Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1938)
- Date
- 1938-06-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 22 1938 Das Sefermahl, Von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Kurz nach dem Nachtgebet begann der Bali im größten Saale des Dorfes. Weil aber viele in solchen Dingen erfahrene Männer die Ueberfüllung des Saales schon vorausgesehen hatten, so wurde eiligst noch Kaufmanns große Scheune ZU einem Ballokal umgewandelt, aus dem nächsten Dorfe ein paar Musikanten herbeigeholt und das Fest begann. Die Alten, die es weniger eilig hatten, fanden sich in beträchtlicher Zahl nochmals bei Schimme und Beilchen ein und dort begann nun eine solche zweite Sude, als hätten die Teilnehmer den ganzen Tag über gefastet. Nun war die Zeit der Tischreden gekommen, von denen viele noch nicht gehalten worden waren und die von den Rednern allesamt für so wichtig erachtet wurden, daß keiner von ihnen sie um irgend einen Preis hätte ungesprochen lassen wollen. Noch hatte der Kiewe den ganzen Nachmittag über nicht den Mund aufgemacht, was bei einer so wichtigen Festfeier sehr befremdlich erscheinen mußte , aber damit erklärt wurde, daß jeder Balbos heute Mittag selber Gastgeber war und die fremden wie die einheimischen Festteilnehmer im ganzen Dorf zerstreut waren. Jetzt waren die wichtigsten Personen bei Schimme versammelt und sollte erst jetzt, nach der Hawdole, die häusliche Hauptfeier für Schimme beginnen. In Voraussicht der vielen Gäste hatte Beilchen alle Stuben ausräumen und zu einer großen Tafel herrichten lassen. Und nun saßen die Freunde, Verwandten, Bekannten, sogar Fremde, in fröhlicher Stimmung beisammen, ohne sich durch die Enge der Räume geniert zu fühlen. Inmitten des heiteren Geplauders erklang der helle Ton, den Kiewe durch das Anschlagen an ein Glas hervorrief. Kiewe, sich wohlbewußt, was es bedeutete, wenn er sprach, dächte aber noch gar nicht daran, für sich das Wort zu ergreifen, sondern bat die Leute, jetzt auf die Rede des Lehrers und Predigers Levi zu achten. Levi. verblüfft, daß Kiewe ihm den Vorrang ließ, bedurfte erst der Sammlung, bevor er den Text gefunden hatte. Er rühmte den Schimme und seine fromme Tat, mit der er sich ein großes Verdienst und den Dank der Gemeinde erworben hätte. r;"' „ . . . doch muß die Thora nicht nur geschrieben, sondern sie muß auch gelehrt werden damit G'ttes Wort in seiner nie versiegnden Kraft nicht nur in der Lade ruht, sondern lebendig bleibt im Munde und in den Herzen ihrer Bekenner. Es ist daher auch sehr verdienstlich, Schüler ausbilden zu lassen; und besonders wird das Wort unserer heiligen Lehrer durch die Kinder der Armen erhalten werden, wie unsere Weisen sagen —--" Schimme ahnte, wohinaus Levi zielte und berechnete bei sich, daß er schon zehn bis zwanzig Taler für Levis edlen Zweck opfern mußte. Doch war er in so gehobener Stimmung, daß er Levi eher Dank wußte, als. Beilchen, die in der Ansprache des Lehrers erst den Anfang der Dinge ahnte. Als bald darauf Kiewe sich wieder von seinem Sitz erhob und zu sprechen wünschte, da wurde Beilchen innerlich schon unruhig . . , Doch Kiewe, der Beilchen sehr wohl kannte, richtete seinen Appell an Schimme in einer ganz andern Form als Levi. Seine Brille auf die Stirn schiebend, hub er mit feierlicher Stimme an: „Mein teuerer, alter Freund Schimme! Als du heute Morgen im Hallel sagtest: lau omus ki echjeh, wa'asapper ma'asseh jo; Ich werde nicht sterben, nein, leben werde ich und G'ttes Taten erzählen . . Schimme traten in Erinnerung, wie nah er dem Tode war, die Tränen in die Augen. In Beilchens starr blickende Grünaugen kam ein Zug von Rührung. >tffl3 KfrÜ ^aa1? man pfii^a ^msria ms *aVa nnanx -r" I « J TT -J ~ - >*nn r'Vat >>s?nrVy ahm ■ t ' x : - T?mna plam naan *ft> T" : I l VTrtrtow» ts? tfipn wi - T i vi- " : >nöfcii wi ans? mhi 07j?a T •' i t : v I v : /O'iwatf nixa Vrr> rhi* - X! : T T •nö&w naws? Tis? nvm xb) mtoft /Ts?» sröff* ttj? VT..... —-T «v , I irmaa «an nnss. rmsn üstfaa ^«an VT * ' TS "2 "T I •iria'frs? M^nir frta$ ns?5" 'flpTO BStttos ivsV-nMtt Itti t«*si t T T nV^n nlsnaa «— : T — t~ " - npwiai ynV >'aa ft-rm •ikt »a öMtt Va nni . T T. '^V^iK-na ^rnbla nnsn nnw iz~u)> nan ^« T-^ ♦ran ia> tfn?-1?? 'plnia >y\yb tf-'htftip. ma^ai .tfayi jpji 'HSO ^9 "*? lüua ocrniv t\v\t\] bm ♦ntzMiG iv\ na nriiarVaa A. Tobian (im „Hajessod") Kiewe aber fuhr feierlich fort: „Da. lieber Freund, bist du in Tränen ausgebröchen, weil dieser herrliche Vers auf dich gar schön gepaßt hat. Das waren die Tränen der Dankbarkeit gegen Hakodosch boruch hu, der, als du im Todesschattentale wandeltest unser Aller Gebete erhörte und dir in seiner Gnade das Leben wiederschenkte. Jassor jisrani joh, welamowes lau nesononi; Mag G'tt mich auch züchtigen, dem Tode aber gibt er mich nicht preis." Beilchen begann hier so laut zu flennen, daß der Redner erst eine kleine Pause machen mußte. Wenn Beilchen im Kreise ihrer Freundinnen weinte, so mußte sie Gesellschaft bekommen, sonst hörte sie bald wieder auf. Die anwesenden Frauen weinten aber diesmal nicht mit. Da beruhigte sich Beilchen bald, legte die Hände andächtig auf die Brust und sah erwartungsvoll Kiewe an, der dann ruhig fortfuhr: „Lieber Freund und Jugendchawwer! Wer sich einmal längere Zeit in großer S'kone befunden hat, der lernt schneller die Nichtigkeit alles Irdischen und seine eigene Hinfälligkeit kennen, als wenn er hundert Predigten darüber anhört. Was wäre nun unser flüchtiges Leben denn überhaupt wert, wenn wir nicht zuweilen gute Taten verrichten? Wenn wir von dem Ueberfluß, den wir zusammengearbeitet haben und oft törichterweise noch weiter zusammenhalten und zu vermehren trachten, als ob es kein Ende gebe, als ob auch nicht etwas weniger, das wir Verwandten und Nachkommen hinterlassen, noch reichlich genug wäre, und das am Ende vielleicht verloren, oder in fremde Hände geht, wenn das Schicksal und G'tt es so, oder anders bestimmt haben, was wäre unser Leben wert, frage ich", wenn wir nicht auch Maasim Täuwim verrichteten? Was tu' ich damit, wenn ich hundertfünfzig Jahre alt werde und keines guten Menschen Herz mesammeach gewesen bin? Wenn ich nicht auch einmal einem Bruder in seiner täglichen Bedrängnis beigestanden bin? wenn ich nicht einmal einer armen Jessaumo zur Versorgung mitgeholfen habe? . . ." Beilchen mußte die Hitze in dem von Menschen und Lichtern dumpf gewordenen Raum sehr zugesetzt haben, denn sie mußte förmlich nach Luft schnappen und wechselte ihre Gesichtsfarbe. Kiewe sprach von Gemilus Chasodim, von Hachnosas Kallo und von ähnlichen Dingen, bei denen das Geld eine gar schöne und verewigende Rolle spielen könnte. Schimme hörte gefaßt zu. Als aber Kiewe mit erhöhter Stimme und ihn fest anblickend sagte: \,Schimme, mein lieber Freund! Hakodosch boruch hu hat in seiner Weisheit dir Kindersegen versagt. Doch heute hast du dir ein gar herrliches Kind, eine Tochter, wie sie kein sterblicher Mensch erzeugen und kein staubgeborenes Weib gebären kann, erworben und in der heiligen Schul steht jetzt deine väterliche Opferwilligkeit wie eine Königstochter. Lieber Schimme, heute, nun, wo dich Hakodosch boruch hu einen Ehren- und Freudentag hat erleben lassen, wie er seit zwei Menschenaltern keinem Balbos mehr in diesem Kahal beschieden gewesen ist, erwirb dir eine zweite Tochter von Fleisch und Blut; die dir eine eigene Heimat, einen braven Mann dereinst zu verdanken haben und brave Kinder erziehen wird, und die dein Andenken segnen wird, wenn längst keiner von uns allen mehr sein wird ..." Jetzt begann Schimme zu schluchzen. Daß ihm, dem kinderlosen Manne, einmal von Menschenlippen das Wort Vater entgegen gerufen "werden könnte, erfüllte ihn mit Wonne und Wehmut zugleich. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte seine Brust. Als er sich gefaßt hatte, erhob er sich und redete Kiewe und die übrigen Gäste an: „Ihr lieben Leut', meine guten Freunde und Chawerim! So schön reden wie der Levi und der Kiewe kann ich nicht. Ich muß mit Moscheh Rabbenu sagen: „Wie kann ich vor Pharao reden, da ich doch ein Mann mit ungelenker Zunge bin?" Aber du, mein teurer, Freund Kiewe, sollst nicht umsonst mich an all die Güte und Liebe, die mir G'tt bis auf den heutigen Tag erwiesen hat, erinnert haben. Wohl hat mir G'tt Kinder versagt und an meinen Verwandten habe# ich bisher redlich meine Schuldigkeit getan. Zwar haben sie mir nicht absonderlich gedankt und meine zwei Schwesterjungen, der Jakob und der Simon, haben mich sogar wie zwei Achbrauschim ausgeplündert, begannevt und begasselt haben sie mic*h. Ich hab's ihnen schon längst moochel gewesen. Und g'ttlpb hat es mir nichts geschadet und ich könnte noch ganz g"ut zwei Töchter ausgeben. (Fortsetzung folgt)