Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1938)
- Date
- 1938-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Das SefermahL Von Arthur Kahn. (Schluß.) Das gefiel dem Wallhausener erst recht an Sarchen und festigte um so mehr den Entschluß in ihm, diese Perle für sich und Wallhausen zu sichern, sobald nur die Vierhunderttalersache auch sicher war. Der Triumph, das schwerste Frauenzimmer in der ganzen Gegend einst sein eigen nennen zu können, erfüllte Leibchen schon jetzt mit seligen Empfindungen. Welche Dimensionen mußte erst ihre umfangreiche Persönlichkeit erreichen, wenn sie als dereihstige „Parneste" (Vorstandsgattin) erst einmal der Stolz Wallhausens war! Vielleicht konnte auch er einmal eine Seferthora schreiben lassen. Dann sollte Sarchen denn doch sich ganz anders ausnehmen als das dürre, kleine Leibchen. Elias Algesheimer hatte verschiedene mißglückte Versuche im anderen Saale gemacht, mit Minchen Brandeis eine Harmonie herzustellen, die aber nur wenig gelingen wollten. Andere Gäste warben bei Minchen und da mußte denn Elias betrübt zugeben, daß die Schuld nur bei ihm.lag. Aber dem weltgewandten Marx war es nicht entgangen, daß sich Elias kränkte, wenn er sich auch bemühte, Fröhlichkeit zu heucheln. Ihm entging es eben so wenig, daß der zartbesaitete Elias für Minchen stark schwärmte. Er führte daher, in der freundlichen Absicht, Hilfsdienste zu leisten, Minchen zu dem in sich versunken dastehenden jungen Menschen. „Vielleicht werdet Ihr in euren Gedanken besser, harmonieren als beim Tanzen" meinte er bedeutungsvoll lächelnd. Und als* Elias wie ein junges Mädchen errötend, Minchen bittend ansah und zu Salomon dank bar hinblickte, wußte er, daß die beiden bald ein Paar werden würden. — — Viele Wochen lang bildete der herrlich verlaufene Seferchinuch den fast einzigen Gegenstand der Unterhaltung und der Wallhauser sorgte dafür, daß seine Verlobung mit dem dicken Sarchen noch zu weiteren nachträglichen Festbetrachtungen führte. Bei der Hochzeit erbat sich Leibchen das Unterführen von Beilchen und Schimme, denn diesen, behauptete der Wallhauser, habe er eigentlich erst sein umfangreiches Glück mit Sarchen zu verdanken. "Und überaus glücklich siebten die beiden siebenunddreißig Jahre, während denen Sarchen, sicher zur Freude ihres braven Leibchens, allgemach einen mächtigen Umfang und über zwei Zentner an Gewicht gewann. An Schimmes Geld war Segen, wie Leibchen häufig behauptete. Die vierhundert Taler fiachnosaß-Kallögelder, die Nathan Kahn dem* Wallhauser vor der Chuppe in lauter neuen Talerstücken aufzählte, vervielfachten sich im Laufe der Jahre. Und wäre nicht eines Tages das herzgütige Sarchen nach nur zweitägigem Kranksein in die Ewigkeit eingegangen, so hätte sich das Geld vielleicht noch weiter vermehrt und Leibchen hätte auch eine Thorärolle gespendet. Mit Sarchens Tod hörte Leibchen aber auf zu handeln; das Verdienen machte ihm keine Freude mehr. Auch für Elias sollte das Sefermahl eine Lebensfrage entschieden haben. Zwei Jahre waren seit demselben hingegangen, da starb Minchens Mutter. Das Mädchen stand jetzt ohne Verwandte allein in der Welt da. Dem Schimme, der seit dem Abend, an dem er das Mädchen so lange beobachtet hatte, sich väterlich für sie interessierte» tat das Minchen aufrichtig leid. Da ging er, als das Trauerjahr um Minchens Mutter zu Ende war, zu seinem Freund Nathan Kahn. Der wußte sogleich Rat. , - „Ihr müßt dem Jung' Kredit verschaffen, Schimme", meinte der alte Praktikus; „stellt euch hinter ihn." Schimme leuchtete das ein. Er ließ den Elias zu sich kommen und als dieser Schimmes Haus verließ, ging er direkt in die Stadt, in Minchens Wohnung. Schon nach zehn Minuten kam er mit glückstrahlenden Augen zurück. Minchen hatte auf seine schüchterne Frage in ihrer ruhigen, sanften Weise ja gesagt. Auch sie sind ein glückliches Paar geworden. Schimme hat treulich Wort gehalten und so das seinige dazu beigetragen, das Glück dieser beiden bescheidenen Menschen zu ebnen. Und das war Schimmes letzte Mizwo. Auch hier beteiligte er sich mit Beilchen bei <ler Chuppe, Levi hielt wirklich, wie er in der geschilderten Sommernacht einst versprochen, eine hübsche Traurede und Kiewe eine schöne Tischrede. Eine dritte Heiratsfolge bleibt noch zu erwähnen. Während des Festmahl« auf Minchens Hochzeit frug Mendel Herz mit der ihm eigenen Unverblümtheit den neben ihm sitzenden Bruder Schimmes, den Vater Rosaliens, wie dieser über ihn als Schwiegersohn eigentlich denke- „Schtuß/" lachte Samuel laut. , „Was? Schtuß?", frug Mendel gereizt, „fragen Sie doch auch mal Ihre Tochter, ob sie das auch für'n Schtuß hält; da sitzt sie ja dabei." Rosalchen hielt es wirklich für keinen Schtuß, sondern für eine für .sie bereits entschiedene Frage,' die nach einer Woche schon im Sinne Mendels entschieden wurde. Da gestand Mendel seinem künftigen Schwiegervater lachend, der Schidduch sei ebenfalls in jener schönen Sommernacht, als die jungen Leute das Audcho ki anisoni anstimmten und auf der Landstraße hingewandelt seien, schön fertig gewesen. „Heutigen Tags kennt man sich mit den jungen Leuten nicht mehr aus.," seufzte Samuel resigniert. „Zu meiner Zeit wär' so was nicht vorgekommen."-- Es fehlt nicht mehr viel zu einem halben Jahrhundert, seit Schimmes Sefer eingeweiht worden ist. Die Jahre, die seitdem dahingerauscht sind, haben die Mehrzahl derer, die sich einst auf diesem herrlichen Fest gefreut und es verschönten, mit in die.Ewigkeit hinüber genommen. Doch die Fern- und Nachwirkungen dieses Seferchinuch brachten manchen Segen. — Da saßen einige überlebende Freunde, fern von dem Ort des Geschehnisses eines Sabbatmorgens, nach Schul, während die Sonne heiß brannte, auf einer schattigen Bänk beisammen und erinnerten sich, daß es an diesem Sabbat sich jähren müsse, da der Seferchinuch stattgefunden. Einer der damaligen Hauptbeteilig.ten saß sinnend dabei. Wenn längst zurückliegende Geschehnisse besprochen werden, dann philosophiert und reflektiert man schließlich über die Vergänglichkeit aller Dinge, und wie mit so manchen Menschen so viel Schönes zu Grabe geht und für alle folgenden Zeiten verloren zu gehen scheint. Wer würde heute noch an Schimme und Beilchen denken, wenn nicht dieser sich zu einem edlen Werk entschlossen hätte! Und nun nach bald fünfzig Jahren kommt der Chronist mit seinen alten "Freunden auf . alle die toten Freunde von damals zu sprechen und von neuem wird die Erinnerung an sie wachgerufen. Die längst Verstorbenen erstehen nochmals vor ihrem geistigen Auge und, verklärt von dem Schimmer der Vergangenheit, lebt die schlichte und in ihrer altjüdischen Schönheit unvergessen gebliebene Thoraweihe von neuem auf. Das Gute und Schöne, was wackere jüdische Männer dabei bewirkt und getan, feiert eine nochmalige Auferstehung. Kein braver Mensch hat umsonst gelebt, wenn er auch für die Mitmenschen gewirkt. Der Schluß unserer Betrachtungen gipfelte aann in der Bestätigung der Worte unserer Weisen, daß jede gute Handlung weitere gute Handlungen mit und nach sich zieht, deren Folgen man niemals voraussehen und berechnen kann. Das sollte für jeden, dem das Schicksal, oder sagen wir die Vorsehung, das Glück schenkt, eine Edeltat verrichten zu können, ein Wink sein. Vielleicht nach langen Jahren trägt sie erst ihre Frucht und dann erfüllt sich auch das andere Wort, daß das Andenken guter Menschen nicht sobald verlischt und ihrer zum Guten gedacht wird. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, daß nach uns, nach der heutigen Generation dermaleinst ein Geschlecht kommt, das, pietätvoller wie das jetzige, wieder einen Einblick m die Zeiten Und deren Träger, von denen hier berichtet worden ist, zu gewinnen trachtet, weil sie ein Ideal und Vorbild sucht. Vielleicht suchen künftige Generationen wieder Herzens- und Geistesgenüsse, die das heute lebende Geschlecht verschmäht, weil sie ihnen nicht mit ihrer vermeintlichen Bildung vereinbarlich erscheinen. Da mag gerade die Schlichtheit der früheren jüdischen Feste ihren besonderen Reiz wiedergewinnen und wieder so hoheitsvoll wirken, wie zur Zeit, als Schimme Bär das Sefer stiftete, Kiewe, Levi und Nathe Bing seine Weihe übernahmen, und hunderte von Teilnehmern in ihrem jüdischen Gefühlsleben machtvoll angeregt und gestärkt wurden. Vielleicht gibt dann in einer fernliegenden Zukunft diese schlichte Erzählung einem Historiographen einen Einblick in das Seelenleben der Heimgegangenen, derer hier gedacht wurde und wird sie der Vergessenheit von Neuem entreißen. KURIOSA. Ein verbreitetes jüdisches Familienblatt zeigt uns zu Schowuaus auf einer Bilderseite vier moderne Frauenköpfe, Musterinserat eines Friseurgeschäftes? Gefehlt! Der dazu gehörige, von M. W. gezeichnete "Artikel beginnt mit den Worten: „Rut, die jüdische Frau, von der die Haftora am zweiten Tag des Schewuotfestes erzählt ..." Nun wissen wir es: die vier Frauenköpfe zeigen die Wandlung im Bildnis von Rut, Schön! Aber was geht das den Propheten der Haftora vom zweiten Schewuottage an? Dieser hieß Chawkuk und hatte weder mit Rut noch mit anderen Frauenköpfen was zu tun. Bedenklicher als diese schon geradezu typische „Festbelehrung" ist eine Bekanntmachung, die das gleiche Blatt in gleicher Nummer auf Seite 12 bringt. Sie lautet: „Für Mittelafrika wird ein jüdischer, lediger Schlächter gesucht, der imstande sein muß, grobe Zervelatwurst, Wurst und andere Kleinwaren herzustellen und auch geräucherten Speck fabrizieren kann. Gute englische Sprachkenntnisse erforderlich." Diesem Blatte wurde vor kurzem von zuständiger Seite attestiert, daß es bestrebt sei, „Freude an allem Heiligen und Verehrungswürdigen zu verbreiten" und daß es „ein wichtiger Erziehungsfaktor der deutschsprachigen Judenheit sei". Wochenkalender. Vom 18. —25. Jutii 1938 I Vom 19. - 26. Siwan 5698 'BV »JT ma Samstag 18 19 10 "t 'i 's inbsna raw Sonntag 19 20 HD Montag 20 21 IG Dienstag Juni 21 IVO 22 TD Mittwoch 22 23 no Donnentag 23 24 DO Freitag 24 25 » Samstag 25 26 KJ? 'vn 's *^>-rt>» na» snnn p-an