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Der Israelit · 1938-06-09 · Heft 23 (9.6.1938) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 23 (9.6.1938)
Date
1938-06-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 23 Der Israelit Zur Erziehungsfrage im alten Jischuw. Ein Erez Israel-Brief. Von Saly Geis in Jerusalem, Noch bis vor einem Jahrzehnt war der obere, damals noch nicht bepflanzte Teil des Rothschild-Boulevard in Tel Awiw nur durch Waten im Sand zu erreichen. In diesem höchsten und luftigsten Teile der Stadt lagen die Häuser in jener Zeit noch zerstreut, häufig Nachbar vom Nachbar hundert und mehr Meter entfernt. Der Jude hat aber seine Schul gern nah. So mußte denn eine-Bretterhütte als Schul dienen. In dieser Schul hatten sich Litwacken (Litauer) zusammengefunden, darunter eine Anzahl Herren mit würdigen ergrauten und weißen Barten. Zu jeder Tageszeit konnte man einige der Alten dort antreffen. Entweder sie lernten oder politisierten oder tauschten Erinnerungen aus. Die Schul ersetzte ihnen auch das Haus, in dem sie sich, wenn sie dies sich wohl auch nicht eingestehen wollten, nicht gemütlich fühlten. Sie wohnten bei ihren Kindern, bekannten Bürgern der Stadt. Da aber Kinder und Enkel außer an den drei höchsten Tagen des Jahres nie in der Schul zu sehen waren, so lag der Schluß nahe, daß das neue Geschlecht nicht mehr die jüdische Welt des alten respektierte. In der Schul konnte die Frage eines Minhags zu den erregtesten Kämpfen führen, zu Hause aber wurde geschwiegen. Diese Sorge war Sache des ,,Oebersten" (Haschern-Jitbarach). Sich selber fühlte man ohnmächtig. So kam es vor, daß am Sabbat „er" mit dem Käppchen und „sie" mit dem Scheitel auf dem Balkon standen, während draußen Kinder und Enkel ihr Auto bestiegen. All diese Leute waren nach Erez Israel mit ihren jüdisch anders gesinnten erwachsenen Kindern gekommen. Beim echten palästinensischen alten Jischuw sind die Zustände anders. Hier wandelt ein großer Teil der Kinder treu die Bahnen der Väter. Doch ein Teil der Kinder ist ständig gefährdet. Was noch bis etwa vor einem Jahrzehnt nicht in die Erscheinung getreten war, ist inzwischen Tatsache geworden: Die Jugend des alten Jischuw spricht hebräisch und liest die hebräische Tagespresse. In diesen Zeitungen stößt sie aber immer wieder auf Anschauungen, die zu jüdischem Denken im Widerspruch stehen. Es besteht bei den verantwortlichen Kreisen des alten Jischuw genau der gleiche Mangel an Vorsorge, wie er bei der osteuropäischen Judenheit "war. Doch nicht allein dies, — man will es sogar nicht eingestehen; daß für die jungen Menschen des alten Jischuw der Weg heute bis zu einem Abgrund hinführen kann, wenn er nicht sorgfältiger als bisher für die Gefahren des Lebens ausgerüstet wird. Auf diesem Gebiete können nur Thoratreue westlicher Schulung mit ihren Erfahrungen helfen. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, sei nur gesagt, daß den Chedarim, Talmud-Thora-Schulen und Jeschiwoth bewußt thoratreue Lehrkräfte hinzugefügt werden müssen, die die Naturwissenschaften, jüdische und allgemeine Geschichte, Erdkunde usw. lehren. Die Lehrkräfte sind heute. zu haben, die Lehrbücher fehlen noch, doch geeignete Lehrer können sie vorerst ersetzen. Das Ganze ist eine Frage der Organisation und des Geldes, würdig, daß Agudas Jisroel sich ihrer annimmt. Das Schicksal der thoratreuen Judenheit unseres Väterlandes ist Angelegenheit der Thoratreuen in der ganzen Welt. Wohl sind die Zeiten heute ungewöhnlich schwere. Desto größer ist aber die Aufgabe und die Verantwortung. Die Leiden des Mittelalters waren unendlich größer, aber die Masse unserer Vorfahren — ob alt oder jung — bestanden sie. Was heute verlangt wird, ist ehrliches, waches Interesse und Nachdenken und soweit möglich materielle Hilfe für das Wohl und Wehe der thoratreuen Judenheit. Es ist schon viel versäumt worden. Laßt nicht noch mehr versäumt werden! Auswanderungsaussichten, (Aus einem Rechenschaftsbericht des Hilfsvereins für jüdische Auswanderung in Zürich.) Im Jahre 1933 blieb die spontane, unüberlegte Auswanderung in den europäischen Nachbarländern — in Frankreich, Holland, Belgien, und der Tschechoslovakei hängen. Heute stehen alle maßgebenden jüdischen Auswanderungs-Organisationen auf dem Standpunkt, daß eine Auswanderung nach europäischen Ländern nur in den seltensten Fällen gelingen kann und daß, abgesehen von Palästina, nur iru den dünn bevölkerten überseeischen Ländern wirtschaftliche und soziale Voraussetzungen für eine produktive Eingliederung gegeben sind, so in Aftika, in Australien und in Südamerika. Die Südafrikanische Union konnte im Jahre 1936 eine größere Zahl Menschen aufnehmen. Unter den verschärften Einwanderungsbestimmungen vom 1, Februar 1937 gingen die Einwanderungszahlen zurück, aber für Menschen mit größerem Kapital und besonderen Qtialifikationen, sowie für nächste Angehörige und Ehegatten von legal eingewanderten Personen ist die Einwanderung nicht ganz gesperrt. Als menschenarme, d. h. an weißen Menschen arme und rohstoffreiche Länder sind Rhodesien und K e n y a zu nennen. Kenya, das Nachbarland von Uganda, ist ein fruchtbares und gesundes Gebiet. Man bezeichnet es mti Recht als das „Kalifornien!' Afrikas. Eine Reihe junger Menschen ist nach Kenya gebracht worden, die sich durchaus bewähren, und deren Leistungen zu weiteren Versuchen berechtigen. Das Komitee in Nairobi leistet vorbildliche Arbeit. Australien bietet nach Ueberwindung der Wirtschaftskrise gewisse Einwanderungsmöglichkeiten, allerdings in besonders günstig gelagerten Fällen. Australien kann, so sehr von übertriebenen Hoffnungen zu warnen ist, zu den aussichtsreicheren Ländern für die nächste Zukunft gezählt werden. Weniger günstig sind die Einwanderungsaussichten in Neu-Seeland, wo immerhin erfolgreiche Einzelversuche zu verzeichnen sind. Was Südamerika betrifft, so beobachten wir in Brasilien, das im Jahre 1936 aufnahmefähig war, einen starken Rückgang, wenn nicht einen fast völligen Stillstand der Einwanderung im Jahre 1937, desgleichen in Paraguay, das 1936 eine noch relativ beträchtliche Einwanderung aufwies. Steigende Ziffern weist Columbien auf. Es ist für gesunde Menschen in mittleren oder größeren Höhenlagen klimatisch durchaus erträglich. Seine Aufnahmefähigkeit erstreckt sich sowohl auf Handwerker als auch auf Unternehmer mit etwas Kapital. Einige Möglichkeiten bieten sich in Bolivien. Recht erfreulich entwickeln sich die Dinge in Argentinien, und mit Genugtuung kann auf die Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschsprechenden Juden in Buenos-Aires hingewiesen werden. Seine Leistung, wird nicht zuletzt durch die aufgewendeten Gelder illustriert; er hat einige 100.000 Dollar für sein Werk verausgabt. In den Vereinigten Staaten (USA;) ist ein Ansteigen der Einwanderungsziffern zu verzeichnen; das ist besonders erfreulich, weil hier Vertreter von Berufskategorien untergebracht werden können, die in den meisten überseeischen Ländern kaum in Frage kommen, namentlich Kaufleute, Akademiker und Angehörige sonstiger freier Berufe. Insgesamt konnten in der Zeit von fast fünf Jahren weit über 4^ 000 Juden aus Deutschland, und zwar sowohl deutsche Reichsangehörige als auch aus den östlichen Ländern Europas stammende Und in Deutschland seit Jahrzehnten Ansässige, ni den überseeischen Ländern (exkl. Palästina) unterkommen, hiervon 11.748, also etwa 25 Proz., mit der materiellen Unterstützung jüdischer Organisationen. Die Einzelwanderung bleibt wie bisher die Hauptform der Auswanderung. Sie wird in Ländern außerhalb Palästinas auch weiterhin den zahlenmäßigen Vorrang behalten Die Familienwanderung zeigt, wie die für die Auswanderung besonders geeigneten Menschen die weniger geeigneten und schwächeren nach sich zu ziehen vermögen. Diese Form der Familienwanderung hat sich außerordentlich bewährt, sie wurde in den Vereinigten Staaten und in Südafrika ausgebildet. Sie erweist sich als maßgebend auch für die Kolonisationsarbeit der ICA in Argentinien. Eine Reihe von Schwierigkeiten fällt fort in der Durchführung der Auswanderung von Kindern. Wir sprechen hier von der großzügigen Aktion des German Jewish Children's Committee in den USA., das Kinder im Alter von 6—14 Jahren auf Grund regulärer Einwanderervisen nach den Vereinigten Staaten schafft* Einigen hundert Kindern ist auf diese Weise die Gelegenheit gegeben worden, ihre Schul- und Berufsausbildung in dem Lande zu erhalten, Has ihnen gleichzeitig, die Niederlassungsmöglichkeit bietet. Weitere Unterbringungsmöglichkeiten sind vorgesehen. Dieser kurze Rundblick kann naturgemäß die Probleme der jüdischen Uebersee Wanderung nur streiten. Angesichts des ungeheurer jüdischen Wanderungsdranges in Europa mögen die genannten Zahlen enttäuschen. Man kann sie nur dann richtig werten, wenn man ihnen die geradezu gigantischen Schwierigkeiten und Hindernisse gegenüberstellt, die sich vor den mit der Lenkung der jüdischen Auswanderung befaßten Organisationen auftürmen. Das furchtbare „Muß", das hinter dieser Arbeit steht, wesentlich verschärft durch die Ereignisse im früheren Oesterreich, legt jedem Juden, wo immer er leben mag und sofern er in glücklicherer Lage ist, die gebieterische moralische Pflicht auf, mit allen Kräften zu helfen, damit unseren unglücklichen Brüdern und Schwestern neue Existenzmöglichkeiten geschaffen werden können. Was Einwanderer in USA. wissen müssen. Das „Agudath Jisroel Immigration Department" 2 West 86th Street, Room 217, New York City, i&ilt uns folgende Fingerzeige für Einwanderer nach USA. mit; Umzugsgut kann zollfrei eingeführt werden; hierzu muß vom Einwanderer vorher eine Erklärung beim hiesigen Zollamt unterschrieben werden, daß das Umzugsgut sein Eigentum ist und länger als ein Jahr in seinem Gebrauch war. Eine Liste sämtlicher als Umzugsgüt einzuführender Gegenstände muß der Einwanderer mitbringen und zum Zwecke der Zollabfertigung, bezw. Zoll-Freischreibung hier einreichen. Diese Liste braucht nicht bis ^ins Kleinste detailliert zu sein; es genügt, wenn zimmerweise geordnet, die einzelnen Möbelstücke aufgeführt werden und für den Inhalt des übrigen Hausgerätes kurz zusammenfassend erklärt wird: „Teppiche. Bücher, Bilder, Wäsche, Porzellan, Küchen-Geschirr usw.". Am besten fertigt sich der Einwanderer diese Liste in Duplo an und gibt am Fuße der Liste eine eidesstattliche Erklärung ab. Infolge der bürgerlichen Feiertage erscheint die vorliegende Nummer in vermindertem Umfang« Die^ Nachrichten befinden sich im Korrespondenzenteil.»

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