten Tagen hielt er sich in seiner Kammer auf. Diese befand sich auf dem Dachboden der Synagoge. Ein Tisch und ein Schubkarren voll beschriebener Blätter bildeten die Einrichtung. Das Schreiben war Mendls liebste Beschäftigung. Er saß täglich stundenlang über seinen Papieren, schrieb und schrieb. Um den Inhalt seiner Schriften kümmerte sich niemand. Er lebte einsam, sprach oft tagelang kein Wort, sondern irrte umher und sann. Nur der Hunger brachte ihn den Menschen näher. Wenn Mendl nichts zu essen hatte, konnte man von ihm jede Arbeit haben. Er half beim Bau, fällte Holz, trug Wasser und Mehlsäcke. Jeder Lohn war ihm gerade recht genug. Da versorgte er sich für einige Zeit mit Kerzen, Papier und Nahrungsmitteln und lebte wieder — wie zuvor, Den Schubkarren mit seinen Manuskripten führte er gewöhnlich mit sich. Von den Gassenjungen hatte er viel auszustehen. Sie umkreisten ihn und suchten ihm den Karren zu entwinden. Mendl wehrte sich nach Kräften, doch wurde er niemals zornig und ertrug alles mit Geduld. * Ich entsinne mich des Abends, wo ich Mendl in seiner Klause beobachten konnte. Eines Tages war ihm ein vergilbtes Buch aus der Tasche gefallen. Ein Junge hob es auf und zeigte es mir. Für ein paar Kreuzer war er geneigt, mir das Buch zu überlassen und ich beschloß, es dem Eigentümer zurückzubringen. Eines Abends stieg ich in seine Dachkammer hinauf. Ein spärlicher Lichtschein zeigte mir den Weg. Mendl saß beim Kerzenschein und schrieb. Ab und zu blickte er zur Decke oder las das Geschriebene überlaut. Endlich bemerkte er mich. „Was willst du," rief er, und bedeckte die beschriebenen Blätter mit den Händen. Ich reichte ihm das Buch und erzählte, wie ich in den Besitz desselben gelangt war. Hastig griff er danach. „Was wollen sie von mir," rief er weinerlich. „Was habe ich Ihnen getan . . ." Dann setzte er sich und arbeitete weiter, ohne mich zu beachten; nur einmal blickte er zu mir auf und lächelte. * An einem heißen Sommertage hatte Mendl einen Sack Mehl ins nahe Dorf zu bringen. Er lud ihn auf seinen Karren, neben den Manuskripten, und machte sich auf den Weg. Die Hitze war unerträglich und Mendl mußte bald Rast halten. Er legte sich ins Gras und blickte so lange in das Meer von Blau über sich, bis er in Schlummer verfiel. Als er erwachte, stand der Karren nicht mehr neben ihm. Verzweifelt rannte er die Straße auf und ab. Dann lief er laut schreiend durch die Stadt und fragte alle Vorübergehenden aus. Man lachte und gab ihm keine Antwort. Seine kostbaren Papiere waren und blieben verschwunden. Seit diesem Tage war es mit der Ruhe des Alten vorbei. Verstört irrte er umher und suchte seinen Schatz. Er aß tagelang nichts, weinte und grämte sich. An einem kalten Herbstmorgen fand man ihn tot auf der Straße liegen ... Jüdisches Archivgut. Unter dem Titel „Schützt Euer Archivgut!'' schreibt uns Dr. J. Jacobson, Leiter des Gesamtarchivs der Juden in Deutschland: In den Zeiten, die hinter uns liegen, war es nicht immer leicht, Verständnis für die Arbeit zu erwekken, die ein jüdisches Archiv zu leisten hat. Der Wechsel der Verhältnisse hat auch darin gründliche Wandlung geschaffen. Freilich liegt dem weniger die theoretische Einsicht zugrunde, daß aus den Akten der jüdischen Gemeinden, Vereine und Verbände ein Weg hinüberführt zur Erkenntnis jüdischer Vergangenheit und jüdischer Gegenwart, es waren vielmehr Erfahrungen und Erwägungen rein praktischer Art, die die Stellung des jüdischen Publikums gegenüber dem jüdischen Archiv geändert haben. In erster Linie sind da die sogenannten Personenstandsregister, jene Register, in denen die Geburten, Trauungen und Sterbefälle eingetragen sind. Dazu kommen Personenstandsaufnahmen über den genauen mit Geburtsdaten versehenen Bestand einer Gemeinde in einem bestimmten Augenblick ihrer Entwicklung- und auf der anderen Seite Gräberverzeichnisse. Steuer- und Wählerlisten, Schüler- und Gewerbeverzeichnisse, Musterungsrollen und Register über den Erwerb der Synagogenplätze,. Zugangs- und Abwanderungslisten, Akten mit Personalnotizen, sie alle werden dem willkommen sein, der den Spuren seiner Vorfahren nachgeht und Nachweisungen über Leben und Stellung seiner Eltern beizubringen hat. Dankbar wird er es begrüßen, wenn er für seine Forschungen einen festen. Rückhalt dadurch gewinnt, daß er den Namen der Ahnen in Listen wiederfindet, die aus der Zeit stammen, als die Juden feste Familiennamen annahmen. Führt die Ahnenreihe aber, wie so häüfig, nach der Provinz Posen, so treten an die Stelle der Namenslisten jene Akten und Listen über Naturalisation und Duldung, die im Zuge der Sondergesetzgebung für die Provinz Posen (1833 bis 1848) entstanden^ Je mehr Akten und Register dieser Art an einer Stelle vereinigt sind, desto leichter wird es sein, einen großen Kreis von Menschen mit Auskunftserteilungen, Urkundenausstellungen und Urkundenbeschaffungen behilflich zu. sein. Wenn also das Gesamtärchiv der Juden in Deutschland drei Jahrzehnte . hindurch Akten, Familienregister und Namenslisten gesammelt hat, so sieht es heute seine Sammelarbeit dadurch belohnt, daß es Wege weisen und helfen kann. Und wenn es sich weiter bemüht, das Archivgut jüdischer Gemeinden Deutschlands zu retten und vor sinnloser Verzettelung zu sichern, so ist das ein notwendige» und berechtigtes Bemühen. Diese Sammelarbeit des Gesamtarchivs aber läßt sich nur dann erfolgreich durchführen, wenn alle sie fördern, die es können und die es müßten. Man möchte kaum annehmen, daß heute noch auf Böden, in Speichern, in Truhen, in Schränken alter Gemeindestuben wichtige Gemeindeakten und Personenstandsregister aus älterer Zeit unbeachtet lagern und verkommen. Es dürfte trotzdem nicht zu viel verlangt sein, wenn man anregt, daß überall, nicht bloß in den kleinen Gemeinden, noch einmal alle Stellen durchstöbert würden, wo sich möglicherweise altes Archivgut finden könnte. Man ist da früher nicht immer mit der nötigen Sorgfalt vorgegangen und hat es leider selbst dann versäumt, das,; Archivgut in Sicherheit zu bringen, wenn Synagogen und Gemeindehäuser veräußert wurden. Verluste wichtigen und unesrätzlichen Schriftgutes sind nur dann wirklich zu verhüten, wenn rechtzeitig die Dokumente der Gemeinden dem Schutz des Archivs übergeben werden. Es ist jedenfalls höchst unzweckmäßig, die einer ganz besonderen pfleglichen Aufbewahrung bedürftigen Geburts-, Trauungs- und Sterberegister auch dann noch in Zwerggemeinden zu belassen, wenn nur wenige jüdische Familien noch am Orte sind oder gar nur noch eine einzige jüdische Familie dort wohnt. Es ist nicht immer leicht, diejenigen, die in solchen Zwerggemeinden über das Archivgut, besonders die Personenstandsregister, verfügen, davon zu überaeugen, daß es ihre Pflicht ist, jetzt sofort das Archivgut den Archiv-Sammelstellen, in erster Linie dem Gesamtarchiv in Berlin zuzuführen. Viele, die aus diesem heute zu Zwerggemeinden zusammengeschrumpften jüdischen Gemeinden stammen, wohnen jetzt in größeren' Gemeinden, nicht zuletzt in Berlin. Ein Zuspruch von ihrer Seite wird gewiß Gehör finden und Scheingründe falsch verstandener Pietät besiegen. Wenn erst überall begriffen wird, daß Archivschutz nottut und alle verfügbaren Hilfsmittel der Familienforschung gesichert und ausgenutzt werden müssen, dann wird wohl auch noch manch ein wertvoller Aktenband und manch wichtiges Register, das bisher in Privatbesitz verblieben war, der Allgemeinheit durch Uebergabe an das Archiv zur Verfügung gestellt werden. Dann werden auch, wie man hoffen darf, in weit größerem Maße, als bisher, aus dem Erbgut* jüdischer Familien die alten Beschneidungsbücher auftauchen, in denen fromme Vorfahren sorgfältig die von ihnen vorgenommenen Beschneidungen aufgezeichnet haben, Die jüdischen Archive müssen diese Bücher zumindest kennen. Sie müssen sich Abschriften von ihnen anfertigen können, wenn sie sie nicht zu erwerben vermögen. Denn gerade die Nachrichten dieser Beschneidungsbücher sind häufig ein Schlüssel zur Erforschung schwieriger Famtlienzusammenhänge. Sie sind besonders wichtig für die Familiengeschichte der verstreut auf dem Lande ansässig gewesenen jüdischen Familien und aufschlußreich für die Wanderungsgeschichte der Juden. Zeitlich über sie hinaus reichen häufig noch die T h o r a w i m p e 1 n , die besonders in Mittel-, West- und Süddeutschland üblich waren. Auf diesen bemalten oder bestickten Thorabändern finden sich die Geburtsdaten der Knaben, in deren Namen diese Wimpeln dem Dienste der Synagoge geweiht wurden. Sie stellen daher einen, allerdings mit Schwierigkeiten deutbaren, Ersatz für alte Geburtsregister dar und müssen deshalb wenigstens soweit es; sich um ältere Stücke handelt, vor der Vernichtung geschützt werden. Im Gesamtarchiv der Juden in Deutschland sind Tausende dieser Wimpeln — besonders aus Hessen-Nassau —: aufbewahrt. Diese Sammlungen zu vermehren, ist ebenfalls Aufgabe des Archivschutzes, und auch hierbei kann das jüdische Publikum durch Einwirkung auf die Heimatsgemeinden helfend mitwirken. Häufig schon schien eine 'familiengeschichtliche Forschung rettungslos versanden zu müssen, da tauchte plötzlich ein bisher nicht beachtetes hebräisches Gebet- oder Sfudierbuch auf, in dem biographische Daten, Geburten von Kindern, Sterbetage von Eltern, Großeltern und Urgroßeltern in hebräischen Lettern verzeichnet waren--und die Forschung war über den toten Punkt hinweggekommen. In den vielen kleinen Gemeinden, die jetzt zusammenschrumpfen und zum Erliegen kommen, finden sich unzählige hebräische Bücher in den kleinen Synagogen und ihren Lernzimmern. Es gehört ebenfalls in das Gebiet des I Archivschutzes, daß man diese Bücher, ob sie nun gut. erhalten oder schon stark zerlesen sind, darauf- 1 hin genau durchsieht, ob sie hebräische oder deutsche handschriftliche Eintragungen enthalten.

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