Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1938)
- Date
- 1938-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451033--83749-2541771- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
D.e:<r-> -I;r a e> 1i t Nr. 22 Seite 3 Der Roosevelt'sche Plan und die Einwanderungsgeselze. (Fortsetzung von Seite 1.) krafttreten des Quotengesetzes hat der seinerzeitige Präsident Hoover die amerikanischen "Konsuln in Europa angewiesen, die Einwandevungsgenehmigungen soweit wie möglich einzuschränken, um nicht die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten zu vergrößern. Während die jährliche Gesamtquöte der amerikanischen Einwanderung 150.000 Personen beträgt, sind schon im Jahre 1931 weniger als 100 000 Personen, 1932 nur 35 000, 1933 nur. 23 000 Personen eingewandert. Trotzdem alsdann sich die Einwanderungs-. zahl etwas gehoben hat, kommen heute nicht mehr als 30 000 Personen als Neueinwanderer in die Vereinigten Staaten hinein. Ein Beweis der •den Einwanderern gestellten Schwierigkeiten. -■ Auf eine Erhöhung der Einwanderungs quote ist nicht zu rechnen. Das, was die jüdischen Organisationen fordern können, ist die Erleichterung der Auslegung der Einwanderungsgesetze, damit die Einwander.ungsquote ausgefüllt werden kann. Während im letzten Jahre durch die erschwerte Auslegung der Gesetze nur etwa 10 000 Flüchtlinge aus Deutschland-Oesterreich einwandern konnten, könnte für das nächste Jahr bei Erleichterung der Gesetze die volle Quote von etwa 25 000 erreicht werden. Wie haben diese Erleichterungen auszusehen, ohne daß eine Gesetzesänderung notwendig ist? Z. B. die amerikanischen Konsuln verlangen bei einem Affidavit den Nachweis einer Verwandten-Bürgschaft. Das vom Kongreß genehmigte Einwanderungsgesetz Sagt aber nichts von Verwandten. Das Gesetz sieht vor, daß jedes Affidavit angenommen werden soll, das von einer Person vorgelebt wird, die den Nachweis erbringen kann, daß sie an der Einwanderung der einwandernden 'Person so interessiert ist, daß Sie notfalls für füni Jähre für den Unterhalt des Einwandernden sorgen wird. Das Gesetz wurde dann spater dahingehend ausgelegt, daß ein solches Interesse nur von einem Verwandten vorausgesetzt wird. Die jüdischen Organisationen sollten also innerhalb der Flüchtlingskommission durchzusetzen versuchen, daß Amerika ohne Aenderung des Einwanderungsgesetzes die'Auslegung des Gesetzes erleichtert, so daß Personen, die den Nachweis erbringen können, daß sie mit der einwandernden Person befreundet sind, öder geschäftliche Beziehungen zueinander unterhalten oder aber durch Zugehörigkeit zu einer jüdischen Organisation gemeinsam verbunden sind, ebenfalls ein Affidavit erteilen könne. Es sollte fernerhin erwirkt werden, daß ähnlich wie in Kanada auch jüdische Organisationen ihren Mitgliedern ein Affidavit geben können. Klar: Die' Agudas Jisroel in Amerika, Misrachi in Amerika oder jede andere jüdische Organisation soll das Recht haben, ein Affidavit für Mitglieder, die nachweisen können, daß sie eine Anzahl von Jahren bereits Mitglied der Organisation sind, geben zu können,, unter ausdrücklicher Verpflichtung, daß die Organisation den Einwanderungsgesetzen entsprechend bereit ist, bis zu fünf Jahren für den Unterhalt des Einwandernden aufzukommen. Das Einwanderüngsgesetz sieht vo/-, daß ein amerikanischer Bürger oder derjenige, der bereits das erste Papier hat,, außerhalb der Quote einen Vater oder Großvater über 55 Jahre, eine Mutter in jedem Alter, unverheiratete Töchter und Kinder unter 18 Jahren anfordern kann. Durch die von Präsident Hoover gegebene Anweisung, so wenig Menschen als möglich hereinzulassen, haben die Konsuln bisher nur Kinder unter 18 Jahren anfordern lassen. Die jüdischen Organisationen sollten innerhalb der Flüchtlingskommission fordern, daß diese Erschwerungen aufgehoben und die in diesem Absatz genannten Erleichterungen, die dem Einwanderungsgesetze entsprechen, durchgeführt werden. Die jüdsichen Organisationen sollten sich damit zufrieden geben, die oben genannten und eventl. auch andere möglichen Erleichterungen im Rahmen des Einwanderungsgestzes zu verlangen. Wenn sie erreichen, daß alle Möglichkeiten, die ^las Einwanderungsgesetz vorsieht, durchgeführt werden, so ist das ein großer Erfolg und sie haben Großes geleistet. Mehr als die Einwanderungsgesetze heute vorsehen, sollte man nicht verlangen. Tut man es unvernünftigerweise doch, so wird man eine starke Bewegung gegen die Neueinwanderung hervorrufen, eine solche Bewegung, die es, G'tt behüte, erschweren wird, daß Erleichterungen im Rahmen des Gesetzes stattgegeben wird. Es sind heute schon Stimmen im Lande, von Kongreßmännern und Privatleuten, die gegen den „Strom" von Flüchtlingen protestieren; Zeitungen mit sehr verdächtigen Hintergedanken schreiben täglich neue Einzelheiten über ankommende Flüchtlinge und sie erwecken den Eindruck, als wenn Amerika mit Flüchtlingen geradezu überschwemmt wäre, Noch kann man diese Angriffe abschlagen, weil die offiziellen Ziffern beweisen, daß kaum */s der Quote einwandern. Wenn aber, wie es eine gewisse jüdische Organisation tut, Propaganda für eine „weite Türöffnung" gemacht wird, so wird mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Wenn Amerika tatsächlich z. B. von Deutsch-Oesterreich die volle Quote hereinnehmen würde, so könnten 25 000 Menschen ne ben denjenigen, die, wie oben ausgeführt, nicht unter die Quote fallen, in jedem Jahre einwandern. Berücksichtigt man, daß auch andere Länder, wenn sie die Bereitschaft von Amerika feststellen, kleine Einwanderungserleichterungen schaffen werden, so kann das Flüchtlingsproblem, dessen Lösung sich die neue Kommission gestellt hat, soweit es sich um die bloße Aus- und Einwanderung handelt und soweit die jüdischen Organisationen der Mithilfe der Länder und Staatsregierungen bedürfen, ohne große Schwierigkeiten gelöst werden. Zu der Frage, wie die Neueinwanderer in ihren neuen Heimländern religiös betreut werden, wie sie finanziell eingeordnet werden können, haben die jüdischen Organisationen das Wort. Wir hoffen, daß die Staaten und Länder das ihrige tun, laßt uns bereit stehen, das unsrige zu tun^ Wochenrundschau. Alte Mauern stürzen, — Der „Fleischkrieg" in Tel Awiw und seine Lehren. — Ein Werk jüdischer Selbsthilfe. Folgende kurze Notiz lesen wir im „Dawar": „Die Jeschiwa Ez'Chajim ließ gestern aus der Altstadt das letzte Inventar aus ihren alten Räumen in der C h u r b a des Rabbi Jehuda H a c h a ss i d herausholen und in ihr neues Domizil in der inneren Stadt schaffen. Es waren darunter Heiligenschreine, Bücherschränke, alte Werke u. v. m. Dieser letzte und definitive Auszug rief tiefe Erregung und Bestürzung unter den wenigen jüdischen Nachbarn hervor. Schon vor Jahresfrist hat bekanntlich die Jeschiwa Ez Chajim ihr altes Heim, das sie seit undenklichen Zeiten innehatte, verlassen. Man glaubte damals an einen vorübergehenden Auszug, nun sind die letzten Bande zwischen der Jeschiwa und der Altstadt gelöst." Nicht allein die Nachbarschaft, die ganze heilige Stadt, ja ganz Erez Israel und nicht minder wir in der Gola haben Grund, diese Mitteilung mit Bestürzung aufzunehmen. Alte Mauern stürzen, und es sind stumme Zeugen einer glorreichen Vergangenheit und für die Größe der Menschen, die durch Generationen unter Gefahren diese unsere Positionen auf dem Bpden G'tteg gehütet und geschützt haben. Die Churba, dem Namen nach eine Ruine, in Wahrheit aber ein Prachtbau von einer Synagoge, ist, weil in der Altstadt und in arabischer Umgebung stehend, seit einigen Jahren verlassen. Als wir vor einigen Jahren an dieser heiligen Stätte standen, dachten wir u. a. an Rabbi Jesaias Hurwitz (S c h e 1 o h), der in dieser Schul, damals genannt „Menachem Zion". in Tallith und Tefillin im Kreise seiner Freunde und Jünger seine Lehre verbreitet hat. Und als die großen Lehrer einmal die Gefahr eines Ueberfalls heranziehen sahen, ergriffen sie, noch in ihre Gebetmäntel gehüllt, gemeinschaftlich die Flucht nach S a f e d , der Residenz der Kabbala in Galiläa. Aber immer und immer wieder suchten die Lehrer diese Herberge der Thora in der Altstadt auf, und * die Churba blieb Mittelpunkt des alten Jischuw bis vor küfzem. Die Jeschiwa Ez Chajim war über hundert Jahre in der Churba beheimatet, sie überdauerte dort die schweren Jahre von 1929 bis 1937. Nun ging es nicht mehr weiter. Man könnte sich mit dem bekannten biblischen Worte trösten D^aasn Vitt d'S»- *>y vian "i -\t>v Holz und Steine . sind verlassen, der Geist des. Lehrhauses leuchtet - an anderer Stelle der neueren Stadt mit alter Kraft. Aber auch die Preisgabe von altgeheiligten Denkmälern und Wahrzeichen tut weh. Wie man hört, hat sich etwa ein Dutzend beherzter Jünger bereitgefunden, trotz allem und allem bei der heiligen Lehre in der Churba auszuharren. Ein letzter Grundstock, der uns immerhin die Hoffnung gibt, daß aus dieser heiligen Ruine doch wieder ein Tempel der Thora neu erblüht. In Tel Awiw ging dieser Tage ein eigenartiger Streik zu Ende, der nach seinem Abschluß in mancher Hinsicht zu denken gibt. Wochenlang versagten sich die Bewohner von Tel Awiw den Fleischgenuß, weil sie auf die unberechtigten Forderungen der Metzger und hinter ihnen stehenden Viehlieferanten nicht eingehen wollten. Es ging eine Zeitlang hart auf hart, Streik gegen Streik. Als die Gemeindeverwaltung sich durch Viehimport und Fleischeinfuhr von außen zur Selbsthilfe anschickte, verstand es die Gegenseite, mit Hilfe anderer interessierter Kreise ein Einfuhrverbot für Vieh und Fleisch zu bewirken. Aber die Bewohner Tel Awiws blieben fest, verzichteten lieber wochenlang auf den Fleischgenuß, als sich einem Ringe auszuliefern, der nicht abgeneigt war, aus Volksnot Hochkonjunktur zu machen. Die Affäre endete mit dem Siege der Gemeinde, die sich in dieser Beziehung, vielleicht . zum ersten Male in Tel Awiw, als eine straffe Körperschaft von starkem Willen und fester Entschlossenheit gezeigt hat. Dieser „Fleischkrieg" wäre nicht so wesentlich, um über das Stadtbild hinaus die große jüdische Welt zu . interessieren, drängte sich nicht dabei ein anderer Gedanke auf. Tel Awiw besteht nach Zeugnis Allerj die die Stadt in ihrer Entwicklung und ihrer Struktur genau kennen, zu über 70 Proz. aus schlichten Juden, die treu zur Thora halten. Und dennoch ist es mit dem öffentlichen religiösen Leben in der Stadt nicKt zum Besten bestellt, und dennoch sind die Gesetzestreuen in der Iria kaum vertreten, und Dinge ereignen sich am . Sabbat, gegen die die öffentliche Meinung rat- und hilflos dasteht. Wie erklärt sich das? Einzig damit, daß es den in Ueberzahl in Tel Awiw ansässigen religiösen Einzelnen an der Organisation, am festen entschlossenen Einheits willen fehlt. Indes bleibt in den nationalen wie kommunalen Instanzen der Weg frei für die kleine, aber geschlossene areligiöse Minderheit, besonders für die Histadruthleute, die sich der weitgehendsten Unterstützung der offiziellen zionistischen Organisation erfreuen. Der Sieg der Mehrheit in der Fleischangelegenheit zeigt, wie vieles noch im öffentlichen Leben Tel.Awiws zu erreichen wäre, wenn sich die gleiche geeinte 'Front auch für alle Belange und Interessen der j ü d ischen Seele zusammenfände. Vielleicht, ist dieser Sieg Anfang und Ausgangspunkt neuer Siege, um Tel Awiw zu einer wahrhaft jüdischen Stadt zu gestalten. gJetzt leichte Sommerkleidung für Herren und Knaben von tuowra Frankfurt a. M. Hindenburgplatz 12 am Hauptbahnhof. Kauftim STRUMPFHAUS METZGER ZEIL 87 [_auch Herrenwäsche, Trikotagen und Badewäsche