Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1938)
- Date
- 1938-06-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451033--83762-2541784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 106 Die beiden Goldfische, Von Edward ßarcley. Eine orientalische Erzählung zum Schawuothieste. Vor vielen hundert Jahren lebte in Aegypten ein wohlhabender jüdischer Mann mit Namen Sakkai, der so fromm war, daß er es niemals versäumte, wenigstens einmal im Jahre nach Jerusalem zu reisen, um dort Gaben unter die Armen auszuteilen und an der Tempelmauer zu beten. Stets unternahm er seine Reisen, zum Schawuothieste, und noch niemals hatte er es verbäumt, sich rechtzeitig so einzurichten, daß er zu diesem Tage in der heiligen Stadt eintrat. Ein Schawuothf est außerhalb Jerusalems war für ihn kein, rechter Feiertag ... Die Reise durch die Wüste war freilich keine einfache Sache. Er mußte eine kleine Karawane" zusammenstellen und brauchte einen erfahrenen Kameltreiber, um den schwierigen Weg durch die Wüste zurückzulegen. Einmal jedoch erkrankte der Kameltreiber, der Sakkai meist immer nach Jerusalem geführt hatte, und es dauerte eine Woche, bis er einen anderen fand. Der neue Treiber, Ali Badah mit Namen, war ein abergläubischer Mensch, für den die Reise durch die Wüste mit allerhand geheimnisvollen Gefahren verknüpft schien, und Sakkai mußte ihm einen hohen Lohn versprechen, bis er ihn davon überzeugt hatte, daß er unterwegs nicht von Drachen und anderen Ungetümen verschlungen werde. All das verzögerte die Abreise derart, daß Sakkai schon Angst hatte, nicht mehr rechtzeitig zürn Schawuothfeste in der heiligen Stadt einzutreffen. Zwei Kamele wurden hastig fertig gemacht; und in der Morgenkühle einer frühen Stunde reisten sie ab. Trotz der Eile hatte Sakkai nicht vergessen, seine üblichen Vorsichtsmaßregeln zu treffen, Er hing eine reich mit Goldstickerei geschmückte Börse, gefüllt mit Kieseln, anöden Kamelsattel, und einen purpurnen Beutel mit Steinen verbarg er in den Falten seines Gewandes, während er seine Wertsachen sorgfältige und sicher in seinem Turban unterbrachte. Nun war der Kameltreiber Ali Badah zwar alles andere als ein unehrlicher Mensch, fürchtete sich auch davor, daß Dämonen und Geister ihn für jede Untat strafen konnten —, aber der Anblick der Börse, die offenbar mit Goldstücken gefüllt war, und des Beutels, in dem er Juwelen vermutete, raubte ihm ganz die Sinne und bereitete ihm sichtbare «Qualen. „Warum", murmelte"' er, als ein Tag der Reise vergangen war, „warum soll ich diesen reichen alten Juden für wenige iSilberstücke durch die Wüste rühren, wenn ich ihm mit Leichtigkeit seinen Sack voll Juwelen und seinen Beutel mit , Gold rauben kann? Ich kann ja später nach Mekka fahren, mich dort mit einem einzigen Goldstück von der Rache der Dämonen lose kaufen, und den Rest meines Lebens kann ich dann leben wie ein Fürst!" ■ > 1 Und der- Plan, seinen Herrn zu berauben:* festigte sich immer mehr bei ihm und gedieh- bis zu dem Entschlüsse. \ Als sie an einer Oase angelangt waren, legten sie sich unter den Schatten der Palmen zur Ruhe, um dort einige Stunden zuzubringen. Der alte Sakkai war bald eingeschlafen, aber Ali Badiah ^blieb wach. Leise stand er auf und riß die-Börse vom Kamelsattel, dann schlich er lautlos wie ein Vogel zu Sakkai und nahm den Beutel aus seinem Gewände. Kaum; hatte er ihn ergriffen, als er stolperte und zu Boden fiel, so daß Sakkai erwachte und aufsprang"; Er sah den Araber dicht bei sich und las._ die Schuld des Treibers in dessen Blick. Sakai lächelte nur und fragte: „Schläfst du noch nicht?" Der Araber zitterte und antwortete verlegenj indem er zur Seite sprang; „Ich hatte Durst, ich wollte etwas^ trinken," „Siehst du die beiden Goldfische im Wasser?" fragte Sakkai. Verblüfft starrte der Araber in die Quelle der Oase. „Goldfische?" .; „Siehst du sie nicht?" :y. Der Araber schaute nochmals hinein, dann schüttelte er den Kopf. „Seltsam, sehr seltsam," murmelte Sakkai.j als wäre er sehr erstaunt; wirklich seltsam."! „Aber wie sollen Goldfische da hiriein-j kommen?" j „Das weißt du nicht?" fragte Sakkai, indem er sich ganz überrascht stellte. „Setze dich zu mir, und ich will dir die ganze Geschichte erzählen." Ali Badah, der an nichts anderes denken konnte, als daß er erwischt worden war, setzte sich hin. Er konnte den alten Juden schließlich, auch. in der Nacht noch verlassen, denn Geschichten zu hören, dazu war er immer bereit.; Aus solchen Geschichten kann man oft Lehren ziehen, manchmal sogar gute. Also meinetwegen! Er setzte sich neben Sakkai, und Sakkai begann: „Die Geschichte geht zurück in die Zeit von Moses", sagte Sakkai, dessen Erzählungen meistj "mit den Zeiten Möses' begannen. „Als die Kinder Israel aus Aegypten auszogen, nahmen sie. viele Kostbarkeiten mit sich,'r so viele, als sie könnten. Da waren nun zwei^ ungebildete Leute dabei, die glaubten, die Gold-1' fische, welche in den Zierteichen, die Pharao in seinem Park hatte anlegen lassen, seien richtige Kostbarkeiten, und nahnwi auch zwei' solcher Goldfische mit. . '' - -.., Als die anderen Juden davon hörten, laichten sie über die Brüder, und als sie einst des Manna