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Der Israelit · 1938-06-23 · Heft 25 (23.6.1938) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 25 (23.6.1938)
Date
1938-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Schmelzung .der rTallgemeiiien Kulturwerte in* die jüdische Wertwelt uns -außerordentlich problematisch erscheint. Erst das XIX: Jahrhundert bietet uns in der Gestalt S. R. Hirschs einen „Wegweiser in .die Geschichte". Das Programm S. R. Hirschs muß auch unter den veränderten Bildungsbedingungen, unter denen das Wachstum unserer Jugend steht, seine lebenformende Bedeutung, die wir in die neue Zeit hinübertragen wollen, beweisen. Neue. Parolen im jüdischen Kreis sind ausgegeben worden; sie tragen nicht alle das Gepräge der Thora und sind oSt gefährlicher für unsere Jugend als im ersten Augenblick deutlich wird. Keine Bewegung wäre geeigneter, eine klar«, den Zeitverhältnissen des jüdischen Volkes entsprechende Parole auszusprechen, als die Agudas Jisroel. Sie könnte dank ihrer der Thora gemäßen Konzeption in hervorragender Weise den Weg zeigen, der zur Geschichte im echten Sinne hinführt. Sie hätte es sogar leichter gehabt, als unter ähnlichen Lebensverhältnissen frühere Generationen es hatten* Unsere Jugend-war vorbereitet. Die jüdische Jugendbewegung, die; zur Kulturbewegung nicht nur im erzieherischen Bezirk, sondern auch in der Gemeirischaft wurde, hatte den Boden bereitet. Wie schwer wäre es unserer Jugend gefallen, hätte sie sich in der Jugendgruppe nicht den Sinn für Gemeinschaft, einfache Lebensform und echtes Lebensgefühl geschärft. Hier wurde auch der Grund gelegt für die kritische Betrachtung der geistigen Welt; in der die Judenheit lebte. Begriffe, die uns heute selbstverständlich geworden sind, haben in den Bünden erst ihre lebensgestaltende Kraft und Formung erhalten. Diese Dynamik hätte die agudistische Bewegung in ihren Räumen konstruktiv einbauen müssen, dann hätte sie .eine" bessere Sicherung erhalten, als ihr mancher Vorsitzender eines Ortsverbandes zu bieten vermochte. Wir haben eine klare Diskussion dieser Problematik vermißt. Ueber eine allgemeine, die Ziele der agudistischen Bewegung umreißende Formulierung ist man nicht hinausgekommen. Das Pathos war zu stark, denn dabei schien der Alltag verloren zu gehen. Gewiß hat Isaac Breuer auf die Probleme hingewiesen, die der Alltag stellt, gewiß hat er den Gedanken auch auf die Ziele der Agudas Jisroel gelenkt und ihr Verhältnis zueinander abgesteckt, aber wo ist die Wirkung seiner opferreichen Bemühung? Wo ist das Echo seines Rufes? Mit zufriedener Geste hat man auf „unsere Jugend" hingewiesen. Wo steht diese Jugend? Ist sie ägudistisch? Sie ist es, so lange die agudistiscEe Bewegung sich durch Taten für ihre Arbeit in dem Maße verantwortlich fühlt, das dem Opfer des Einsatzes gerecht wird. In Erez Israel ringen unsere Kibbuzim um ihre Zukunft. Wie das ferne Land der Seligkeit suchen sie in" unerhörtem Aufwand von - Lebenskraft eine? relativ sichere Grundlage für^" ihre Zukunft, Der Poel, der agudistische Arbeiter,, glaubt an die sieghafte Kraft:; der Thora, er .weiht ihr sein Leben, aber seineArbeit dient dem Aufbau de s Lahdes. Unter diesem Gesichtspunkte sieht er die Probleme des jüdischen Lebens. Unsere kulturelle Lage wird heute durch die Intensität der Einsatzkraft für den Aufbau unseres Landes weitgehendst bestimmt. Unser Lernen, unsere geistige Arbeit kreisen um die Frage, wie können wir durch einen Anteil am Binjan Haarez der Thora eine Stätte in Erez Israel bereiten, damit sie herrsche in unserem Lande. Niemals hat eine Bewegung sich in der Geschichte durchgesetzt, wenn .sie im Leben ihre KraH durch Leistung nicht bewiesen hat, - Die Opfer unserer Menschen dürfen nicht umsonst gebracht sein. Wir hören täglich schriftlich und mündlich von unseren Chawerim und Chawerot: „Wir wollen alles einsetzen, nur laßt uns am Ende als Lohn nicht die Aussichtslosigkeit!" Der Noar Agudati hat bewiesen, daß er Menschen zu stellen fähig ist, die ihr Bestes für das Land au geben vermögen. Die Bundesleitung übernimmt die Verantwortung für diese Menschen, weil sie der Meinung ist, daß die Gesetzestreuen in der Welt dem Aufbauwerk in Erez Israel ihre Aufmerksamkeit und ihre helfende Tat widmen, damit sie eine praktische Lösung ihrer Lebensfragen sehen. Agudas Jisroel steht heute in der Zeit der Bewährung. Kann sie ihren Menschen Hitjaschwutmöglichkeiten geben, das ist die Frage unserer Jugend auf unseren Hachscharot hier und in unseren Kibbuzim drüben. Die Verantwortung für den agudistischen Poel ist die Erscheinungsform der Verantwortung für das jüdische Volk. Unsere Kibbuzim sehen in ihrer Lebensform den_ Schlüssel für die Bewertung der Thor agesinnten im Lande. Ihr Erfolg ist der Erfolg der Thora,. ihre Stützung ist ein Beitrag zur Rettung der Nation in unserem Lande. Im Aufbauwerk sollen sich alle jüdischen Menschen Angesehene Mitglieder der Lubliner Gemeinde verbinden. Nicht im Streit um die Ideologien, sondern im Kampf um die Menschen der Thora liegt der Sinn unserer Arbeit beschlossen. Der praktische Weg muß mit allen denen gemeinsam beschritten werden, die es mit unserer Thora Hakdpscha und mit Erez Israel ernst meinen. Wir sind entschlossen, unsere Menschen nicht im Stich zu lassen und unter Vorantritt unserer Rabbanim jeden konstruktiven Weg der Hilfe zu gehen. Die Zeit der hoffenden Vertröstung ist vorüber. Die aktive Lebensgestaltung hat die passive Lebensbetrachtung überwunden. Diese Haltung muß sich in der konstruktiven Leistung der Organisation ausdrücken. Das ist die Ant1 wort auf die Frage nach der Stellung der Jugend zum Agudismus. Wim lo achschaw ematai! Wochenkalender. Vom?5. Juni — 2. Juli J938 / Vom 26. Siwan — 3. Tammus 5698 »Öl» *|*T nu Samstag 25 26 »y 'i '7i 's fb-nbv rn» Sonntag 26 27 3ff Pinn Montag 27 28 » Dienstag Juni 28 ]Y>0 29 ro*n top -iis3 m» Mittwoch 29 30 a ann ffiw 'N Donnerstag 30 Ti»n 1 3 tnn r»n 'a Freitag Ju]i 1 2 1 Samstag 2 2 n 'a '8 pia mp tob bar, auch einmal mit Lublin außerhalb der Jeschiwa in Berührung und Fühlung zu kommen. So etwa um die Mitternachtsstunde sitzen wir im Empfangszimmer des Rabbi bei dampfendem Tee zu einer kleinen Beratung und zwanglosen Aussprache. Späte Nachtstunde gibt es in Polen nicht, man. steht über der Zeit, Man läßt sich von der Uhr nicht tyrannisieren. Die andere, die Sonnenuhr im Herzen, hat keine Zeiger und ihr rascher warmer Schlag hat etwas von der Weite des tausendjährigen G'ttestages ... Der Rabbi gibt Auskunft über den Geschäftsgang der Jeschiwa und entwickelt eine finanztechnische Vertrautheit, die die Großkaufleute in unserer Delegation geradezu in Staunen setzt. Amortisation, Hypothekenrecht, Bankgesetz usw. sind ihm so vertraut, wie die schwierigen Partien, die er einige Stunden vorher im Talmud Sebachim erläutert hat. Neben der Glanzseite hat die Jeschiwa auch ihre kleine „Träneninsel": in der Kanzlei, wo Fachleute Budget aufstellen und das Soll und Haben regulieren. Wer aber die entschlossenen Züge in diesem Gesichte ansieht, weiß.' Der .Wundermann wird auch dieses Wunder fertigbringen. „Könnte ich meine Talmidim verlassen, ich würde aus Amerika noch einmal 100.000 Dollar holen." Da gibt er Erlebnisse, Erfahrungen und Anekdoten aus seiner Amerikareise zum Besten. Er hat eine geniale Art, zu erzählen, die die Pointe -geradezu künstlerisch und frappierend herausarbeitet. Es lohnt sich* einiges aus diesem „Mitternachts-Tee" wiederzugeben: V „Heißt es nicht dennoch in der Mischna der Sprüche: S o ist der Weg der Thora, Brot in Salz getaucht, Wasser mit ,'Maß usw.?" wagen wir zu fragen mit Hinblick auf die Größe und Weite des Hauses und die vortreffliche Verpflegung der Schüler. „Das wird uns oft gesagt," meint er. Und er erzählt uns eine hübsche Geschichte: „Während der Kämpfe zwischen dem Gaon und dem Führer des Chassidismus kam einmal der Ladyer Raw ungekannt zu Pessach in ein kleines Städtchen bei Wilna. Am Vorabend des Festes wollten sie nach chassidischem Gebrauch das Hallelgebet in der Synagoge anstimmen, was ihnen aber verwehrt wurde. So warteten sie bis zum Schlüsse des G'ttesdienstes, schlössen sich in "der Synagoge ein und sangen ungestört ihr Hallel. Der Schamines aber schlug Lärm, und die „Uebeltäter" hatten sich vor dem Ortsrabbiner und seinem. Bes Din zu verantworten. Sie gaben ihr Vergehen ohne weiteres zu und beriefen sich auf Rabbi Josef Caro, der in seinem „Schulchan Aruch" den Bratich anführt. Da geriet der Rabbiner in Zorn und schlug auf den Tisch: „Sagt nicht dazu der Remo: Weonu enom nohagim, wir haben den Brauch nicht?" „Gemach, lieber Rabbi.'" begütigte der Raw. „Wart ihr. dabei und habt ihr etwa gesehen, daß der Remo so wie ihr geschrieen und äüf den Tisch gesehlagen hat, als er diese Worte sprach? Er schrieb sie mit ganz anderem Nigun nieder, nämlich: „Wir leider haben diesen so wunderschönen Brauch nicht! . . ." . Und indem wir noch über diese Anekdote an sich lachen, kommt die eigentliche Pointe; »Wißt ihr, wie der Tana der Mischna' das „Kach hi darko schel Thora" gesungen hat? Auf den Ton kommt es an. „So so müssen Thorajünger leben ■— arme Kinderchen! — Brot und Salz, Wasser mit Maß, auf der Erde schlafen. Nein, so darf es nicht weiter gehen!" Die Antwort ist L u b 1 i n f Wir sprechen auch von anderen Dingen, vom Bildungsproblem, von Aguda, Ost und West. Dieser Führer eines Internates, einer in sich geschlossenen jüdischen Welt, kennt die große Welt in Europa und Amerika wie kaum ein zweiter. Er trägt ein Weltbild in seinem Herzen, das in blendenden Ausstrahlungen zu uns spricht. Ausklang. Es ist 1 Uhr nachts, da wir uns, mit den Gästen, über zweihundert Menschen, an die reich gedeckten Tafeln zu „Melawe Malka" setzen. Der treffliche Samuel Eichenbaum, der Lubliner Magnat, der das Grundstück für die Jeschiwa geschenkt und auch sonst die größten Opfer gebracht hat, ist wie viele Notabein der Stadt und Umgegend mit dabei. Gesänge, geistvolle Reden zwischen den einzelnen Gängen nehmen uns die letzte Empfindung für die Zeit, für die Grenze zwischen Tag und Nacht. Der Chasan mit seinen Helfern holt in seinen Smiraus das Beste und Letzte aus sich heraus, eine hochwertige Artistik, in Keduscha übertragen. Wir schwelgen in einer altneuen Welt, von der wir nichts wußten und die wir mit der Seele doch schon irgendwie kannten. Und da dieser Höhepunkt, dieses Fest aller Feste in Lublin, von einem herrlichen Sonnenaufgang gegen 5 Uhr morgens überstrahlt ist, schließen wir gleich das Schachris-Gebet an, so frisch und frohgemut, wie äus einem Stahlbade hervorgegangen. Mit diesem unvergleichlichen Lubliner Sabbat im Herzen sitzen wir Sonntag um neun im Zuge, der uns nach Warschau bringen soll. —tz.

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