Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1938)
- Date
- 1938-06-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 25 _______ Der I s r a e Ii t •^'^^^^^^f^^^^^^^^^^^^^^^^^^^S^^^' -:: '■^^^^■"^-y^^^^-^^^^ ^^^J^^X^^r^^^^^^^^i^-- tums anerkannt werde. Der Rabbinerverband hält in bestimmten Intervallen seine Sitzungen, ab. Sein© Geschäfte werden von einem aus 17 Mitgliedern bestehenden Waad Häpoel geführt, der seinerseits ein fünfgliedriges Präsidium wählt. Mindestens zweimal im Jahre muß der Waad Hapoel zu einer Beratung zusammentreten. Der W. H. hat. eigenes Büro und Sekretariat, das Budget des Rabbinerverbandes wird von der Regierung gedeckt. Zu den Kompetenzen des Rabbinerverbandes gehören u. a. Entscheidungen in allen religiösen Angelegenheiten, Mitwirkung und Aufsicht bei Rabbi- « erwählen (die Exekutive muß eine Rabbiner wähl bestätigen und kann sie auch annullieren), Ausarbei fung von Normalplänen für den religiösen Unterricht die Bestätigung von Schochtim, Schlichtung von Streitigkeiten in den Gemeinden. Aus diesen Hauptbclangen ergeben sich aber noch kleinere Aufgaben die der Leitung des Rabbinerverbattdes eine große Verantwortung auferlegen. Alles in allem kann das Bild, das der Rabbiner von der inneren und äußeren Lage der Juden in Litauen entwarf, als durchaus befriedigend gelten. Belgien. Die Fremdengesetzgebung im belgischen Parlament. Brüssel, 18. Juni. In der belgischen Kammer kam am 17. Juni eine Interpellation über „die Drohungen und Aus Weisungen gegen gewisse Klassen von Ausländern" zur Sprache. Die Interpellation stützte sich auf fünf Punkte, nämlich die „Zurückweisung deutscher und österreichischer Flüchtlinge an der Grenze""; auf die „willkürlich gegen das Asylrecht verstoßenden Ausweisungen"; auf die Haltung, welche die Regierung im Oktober in Genf gegen das Asylrecht eingenommen habe; schließlich auf die Verstärkung der ge gen die in Belgien lebenden Ausländer ergriffenen Maßnahmen. Der Justizminister antwortete in längeren, zum Teil grundsätzlichen Ausführungen, in denen er zunächst darauf hinwies", daß die Fremdengesetzgebung auf eine Regelung unter Vandervelde zurückgehe. Er habe keine Neuerungen eingeführt, sondern nur die geltenden Regeln veröffentlichen lassen, um ihre genaue Anwendung zu sichern. Für Geschäfts- und Vergnügungsreisen würden die Regeln der Gegenseitigkeit den verschiedenen Ländern gegenüber angewandt. Einreisegenehmigungen würden ohne Schwierigkeit gegeben, wenn es sich nicht um Ausgewiesene handele. Bei Anträgen auf einen dauernden Aufenthalt in Belgien müsse die wirtschaftliche und soziale Lage Belgiens berücksichtigt werden, weshalb der Arbeitsminister und der Minister für soziale Fürsorge gehört werden müßten. Was die politischen Flüchtlinge angehe, sei schon durch eine königliche Verordnung von 1936 ein Ausschuß mit beratender Stimme geschaffen worden, dessen Ansicht der Minister sich im allgemeinen anschließe. In diesem Ausschuß sitze entgegen irrigen Darstellungen, die kürzlich verbreitet worden seien, jeweils nur ein Vertreter der Flüchtlingsorganisationen, und diese werde von den Flüchtlingen selbst nuter den für den Ausschuß bestimmten Personen gewählt. Der politische Flüchtling habe aber die Pflicht größter Zurückhaltung gegenüber innerpolitischen oder außenpolitischen belgischen Fragen. Von den 8 311200 Einwohnern Belgiens seien 320 000 oder 4 Proz. Ausländer. Das Ausländerproblem sei daher sehr schwierig geworden, und man müsse das nationale Interesse mit den humanitären Maßnahmen in Einklang bringen. Die Absorptionsfähigkeit Belgiens könne nicht überschritten werden, und man könne nicht Gefahr laufen, soziale oder wirtschaftliche Störungen hervorzurufen. Der Rücktritt des belgischen Delegierten de Brouckere in Genf erkläre sich daraus, daß dieser entgegen seinen Instruktionen der Ansicht gewesen sei, Ausländer könnten auf belgischem Boden in freien Wettbewerb mit den belgischen Arbeitern treten. Der Minister vertrat demgegenüber die Ansicht, daß den Belgiern der Vortritt zukomme. Er verwies auf die Maßnahmen der Schweiz, Englands, Frankreichs. Luxemburgs und besonders der Niederlande, wo im Mai äußerst strenge Maßnahmen gegen die Ausländer ergriffen worden seien. Unter dem Beifall eines großen Teils des Hauses erklärte der Justizminister, daß er das belgische Regime „für das liberalste in Europa" halte. England. Palästinadebatte im Unterhaus. London, 14. Juni. " Der neue Kolonienminister erklärte heute im Rahmen einer langen jedoch wenig Neues enthaltenen Darlegung über die Lage in Palästina, daß die Haltung der Regierung zu dem Peel-Bericht unverändert dieselbe sei. Entscheidungen könnten jedoch erst getroffen werden, wenn der Bericht der'neuen Kommission vorliegt. In der Diskussion verlangte der Abgeordnete Jones von der Labour-Party eine Zusicherung, daß während der Vertagung des Parlaments von Ende Juli bis Oktober keinerlei Schritte zu .Gunsten der Teilung Palästinas geschehen würden, da das Parlament sich bisher auf diesen Plan in keiner Weise festgelegt habe. Er brachte alsdann das dringliche Bedürfnis verstärkter jüdischer Einwanderung nach Palästina zur Sprache und wünschte, daß die Ansiedlung von Juden im Negew ins Auge gefaßt werde. James de Rothschild führte eine Reihe erschütternder Beispiele an von dem Unglück, das durch die gegenwärtige Einwanderungspolilik über zahlreiche Familien heraufbeschworen werde. Es sei eine nicht zu rechtfertigende Härte den 7000 aus Oesterreich stammenden' Bewohnern Palästinas das Recht zu verweigern, ihre Verwandten nachkommen ZU lassen, Eine Erhöhung der Zahl der Zertifikate für Oesterreich sei eine unbedingte Notwendigkeit. London, 15. Juni. Der Kolonialsekretär Mr. Malcolm MacDonald erklärte gestern Abend in Beantwortung der Interpellation des Abgeordneten Jones, daß keinerlei endgültige Entscheidung über das Prinzip der Teilung getroffen werden würde, solange das Haus nicht die Gelegenheit gehabt habe, seine Meinung zu dem Gegenstand zum Ausdruck zu bringen. Die Regierung sichere ausdrücklich zu, daß die Rechte des Parlamentes vollkommen gewahrt bleiben würden. Zur Erforschung des Jordan-Tales, Transjordaniens und des Negew in Bezug auf Wasserquellen habe die Regierung 44 000 Lst. zur Verfügung gestellt. In Bezug auf die Fragen nach der Politik der britischen Regierung auf der Evian-Konferenz erklärte der Minister,. die Regierung sei jetzt damit beschäftigt, diese Politik zu erwägen und er sei noch nicht in der Lage, Auskunft über das Ergebnis dieser Beratungen zu geben. Eine temperamentvolle Rede hielt Colonel W e dg e w o o d. Er riet den Juden, sich weniger zu beschweren und lieber mehr zu tun. Die Juden könnten aus der Politik des indischen Führers Gandhi vieles lernen, auf welche Weise man die britische Regierung besiegen könne. In dieser Nachkriegswelt sei es nutzlos, an die Gerechtigkeit zu appellieren. Der Appell an die Gewalt sei der einzige We^. Di« britische Regierung solle in Palästina die Juden bewaffnen, damit sie sich selber ihrer Haut wehren. Alles andere sei demütigend und nutzlos. Palästina werde heute von England schlechter regiert, als in den Zeiten der Türkei. „Je schneller, so schloß Wed- •gewood, wir die Juden bewaffnen und ihnen erlauben, ihr eigenes Geschäft zu führen, desto besser ist es für den Ruf des Landes und für die Menschlichkeit und Ehrlichkeit." Den Ausführungen Wedgewoods wurde natürlich von anderer Seite lebhaft widersprochen. Der Abgeordnete Pickthorn gab der Meinung Ausdruck, daß die beiden Fragen der jüdischen Leiden in Europa und der jüdischen Ansiedlung in Palästina nicht miteinander verbunden werden dürfen. Die Gefühle der arabischen Nationalisten seien ebenso echt und aufrichtig, wie diejenigen der zionistischen Juden und beides miteinander zu versöhnen sei nicht leicht. Abg. C r e e c h plädierte für eine großmütige Interpretation des Begriffes der „ökonomischen Aufnahmefähigkeit" bei der Einwanderung. Der Abg. Mc. G o v e r n wies nach, daß der Terror in Palästina seinen Ursprung habe in den Intrigen der arabischen Großgrundbesitzer, die eine Schädigung ihrer Interessen durch die von den Juden eingeführten sozialen Fortschritte befürchteten, Mc, Govern entrollte ein lebendiges Bild von der gegenwärtigen Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa und stellte ihm die Leistung des jüdischen Volkes in Palästina gegenüber. Der Abgeordnete Denman sagte u. a.: „Von vielen humanitären Gründen abgesehen wäre es vom Standpunkte unseres ureigensten Interesses eine Tollheit von uns, wenn wir an dem Worte, das wir dem jüdischen Volke hinsichtlich der Schaffung des Nationalheims gegeberi haben, irgendwie deuteln wollten. Auch strategische Erwägungen sprächen für die Errichtung eines freundlich gesinnten und mächtigen Staates im östlichen Mittelmeer. Dabei müsse aber das Mandat beibehalten werden, wofür England sowohl dem Völkerbund gegenüber als auch Italien gegenüber verantwortlich sei. Die „Teilung" biete keine Lösung, solange sie nicht von den Arabern gutwillig' akzeptiert wird. Aber selbst wenn die Re-. gierung an der Teilung festhalte, so bestehe nicht der geringste Grund, warum nicht bereits jetzt die Tore -für eine starke jüdische Einwanderung geöffnet würden. Je stärker diese Einwanderung sei, desto sicherer würden sich die Araber mit einem wirklich lebensfähigen jüdischen nationalen Heim in Palästina abfinden; Solange - man davor zurückschrecke, würden die arabischen Agitationen und die Schwierigkeiten fortdauern. Auszeichnungenvon Juden in England. London, 16. Juni. Anläßlich des Geburtstages des englischen Königs wurde auch eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten, die sich um das öffentliche Leben im "British Empire verdient gemacht haben, ausgezeichnet. Südamerika. Einwanderung in Uruguay. Montevideo, 8.^Juni. Der neugewählte Präsident des Landes, Signor Balgomier, veröffentlicht im' Mitteilungsblatt der jüdischen Gemeinde von Montevideo eine Bekanntmachung, in der es u. a. heißt: „Uruguay ist dünn bevölkert und braucht Einwanderer, aber hauptsächlich Landwirte, denn wir wollen kein Arbeitslosenproblem aufkommen lassen. Ich glaube nicht, daß es hier eine nennenswerte judenfeihdliche Bewegung gibt, wenn-auch unter kleinen Handelsleuten der Stadt eine gewisse Unruhe über die Konkurrenz der jüdischen Einwanderung und ihre modernen Geschäftsmethoden besteht. Aber es ist unwahrschein: lieh, daß aus dieser Stimmung eine dauernde judenfeindliche Strömung erwächst. Ich verstehe, daß Juden, die gezwungen sind, ihre Wohnländer zu verlassen, nach neuer Zuflucht Ausschau halten. Uruguav ist bereit, für seinen Teil an der Lösung dieses Problems mitzuarbeiten. Weder Verfassung noch Gesetz de«1 Landes kennen Unterschiede der Religion oder der Abstammung. Ein plötzliches Ansteigen der Einwandererzahl kann daher nur Gesetze auslösen, die zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Gleichgewichts notwendig sind." China. Existenzmöglichkeit in Shanghai. Shanghai, 3. Mai. (Aus einem Briefe an den „Hilfsverein"): Es treibt mich, Ihnen für alles, was Sie für mich bei meiner Ausreise aus Berlin getan haben, wieder und wieder von ganzem Herzen zu danken. Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich und zufrieden, wie ruhig wir hier leben, ich werde niemals vejgessen. daß dies alles letzten Endes durch Ihre ausgezeichnete Beratung und durch die Organisation des Hilfsvereins ermöglicht wurde. Ich nehme an, daß es Sie auch im Interesse der jetzt Auswandernwollenden interessieren wird, wenn ich Ihnen etwas über die Lage hier schildere. Wie ich schon seinerzeit von Hongkong aus meiner Mutter schrieb, möchte ich unbedingt davon abraten, jemanden nach Hongkong zu schicken. Die Arbeitsmöglichkeiten sind dort so gering, daß für keinen Beruf die geringste Aussicht besteht. Ich habe durch Glück und Zufall im Hongkong-Hotel als Musiker Stellung bekommen. Ich bin vor V/t Monaten mit meiner Familie nach Shanghai hinübergewechselt, da hier die klimatischen Verhältnisse viel günstiger sind, außerdem sind hier die Existenzmöglichkeiten und Lebensbedingungen viel vorteilhafter als in Hongkong. Ich habe hier Leute der verschiedensten Berufsgattungen gesprochen. Es gibt nicht einen einzigen Juden hier, der sich nicht ernähren kann. Jeder hat sein Auskommen und lebt glücklich und zufrieden. Voraussetzung ist' natürlich, daß man irgend etwas können muß und intensiv arbeiten kann. Ich sage Ihnen ganz unverblümt, für solche, die nicht schwer arbeiten, ist hier nichts zu wollen! Aber seriöse, pflichtbewußte Leute finden hier auf alle Fälle Beschäftigung. Gute Musiker, speziell Pianisten sind gesucht, weiter sind viel Aerzte hier, die alle ihre gute. Praxis haben, Kaufleu t e haben ebenfalls ihr Auskommen gefunden, ganz besonders günstig ist die Lage für weibliche kaufmännische Angestellte, man sucht hier immer Sekretärinnen oder Stenotypistinnen, Bedingung ist allerdings perfekte englische Sprachkenntnisse. Alle Lebensmittel, Garderobe usw. sind hier sehr billig, das Klima ist sehr angenehm, drei Monate allerdings sehr heiß, aber neun Monate sehr schön mit sogar drei Monate langem Winter. Für Kinder ein sehr" guter jüdischer Kindergarten und eine ausgezeichnete jüdische Schule, beide Institutionen werden von meinen Kindern besucht, sie fühlen sich sehr wohl dort. (Wie steht es-mit dem religiösen Geiste in dieser Schule? Red.). Wenn Sie jemandem Shanghai empfehlen wollen, halte ich es für angebracht, wenn Sie mich vielleicht vorher kurz über die Fähigkeiten des Betreffenden unterrichten würden, ich bin gern dazu bereit, mich über die entsprechenden - Möglichkeiten zu unterrich-; ten und Ihnen dann nüchtern und verantwortungs- \ bewußt ZU berichten. Wenn Sie jemanden hierherschicken wollen, möchte ich empfehlen, den Landweg über Sibirien zu benutzen, dieser We'g ist sehr bequem, außerdem schneller (15 Tage) und billiger (pro Person etwa RM. 285.—) als der Schiffsweg (23 bis 25 Tage). -