Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1938-06-23 · Heft 25 (23.6.1938) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 25 (23.6.1938)
Date
1938-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2451012-2451036--83791-2541816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

?ü»*BW?55?SW35!?= Seite 4 Nr. 25 j^t^^^fsmi^1^^ ii^^ij^^^ D er I s r a e 1 i t Der Präsident der Agudas Jisroel Weltorganisation auf der' Reise nach Lubiin hebt uns hinweg über alles Leid des Tages, läßt den Geist der Ewigkeit und Unverwüstbarkeifc in uns strömen, macht uns unsterblich! in aller Welt feiert man den Thoratag; wer "m der Enge, wer in der Einsamkeit lebt, sr feiere ihn doppelt innig, doppelt herzlich/ In das Dunkel unserer Tage, in die Einsamkeit unserer Herzen lassen wir hineinströmen den Geist von Lubiin, die Thora von Lubiin, den Sang von Lubiin, den Optimismus und die Gewißheit von Lubiin: uay 13 ... . "isim?T2W flSW- Wie der Daf Jomi entstand. Wir, die wir das Glück hatten, dabei zu sein, sehen ihn noch leibhaft vor uns, den Rabbi, wie er leuchtenden Auges im Kongreßsaal der ersten Kenessio Gedaulo mit Worten, die wie köstliche Perlen durch den Raum leuchteten, die Geburtsstunde des Daf Jomi ankündigte. 1 a n d , Polen, Die Worte, die er dabei gebrauchte, lauteten ungefähr wie folgt: Im Talmud, Traktat wir vom ersten Adam Sanhedrin lesen "in bVijwj bsn -wsin iiss .... . . Der Urmensch setzt sich aus der Erde des ganzen Erdballs zusammen, Der Kopf wurde aus der Erde Er ej; Israels gebildet, der Rumpf aus der Von Babylon, während für die übrigen (Miedmaßen Erde aus allen Ländern und Kontinenten der Welt zusammengetragen wurde. Meint vielleicht Talmud damit nicht Adam den Menschen, sondern das "iso ata fiiifcifl, das „Lebensbuch des jüdischen Menschen", als welches wir die auf Grund der schriftlichen Lehre abgefaßten TinVnn mo betrachten und die seit Jahrtausenden den einigenden Kitt zwischen den jüdischen Geschlechtern und Generationen bilden. Schlagen wir dieses ms nnVin iöd auf, dann haben wir einen Organismus vor uns, der. die Elemente aus.all e n Weltteilen in sich vereinigt.' Da' steht als Kopf-, Mittel- und Ausgangspunkt, die M i s c h n a , und sie ist in E r e z Israel beheimatet. Vom Kopfpunkte der Mischna aus entwickelt sich mit der Gemara groß und breit der Rumpf, und diese Gemara ist in den Hochschulen zu Babylon entstanden. Rundherum, um Mischna und Gemara, ' strahlen als Gliedmaßen die Kommentare, die Erklärungen, die Erläuterungen und Randglossen aus.' Raschi, Tossafoth, und am Ende des Traktates Rosch, Maharam, Maharscho, Maharschal usw. Diese Ausläufer, gleichsam die auslangenden Glieder, kommen aus allen Teilen der Welt, sind die reife Frucht der Geistesarbeit inDeutschin Frankreich, in Spanien und in Der Gemaratraktat ist somit der Globus der jüdischen Zerstreuung, der Zentralpunkt, von dem alles jüdische Leben ausgeht und zu dem alle Stiföme des Lehens zurückfließen. Es soll dieses Buch der Gemara wieder einmal alle Glieder und Teile Israels in einem Organismus vereinigen, daß sich Teil zum Teile finde und das Ganze fest und ragend wie am ersten Tage stehe. Wenn sich Lernende begegnen, grüßen sie sich mit einer Stelle des Daf Jomi, unsere Korrespondenz trägt als Datum das erste Wort des Daf Jomi. Von neuem ist das DTK mibtn ")00 aus der Erde aller Welt zusammengestellt, Der Jubel, mit dem diese Worte von den Tausenden im Saale aufgenommen wurden, hallt in unseren Ohren nach. Wir vernehmen heute noch sein Echo, so oft wir die Gemara aufschlagen, um den Daf Jomi zu lernen ... Jugend und Agudismus. Von Herbert Sonn in Berlin. (Mitglied der Bundesleitung des Noar Agudati.) In den letzten Jahren wurde oft der Versuch unternommen, das geistige Bild der Agudas Jisroel zu umreißen und diese in die veränderte Wirklichkeit des jüdischen Lebens einzubauen. Nach zwei Richtungen hin erstreckten sich diese geistigen Bemühungen. Aus der Vergangenheit entlehnten unsere Ideologen ihre Begriffe, um die Zeitüberlegenheit der Inhalte der Aguda zu beweisen. Dabei leitete sie die Erkenntnis, daß) die Ideologie der Agudas Jisroel den Gesamtinhalt der Thora umfasse und nur mit den Mitteln der Organisation eine breitere Grundlage in unserem Leben erhalten müsse. Darüber hinaus galt es, die Wirklichkeit unseres Lebens zu durchleuchten und im Schritt durch die Gegenwart die Anwendung der gültigen Forderungen der Thora zu erreichen. Diese Methode ist nicht nur sachlich erforderlich, sie vermittelt vor allein unserer Jugend einen Einblick in die tieferen. Grundlagen der Begriffe, die im öffentlichen Leben des jüdischen Volkes immer wieder genannt' werden. Es gibt wohl kaum eine Epoche in der Galutgeschichte der neueren Zeit, in der die Teilnahme aller lebenden Generationen am öffentlichen Leben des jüdischen Volkes so lebendig war, wie dies heute der Fall ist. Die Begründung; dieser Tatsache ruht äußerlich gesehen im epochalen Charakter unserer Zeit, in den grundlegenden Veränderungen unserer Lebenslage, die eine schöpferische Neuformung gebieterisch fordert. Jeder Jude ist in diese Neuprägung des jüdischen Lebens hineingestellt und hat die unabweisbare Pflicht, in die Zeit zu gehen, um? sich in ihr zu bewähren. Zeitenwenden sind' immer der klassische Boden für schöpferisch wirkende Persönlichkeiten, ja, sie fordern gerade das richtungweisende Wort dieser Menschen. Wir wissen, daß in der Emanzipationsepoche solche geniale Menschen fehlten und dieinnere Vorbereitung für das Hinaustreten jüdischer Menschen in die allgemeine Kultur sehr unvollkommen war, Die Kritik, die in unserer Zeit an den Lösungen der Emanzipationsgeneration geübt wird, beweist deutlich, daß wir uns^ an den Fehlern jener Zeit wohl orientieren können, aber ihre schöpferische Leistung, die Ein- Ein Lubliner Sabbat. AttS den Erlebnissen der K. H.-Reisegesellschaft im Sommer 1931, Inzwischen hat das Lehrhaus sein sabbatliches Gewand angelegt und sein sabbatliches Gesicht angenommen. Der Lehrraum strahlt im Lichte der hundert Birnen. Oben die Galerie ist wieder Kopf an Kopf gefüllt. Unten die Jünger haben sich verwandelt, sind zumeist in schwarzseidene Kaftane gekleidet, die Mütze, in gleicher Form wie am Wochentage, ist aus Samt oder Atlas, die vergeistigten Gesichter frisch gewaschen, die Löckchen hübsch gedreht. Ein G'ttesdienst hebt an, wie wir ihn in dieser heiter gehobenen Art noch nicht erlebt haben. Einen eigenen Chasan mit drei „Helfern" hat sich unser Gastgeber eigens für diesen Sabbat uns zu Ehren verschrieben, und das Terzett schmettert ein Lecho-Daudi dahin, das in seinen kräftigen Marschtönen ZU den Andachtswellen der anderen Gebete stark kontrastiert. Zwei volle Stunden nehmen Gesang und Gebet in Anspruch. Eine Lernstunde vor „Borochu" wird eingelegt. Viele Gäste, Vorsteher, Gönner der Jeschiwa, Rabbis aus der Umgegend, nehmen an diesem Lubliner Sabbat teil und die Ehrensitze neben uns ein. Ueber 200 Mann stark sitzen wir dann an der Freitagabend-Festtafel, die von Gesängen, Gebeten und herrlichen Weisen widerklingt. Die Diener in Kaftan, an deren Spitze der köstliche Reb Abbe, werden nicht müde im Auftragen. Ihre Gesichter strahlen. Alle, Schüler und Meister, Gäste, Einheimische und- Dienstpersonal {keine Frau ist im Hause zu erblicken), auch die Zaungäste draußen an Fenstern und Türen, sind von der großen heiligen Sabbatseele zu einem Stücke verschmolzen. Es steigen auch Reden. Und wenn sich lange nach Mitternacht der Rabbi mit Gesang erhebt, gibt es noch einen Tanz im Reigen unter den Klängen des „Uzu-Ezo", einer Melodie, die uns noch lange in den Ohren klingen wird. Am Sabbatmorgen beginnt der G'ttesdienst nicht zu früh, aber er dehnt sich bis zum Nachmittag aus. Im Mittelpunkte stehen die vortreffliche Ansprache eines Jüngers in Kaftan und Pejes, dem man die Berliner Abstammung nicht ansieht, eine machtvolle Predigt des Rabbi selbst und eine gute Rede des Herrn Oberrabbiner Dr. Carlebach. Wenn die Mittagstafel mit Gebet und Gesang zu Ende geht, ist es bald Zeit für den angesagten Schiur, für den wir uns alle vorbereitet haben. Mit starker, wohllautender Stimme lernt der Rabbi volle zwei Stunden den 200 Menschen im Saale den täglichen Schiur aus Sebachim vor. Jünger aus allen Bänken -— die Plätze werden von Woche zu Woche ausgelost, auf daß es keine Bevorzugten gibt — greifen in die Vorlesung mit Fragen und Ansicht etwas schüchtern, aber bestimmt ein. Eine knappe Weile nur bleibt für die „dritte Mahlzeit" übrig. Man muß sich die Kraft sparen für das Abschiedsfest, Abschied von Prinzessin Sabbat, Abschied von den Gästen; für „Melawcd Malka" . , . * * ' * Ein Zwischenakt, Zuerst gibt es noch nach Sabbatausgang eine- Veranstaltung der Zeiirei Agudas Jisroel, die die Anwesenheit der „Choschuwen Gäste" •— wie oft bekamen wir dieses Wort zu hören! — nutzbringend" anlegen wollen. Das nennt man hier eine „Akademie" oder einen „Spektakel". Letztere Bezeichnung trifft das Wesen solcher Veranstaltungen nicht übel. Wir sind im Lande, wo sich der Geist spontan die Form schafft, oder die Formlosigkeit zur Form macht, Man macht keine langen Prozesse — wie oft haben wir es in Polen erlebt! — Unangemeldet fährt die Droschke an, man wird hineingesetzt und zwangsweise vorgeführt. In einem Räume, der vielleicht Platz für einige hundert Menschen hat, drängen sich, tausend Personen, Weitere Hunderte postieren sieh' draußen an den geöffneten Türen und Fenstern. Man wird hineingeführt, mit hohen Worten begrüßt, aufs Podium gestellt, und man hat zu reden. Thema Nebensache! Anstand, Ruhe und Aufmerksamkeit während der Referate könnte das westliche Publikum bei den östlichen Brüdern lernen! Auch draußen an Türen und Fenstern legen sich die Wogen und tritt absolute Ruhe ein, sobald der „choschuwe Gast" das Wort ergreift, auch dann, wenn sein Deutsch nur zum geringsten Teile verstanden wird. Die Führer der Zeürim in Polen selbst verfügen über eine un-l heimliche natürliche Beredsamkeit. Die Termini sind' überall ziemlich die gleichen. Man begrüßt die „Delegazie" im Namen einer „Organisazie", verliest eine „Deklarazie" und foßt eine „Resoluzie". Diese Worte Und Begriffe gehep mit uns nach dem achten Tage unserer Polenreise herum wie Stücke von uns. Wir waren bei diesem Lubliner „Spektakel" dank— •■J*ür±

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.